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Nr. 1.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

nicht selten seine Macht und Hilfe, die oft be⸗ wundernswert waren. Ganz besonders zeigte aber unser lieber Heiliger bei den Prüfungen, wie mächtig er bei Gott ist. Wir maturierten in Prag da unsere Privatanstalt bisher kein Oeffentlichkeitsrecht besitzt, es prüften uns lauter unbeka nte Herren Professoren, weshalb wir uns vertrauensvoll an unseren Heiligen um Hilfe wendeten, wofür eine jede von uns irgend ein Geldopfer für seine Armen ver⸗ sprach. Und stehe! Uuser mächtiger Beschützer ließ sich nicht beschämen, denn er half uns be⸗ wunderungswürdig. Wir sagen dem heiligen Antonius von Padua dafür nochmals unseren herzlichsten Dank und versprechen, unter den uns Lehrerinnen anvertrauten Kindern stets die Ehrfurcht vor ihm zu verbreiten. Dem treuen Schutze des großen Wunderwirkers, des heiligen Antonius von Padua, empfehlen sich: Die gewesenen Zöglinge des Klosters der ehr⸗ würdigen Schwestern des heiligen Dominikus in Reptschin bei Olmütz. Solche Erfolge könnten die schneidigen Korpsstudenten, denen Wissenschaft und selbst ein gelindes Examen ein Gräuel ist, am Ende noch ver anlassen, katholisch zu werden. Neuer Duellmord.

* Ein Duell mit tödlichem Ausgang erfolgte zu Mülhausen im Elsaß im Tannenwald am vorigen Samstag Nachmittag. Die Unterleut⸗ nants Kißling, Ernst und Schlabitz, alle drei vom Infanterieregiment Nr. 112, standen sich mit Pistolen gegenüber. Schlabitz hatte die beiden Erstgenannten gefordert, weil sie ihn im Wiener Café beleidigt haben sollen. Das Ehrengericht bestimmte, daß die Offiziere sich duellieren mußten. Die Bedingungen waren die schwersten. Schlabitz verletzte mit der ersten Kugel Leutnant Kißling am rechten Fuße, Kißling dagegen traf seinen Gegner Schlabitz in die rechte Brustseite und sofort trat innere Verblutung und rascher Tod ein. Der Er⸗ schossene war 28 Jahre alt, seine Mutter, Witwe eines Rittmeisters, lebt in München.

Solange Duellanten nicht wie gemeine Mordbuben behandelt werden, wie sie es ver- dienen, hört die Duellmörderei nicht auf.

Ein Soldat als Mörder.

Der Fabrikant Lämmert in Köln, welcher von Soldaten des 16. Infanterieregiments überfallen und durch Bajonettstiche schwer ver letzt wurde, als er einem von den Soldaten belästigten Mädchen zu Hilfe eilte, ist, nachdem ihm ein Bein amputiert worden war, ge⸗ storben. Zur selben Stunde wurde auch der Mörder entdeckt in der Person des Infan⸗ teristen Rokosty, der sich einem anderen Infan⸗ teristen, Namens Keßler, zu Füßen geworfen und ihn flehentlich gebeten hatte, ihn nicht zu verraten. Diesen Vorgang hatte ein dritter Infanterist beobachtet, der alsbald Anzeige machte. Die Untersuchung ergab, daß Rokosty der Thäter war und Keßler dem Ueberfall bei⸗ gewohnt hatte. Beide wurden unter starker militärischer Bewachung in Arrest abgeführt. Der Oberst und Regimentskommandeur des 16. Infanterieregiments hatte bei der Suche nach dem Thäter auf Regimentsbefehl sämtlichen Kompagnien des Regiments eröffnet, daß kein Soldat, solange der Thäter, der als Angehöriger des Regiments bezeichnet wird, nicht ermittelt sei, beurlaubt werde. Dieses Verbot, das stch auf Mannschaften wie auf Offiziere erstreckte, ist nach der nunmehrigen Ermittelung des Mörders aufgehoben worden.

Kleine Mitteilungen.

* Gießen. Am Mittwoch Abend 8 Uhr erfolgte auf freier Bahn zwischen den Halte⸗ stellen Großen⸗Buseck und Reiskirchen der Strecke Gießen⸗Fulda ein Zusammen⸗ stoß zweier Lokomotiven, wodurch beide erheblich beschädigt wurden. Von den auf den⸗ selben befindlichen Beamten wurden zwei schwer, drei leicht verletzt. Die alsbald in Angriff genommenen Aufräumungsarbeiten wurden am Donnerstag Vormittag beendet, sodaß die Züge wieder ungehindert verkehren können. Die Untersuchung ist eingeleitet.

