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Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 31.
Der Marine ⸗Levy.
Von den Flottenschwärmern und Weltmachts— konfusionären wurde kürzlich die Ernennung eines Dr. Ernst von Halle zum sogenannten Marineprofessor an der Berliner Universität lebhaft begrüßt. Jetzt ist aber die Freude um einige Grad gesunken. Es hat sich nämlich herausg stellt, daß dieser in Marineenthusiasmus machende Herr gar nicht„von Halle“ heißt, sondern Levy!! Na, uud ein Levy kann den feudalen Judenfressern, die für Heer, Flotte und Ueberseepolitit schwärmen, natürlich nicht impo— nieren. Der arme Levy, der so eifrig zu be— weisen suchte, daß unsere Zukunft auf dem Wasser liegt, liegt nun schon im Wasser. Der gute Mann also heißt in Wirklichkeit Levy. Ein solcher Name ist heutzutage für einen streb— samen karrierelustigen Mann keine besonders gute Empfehlung. Levy taufte sich also um. Er schrieb seine Flotteneplstel als Hallenser Privatdozent zunächst als„Ernst Levy in Halle“, dann als„Ernst Levy-Halle“, dann als„Ernst Levy von Halle“ und zu guterletzt war er auf einmal der„Ernst von Halle“, er war der Ueberzeugung, daß es auch ganz gut ohne das „Levy“ ging. Ach und nun ist alles an den Tag gekommen. Nun hat der arme Flotten— Levy in— das Fettnäpfchen getreten.
Ganze Arbeit.
Die katholische„Märkische Volkszeitung“ ieht die logischen Folgerungen aus den An⸗ den des preußischen Kultus ministers Bosse und seiner journalistischen Helfershelfer. Sie meint, wenn man es schon nicht dulde, daß ein sozialdemokratischer Privatdozent außerhalb seines Berufes als bloßer Privatmann seine Gesinnung bethätigt, wie muß man erst mit den Professoren verfahren, die sogar auf dem Katheder selbst ihre umstürz— lerischen Lehren propagieren! Sie schreibt:
„Wie steht es aber mit den Anarchisten, die an den Universitäten nicht nur unbehelligt ihre Lehren vortragen, sondern dafür vom Staate auch noch hohe Gehälter beziehen— mit den Anarchisten, welche die höchste, die göttliche Autorität zu zerstören suchen? Werden die besorgten Verfechter der Staatsautorität und der„nationalen“ Jugenderziehung auch über diese sich entrüsten und deren Entfernung aus ihren Aemtern fordern? Seit Jahren ist die Welt Zeuge, wie vom Staate angestellte und bezahlte Professoren, darunter sogar solche der protestantischen„Gottes gelahrtheit“, an den Hochschulen der deulschen Jugend systematisch den Glauben an einen persönlichen, allmäch⸗ tigen Gott aus dem Herzen reißen, die ge⸗ offenbarten Glaubenswahrheiten als Menschenwerk, als Formelkram und Ammenmärchen hinstellen, die allenfalls noch Kindern und„Ungebildeten“ vorge— tragen werden könnten, für die aber der„Gebildete“ nur noch ein mitleidiges Lächehn haben könne. Ver⸗ geblich aber wartet man darauf, daß die Blätter, die jetzt in dem Fall Arons als die berufenen Wäckter der Staatsautorität sich aufspielen, die Entfernung solcher Anarchisten, gegenüber denen die
Sozialdemokraten die harmlosesten Waisen⸗
knaben sind, aus ihren Aemtern fordern.“
Die„Märkische Volks-Zeitung“ hat voll— kommen recht. Herr Bosse ist verpflichtet, den Fall Arons nur als ein kleines Vorgericht zu betrachten. Das Hauptmahl beginnt erst. All die materialistischen Aerzte, die Darwinistischen Naturforscher, die rationalistischen Philosophen, die philologischen Lehrer des klassischen Heiden— tums, die gottlosen Nationalökonomen, die un— gläubigen Geschichtsforscher und schließlich und scheußlich die liberalen Theologen— sie alle müssen gemaßregelt, wenn möglich gebraten werden. Sie alle bethätigen ihre Gesinnung, nicht blos als Privatmänner außerhalb ihres Berufs, sondern sogar auf demselben Katheder, den ihnen der Staat errichtet hat. Wohlan, die Scheiterhaufen geschichtet, das große Reine— machen hebt an!—
Um den Kanal. Der Kaiser hat den Dortmund-Ems-Kaual eingeweiht, und dabei ausgeführt, er hoffe be— stimmt, daß noch in diesem Jahre der Mittel— landkanal angefangen werden könne. Nun ist Holland in Not bei den Agrariern, die von diesen Kanalbauten nichts wissen wollen. Es steht alerdings wohl außer Zweifel, daß der Kaiser seinen Willen durchsetzt, denn kein Mensch
wird ernstlich glauben, daß die im preußischen Landtag sitzenden Junker und Landräte gegen den Willen des Kaisers opponieren werden. Es handelt sich bei diesem Kanal übrigens um ein Kulturwerk ersten Ranges.
