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Nr. 34.
Gießen, Sonntag, den 20 August 1899.
5. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Durch eigene Arbeit wird man nicht reich.
O Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, d. h. unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise, kann man durch eigene Arbeit nicht mehr, als das zum Leben Not⸗ wendige verdienen. Ein Blick in die Ein⸗ kommen⸗Statistik beweist dies. Wer in Preußen unter 900 Mk. jährlich verdient, bleibt steuerfrei. Von denjenigen, welche ein Einkommen von mehr als 900 Mk. haben, wurden 1896/7 in Preußen 2321424 Zensiten mit 9003000 Mk. Einkommen gezählt, während nur 331091 Per⸗ sonen ein jährliches Einkommen von mehr als 3000 Mk. aufzuweisen hatten. Die große Masse des arbeitenden Volkes in Preußen bezieht ent⸗ weder ein Einkommen, das überhaupt nicht sieuerpflichtig ist, weil es hinter 900 Mk. zurück⸗ bleibt, oder es hat nur ein Einkommen bis zu 3000 Mk., ein Betrag, der, unter Berücksichti⸗ gung der sozialen Lage der Steuerpflichtigen (der kleinen Kaufleute, Gewerbetreibenden, Be⸗ amten u. s. w.) lediglich zur Deckung der Kosten für die erforderlichen Lebens bedürfnisse reicht. Ausgaben für Luxus gestattet ein solches Ein⸗ kommen nicht.
Nur die rund 300000 Menschen in Preußen mit höherem Einkommen genießen die Annehm— lichkeiten des Lebens; unter ihnen die Millionäre mit ihren Riesenvermögen. Da finden wir Rothschild in Frankfurt a. M. mit einem Ver⸗ mögen von 215 Millionen, Krupp mit 128 Mil⸗ lionen. Rothschilds jährliches Einkommen be⸗ trägt über 6 bis 7 Millionen, Krupp„verdient“ durch seine 41750 Arbeiter über? bis 8 Millionen, König Stumm„verdient“ jährlich 2 bis 3 Millionen Mark.
Man sieht, will man Geld verdienen, dann genügt die eigene Arbeitskraft nicht. Sie ge⸗ währt nur soviel, um das Leben zu fristen. Man muß andere Leute„beschäftigen“, d. h. ausbeuten. Je mehr Leute man ausbeutet, um so größer der„Verdienst“. Alle die großen Einnahmen der Kapitalisten sind das Produkt der Arbeit Anderer, und zwar derjenigen, welche mit des Lebens Notdurft zu kämpfen haben. Was auf dem Wege der In- dustrie, des Handels, der Spekulation und der Finanzoperation angesammelt wird, ist das Produkt der Arbeitskraft Anderer. Zins, Profit, Grundrente und Spekulationsgewinn sind nicht das Produkt der Arbeit derjenigen, welche solches Einkommen genießen, sondern das Produkt von anderer Leute Arbeit. Und so muß und wird es bleiben, so lange das gegenwärtige wirt— schaftliche System, die Ausbeutung der arbei⸗ tenden Klasse, nicht beseitigt wird.
Gewiß giebt es viele, welchen Ausdrücke wie „Ausbeutung der Arbeit“ Verdruß bereiten. „Arbeite ich nicht schwer?“ wird der reiche Kaufmann fragen.„Ist meine Arbeit keine Arbeit?“ ruft der vielbeschäftigte Advokat ent⸗ rüstet. Ja, sie mögen schwer arbeiten, aber
vom volks wirtschaftlichen Standpunkt kann blos
notwendige Arbeit als nützliche Arbeit angesehen werden, d. h. Arbeit, welche für die Allgemein⸗ heit notwendig ist. Wenn der Schuhmacher einen Schuh macht, so ist ein Schuh mehr
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Schuh durch ein Dutzend Hände von Zwischen⸗ händlern geht, so bleibt es immer derselbe Schuh, und nichts Neues wird durch Kauf und Verkauf geschaffen, welchen Nutzen auch ein Einzelner dabei haben mag. Wenn ein Reisender einem Händler 10 Dutzend Schuhe verkauft, so be⸗ deutet das blos, daß ein Anderer sie nicht verkauft hat, aber es bedeutet nicht, daß im großen Ganzen 10 Dutzend Schuhe mehr ge⸗ fertigt urd verbraucht werden. Die Arbeit des Advokaten ist nutzlos für die menschliche Gesell⸗ schaft, denn sie dient zum großen Teil nur zur Schlichtung von Streitigkeiten, welche die Gesell⸗ schaft nichts angehen und bei einem besseren Gesellschaftssystem nicht vorkommen würden. Die Arbeit des Arztes dagegen ist nützlich, denn körperliche Gesundheit der Einzelnen kommt der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft zu Nutze. Diese Beispiele ließen sich beliebig ver⸗ mehren. Alle auf Spekulation verwandte Arbeit ist unter dem zersplitterten Privatwirtschafts⸗ system der Gegenwart zwar erklärlich, aber nutzlos, denn sie erzeugt und leistet nichts, sondern spielt nur Fangball mit den vorhandenen Werten. 1495
Nun ist es unter der Herrschaft des Kapi⸗ talismus, d. h. bei der Art und Weise, wie produziert wird und wie der Austausch der Produkte stattfindet, nicht nur der Fall, daß ungeheure Mengen von Arbeit geradezu ver⸗ geudet, nutzlos zum Fenster hinaus geworfen werden, sondern es ist thatsächlich so, daß die nützliche Arbeit von der nutzlosen ausgebeutet wird. Die wirklich nützliche, weil notwendige Arbeit, wird schlecht bezahlt, und die nutzlose Arbeit lohnt sich am besten. Auf die Dauer würde dieses System die ganze Kultur in Frage stellen, die arbeitende Menschheit hätte, ohne Aussicht, jemals ihre Lage verbessern zu können, für alle Zeiten im Interesse einer kleinen Minder⸗ heit zu frohnden.
