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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 16.
Tagen leid ich. Es ist nicht anders, als wenn mein Stündlein gekommen wäre. Und das wäre doch schrecklich!“
Der Doktor faßte gedankenlos ihren Puls und sagte, ohne zu wissen, was? vor sich hin: „Er geht etwas voll!“ Im Geist war der gute Mann noch immer bei Suschen zu Hause.
„Das dachte ich wohl!“ seufzte hochbeängstigt die Jungfrau.„Finden Sie mich gefährlich, lieber Falk?“
„In Ihren Jahren nicht mehr!“ sagte der Doktor aus Langerweile.
„Nun, das wäre doch etwas Trost!“ versetzte sie freundlicher.„In der That bin ich in meinen besten Jahren; meine Kräfte nicht geschwunden. Die Natur muß sich selber helfen. Meinen Sie nicht, lieber Falk? Wenn's nicht not thut, nur keine teuren Arzneien. Seit China, Rhabarber und Mixturen Kolonialwaren geworden sind, ist nicht auszukommen. Daß sich der Herr erbarme! Aber, lieber Falk, mir ist doch nicht wohl!“
Die Tante ließ ihrer Zunge nun freien Lauf, sprach von hunderttausend Dingen, die weder zum Uebel⸗ noch Wohlsein gehören, alles nach ihrer lieben Gewohnheit. Der Doktor aber trommelte sinnend auf den Tisch und hörte gar nicht zu; ebenfalls nach seiner lieben Gewohnheit. Endlich ward ihm die Zeit zu lang.
„Aber was fehlt Ihnen?“ rief er.
„Ach, der Appetit! Ich habe seit zwei Tagen keinen Löffel Suppe essen mögen; ich habe Kopf⸗ weh zum Sterben.“ 5
„Vielleicht den Magen verdorben, Tante, mit irgend einer philosophischen Gänseleberpastete?“
„Ei, Du gerechter Himmel, Falk, kein Ge⸗ danke daran!— das kommt unmöglich vom Magen. Ich lebe so einfach, so mäßig. In allem Ernst, ich wüßte nicht, daß ich seit vielen Wochen etwas Schwerverdauliches genossen hätte. — Auch hab' ich zuweilen Zahnweh; zuweilen Uebelkeiten, Herzweh, Erbrechen—— gerechter Himmel, sehen Sie mich doch nur an, Falk, und trommeln Sie nicht beständig den Zopfenstreich, da werden Sie sehen, wie blaß ich bin, wie eingefallen meine Augen! Mir ist gewiß nicht wohl!“
„Meinetwegen“, rief der Doktor ärgerlich, der hier einen Singsang hörte, welcher ihn an Suschens Zustand erinnerte;„so sind Sie in — 55 Umständen!“— Er nahm Stock und
ut.—
„Ei, Du gerechter Himmel!“ kreischte Jung⸗ frau Sarah Waldhorn, daß man's in den nächsten drei Straßen ohne Mühe bis ins dritte und vierte Stockwerk hören konnte.„Ei, Du gerechter Himmel, das wäre mir doch ein blaues Wunder!“
Als der Doktor diese lebhaften Töne des jungfräulichen Waldhorns hörte, überlief es ihn eiskalt. Er besann sich, daß er in Unmut und halber Zerstreuung eine Albernheit ohnegleichen ausgestoßen hatte; aber eine Albernheit, die keine züchtige Jungfrau verzeiht; zumal eine Jungfrau, die ihre mühsame Würde siegreich den fünfziger Jahren entgegenführte, die keinem andern Mäd⸗ chen auch nur einen Blick, einen Händedruck im Pfänderspiel verziehen hätte; die aus lauter Heiligkeit zusammengesetzt— genug, eine Jung⸗ frau, wie eben Jungfrau Sarah Waldhorn war.
„Ich will das Unwetter austoben lassen und mein Heil in der Flucht suchen, eh die ganze liebe Nachbarschaft zusammenströmt!“ dachte Falk, öffnete behende die Thür und rannte davon.
6. Krankenbesuche.
Diesmal hätte er fast auf der Straße seinen eigenen Schwager, den berühmten Advokaten Zange, über den Haufen geworfen, wenn Herr Zange, langbeinig, hoch, vierschrötig, wie er war, nicht wie ein echter Goliath seinen Mann ge⸗ standen hätte. So lief's zum Glück für beide mit einem blauen Fleck in der Seite ab, als sie zusammenstießen.
„Holla! Herr Bruder!“ rief der Advokat, indem er sein breites, fleischiges Gesicht schmerz⸗ haft verzog.„Wären Sie nicht mein leibhaftiger
Schwager: für den mörderischen Ueberfall auf offener Straße hing' ich Ihnen einen verdammten Prozeß an den Hals!
