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Nr. 46.
Gießen, Sonntag, den 11. November 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Was will die Hozialdemokratie?
Schon sehr oft wurde diese Frage beant- wortet. Nach Tausenden zählen die Artikel, Broschüren und Bücher, welche die Ziele des Sozialismus darlegen; ebensoviele Reden sind zu gleichen Zwecken gehalten worden. Trotzdem herrscht in weiten Kreisen darüber Unkenntniß, namentlich auch in denen, die es zuerst angeht, die unter den heutigen Zuständen am meisten zu leiden haben, in Arbeiterkreisen. Das ist weiter nicht verwunderlich. Man muß sich vergegenwärtigen, wie von gegnerischer Seite bewußt falsche Darstellungen gegeben werden, um die Menschheit zu verwirren, den Sieges⸗ lauf des Sozialismus aufzuhalten. Leider ver⸗ fügen die Gegner noch über bedeutenden Ein⸗ fluß auf die Arbeitermassen, den sie nicht un⸗ genutzt lassen. In der Schule, auf den Kanzeln, durch die von den Behörden unterstützte Kapita⸗ listenpresse wird den heranwachsenden Arbeitern der Sozialismus als etwas Unmögliches, Thörichtes, Lächerliches hingestellt, das Streben der Arbeiter nach Befreiung verdächtigt. Wenn auch viele Arbeiter sehr bald die Nothwendigkeit des Sozialismus erkennen und sich der Ein⸗ wirkung der Gegner entziehen, so bleibt doch ein großer Theil, namentlich der ländlichen Ar⸗ beiter, in der Unwissenheit. Vor Allem muß aber Klarheit über die Lestrebungen, die Grund⸗ sätze der Sozialdemokratie herrschen, deßhalb seien ihre Ziele in Folgendem kurz dargestellt.
Das Hauptziel unserer Partei ist die Er⸗ ringung der politischen Macht, um auf dem Wege der Gesetzgebung die haltlosen Zustände der heutigen Gesellschaft zu ersetzen durch bessere. Die heutigen Verhältnisse zeigen aus allen Ge⸗ bieten eine Bevorrechtung der besitzenden Klassen.
Die Grundlage allen gesellschaftlichen Lebens ist die Produktion, die Herstellung der Bedarfs⸗ artikel für die gesammten Gesellschaftsglieder. Diese Produktion hat in der jetzigen kapita⸗ listischen Zeit eine immer schärfere Scheidung der Menschen in Klassen herbeigeführt, die, ge⸗ trennt durch gegentheilige Interessen, einander vollständig direkt gegenuberstehen. Die Pro⸗ duktionsmittel, Arbeitsmittel, früher in den Händen der Mehrheit des Volkes, sind durch die Entwicklung der großindustriellen Produktion, durch die Anhäufung des Kapitals in wenigen Händen immer mehr in die Hände einer Minder⸗ heit übergegangen. Dieser Minderheit kommt der Ertrag der Produktion zu. Die früheren Besitzer der Arbeitsmittel(Handwerker, Klein⸗ bauern) haben mit dem Werth ihrer Arbeits- mittel aber auch die Arbeitsgelegenheit und damit ihren Verdienst verloren; die Versorgung ihrer Familien. die Verpflichtung gegen Staat und Gesellschaft haben sie dagegen unverlürzt behalten. Da sie mit ihrer primitiven Arbeits- weise ohne Kapital mit den Großindustriellen und den Großlandwirthen nicht konkurriren können, auf ihrem Handwerk und ihrem Grund und Boden aber nicht genügend Einkommen haben, um sich und ihre Familien zu ernähren, da sie ferner keine Aussicht haben, auf ihrem eigenen Grund und Boden ihrer Nachkommen⸗ schaft eine gesicherte Zukunft schaffen zu können, bleibt ihnen nichts übrig, als ihre und ihrer
Kinder Arbeitskraft, das Einzige, was man ihnen nicht nehmen kann, dort zu verwerthen, wo maa sie braucht, an den Arbeitsmitteln der Besitzenden.
So ist aus der Mehrheit der arbeitsmittel⸗ besitzenden Handwerker und Bauern eine Mehr⸗ heit von nichts als ihre Arbeitskraft besitzenden Proletariern geworden, die keine andere Aussicht haben, als ihr ganzes Leben lang im Dienste Anderer zu arbeiten. Sie sehen, wie durch ihre Arbeit die Minderheit, die Besitzer der Pro- duktionsmittel, immer reicher wird, wie diese alle Genüsse unserer reichen Kultur, die in allem Ueberfluß bietet, genießen können ohne eigene Arbeit, während sie, die Schöpfer aller dieser Genüsse, Tag für Tag an die Arbeit ge⸗ spannt, nicht haben, um genügend zu wohnen, genügend zu essen, sich genügend zu kleiden. Sie sehen, wie Jene das nöthige Wissen und die Zeit haben, auch die idealen Güter der Kultur zu genießen, während sie davon ausgeschlossen sind, weil sie weder das Geld, noch die Zeit, noch das Wissen dazu haben.