Wenn unsere Gegner, Konservative, Anti⸗ semiten, Liberale u. s. w., behaupten, daß die gegenwärtige Gesellschafts-Ordnung bleibenden Bestand haben werde, so heißt das nichts anderes, als daß sie keinen anderen Zustand sich denken können und haben wollen, als denjenigen, welcher für die Mehrzahl der Menschen stete Armut und Lohnsklaverei bedeutet. Die Sozialdemokratie hat es sich aber zur Aufgabe gemacht, das Klassenbewußtsein des Proletariats zu wecken, ihm klar zu machen, daß nur es selbst sein alleiniger Erlöser sein kann, und daß es von allen anderen Parteien nichts zu erwarten hat, weil diese an der Erhaltung der gegenwärtigen Zustände interessiert sind. Das Volk soll unter einem steten Drucke gehalten werden, damit es nicht zur Besinnung kommt; es soll ihm nicht zum Bewußtsein kommen, daß es von der Teil⸗ nahme an allen Genüssen der Kultur, die es selbst unablässig schafft, ausgeschlossen ist. Dieser Kulturgenüsse wird es aber erst teilhaftig werden, wenn es in den Besitz der sie erzeugenden Produktionsmittel gelangt ist. Wir erstreben daher die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln in ge⸗ sellschaftliches Eigentum und, um dieses Ziel zu erreichen, wollen und müssen wir zunächst in den Besitz der politischen Macht gelangen.
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Politische Rundschau.
Gießen, den 18. August.
Nach 30 Jahren!
Am 7. August waren es genau dreißig Jahre, daß in Eisenach der erste deutsche sozialdemokratische Arbeiterkongreß stattfand, dem die deutsche sozial demokratische Partei ihren Namen, ihre Organisation, ihr erstes Programm zu verdanken hat. Dreißig Jahre! Welche Un⸗ summen von Arbeit sind in diesem Zeitraum für die Arbeitersache geleistet worden, wie viel. Tausende von aufopferungsfreudigen Arbeitern haben in dem Kampfe um die Befreiung des Proletariats aus der Knechtschaft des Kapitals ihr Alles, Gut und Gesundheit eingesetzt und verlore! Welcher Entwicklungsgang liegt hinter uns! Etwa 100000 Arbeiter hielten damals in Deutschland zur sozialdemokratischen Sache, heute sind es dreißigmal so viel. Damals hatte man außer dem„Volksstaat“ noch den„Sozial- demokrat“ in Berlin, also zwei politische Blätter, die zudem noch nicht einmal täglich er⸗ schienen, heute zählt man deren 72. Damals von einer gewerkschaftlichen Organisation au⸗ Spuren, heute 500 000 organisierte Arbeiter und 55 Gewerkschaftsblätter. Damals zwei Abge⸗ ordnete im Parlament, heute 57, ohne die Ver⸗ treter in den Einzellandtagen, in den Gemeinde— räten, Gewerbegerichten u. s. w. Ein Blick auf die Entwicklung muß einen Jeden mit freudigem Stolze erfüllen. Eine Sa te, die trotz aller Anfeindungen, Schmähungen, Verleumdungen und Unterdrückungen solche Fortschritte gemacht, eine Sache, für die so gekämpft worden ist, muß siegen.
Der beste Friedenskongreß.
Vor etwa 14 Tagen hat der Kaiser in Kiel das amerikanische Kongreßmitglied für Chicago, Foß, in Begleitung des amerikani⸗ schen Marine⸗Attaches Beehler an Bord deer „Hohenzollern“ empfangen und in einer drei⸗ viertelstündigen Unterredung folgendes Flotten⸗ programm entwickelt: g
„Früher war es die starke deutsche Land⸗ macht, welche die hauptsächlichste Stütze des europäischen Friedens war. Die Zukunft der Nationen liegt jedoch auf dem Ocean, und eine jede Macht muß dauach trachten, auf dem Ocean so stark zu werden, daß sie ihre Interessen dort gebührend wahr—⸗ nehmen kann. Die Vermehrung der deutschen Flotte bedeutet durchaus keine Bedrohung irgend einer anderen Nation. Denn je stärker eine Nation zur See ist, um so mehr wird sich jede andere Nation bedenken, ehe sie zu Feindseligkeiten übergeht. Eine Vermeh⸗ rung der Flotte ist al so in Wirklichkeit der beste Friedenskongreß.“
So, wenn auch nicht wortgetren, so doch siungemäß, lautete nach dem„Berl. Tagebl.“ die Aeußerung des Kaisers. Diese kaiserliche Kritik der Haager Friedenskonferenz reiht sich den übrigen Epilogen, die deutsche Delegierte und deutsche Offiziöse zu der Friedenskonferenz geliefert haben, an. Warum aber hat sich denn Deutschland überhaupt an der Abrüstungs⸗
konferenz beteiligt, wenn an den maßgebensten Stellen die Ueberzeugung vorherrscht, daß die weitere Flottenvermehrung, also die Weiter⸗ rüstung die beste Abrüstung ist?


