weiß luster. 65

Beilage zur Witteldeutschen Jonntags-Seitung.

Ur. 16.

Das Turnen und die Arbeiter.

Ein Artikel derSchw. Tagw. beklagt mit Recht, daß sich viele Arbeiter der Turnerei gegen⸗ über sehr gleichgültig verhalten; es sollte gerade in unsern Kreisen der Nutzen derselben mehr ge⸗ würdigt werden. Dann wird ausgeführt: Welches sind die Zwecke und die Folgen eines geregelten Turnens? In erster Linie befördert es die Ge⸗ fundheit. Denn es kommen hauptsächlich die Atmungsorgane, die den Tag über durch den Aufenthalt in vielfach schlecht ventilierten Fabrik⸗ lokalitäten und derartigen Räumen stark vernach⸗ lässigt werden, wieder zu ihrem Rechte. Das Turnen giebt dem Körper Kraft und Widerstands⸗ jähigkeit und ist von größtem Wert für die Er⸗ zielung der dem weiblichen wie dem männlichen Geschlecht notwendigen Charaktereigenschaften Mut, Entschlossenheit, Willenskraft, Geistesgegenwart und Selbstoertrauen. Das Turnen istArbeit im Kleide der Freude. Es fördert den Froh⸗ sinn und bewahrt uns die Heiterkeit des Gemüts, denn nur in einem gesunden Körper ruht ein gesunder Geist. Leider sündigen viele Väter solcher junger Leute beiderlei Geschlechts, welche der Schule entwachsen sind, dadurch, daß sie sie nicht fleißig zum Turnen anhalten. Wo ist, ab⸗ gesehen von der Fortbildungsschule, z. B. ein junger Mensch besser untergebracht, als wenn er regelmäßig die Turnstunden besucht? Er wird hier an Pflicht und Ordnung gewöhnt, denn er hat stets der leitenden Persönlichkeit gegenüber anständig und ruhig sich aufzuführen. Es steht ihm aber nicht nur der Turnplatz zur Verfügung, sondern sobald das Wetter günstig wird, werden abends oder Sonntags Spiele oder kleinere Turn⸗ gänge an passende Plätze ausgeführt. Er wird davon reichlichen gesundheitlichen Gewinn haben.

Der Wert der turnerischen Uebungen für das weibliche wie männliche Geschlecht geht wohl am deutlichsten daraus hervor, daß der Tul nunter⸗ richt ein verbindlicher Unterrichtsgegenstand in allen Mädchen⸗ und Knabenschulen geworden ist, und daß die meisten Aerzte die Turnerei zur Ausbildung des menschlichen Körpers warm em- pfehlen. In den Turnvereinen, die dem Arbeiter⸗ turnerbund angehören, wird eifrig gearbeitet, um die Turnerei zu heben und zu pflegen. Hier wird keine Zeit mit Flottenagitation und sonstigen Hurrakunststückchen vergeudet, wie da und dort in der Deutschen Turnerschaft.

Diesen Ausführungen wird gewiß jeder ver⸗ ständige Arbeiter zustimmen müssen. Wenn aber vie Beteiligung der Arbeiter an den turnerischen Bestrebungen heute noch eine sehr schwache ist, so findet dies auch seine Erklärung in der über⸗ langen Arbeitszeit. Ein Mensch, der sich am Tage vielleicht 12 Stunden und noch mehr ab⸗ rackern mußte, dann noch einen langen Weg von der Arbeitsstelle zurückzulegen hat, dürfte schwer⸗ lich noch viel Neigung zu turnerischen Uebungen haben. Selbst wenn er in der Vollkraft seines Lebens steht, nach einer Arbeitsleistung, wie sie heute den meisten Arbeitern täglich zugemutet wird,liebt er sich bald die unbedingte Ruh'! Also Verkürzung der Arbeitszeit, damit geistige und körperliche Ausbildung ermöglicht werde!

282.

Cinc neue Zigarrenmasch ine.