Aber nicht genug damit. Der Besitzer der Arbeitsmittel, der seine Nebenmenschen zu seiner Bereicherung ausbeutet, wird noch als der Wohlthäter der Arbeiter, als der Geber der Arbeit betrachtet, während er doch in Wahr⸗ heit der Arbeitnehmer ist. Die Arbeiter da⸗ gegen müssen froh sein, wenn sie arbeiten dürfen, wenn sie für Andere ihre Kraft verbrauchen
dürfen. Das ist so in der Stadt wie auf dem Lande. Dadurch wird der Besitzer der Arbeits mittel, der Ausbeuter der Arbeitskraft, zum
wirthschaftlich Stärkeren, zum Herrschenden. Diese wirthschaftliche Ueberlegenheit überträgt sich ganz von selbst auf die politischen Ver⸗ hältnisse. Die Besitzenden beherrschen die Schulen, sie verfügen sonach über das größere Wissen, haben Zeit, haben Geld, beeinflussen den Handel und Wandel und benützen ihre wirthschaftliche Ueberlegenheit dazu, sich auch einen überwiegenden Einfluß auf die Gesetz— gebung zu verschaffen.
Auf der Seite der Besitzenden stehen die Regierungen, der Adel und der Klerus, drei mächtige Gruppen, die von den Besitzenden ge⸗ stützt und gehalten werden. Diese Alle wollen hertschen ohne zu dienen, sie wollen genießen ohne zu arbeiten, einnehmen ohne zu zahlen, kurz, sie Alle betrachten den Staat als eine Maschine zur Förderung ihrer Interessen. Ar⸗ beiten, dienen und zahlen soll die große Klosse der Nichtsbesitzenden. Es soll erhalten bleiben die Armuth der Masse und die Bereicherung der herrschenden Minderheit.
Dagegen kämpft die Sozialdemokratie. Sie will die Beseitigung aller Klassenherrschaft, damit die Aufhebung der Knechtschaft des Volkes, die Beseitigung der Ausbeutung Vieler durch Wenige. Sie will nicht die Reichen arm machen, sondern sie will die größte Ausnützung aller technischen Mittel zur Steigerung der Produktion, um das hervorzubringen, daß alle Menschen theilnehmen können an den großen Schägen und Genüssen der Kultur.
Das ist möglich, wenn nicht mehr produzirt wird zur Bereicherung Einzelner, wenn die Ar— beitsmittel nur Produltionsmittel, nicht mehr Ausbeutungsmittel sind.
Es müssen, um das zu erreichen, die Pro⸗ duktionsmittel aus dem Privatbesitz in den Be⸗ sitz der Gesellschaft, der Gesammtheit, überge⸗ führt werden. Es muß unter Anwendung aller technischen Hilfsmittel— und die sind nicht gering— die Arbrit für die Menschen erleichtert werden. Es muß sozialistisch, d. h. durch die Gesellschaft für die Gesellschaft, produzirt werden.
Daß daß möglich ist, zeigt schon die heutige Gesellschaft, welche die Erziehungz⸗ und Ver⸗ kehrsmittel heute schon verstaatlicht hat und durch den Staat betreibt. Das, was die heutige Gesellschaft mit den Erziehungs⸗ und Verkehrs⸗ mitteln thut, wobei sich Einzelne nicht bereichern können, das, will die Sozialdemokratie, soll auch mit den Produktionsmitteln geschehen.
Erst in einer sozialistischen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Produktions⸗ und nicht mehr Ausbeutungsmittel, in einer sozialistischen Ge⸗ sellschaft wied nicht mehr produzirt zur Be⸗ reicherung Einzelner, sondern zur Befriedigung der Bedürfnisse Aller nach dem hohen Stande unserer Kultur.
Erst dann hört die Ausbeutung Vieler durch Wenige auf, erst dann herrscht wirthschaftlich die soziale Freiheit und Gleichheit, die Grund⸗ lage aller Gerechtigkeit.
Deshalb ist die Sozialdemokratie sozial! f
In einer solchen sozialen Gemeinschaft, wo die wirthschaftliche Herrschaft unmöglich ist, ist auch die politische Herrschaft Einzelner gebrochen.
Es herrscht, es regiert das Volk— Wer haben die Demokratie. Weil wir das wollen, sind wir
Demokraten!
Wer also die soziale und politische Gleich⸗ heit aller Menschen, wer die HBeseitigung aller Klassenherrschaft will und wer die Erfüllung des Wortes anstrebt, daß alle Menschen Brüder sind, und daß alle Menschen durch ihre Arbeit für die Gesellschaft so viel haben, daß sie menschenwürdig leben können, der heißt ein Sozialdemokrat!
1 2 C A* N A 5 Politische Bundschau. Gießen, 8. November. Der Reichstag wird nächsten Mittwoch eröffnet. Wird er eine gründliche Säuberung der Regierung vornehmen? Schwerlich. Bei diesem Bestreben werden unsere Genossen von den Bürgerlichen schmählich im Stiche gelassen werden. Neue Zeichen von Fäulniß,.
Noch hält die 12000 Mark⸗Affaire alle Welt in Athem, so treten auch schon wieder neue Zeichen von Korruption innerhalb hoher Beamtenkreise an das Tageslicht. Wie vor ein paar Jahren der Prozeß Leckert-Lützow schauder⸗ hafte Zustände bei der Berliner Kriminal⸗ polizei enthüllte, so jetzt der Prozeß gegen den mehrfachen Millionär, Bankier Stern⸗ berg, welcher sich wegen abscheulicher Sitt⸗ lichkeits verbrechen, an kleinen Kiadern begangen, zu veruntworten hat. Mit diesem Menschen, der seit Jahren bei der Polzei im


