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Nr. 14.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

wohnerzahl 17085 Personen betrug. Das Ver⸗ mögen belief sich auf 4 349 064 Mk., Schulden 3 301 600 Mk., Aktiv.⸗Vermögen mit 1047 464 Mk., die direkten Steuern brachten 203 000 Mk., eingeschätzt waren nur 186 000 Mk. Die neue Realschule kostet 300 000 Mk. Im übrigen wurden zu dem diesjährigen Etat von Seiten der Stadtverordneten noch eine ganze Reihe von Anregungen vorgeschlagen, welche in dem dies⸗ jährigen Etat noch zu berücksichtigen sind. Stadt⸗ verordneter Seebinger stellt einen Antrag, die Position zu dem PassusFingierte Steuern unter 900 Mk. bis 3000 Mk. im nächstjährigen Etat zu streichen und nicht zu erheben, hiervon würden nur solche Leute getroffen, welchen es unmöglich wäre, die Steuer aufzubringen. Für diesen Antrag, welcher sozial⸗politisches Ver⸗ ständnis zeigte, waren nur drei Mann zu haben.

l. Rezitation. Im Schloßgarten rezi⸗ tierte am verflossenen Sonntag Herr Buchdrucker Caspar Heyer aus Cassel über das Tema: Freiligrath als Dichter und Mensch. Nach einer kurzen Biographie des Dichters brachte der Rezitator eine Anzahl der schönsten Dichtungen desselben zum Vortrag, wovonDie Weber, derLöwenritt undVon unten herauf ganz besonders gefielen und großen Applaus hervor riefen.

Päartei⸗Hachrichten.

Versammlungs⸗Kalender.

Dienstag, 3. April: Kartellsitzung abends 9 Uhr bei Orbig. Samstag, 7. April: Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Tages⸗ ordnung: Bezirkskonferenz und Wahl eines Deleg. Die Lohnbewegung der Spengler. Verschiedenes. Leihgestern. Eine öffentliche Volksversamm⸗ lung findet am Freitag, den 13. April, nachmittags 3 Uhr, im Lokale des Herrn Ph. Arnold statt. Tagesordnung: Nutzen und Zweck der gewerkschaftlichen Organisation und Erringung besserer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen durch

dieselbe.

Hierzu sind besonders sämtliche Arbeiter des Gießener Braunstein⸗Bergwerks eingeladen.

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Reichstagsabgeordueter Genosse Bueb(Mül⸗

hausen i. E.) veröffentlicht imExpreß eine Erklärung,

daß er in der ersten Hälfte des April sein Reichstags⸗ mandat niederlegen werden. Dieser Erklärung ging eine längere Auseinandersetzung voraus, die Bueb mit dem soztedem. Landeskomitee hatte. Er veröffentlichte mehrere Erklärungen in der gegnerischen Presse Mülhausens, in welchen er gegen die Beschlüsse des Landeskomitees und einer Kreiskonserenz polemisierte. Dabei hat Bueb nicht besonders gut abgeschnitten.

Briefkasten der Redaktion. F.⸗Wetzlar. Ihr Wunsch wird Berücksichtigung finden. Ein Teil der Einsendungen nicht verwendbar. Zur Beachtung! Alle Zuschriften für die Mitteld. Sonnt.⸗Ztg. wolle man bis auf weiteres an die Expedition H. Schneider, Gießen, Sonnenstr. 25, gelangen lassen.

Briefkasten der Expe dition. Quittuugen. Fth. Wtzlr. 20.. Ichs. Dbgn. 9.80. 3.. 5.. L. Trh. 2.20. D. Egst. 4.60. Fbch. Gbg. 2.20. Wtr. Lbch. 7.20. Wzl. Lgdf. 4.80. gr. Mbg. 33.80. Br. Mbg. 10.. fflr. Fdbg. 25..

Schm. Nba. 12.. Kr. G. 11.30. Lg. Hchst. 2.. Br. Rögn. 1.. Hoch. Kzbch. 4.40. Kch. Kfd. 8.40. lch. Nöfl 10.40. Schm. G. 85.. Mz. Obsch. 1.40. Kft. Wmr. 7.20. B. Rögn. 3.. Wbm. Ich. 3.. Th. Rhe. 4.. Schw. Ndm. 3.. R. Hchhm. 26.60.

Das Inserat Lesser Berlin in unserer letzten Nummer ist aus Versehen aufgenommen worden.

Cetzte Nachrichten.

Wie aus Berlin gemeldet wird, ist in dem Befinden des Abg. Lieber eine Verschlim⸗ merung eingetreten. Noch vor einigen Tagen wurde bekannt gegeben, Lieber wolle sich zu einer vollständigen Genesung in seinen Wohnort Camberg begeben.