Der Staat ist in Gefahr.
Nach dem erfolgten Verbot der gemein— samen demokratischen und sozialdemokratischen Gedenkfeier für die Opfer der Reaktion von 1840 in Baden hatten die Sozialdemokraten die Abhaltung einer geschlossenen Vereins⸗ feier zu dem gleichen Zweck beabsichtigt. Auf die entsprechende Anzeige erhielt der Vorsitzende des sozialdemokratischen Vereins vom Bezirks— amt die umgehende Mitteilung, daß auch diese Veranstaltung, ebenso wie„ein etwaiger Aufzug nach dem Friedhofe, sowie jede Ansammlung am Denkmal der Erschossenen verboten sei.“— Vor 50 Jahren wurden die Freiheitskämpfer niederkardätscht, jetzt wird die Versamm— lungsfreiheit unterdrückt. Auch ein Fortschritt seit einem halben Jahrhundert.
Sächsisches.
Ueber einen polizeilichen Uebergriff berichtet die„Sächs. Arbeiterztg.“ Danach wurde ein Fräulein Imle, das sich in Dresden aufhält, auf die Polizei geführt, und hier wurden ihr nicht nur alle möglichen Fragen über die anarchistische Bewegung vorgelegt— sie steht bei der Polizei im Verdacht der anarchistischen Gesinnung— sondern zuguterletzt wurde sie noch, nachdem ihr eine Nummer an der Brust be⸗ festigt war, photographiert. Hier haben wir also wieder ein Beispiel zwangsweiser Photographierung, die unseres Erachtens nur gegen Verbrecher zulässig ist.
Die Ueberflüssigkeit der Zuchthaus⸗ vorlage ist indirekt anerkannt worden durch ein Ge— richt in Mannheim. Es sprach drei Zim— merleute, die angeklagt waren, sich bei Gelegen— heit des dortigen Zimmererstreiks gegen§ 153 der Gewerbe-Ordnung vergangen zu haben, mit der Begründung frei, daß in dem Verhalten der Angeklagten keine Drohung im Sinne des Gesetzes sei. In dem Urteil wurde hervor— gehoben, daß der Gesetzgeber durch die hohe Strafe, die für ein verhältnismäßig geringes Vergehen in der Gewerbeordnung vorgesehen sei, den Gerichten die Pflicht auferlegt habe, derartige Fälle besonders genau zu prüfen und sich bei der Aburteilung in scharsen Grenzen zu halten. Wir und alle einsichtigen Sozialpolitiker haben stets darauf hingewiesen, daß die Arbeiter durch§ 153 der Gewerbeordnung schon unter ein Ausnahme⸗ gesetz gestellt und Handlungen mit hoher Strafe bedroht sind, die bei anderen Personen über— haupt nicht als strafbar gelten. Für um so unberechtigter mußten wir es erklären, daß man versucht, durch ein neues Ausnahmegesetz nicht nur neue Aubeiterstrafthaten zu konstruieren, sondern auch noch höhere und gar entehrende Strafen festzusetzen.— Es ist erfreulich, daß auch ein Gericht dieser Meinung unverhohlen Ausdruck giebt. Freilich sind die Gerichte zu zählen, die nach der Oeynhauser Rede den§ 153 nicht zum Anlaß schwerster Strafen nehmen. Der blasse Neid.
Die„Kreuzzeitung“ teilt ihren feudalen Lesern mit, daß unser Geuosse Dr. Leo Arons, der sonst regelmäßig mit Bebel und Singer jeden Monat 50 Mark für die sozialdemokratische Parteikasse spendete, im Juli 100 Mark ge⸗ geben hat. Wie muß das den Neid konser— vativer Parteigänger erregen! Ob wohl einer der junkerlichen Millionäre so viel in die kouser— vative Parteikasse stiftet?— Wir wollen übrigens feststellen, daß es sich bei den von Bebel und Singer regelmäßig monatlich abgeführten 50 Mk. um deren„Gehälter“ als Parteivorsitzende handelt. Sie sind gezwungen, diese„Ge— hälter“ anzunehmen, geben sie aber der Partei als regelmäßigen monatlichen Beitrag zurück.