Wenn Sie mir eine
Rippe zerbrochen haben, müssen Sie sie mir un⸗ entgeltlich wieder herstellen, und ich verlange nichts, als das Schmerzensgeld von Ihnen.“
„Thut mir leid, bitt' um Verzeihung!“ stam⸗ melte der Doktor und wollte davon. Der Ad⸗ vokat aber hielt ihn beim Arm.„Woher denn, Doktorchen, wohin so eilig? Woher?“
„Von der Tante Waldhorn! Sie ist sterbens⸗ krank!“ erwiderte der Doktor.
„Sterbenskrank, Herr Bruder? Sterbens⸗ krank? Gott befohlen, auf Wiedersehen, Herr Bruder!“ rief der Advokat und steuerte mit großen Schritten dem Hause der Tante zu.
„Wenn der Doktor selbst bekennt, sie sei sterbenskrank“, murmelte Herr Zange unterwegs für sich,„so ist's richtig. Sie fährt ab. Es kann nicht fehlen. Wenn sie nur nicht schon von Sinnen ist, sodaß sie kein Testament mehr machen kann! Wer weiß, ob der Philosoph sich nicht schon für seine Braten und Pasteten bei ihr bezahlt gemacht, oder ob der Oberprediger ihre Seele weggeschnappt hat. Nun, die gönn' ich ihm gern, läßt er mir nur das Geld!“
Er trat atemlos zur Tante ins Zimmer. Die Magd war eben beschäftigt, der Kranken ein Riechfläschchen unter die Nase zu halten. Wirklich sah die arme Sarah einer Sterbenden ziemlich ähnlich, denn sie hatte sich nur kaum von einer Anwandlung von Ohnmacht erholt, von der sie nach der Flucht des Doktors befallen wurde. Herr Zange legte sogleich die Falten seines Gesichts zum Ausdruck des tiefsten Schmerzes zusammen, und seine Atemlosigkeit kam ihm dabei gut zu statten. Er schien vor Schrecken und Wehmut nicht reden zu können. Aber sein Herz hüpfte vor Freuden, denn er fand ja die Tante noch fähig genug zum Testament, und bei dem allem zum seligen Ende ziemlich fertig.„Jetzt“, dachte er, jetzt oder nie muß das Eisen geschmiedet werden. Wollen sehen, ob wir nicht den Pro⸗ fessor mit seinen Braten und den Paftor mit seinem Himmelreich durch einen erlaubten Pfiff aus dem Sattel heben können!“
Sobald Sarah fähig war, wieder an der Unterhaltung teilzunehmen, fing er diese mit einer Schilderung seines Schmerzes an, die Tante — die liebe Herzenstante— den Engel von Tante so schwach zu sehen. Nach diesem riet er ihr, statt des Doktor Falk einen anderen Arzt zu nehmen.
„Sehen Sie, er ist ein armer Teufel— hofft vielleicht zu erben, und giebt sich zur Rettung Ihres teuren Lebens nicht alle Mühe, die wohl nötig wäre. Menschen find schwach. Besser ein neutraler Mann, als einer, der Partei nimmt. Und das begreifen Sie: ein Doktor, der zugleich Erbe ist, der ist Richter in eigener Sache.“
Die Tante schüttelte den Kopf.
„Ich will eigentlich nichts gegen ihn sagen!“ fuhr Herr Zange fort, den das Kopfschütteln hoch erfreute, weil er daraus schloß, der Doktor sei nicht Richter in eigener Sache, weil er nicht zu erben bestimmt sei.„Gar nichts, liebfte himmlische Tante! Er ist sonst ein ganz guter Kauz. Aber die andern da haben mich arg⸗ wöhnisch gemacht, der Oberprediger und der Professor.. pfui, es sind Unmenschen! Sich auf jemandes Abfterben zu freuen, um des bis⸗ chen Geldes willen.“
„Auf mein Absterben?“ fragte die Tante mit dem sehr kläglichen Gesicht einer von aller Welt Verlassenen.
„Ich hab's schon längst bemerkt; es hat mich schon längst geärgert; doch wollt' ich der guten Tante keinen Verdruß machen!“ fuhr der Advokat eifriger fort, als er seine Sache auf gutem Wege sah.
„Aber ist's auch wahr?“ fragte die Tante, welche, neben ihrer ungeheuren Leichtgläubigkeit doch zuweilen Zweifel in diejenigen setzte, die ihre Person selbst betrafen.
