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Peilage zur Witteldeutschen Zonntags-Seitung.
Ur. 14.
Gießen, Lonntag, den 1. April 1900.
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7. Jahrg.
Feinde der Krankenkassen.
Von Scharfmacherkreisen ausgehend, macht jetzt eine ganz gemeine Verleumdung der Kranken⸗ kassen Verwaltungen die Runde durch die Presse. In Anknüpfung an die in Vorbereitung befind⸗ liche Revision des Kranken-Versicherungsgesetzes wird ausgeführt, daß die Verwaltungskosten der Krankenkassen im Verhältnis zu den Aus- gaben für Aerzte und Arzneien viel zu hoch seien. Dann heißt es weiter:
„Die Sozialdemokratie, welche ja bei einer großen Zahl von Orts⸗Krankenkassen ihre An⸗ hänger durch Verleihung der Beamtenstellen ver⸗ sorgt und deshalb ein großes Interesse an möglichst hohen Verwa tungskosten bei der Krankenversiche— rung hat, hat häufiger darauf hingewirkt, die Kosten für die Aerzte und die Arzneien herunter⸗ zudrücken. Es sind ja nach dieser Richtung die sonderbarsten Manipulationen vorgenommen wor⸗ den. Davon aber, daß die Sozialdemokratie die Minderung der Verwaltungskosten auch nur ein⸗ mal in Anregung gebracht hätte, hat man nie gehört. Es wird deshalb Zeit, daß von Gesetzes⸗ wegen hierauf hingewirkt wird.... Zu wünschen wäre jedenfalls, daß die Zahl der Kassen ver⸗ mindert würde. Gerade weil so viele Kassen eristieren, sind die Verwaltungskosten so hoch geworden. Auch sind ja größere Kassen leistungs— sähiger als kleinere. Wenn mit einer solchen Vereinfachung der Kassenorganisation auch die Zahl der Stellen vermindert wird, welche die Sozialdemokratie für ihre Agitatoren in den Kassen zur Verfügung hat, so schadet das gar nichts. Im Gegenteil, es kann nur gewünscht werden, daß ein Mißstand beseitigt wird, bei dem eine auf den Umsturz des Staates hin arbeitende Partei staat⸗ liche Einrichtungen zur Versorgung ihrer Agitatoren und zur Erweite⸗ rung ihrer Propaganda benutzt.“
Diesen frechen Verdrehungen stellt der„Vorwäcts“ folgendes zur Klarstellung des wirklichen Sachverhalts entgegen: Die Verwal— tungskosten sämtlicher Berliner Orts-Krankenkassen betrugen im Jahre 1898 nach dem autlichen Bericht im Gemeindeblatt 8 Prozent der Gesamtausgabe und sind sonach wesentlich niedriger, wie die Verwaltungskosten der von den Unter- nehmern allein verwalteten Berufsge- nossenschaften und der staatlich ver⸗ walteten In validen versicherung. Bei den gewerblichen Berufsgenossenschaften betrugen nämlich die Verwaltungskosten im Jahre 1897 nach den dem Reichstag zugegangenen Nach— weisungen 10,2 Prozent, in dem Zeitraum von 1886 bis 1896 sogar 11 Prozent, bei den landwirtschastlichen Berufsgenossenschasten 11,3 Prozent im Jahre 1897 und 15,2 Prozent in dem Zeitraum von 1886 bis 1896. Bei der Invalidenversicherung betrugen gleichfalls nach den dem Reichstag zug gangenen amtlichen Nachweisungen für 1897 die Ver waltungskosten 12,1 Prozent der Gesamtausgaben abzüglich der Kapitalanlagen. Dabei darf man aber nicht vergessen, daß für die Berufsgenossenschaften die Post auf lange Fristen die Zahlungen über⸗ nimmt und daß die Hälfte der Invalidenver⸗ sicherungs⸗Anstalten die Einziehung der Beiträge den Kraukenkassen übertragen haben und dafür nur eine die wirklichen Kosten lange nicht er⸗ reichende Vergütung bezahlen. Das bedeutet für diese beiden Versicherungsemnrichtungen ganz wesentliche Ersparnisse an Verwaltungskosten, die den Krankenkassen nicht zu gute kommen.
