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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 47.

seiner tiefgefurchten Stirn liegt ein düsterer Schatten von Kummer und Weh.

Er hat heute die 1 Arbeitslust ver⸗ loren!... Sein Weib wird immer kränker, schwächer und die hungrigen Kinder schreien nach Brot... Den kärglichen Lohn haben die Auslagen für Arzt und Apotheker längst aufgezehrt... Hunger und Not pochen an die Thür... Und er selber Immer nur freudlos sich rackern und plagen für die Andern für die Reichen... um ein paar elende Groschen... Um den Sklavenlohn! ... Immer dastehen, von früh bis abends, vor den flimmernden, surrenden Rädchen und Spindeln, die abgerissenen Fäden wieder knüpfen, mit der schwielenbedeckten Hand... Gänz⸗ licher Stillstand der Gedanken, die die Auf⸗ merksamkeit ablenken könnten... eine Maschine unter Maschinen!.

... Da läßt sich die Stimme des Auf⸗ sehers hinter ihm vernehmen:Karger, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, der Herr hat Sie entlassen; abends nach der Arbeit sollen Sie sich den Lohn holen... Sie wissen ja, wegen gestern, in der Versammlung. 5

... Als hätte der Blitz vor ihm ein⸗ geschlagen, steht der Arbeiter da... Entlassen! . Brotlos!... Das schleichende Gespenst des Elends, mit hohlen Wangen, reckt die knochigen Arme nach ihm und den Seinen. Er wird ein Arbeitsloser sein, jetzt im Winter ohne Obdach, ohne Brot!... Allmächtiger! ... Und die kleinen, unschuldigen Würmer sollen dafür büßen, daß sie arm geboren wur⸗ den?... Wo sollte er jetzt Arbeit finden?! ... Ertsetzlich!

Bleich wie der Tod steht er vor dem Spinn⸗ stuhl. Er sieht nur ein wirres Durcheinander pon Fäden und Rädern... Sterben blitzt es ihm durch den Kopf erlöst sein von all' der Mühsal, allen Sorgen! Nichts mehr

hören und sehen von dem gräßlichen Elend, das in allen Ecken kauert!.

Ja das ist es, was er sich wünscht: Sterben!

Und wie zur Antwort tönt es aus dem Motor entgegen: Sterben!... Sterben schnurren die klappernden Rädchen, keuchen die hastenden Riemen... Sterben, sterhen!

Es zieht ihn mit unbezwingbarer Gewalt hin zu der brausenden Maschine, die mit rapider Schnelligkeit ihre Arbeit verrichtet Jetzt neigt er langsam den Kopf nach vorn.. dann, ein plötzlicher Ruck... ein entsetzlicher Schrei gellt durch den Arbeitsraum... und hoch oben im Schwungrad hängt ein blutender, verstümmelter Körper..

... Friedlich und summend spinnen die Rädchen, zittern die Fäden... die Spinn⸗ stühle klappen auf und zu... als ob nicht eben ein blühendes Menschenleben für immer zerstört worden wäre.

** *

... Was wollen Sie denn schon wieder? ... Kann ich denn keinen Moment Ruhe haben?... Also rasch... ich habe keine ei

Herr Baumann, ich wollte nur melden, daß ein Unglück geschehen ist. Der Karger ist in die Maschine gekommen wie, das wissen wir nicht... und wurde von ihr getötet...

So?... Und das hat solche Eile.. Hoffentlich bin ich doch nicht schuld daran! ... Oder soll ich ihn vielleicht wieder lebendig machen?... Wahrscheinlich hat der Kerl noch einen Rausch gehabt von gestern. Natür⸗ lich, jetzt werden diese Hetzer wieder ein Geschrei erheben... das paßt ihnen gerade.. Und diese Scherereien, die man wegen so eines Menschen noch hat... hundertmal zur Polizei und zum Gericht laufen!... Na, lassen Sie

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ihn zuhause tragen und beruhigen Sie die Leute unten.. ich werde dann später selbst nach⸗ sehen kommen... Hm.. an der Maschine ist doch hoffentlich nichts geschehen, wie?

.. Nach einer Weile ist der Herr Chef wieder in das Lesen seiner Zeitung vertieft. Mein Gott wegen so eines Stückchens von diesemlebendigen Arbeitsmaterial wird man sich doch nicht stören lassen!.. Lächerlich!...

*

* *

... Dumpf fallen die Schollen auf den einfachen Sarg, den man eben in das kühle Erdreich hinabgelassen hat.

Ein e de Schluchzen kommt von den Lippen des schwachen, siechen Weibes, dem das ungerechte Geschick den Gatten, den Kindern den Ernährer erbarmungslos entrissen hat.

Ringsumher die Trauernden, in achtungs⸗ voller Scheu vor der Majestät des Unglücks, stille Gebete murmelnd.

... Dann kehren ste heim in die ärmlichen Behausungen... in Gedanken erwägend, wer von ihnen wohl der Nächste sein wird in der Reihe der Opfer schonungsloser, gieriger Aus⸗ beutung

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