*r Gebildete Jugend. Der Gießener Polizeibericht meldet u. a.:In der Nacht vom Samstag auf Sonntag trieben mehrere Stu⸗ denten in einer Wohnung der Ludwigstraße beim Zechen ihr Allotria dadurch, daß sie Flaschen und sonstige Gegenstände nach den Fenstern einer Nachbarswohnung warfen; damit nicht genug, schlug einer der⸗ selben an der fremden Wohnung eine wertvolle Fensterscheibe mittelst einer Hacke entzwei. Werden das später patentierte Staatsstützen werden und über die zunehmendeVerrohung der Arbeiterjugend raisonieren!

n Schlitz. Zwecks Wahl eines Vor⸗ sitzenden muß am Sonntag Nachmittag eine Versammlung stattfinden. Es muß von vorn⸗ herein dafür gesorgt werden, daß nicht durch die Gleichgültigkeit eines Einzelnen das Auf⸗ blühen unseres jungen Vereins geradezu un⸗ möglich gemacht wird. Da unser Vorsitzender wiederholt nicht zur Stelle war, ihm also entweder das nötige Interesse oder die nötige Zeit mangelt, um seinen Posten richtig aus⸗ füllen zu können, müssen wir einen andern mit der Leitung des Vereins betrauen. Es wird um guten und pünktlichen Besuch der Versamm⸗ lung gebeten.

k Marburg. Der 58 Jahre alte Land⸗ wirt Joh. Jost Scheld und dessen Tochter aus Mirinshausen, Kreis Biedenkopf, standen wegen Blutschande vor dem Landgericht. Das Urteil lautet gegen den Mann auf 1 Jahr 5 Monate Zuchthaus, gegen das Mädchen aus 5 Monate Gefängnis, In Höringhausen, Amt Vöhl, schnitt sich eine Frau die Pulsader durch und hing sich noch obendrein auf. Der Tod trat schnell ein.

a Die alte Geschichte: Ein Land⸗ briefträger wurde wegen Unterschlagung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Diesmal vom Wetzlarer Schwurgericht ein Limburger Postsklave das ist der einzige Unterschied von all den früheren und den noch kommenden Fällen. Der Entschuldigungsgrund war wieder der bekannte: der arme Mensch konnte Frau und drei Kinder nicht ernähren bei einem täg⸗ lichenGehalt von 2,20 Mark!

* Verhafteter Poliz eikommissar. In Kiel wurde der Polizeikommissar Amelung wegen Verdachts des Meineids verhaftet, aber nach wenigen Tagen wieder entlassen. Die Uutersuchung wegen fahrlässigen Meineids ist eingeleitet. Amelung soll in einem Prozeß gegen den sozialdemokratischen Redakteur Lüt⸗ gens in Kielfahrlässig ausgesagt haben.

Arbeiterbewegung.

D. Eine Konferenz der Tabakar⸗ beiter von Gießen und Umgegend fand am ersten Weihnachtsfeiertag im Lokale des Herrn Orbig zu Gießen statt. Die Konferenz war von sechs Ortschaften besucht. Die Aufgabe der Konferenz bestand darin, Mittel und Wege zu finden, auch in denjenigen Ortschaften, wo noch keine Zahlstellen des Verbandes d. T.⸗A. bestehen, solche zu gründen. Es wurde etn Komitee von sechs Mitgliedern gewählt, dem die gesamte Agitation übertragen wurde. Weiter wurden für mehrere Ortschaften, wo noch keine Zahlstellen bestehen, die betreffenden anwesenden

Kollegen als Vertraueusmänner bestimmt. Be⸗

klagt wurde die Interesselssigkeit der hiesigen Kollegen und Kolleginnen. Wie dringend not⸗ wendig der Zusammenschluß ist, zeigt folgendes eine Beispiel, dem leicht weitere beigefügt werden können. Einem Arbeiter in einer Gießener Fabrik wurde am Samstag vor Weihnachten bei der Lohnauszahlung also gewissermaßen als Weinachtsüberraschung erklärt, daß ihm der Herr Prinzipal den seither ausbezahlten Lohn von 60 Pfg. pro Hundert nicht mehr ausbezahle, sondern nur noch 55 Pfg. Passe ihm das nicht, so könne er gehen! Der betr. Arbeiter fügte sich. Sein Lohnausfall beläust sich von nun ab auf ca. 1,30 Mk. pro Woche. Was dem erwähnten Arbeiter passierte, kann jedem einzelnen von uns passieren, wenn wir nicht, in einer starken Organisation ver⸗ einigt, im stande sind, der Willkür der Herren

Fabrikanten ein Ziel zu setzen. Nehmen wir uns deshalb ein Beispiel an der ausgezeichneten Organisation der Fabrikanten. Die wissen, daß Einigkeit stark macht sie stehen sich gut dabei und wir müssen die Zeche bezahlen. Wer da glaubt, seinen Beitrag zur Organi⸗ sationsparen zu können, ist im Irrtum. In Wirklichkeit spart er für die Fabrikanten und schädigt seine Kollegen. Hinein in die Organisation!