„Wahr? Und wenn ich ein Lügner wäre vom Morgen bis zum Abend: gegen Sie, Tante, hab' ich nie zu lügen das Herz gehabt, am wenigsten in diesen Augenblicken! Eigentlich sind es aber nur alberne Reden von den beiden
Vettern.“
b 11 8 Reden? Was? Albern heißt das 0 9
„Nun ja! Zum Beispiel, der Oberprediger sagte noch neulich: die Leichenpredigt habe er schon seit zehn Jahren auf die Tante fertig; aber die Tante habe ein zähes Leben, und die Predigt werde ihm von den Würmern verzehrt.“
„Ei, gerechter Himmel, das hätt' ich dem Oberprediger nicht zugetraut! Aber das weiß ich wohl, ein Erzheuchler ist er bei all seiner Kopfhängerei.“
„Darauf sagte der Professor: Es kommt auf die Hinterlassenschaft an. Ist sie danach, so geb' ich am Begräbnistage einen Leichen⸗ schmaus mit den leckersten Bissen und lasse ein Dutzend Flaschen vom schönsten Champagner springen.“
„Ei, da muß ich mein blaues Wunder hören!“ schrie Sarah.„Wartet nur mit Euern Flaschen und Predigten! Ich bin noch lange nicht zum Sterben. Ihr sollt Euch die Augen wischen!“(Fortsetzung folgt.)
Sprüche zur Lebensweisheit.
„Es ist eine durch den Verlauf der Geschichte vielfach bestätigte Erfahrung, daß herrschende Klassen sich nicht damit begnügen, die Unter⸗ drückten ihrer materiellen Vorteile zu berauben, sondern daß sie ihnen auch noch... den Stempel der Dummheit Albernheit, gemeinen Besinnung, kurzum der Erbärmlichkeit und Lächerlichkeit auf⸗ zudrücken suchen. Es scheint, als ob das Gewissen der Herren einer Rechtfertigung für ihr Unrecht in der Gerinzschätzung ihrer Untergebenen be⸗ dürfte. Auch die Frauen sind in der Vergangen⸗ heit stets in Sklavenfesseln gehalten worden, auch sie sind... tausendfach gezwungen gewesen, sich vor den Augen ihrer Herren verächtlich zu machen und zu prostituieren und man hat denn auch die populäre Theorie von ihrer geistigen Inferiorität, ihrer moralischen Unzurechnungsfähigkeit zur Rechtfertigung ihrer Unterdrückung gemißbraucht.“
Dr. Paul von Gizyki.
Und etwas lebt noch in des Weibes Seele, Das über allen Schein erhaben ist
Und über alle Lästerung— es heißt Weibliche Tugend.(Don Carlos.)
Humoristisches.
Abgeordneter Heinze. Nun wissen wir's doch, wem wir die Lex Heinze zu danken haben! Nach der italienischen Zeitung„Giorno“ ist der Hauptagitator für das Zustandekommen des Gesetzes im deutschen Reichstag
niemand anders als—„Herr Heinze, einer der eifrigsten
Katholiken der Zentrumspartei!“ *
Ja so! Leutnant:„Was liefen Sie denn noch gestern Abend hinter einem Mädel her— und noch dazu
hinter einer so alten Schachtel!... Schämen Sie sich!“— Soldat:„Entschuldigen, Herr Leutnant, das war die— Frau Hauptmann, die ich hab' vom Theater heimführen müssen!“(Fl. U
Im Zorn.„Lump elender! Dir zünd' i doch noch
Dei' Haus an!“—„Und bei Dir lösch' i, wenn's brennt, Spitzbub, ver—sicherter!“ a 1
Neu eingelaufene Schrifken.
Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor.
„Ju freien Stunden“, Illustrierte Romanbiblio⸗ ö
thek für das arbeitende Volk in Wochenhesten à 10 Pfg⸗ Lieferung 11 und 12 sind soeben erschienen und enthalten die Forisetzung des spannenden Romans„Das Erbe des Nabob“ und die kleinen Stizzen:„Die Aus- söhnung“ und„Ein Frauenopfer;„Dies und Jenes“;„Witz und Scherz“.
Wir bitten unsere Leser, dieser wirklich guten Romanbibliothek für ihre Frauen und Kinder in ihrer Familie eine Stätte zu bereiten an Stelle der oft so wertlosen bürgerlichen Unterhaltungslitteratur, die durchgängig teurer und schlechter ist als„In Freien Stunden“.
Jeder Kolporteur, jeder Buchhändler(auch die Post zum Vierteljahrspreis von 1,20 Mk., Postzeitungskatalog Nr. 3777) nimmt Bestellungen auf diese 10 Pfg. Hefte an. Man versuche es wenigstens mit einem Probe⸗ Abonnement auf„In Freien Stunden“.
Den Parteigenossen, die in Fabriken und Werkstellen Abonnenten sammeln wollen, sendet die Verlagsbuchhand⸗ lung auf Verlangen Sammelmaterial gratis und franko.
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wozu ergebe NB. Für
11
Erlaberger Grable
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0
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