In der technischen Presse ist augenblicklich viel von einer neuen Zigarrenmaschine die Rede,

Gießen, Jonntag, den 15. April 1900.

die nach Ansicht der Sachverständigen das Pro⸗ blem gelöst haben soll, den Wickelmacher teilweise und den Roller ganz zu ersetzen. Ohne auf die wirtschaftliche und gewerkschaftliche Seite der Neuerung einzugehen, halten wir es für angezeigt, die Funktionen der Maschine und ihre technische Leistungsfähigkeit zu schildern. Wir überlassen es den berufenen Kreisen, die Einwirkung dieser Maschine auf die Arbeitsverhältnisse in der Zigarrenindustrie zu erörteen und gewerkschaft⸗ liche Maßregeln gegen eventuelle Folgen der Einführung beizeiten zu ergreifen. Die neue Zigarrenmaschine ist eine Vervollkommnung der schon vor mehreren Jahren erfundenen Maschine von Jean Reuse. Das Prinzip der Maschine läuft darauf hinaus, daß der Wickel in der Maschine um seine Achse gedreht wird, wobei das Deckblatt, mit der Hand herangeführt, sich spiralförmig auf den Wickel aufrollt. Vier längs laufende schmale Backen, die in ihrer Be⸗ wegung die Zigarre ihrer ganzen Länge nach anfassen, ahmen die Bewegung der Handthätig⸗ keit des Wickelmachers nach. Ein übermäßiges Zusammenpressen der Zigarren wird vermieden. Das eine Backenpaar faßt den Wickel, drückt ihn zusammen, dreht ihn ein wenig, läßt ihn dann los, um ihn dem anderen ebenso arbeiten⸗ den Paar zu übergeben, und so dreht sich der Wickel beständig um seine Achse, während er die endgültige Form erhält und ihm zugleich das Deckblatt zugeführt wird. Ein kleines Messerchen kerbt die vordere Seite des Deckblattes, während es von den Greifern erfaßt und eingerollt wird, ein, um eine glatte Spitze zu erzielen. Die schwierige Herstellung des Spitzenformens ist in der neuen Maschine durchaus vereinfacht und wesentlich verbessert. Das Deckblatt muß für die Maschine eine besondere Form haben, die man ihr auf einer kleinen Nebenmaschine giebt. Die Hauptmaschine rollt frische, weiche Hand⸗ wickel genau so gut ein, wie trockene Formwickel. Das zarteste Deckblatt, das mit der Hand nicht mehr zu verarbeiten ist, kann durch die Maschine anstandslos aufgerollt werden. Der Deckblatt⸗ verbrauch ist nicht größer als bei der Hand⸗ arbeit, dagegen beim Einrollen von frischen Hand⸗ wickeln geringer. Die Leistungsfähigkeit des Arbeiters wird verdreifacht, und wenn auch die Maschine tüchtige und aufmerksame Bedienung verlangt, so ist die Lehrzeit des Arbeiters doch eine wesentlich kürzere als für Erlernung der Handarbeit. Namentlich gelernte Zigarrenarbeiter können sich in kurzer Zeit mit dieser Maschinen⸗ arbeit vertraut machen. R. Calwer.

Aleines Feuilleton.

Wovor sich die Kinder fürchten. Professor Macdonald vom Erziehungsamt in Washington hat eine Reihe von interessanten Untersuchungen über die Ursachen, die in Kindern Furcht erregen, angestellt. Zu diesem Zweck hat er Hunderte von Listen verteilt, die alle möglichen Ursachen der Furcht enthielten. Eltern, Lehrer und andere Leute, aber auch die Kleinen selbst bezeichneten darin die Dinge, die den Kindern Furcht einflößen. Das Resultat ergab, daß das Gewitter am meisten gefürchtet wird, nächstdem kamen Reptilien, dann Fremde, Dunkelheit, Feuer, Tod, Haustiere, Krankheit, wilde Tiere, Wasser, Insekten, u. s. w. Auch diese Statistik zeigte, daß die Mädchen bedeutend