* Ein sonderbares Resultat haben in Chemnitz die Wahlen der Vertreter zur gemeinsamen Ortskrankenkasse gehabt. Während bei der Wahl der Arbeitgeber⸗ Vertreter die Gewerkschaftsliste mit 54 gegen 13 Stimmen siegte, sind die Arbeit⸗ nehmer⸗Wahlen zu Ungunsten der klassen⸗ bewußten Arbeiterschaft ausgefallen. Jeden⸗ falls haben sich die Arbeiter zu wenig um die Ortskrankenkasse gekümmert, weil sie zumeist noch den freien Hülfskassen angehören. Eine andere Erklärung dürfte es für den merkwür⸗ digen Wahlausfall im sozialdemokratischen Chemnitz kaum geben.

Partei ⸗Nachrichten.

Versammlungs⸗Kalender.

Sonntag, 31. Dezember:

Schlitz. Arb.⸗Ver. Nachmittags pünktlich 5 Uhr bei Heinrich Trier. Wahl eines Vorsitzenden.

Offenbach. Unser hiesiges Parteiorgan, das Offenbacher Abendblatt feierte amHeiligen Abend das Fest seines 25sährigeu Bestehens. Vor Weihnach⸗ ten im Jahre 1874 erschien die erste Nummer der Neuen Offenbacher Tageszeitung, wie das Blatt da⸗ mals genannt wurde. Es war ein sehr kleines Blatt und noch dazu anfangs nur ein Kopfblatt, das unter der Redaktion des Genossen Wilh. Blos gleichzeitig unter veränderten Titeln auch für Frankfurt sowie für Mainz erschien und in Frankfurt bei Gustav Laukert gedruckt wurde. Mancherlei Wandlungen, unter viel⸗ fachen Parteistürmen, machte das Blatt innerhalb der 25 Jahre durch. Im August 1875 übernahm Genosse Karl Ulrich die Redaktion und gleichzeitig wurde eine Genossenschafts⸗Druckerei in Offenbach gegründet, welche den Druck des Blattes besorgte. Unter der Leitung des Gen. Ulrich hat sich das Blatt allen Stürmen gewachsen gezeigt und überstand auch, allerdings unter den oft schwierigsten Umständen, das Sozialistengesetz. Mehr als zwei Jahre Gefängnis haben die verschiedenen verantwortlichen Redakteure insgesamt verbüßen müssen; Geldstrafen in hohen Beträgen hagelten nur so nieder. Aber die Kämpfe waren nicht vergebens und der beste Beweis, welche Erfolge von unserer Partei inzwischen hier errungen wurden, ist die erfreuliche Thatsache, daß am 23. Dezember der Antrag unserer Genossen im Stadtparlamente, die bürgermeisterlichen Bekannt⸗ machungen im Offenbacher Abendblatt zu veröffent⸗ lichen, einstimmig angenommen wurde; eine wohl⸗ verdiente Anerkennung zum 25. Geburtstage unseres Parteiorgans, dem wir ein weiteres Blühen, Wachsen und Gedeihen von Herzen wünschen.

Tetzte Nachrichten.

* Preußische Kultur in Ktautschou. Nachdem bekanntlich schon vor Jahr und Tag eine Verfügung über das Halten von Hunden erlassen und vor mehreren Wochen bereits der erste Preß beleidigungsprozeß stattgefu eden hat, der mit einer Verurteilung des Redaktenrs zu drei Wochen Gefängnis endete, wird jetzt über die erste Hinrichtung in Tsingtau berichtet. Der Hingerichtete war Mitglied einer chinesischen Räuberbande. Dergepachtete gelbe Lands⸗ mann wurde an einen Pfahl gebunden und in Gegenwart vieler Tausende unserer schlitzäugigen Freunde in Stinktau Pardon! Tsingtau von deutschen Soldaten erschossen. Sehr be⸗ dauerlich, daß deutsche Soldaten diesen traurigen Scharfrichterdienst versehen müssen.

* Köln. Außer den Kruppschen Werken ist nunmehr auch, wie verlautet, den Akkumula⸗ torenwerken von Gottfried Hagen in Kalk bet Köln englischerseits eine Kriegs bestellung zugegangen. Bei dem letzteren Werk handelt es sich um 40 Tonnen(800 Zentner) Blei⸗ kugeln, zu deren schleunigster Herstellung das Werk eine angestrengte Thaͤtigkeit entwickelt. J