Tod Benedettis. Der Diplomat Graf Vincent Benedetti, der bei der Kriegser⸗ klärung 1870 eine Rolle spielte, ist am Mitt⸗ woch in Paris im Alter von 83 Jahren gestorben.

Krieg in Südafrika. Am Rietflusse wurde dem General Roberts ein großer Proviant⸗Transport von den uren weggenommen. 3000 Ochsen fielen in die Hände der Buren.

Anterhaltungstoeil.

Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke.

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Der junge Doktor Falk sah hin, das nied⸗ liche Suschen sah her, wie es seit ziemlich langen Zeiten unter jungen Leuten Sitte geworden ist. Der Doktor war ein schöner Mann, hatte zwei Universitäten, dann die Spitäler von Wien, Mailand und Pavia besucht, und so viel gelernt, daß er, so gut wie irgend einer seiner Zunft die Kranken nach dem neuesten medizinischen System ins bessere Leben befördern konnte. Aber solche Geschicklichkeit erwirbt man nicht umsonst; Doktor Falk hatte beinahe seine ganze väterliche Erbschaft daran gesetzt.Hm! dachte er,komm' ich nach Hause, so heirat' ich ein reiches Mädchen, das gern Frau Doktorin wird, und es ist uns beiden geholfen!

Allein der Kopf denkt, das Herz lenkt! Das hübsche Suschen hatte den vollkommensten Beruf, Frau Doktorin zu werden. Nur das Geld ging ihr ab.

Das wird sich auch endlich finden, liebes Suschen! sagte der Doktor, und drückte dem weinenden Mädchen einen Kuß auf die Lippen. Siehst Du, ein Doktor muß heiraten, sonst hat man zu ihm kein Vertrauen. Du bringst mir also Kredit, und durch den Kredit Patienten, und die Patienten bringen Geld, und vermögen sie es nicht, so bringen es die Erben. Zudem ift Jungfrau Sarah Waldhorn ja Deine Tante, sie ist hoch in den Vierzigen; sie ist reich genug, daß uns der siebente Teil ihres Vermögens aus aller Not helfen kann. Darauf hin muß man schon etwas wagen.

Lieber Himmel, was wagt ein junges Mäd⸗ chen nicht für einen frommen Anbeter? Leib und Leben. Suschens Mutter hatte nichts ein⸗ zuwenden, so wenig als der Vater; denn beide waren nicht mehr am Leben, und der Herr Vor⸗ mund freute sich der anständigen Versorgung des Mündels. Aus gleichem Grunde freute sich Tante Sarah, die sonst von dem Hochzeitmachen der jungen Leute nicht viel hielt, die aber, so lange Suschen unvermählt war, noch dem Herrn Vormund zum Besten der armen Waise Geld⸗ zuschüsse machen mußte. Und Jungfrau Sarah Waldhorn war ein wenig geizig, oder, wie sie es nannte, sie hatte nichts übrig.

Genug, Suschen verwandelte sich in eine Frau Doktorin, und der Herr Doktor sah fleißig zum Fenster hinaus, ob, bei seinem vermehrten Kredit, die Kunden kommen wollten? Doch kamen sie leider sehr spärlich. Und das war schlimm. Staat dessen versammelte sich allerlei kleine Gesellschaft in seinem Hause; alle Jahre erschien ein vorher nie gesehenes munteres Söhn⸗ chen oder Töchterchen, um Herrn und Frau Doktor Falk die süßen Vater⸗ und Mutterfreuden vermehren zu helfen. Der Herr Doktor kratzte sich zuweilen bedenklich hinter den Ohren, aber was half's. Wegjagen konnte man doch die kleinen Falken nicht. Man schnitt nun zwar nicht schmälere Bissen, denn leben mußte man doch aber die Frau Doktorin kochte etwas magere Suppen. Dennoch schlug es bei allen wohl an. Vater und Mutter und ihre vier Kinder blühten und gediehen; es war eine Lust zu sehen. Man saß auf hölzernen Bänken und Strohstühlen so weich, als auf gepolsterten Sophas; schlief auf Laubsäcken recht sanft und ging in keinen kostbaren Kleidern einher, man war zu⸗ frieden, wenn sie sauber und geschmackvoll waren. Darauf verstand fich denn Suschen vollkommen. Alles war in ihrem Hause so schön, so nett, daß jedermann geschworen hätte, der Doktor habe die beste Einnahme von der Welt.Wie's nur die Leutchen anfangen mögen! rief Tante Sarah oft,es ist ein blaues Wunder!

Freilich gab's auch trübe Tage, wenn die Kasse leer war, und man wochenlang keinen harten Thaler im Hause gesehen hatte. Doch

dann tröstete man sich so gut man konnte, wenigstens damit, daß Tante Waldhorn reich und kränklich und alt war. Und war die Not am höchsten, so war immer die Hilfe am nächsten. Ein wahres, liebes Sprichwort.