Daß größere Kassen leistungsfähiger sind wie kleinere und deshalb eine Verminderung der Zahl der Kassen wünschenswert wäre— das ist eine Binsenwahrheit, die gerade wir nun schon lange genug predigen. Nur schade, daß man das in Regierungs- und Unternehmerkreisen nicht eingeschen hat bei der Schaffung der Innungs⸗ kassen. Bei den Berliner Innungskassen betrugen
nach der schon genannten Quelle im Jahre 1898
die Verwaltungskosten 14,23 Prozent der Aus⸗ gaben, also beinahe doppelt soviel wie bei den Ortskassen.
Natürlich haben wir nichts dagegen einzu⸗ wenden, wenn Mittel gefunden werden, die Ver— waltungskosten der Krankenkassen zu verringern, aber die gegebenen Zahlen zeigen, daß es bei allen anderen Kasseneinrichtungen noch notwen- diger ist, wie bei den Ortskrankenkassen. Ost genug ist von uns die Forderung erhoben worden, alle drei Zweige des Versicherungswesens zu vereinigen, gerade mit dem Hinweis auf die Möglichkeit der Verrin zerung der Verwaltungs- kosten.
Daß den Kassen zum Vorwurf gemacht wird, auf Verringerung der Arzneikosten hinzuwirken, darüber braucht man bei der notorischen Aus— wucherung der Kranken und ihrer Kassen durch das heutige Apothekenwesen wirklich kein Wort weiter zu verlieren.
Aber eines sei noch gesagt! Wenn man es heute unangenehm empfindet, daß die sozial⸗ demokratischen Arbeiter in der Ver waltung der Ortskassen von ihren gesetzlichen Rechten Gebrauch machen, so haben sich die herrschenden Kreise das selbst zuzuschreiben. Gerade die soztal— demokratischen Arbeiter waren anfangs durchaus nicht geneigt, in die Oetskassen einzutreten. Sie hatten sich ihre freien Hilfskassen ge— schaffen und wollten mit den Unternehmern in den Ortskassen durchaus nichts zu schaffen haben. Erst die systematische Bekämpfung der freien Hilfskassen und die Bevorzugung der Ortskassen durch das Krankenversicherungs-Gesetz und seine Handhabung zwangen die Arbeiter geradezu massenhaft in die Ortskassen. Hat man vielleicht erwartet, diese an Selbstoerwaltung gewöhnten Elemente würden sich von den Unternehmern willenlos gängeln lassen?
Das Unternehmertum maßregelte mit Hilfe der Gesetz jebung die freien Hilfskassen, die man als„sozialdemokratische Organisationen“ denun— zierte; die Arbeiter mußten dem Druck nachgeben und in die einst so gehätschesten Ortskassen ein⸗ treten; seit einigen Jah ren sieht das Unter— nehmertum, daß es die sozialdemolratischen Ar— beiter virstanden haben, auch in den Ortskassen noch ihre Rechte zu wahren, und nun werden wiederum die Ortskassen fast als sozialdemo⸗ kratische Einrichtungen verschrieen. Das der wirkliche Sachverhalt.
Was will man nun eigentlich?
Das Krankenversicherungs-Gesetz enthält über die Verwaltung der Kassen strenge Borschriften, die Aufsichtsbehörden üben scharfe Kontrolle und die Arbeiter thun in den Kassen nur was Rechtens ist. Thäten sie anders, so böte das Gesetz Mittel genug, sie daran zu hindern. Das ist den Hetzern gegen die Krankenkassen sehr wohl bekannt. Die Hetzerei läuft deshalb auch auf etwas anderes hinaus: nicht um die Herab— setzung der Verwaltungskosten ist es dem Unter— nehmertum zu thun, sondern um eine weitere Einschränkung des ohehin sehr geringen Selbstverwaltungs rechts der Ver⸗ sicherten, wie man sie z. B. in Sachsen schon mehrfach auf dem Verwaltungswege versucht hat. Das ist die Absicht und dafur will man scharf machen! Die Zwangskassen sollen auch noch eine Zwangsverwaltung bekommen Die Arbeiter mögen das Treiben der herrsch— süchtigen Klique scharf beobachten!