7. Jahrg.

mehr Dinge fürchten als die Knaben. Das Ver⸗ hältnis der Mädchen zu den Knaben in der Furcht vor Ratten und Mäusen war, um auch ein Zahlenbeispiel anzuführen, wie 75 zu 13. Es ergab sich auch, daß die Neigung zur Furcht sich bei Knaben vom 7. zum 15. Jahre vergrößert und dann abnimmt, während sie sich bei den Mädchen vom 4. zum 18. Jahre vermehrt, ehe sie dann abnimmt. Die Furcht vor Donner und Blitz, Reptilien, Räubern und übernatürlichen Wesen vermehrt sich mit dem Alter. Eine be⸗ sondere Nachfrage bezog sich auf die Geisterfurcht bei Kindern. Man fand, daß die häufigste Quelle ihres Wissens von Geistern, in Geschichten, die von anderen Kindern erzählt wurden, zu suchen ist. Einige leiteten ihre erste Kenntnis von Bildern her, eine kleinere Zahl von Spielen oder aus ihrer eigenen Einbildungskraft; die weitaus wenigsten hatten von Geistern zuerst durch die Eltern gehört. Fast ein Drittel aller geprüften Kinder hatte dabei die Vorstellung, daß Geister weiß wären, und nur verhältnis⸗ mäßig wenige glaubten, daß sie wie menschliche Körper oder daß sie wesenlos oder wie Ver⸗ storbene wären; vereinzelt fanden sich auch die Vorstellungen, daß sie lange Arme oder Hände hätten, und daß sie Skelette wären. Was die Attribute derGespenster betrifft, so wurde häufig angegeben, daß sie Grabesstimmen und hohle Augen haben. Die verbreitetste Vorstellung von der Macht der Geister war, daß sie Kinder verjagen und fangen. Andere Begriffe waren, daß sie schnell dahingleiten, erscheinen und ver⸗ schwinden, alle möglichen, geheimnisvollen Dinge thun, den Tod vorhersagen und den Leuten Schaden zufügen. Auf die Frage, wann Geister erscheinen, antworteten die Meisten, wenn es dunkel und man allein ist. Als Ort, wo die Seister erscheinen, wurde ven den Meisten der Friedhof bezeichnet.

Große Schornsteine. Nach der Mit⸗ teilung derZeitschrift des bayrischen Dampf⸗ kesselrevisions⸗Vereins ist der 140 Meter hohe Schornstein der Halsbrücker Hütte bei Freiberg in Sachsen noch immer diehöchste Esse der Welt. Sie hat oben 2,5 Meter lichte Weite und 25 Ctm. Wanddicke. Unten beträgt die lichte Weite 5,28 Mt. und die Wanddicke 1,5 Mt. Ihr kommt in der Höhe am nächsten der Schornstein der Merchernicher Bleihütte bei Enskirchen an der Eisenbahn Köln⸗Trier. Er ist 134 Mt. hoch und hat oben 3,5 Mtr., unten 7,5 Mtr. äußeren Durch⸗ messer. Hinter diesen beiden Riesen bleibt der kürzlich erbaute Dampf⸗Schornstein für die elek⸗ trische Zentrale der Metropolitan Street Railway Company in New⸗York mit seiner Höhe von 107 Mtr. allerdings zurück, dagegen hat er eine von unten bis oben sich gteich bleibende lichte Weite von 6,71 Mtr., so daß der cylindrische Hohlraum des ganzen Schornsteins bei einer Grundfläche von 35,3 Quadratmeter einen Rauminhalt von 3783 Kbm. hat. Der äußere Durchmesser dieses Schornsteines beträgt oben 7,22 und unten 11,84 Mtr., die Wanddicke demnach oben 0,5 unten 2,6 Mtr., die jedoch in dem Teile von 27 bis 104 Mtr. einen ringförmigen Hohlraum ein⸗ schließt, innerhalb dessen Außen⸗ und Innenwand durch zahlreiche Rippen verbunden sind. Die Kraftanlage ist für eine Höchstleistung von 70000 Pferdekräften bestimmt und würde die Schorn⸗ steinhöhlung für das stündliche Verbrennen von 52 T. Kohlen oder für den Verbrauch von 0,743 Kgr. Kohlen auf die Pferdestärkenstunde berechnet sein.

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