2. Hoffende Erben.

Der Doktor und Suschen rechneten inzwischen viel zu kühn auf die Erbschaft von der Tante. Denn vorausgesetzt, aber nicht zugegeben, die teure Jungfrau wäre dem Tode nahe gewesen, so blieb doch noch die Frage, ob denn auch Jung⸗ frau Waldhorn ihre Nichte nebst Gemahl zum Universalerben erklären möchte? Zwar hatte dies seufzende Liebes- und Ehepaar die Erbschaft am nötigsten; allein es war noch eine andere Nichte nebst Gemahl, nämlich dem Advokaten Zange, und zwei Neffen vorhanden, nämlich der Oberprediger Waldhorn und der Professor der der Philosophie gleichen Namens. Alle hatten so viel rechtliche Ansprüche, als Suschen und ihr Mann. Alle hofften mit derselben Sehn⸗ sucht auf die baldige Himmelfahrt der Jungfrau.

Der Philosoph Waldhorn hatte wohl dazu die wenigste Ursache. Er war reich genug, ließ sich seinen Braten und Wein gut schmecken, und philosophierte dabei ganz vortrefflich. Ein Beweis von seinem Scharfsinn ist sein nun zwar ver⸗ gessenes, damals aber unsterbliches Werk in fünf Bänden:Der Weltweise unter den Uebeln des Lebens, worin er bewies, daß es eigentlich in der Welt gar keine Leiden gäbe; daß aller Schmerz nur Einbildung sei, und man alles von der angenehmen Seite betrachten müsse.

In der That betrachtete er die Tante immer von der angenehmen, nämlich von der Geldseite. Er machte ihr fleißig Besuche, lud sie oft zu seinen Gastmahlen, schickte ihr allerlei fette Bissen in die Küche, und war daher auch ihr herzaller⸗ liebster Neffe.Ich habe zwar nichts übrig, sagte sie zuweilen,aber sollt' ich einmal mit Tode abgehen, so will ich an Sie denken, liebster Neffe! Das hörte der Philosoph gern. Er hoffte, die Erbschaft allein an sich zu ziehen, und alle seine Nebenbuhler zu verdrängen.

Wohl wär's ihm mit seiner Philosophie ge⸗ lungen, wenn nicht sein Vetter, der Oberprediger Waldhorn, vermöge der Theologie großen Einfluß auf die Tante gehabt hätte. Sie war äußerst fromm und gottesfürchtig, und verachtete die Eitelkeit der Welt; besuchte die Betstunden der Frommen, wo das geistliche Waldhorn oft über⸗ laut ertönte; nahm gern den Besuch des heiligen Vetters an, der mit ihr betete und ihr ziemlich deutlich machte, daß sie ohne seine Hilfe kaum selig werden könne. Wenn sie seufzend, und mit naßgeweinten Augen aus den Erbauungsstunden des Herrn Vetters kam, versicherte sie ihn, daß er der Retter ihrer Seele, ihr allergrößter Wohl⸗ thäter sei: daß sie ihm noch in ihrem letzten Stündlein danken werde. Das hörte der Theolog recht gern.Die Universalerbschaft kann mir nicht entgehen! dachte er,oder es wäre, wie die gottesfürchtige Tante zu sagen pflegt, ein blaues Wunder!

Wohl hätte er nicht falsch gerechnet, wenn nicht sein Vetter, der Advokat Zange, vermöge seiner Rechtsgelehrsamkeit, für die Tante einer der wichtigsten Menschen gewesen wäre. Jungfer Sarah verachtete den Mammon der Welt zwar von Herzen, und bedauerte die irdisch gesinnten Weltkinder, die daran hingen. Doch aus eben dem Grunde suchte sie nach nach allen Kräften die Weltkinder von besagtem Mammon, oder den Mammon von ihnen abzuziehen. Sie lieh näm⸗ lich Geld auf artige Zinsen und auf Pfänder aus, und arbeitete so redlich für das Seelenheil derer, die von ihr Geld borgten, daß diese immer ärmer wurden.Selig sind die Armen! rief sie, wenn sie sich Zins auf Zins zahlen ließ; käm' es auf mich an, die ganze Stadt müßte bettelarm sein, um das Himmelreich zu ererben, oder es wär' ein blaues Wunder. Je weniger man hier im Leben hat, um so größer ist die Begierde nach dem da droben.

Nun geschah es oft, daß die fromme Jung⸗ frau in ihrem Liebes⸗ und Tugendeifer zu weit ging, und wegen Unterpfänder und Zinsen, oder mit bösen Schuldnern in Streit und Prozeß