Wie richtig diese Auffaͤssung des Vorwärts ist“ beweist die Stummsche Post, die in einem Artikel, in dem sie sich gegen die Beschlüsse der Gewerbe-Ordnungs-Kommission wendet, schreibt: „Wir haben nicht die Besorgnis, daß sich die Regierung durch die in Rede stehenden Reso⸗ lutionen zu unbedachten Schritten fortreißen lassen könnte; in einer Zeit, wo sie durch eine Novelle zum Krankenkassen-Ge⸗ setz der sozialdemokratischen Macht-
stellung einen Schlag zu versetzen beabsichtigt, wird sie nicht auf der anderen Seite diese Machtstellung zu ördern geneigt sein. Die„Berliner Politischen Nachrichten“ wollten noch nicht wissen, was geplant sei, die „Post“ weiß bereits, daß ein Schlag geplant ist. Es ist also so, wie wir voraussagten: nicht um die Herabsetzung der Verwaltungskosten wird es sich handeln, sondern um die Selbst⸗ verwaltung der Kassen. Die versicherten Arbeiter werden sich beizeiten auf planmäßigen Widerstand einzurichten haben.—
Uleines Feuilleton.
Wie oft Postkarten ohne Aufschrift durch die Briefkasten eingeliefert werden und in infolgedessen sowie wegen Fehlens der Angabe des Absenders unanbringlich bleiben, geht daraus hervor, daß neuerdings während eines einzigen Vierteljahrs in fünf Ober-Postdirektionsbezirken zusammen gegen 5000 Postkarten ohne Ausschrift haben vernichtet werden müssen. Für das ganze Reichs-Postgebiet macht dies sür en Vierteljahr gegen 40 000, für ein Jahr gegen 100 000 Post⸗ karten ohne Adresse aus, die entgültig unbestell⸗ bar bleiben. Wird dazu noch die gleichfalls sehr große Zahl von Postkarten gerechnet, deren Aus⸗ bändigung wegen ungenügender oder unrichtiger Aufschrift nicht erfolgen kann, so ergiebt sich, daß eire große Zahl von Postkarten nur urch Perschulden der Absender nicht an den Empfänger gelangt. Es kann sonach nur dringend angeraten werden, bei der Ausfertigung von Postkarten vor den Mit⸗ teilungen auf der Rückseite stets zuerst die Adresse niederzuschreiben und diese so genau als möglich (nach Straße, Hausnummer u. s. w.) anzugeben.
Der Journalismus in einer bela⸗ gerten Stadt. Herbert C. Oliver, der bei dem„Diamond Fields Advertiser“ in Kimberley angestellt ist, schildert in einem Briefe an seinen Vater, einen Londoner Journalisten, seine Er⸗ fahrungen während der Belagerung:„Bewun⸗ dernswert ist die Art, wie die Herausgeber des „Diamantfelder- Anzeiger“ bestrebt waren, die Zeitung während der viermonatlichen Belagerung regelmäßig erscheinen zu lassen, um so mehr, wenn man in Betracht zieht, wie vollständig wir von der Außenwelt abgeschnitten waren. Nur gegen Ende der Belagerung mußte das Erscheinen 4 oder 5 Tage eingestellt werden, da die mili⸗ tärischen Behörden das Blatt in Bann gethan hatten, weil es die vollen Thatsachen der Leiden des Volks und das Elend, den Schaden und Verlust, der durch den Hundertpfünder der Buren bei Kamfersdam verursacht worden war, enthüllt hatte. An manchen Tagen allerdings war die Zeitung nur noch dem Namen nach eine Zeitung, ein Gemisch von alten Ausschnitten aus vielen alten Nummern der„Tit-Bits“ und andern Zeitschriften. Ebenso nahm man seine Zuflucht zu der Bibliothek in Kimberley, und man schrieb immer wieder die Geschichte des früheren Transvaalkriegs und der Belagerungen. Auch Beiträge der Einwohner wurden angenommen, und wir hatten einige wunderbare Ergüsse in Prosa und Poesie; besonders die letztere war höchst gelungen. Indessen die Einwohner be⸗ zahlten ihre 25 Pfennige und bekamen ihre Zeitung,— so wie sie eben war. Hin und wieder erhielten wir einige interessante Neuig⸗ keiten, so als ein Expreßreiter eine ziemlich neue Nummer der„Cape Times“ brachte, für die, so viel ich weiß, 100 Mk. bezahlt wurden. Es war ein wirklich amüsanter Anblick, wie der Chef- redakteur, der Redakteur und die Berichterstatter eifrig die Zeitung studierten, mit fast atemloser Spannung; selbstverständlich waren Schere und Kleistertopf bald in vollster Thätigkeit, und die Leser des„Diamanten-Anzergers“ fanden am nächsten Morgen, daß sie diesmal eine ausge⸗ zeichnete Zeitung bekamen. Natürlich wurde der Umfang des Blattes verkleinert.“(Vorw.)