Schule und Militarismus. Weil für drei zum Militär einberufene
Lehrer Stellvertreter nicht beschafft werden konnten, meldet eine Notiz aus Liebertwolkwitz kurz aber vielsagend, so muß der Unterricht in
hiesiger Volksschule, der am Montag wieder seinen Anfang genommen hat, wesentlich be— schränkt werden und zwar so, daß für einzelne Klassen der Unterricht an einem Tage der Woche für die Dauer des Monats August ausfällt. Besser können die segensvollen Wirkungen des Militarismus den Schulkindern jedenfalls nicht demonstriert werden.— Die Flunkersozialen.
Am 2. Oktober halten die um Naumann ihren sogenannten Parteitag in Göttingen ab. Das Programm enthält folgende Punkte: Ge⸗ schäftsbericht: Politischer Jahresbericht; Die Entwickelung des Staatsgedankens in Deutsch⸗ land; Der Schutz des gewerblichen Arbeits— verhältuisses; Das nationalsoziale Kommunal⸗ programm. Referenten sind: Fabrikant Koppel⸗ mann, Lehrer Damaschke, Pastor Wenck, Pastor Naumann, Professor Brentano und Professor Sohm. Nun fehlen noch einige Assessoren, Kalkulatoren, Registratoren und Choleratoren, dann ist die„Partei“ komplett, die die Sozial⸗ demokratie„ablösen“ will.
Frankreich.
In Paris und mehreren Vororten sind zahl reiche Verhaftungen solcher Personen vorge- nommen worden, von denen festzustehen scheint, daß sie gegen die Republik einen Handschlag versuchen wollten Es handelt sich um Mit⸗ glieder der Patriotenliga und der Antisemitenliga.
Der Dreyfus Prozeß.
Allem Anschein nach steht die Sache des Dreyfus gut. In dem nun seit zwei Wochen andauernden Prozeß in Rennes ist auch nicht eine einzige Thatsache festgestellt worden, die für Dreyfus belastend war. Diejenigen Zeugen, auf die die Revisionsgegner— das sind die antisemitischen Hauswürste um Déroulede, die „königlich gesinnte Jugend“, die Generalstäbler⸗ klique und die Jesuiten— ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, haben kläglich abgeschnitten. Die Wut der Feinde der Republik ist daher grenzen los. Und als am Montag dieser Woche einer der Verteid ger des Dreyfus, der Advokat Laborit meuchlings angeschossen wurde, da war alle Welt überzeugt, daß es sich um ein Werk der Revisiousfelude handelte, die selbst vor dem Meuchelmord nicht zurückschrecken.
Ueber das Attentat auf Labori wurde fol⸗ gendes am vorigen Moautag aus Rennes be— richtet:
Labori wollte mit seiner Frau das Lyceum betreten, als Schüsse sielen, von denen einer ihn traf. Der Atten⸗ täter, der noch unbekannt ist, entfloh. Labori, von seiner Frau unterstützt, mußte sich auf dem Boden niederlassen. Die Schüsse zogen Publikum aus dem Sitzungssaal herbei, darunter die Polizei⸗Kommissare Viguie und Hennion; sie fanden Labort auf dem Boden ausgestreckt und von seiner Frau gehütet. Man bestürmte sie allseits mit Fragen; Frau Laborie erzählt das Vor⸗ gefallene in kurzen Sätzen.— Labori sagte:„Ich habe eine Kugel in den Rücken erhalten.“ Die Umstehenden äußerten ihre Entrüstung und Mitgefühl. Laboci ant⸗ wortete:„Das macht nichts, sie sind zu feige, um zum Ziel zu gelangen.“ Da verließ ihn das Bewußtein.
Dieser Schuß eines feigen Meuchelmörders kennzeichnet die Situation in Frunkreich mehr als alles andere, was in diesen Tagen geschehen ist. Daß die Wahrheit nicht an den Tag komme, hat die Fälscherbande jahrelang alle Hebel in Bewegung gesetzt. Nun, da die Zeit gekommen scheint, wo der Wahrheit zum Siege verholfen wird, wo die Verhandlungen in Rennes immer deutlicher zeigen, daß das ganze Lügen.: gebäude der Generalstäbler zusammeubrechen müsse und die Fälscher die Strafe erreichen werde— jetzt, wo die Mittel des Lugs und Trugs nicht mehr ausreichen, wird zur Pistole gegriffen und ein fanattssierter Schurke schießt den Verteidiger nieder, damit der um seine Freiheit Kämpfende ohne den Schuß eines Rechtsanwalts dastehe. Was Fälschungen nicht vermochten: den Gang der Gerechtigkeit aufzu⸗ halten, das soll jetzt die Pistole erreichen, der Meuchelmord.— 9
Noch ist nichts über die Persönlichkeit des Thäters bekannt; nicht einmal das weiß der Telegraph zu melden, ob der Meuchelmörder festgenommen ist. Die Verantwortung aber für das Verbrechen tragen die gewissenlosen Subjekte,
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