6. Jahrg.

Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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. 2. Gießen, Sonntag, den 8. Januar 1899. jacht. Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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vorsicht beim Abschlußz von Versicherungen.

8. Ein Gesetzentwurf über die privaten Versicherungsunternehmungen soll eine Lücke der Gesetzgebung ausfüllen, die sich immer nachteiliger fühlbar machte.

Das wesentliche des Entwurfs ist das Prinzip der Staatsaufsicht über die Versicherungs⸗ anstalten und das Konzessionssystem als Grundlage der Regelung. Als aufsichtsführende Reichsbehörde soll einKaiserliches Privat⸗Ver⸗ sicherungsamt mit dem Sitz in Berlin ernannt werden. Die Aufsicht ist so gedacht, daß sie nicht lediglich die Einhaltung der durch Reichs⸗ gesetz und Satzungen gegebenen Bestimmungen überwachen, sondern das Entstehen solcher Anstalten hindern soll, die von vornherein des Vertrauens un würdig erscheinen; ferner soll bei allen zugelassenen Anstalten fort⸗ laufend der gesamte Geschäftsbetrieb im Auge behalten und darüber gewacht werden, daß von dem genehmigten Geschäftsplan nicht abgewichen wird und in der Geschäftsführung keine Miß⸗ bräuche Platz greifen.

Wer das private Versicherungswesen einiger⸗ maßen kennt, wird nicht in Abrede stellen, daß es, wie alles, was kapitalistisch betrieben wird, mit manchem faulen Fleck und wunden Punkt behaftet ist.

Dahin gehört vor allem die Art der Akquisition(Gewinnung von Mitgliedern) mittels Inspektoren und Agenten. Beide Kategorien unterscheiden sich in der Regel so, daß die Agenten von der Gesellschaft gar keinen Gehalt beziehen, sondern lediglich auf die Provision aus der gemachten Akquisition an⸗ gewiesen sind, während die Inspektoren daneben auch ein Fixum haben und außerdem ein Prozentsatz der Prämien vom Inkasso ihnen zufließt. Unter den Agenten selbst sind wieder solche zu unterscheiden, welche die Akquisition bloß nebenher betreiben, und eigentliche Berufsagenten. Die letzteren rekrutieren sich großenteils aus schiffbrüchigen Existenzen, denen die Treibjagd für eine Versicherungsgesell⸗ schaft die letzte Zuflucht ist, etwas zu verdienen. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Reiseonkels, die nur in einem beschränkten Personenkreisar⸗ beiten können, ist ja für die Versicherungs⸗ agenten jedermann jagdbares Wild.

Es ist ganz natürlich, daß die allein von der Provision neugewonnener Mitglieder lebenden Agenten nicht alleinmit allen Malicen ihr Metier betreiben und aufdringlich sind wie Schmeißfliegen, sondern daß manche auch recht wenig skrupulös sind in ihrem Gebahren, indem sie mit zweideutigen oder auch eindeutigen Worten 2 nicht vorhandene Vorteile vorspiegeln und

ie Nachteile verschweigen oder möglichst ver⸗ tuschen. Außerdem aber werden durch sie nicht selten Personen zum Beitritt überredet, die leicht in die Lage kommen, die eingegangene Ver⸗ * nämlich die pünktliche Bezahlung der Prämie, auf die Dauer nicht einhalten zu können, was zur Folge hat, daß sie der eingezahlten Summen wo nicht ganz, so doch teilweise ver⸗ lustig gehen.

Gewisse Versicherungsanstalten haben beson⸗ ders die Arbeiterkreise auf's Korn ge⸗ nommen. Wie sie es anpreisen, schilderte kürzlich ein süddeutsches Blatt: Arbeiter und Angestellte werden von den Agenten in den Wirtschaften aufgesucht, wo sie öfters einkehren. Der Wirt, einzelne Stammgäste, sowie Freunde dessen, der angeworben werden soll, werden vorher ersucht, bei der Ueberredung mitzuhelfen, und so wird der Betreffende endlich dazu gebracht, eine Ver⸗ sicherung einzugehen. Kommt nun ein derartig Versicherter anderen Tages zu der Ueberzeugung, daß er nicht halten kann, was er unterschrieben, und geht zum Agenten, um die Sache rückgängig zu machen, so wird ihm gesagt, er könne nicht mehr zurücknehmen, was er unterschrieben habe, und müsse im Falle des Verzichtes auf die Ver⸗ sicherung eine Jahresprämie bezahlen. Und wirklich wird er, wenn er es auf gericht⸗ liche Klage ankommen läßt, aufgrund einer Stelle des gedruckten Teils der Deklaration zur Zahlung verurteilt. Auch der Kniff wird angewendet, daß die Generalagenten und Inspektoren beson⸗ ders in Arbeiterkreisen bekannte Persönlichkeiten als ihre Unteragenten anzustellen suchen, mit dem Versprechen eines Anteils der Provision für jedenzur Strecke Gebrachten. Die betreffende Persönlichkeit läßt sich wohl selbst von der Zungenfertigkeit des Agenten einreden, daß er zum Besten der Angeworbenen handle.

Eine Gesellschaft, die namentlich in sogen. Volksversicherung macht, hat sogar einen regel⸗ rechten Fangplan herausgegeben, den sie an⸗ scheinend wohl nur an diejenigen ihrer Agenten verausgabte, die nichtgerissen genug erschienen. In diesem Fangplan wird genau geschildert, wie'sgemacht werden muß.

Alle Arten Zwiegespräche sind skizziert, in denen natürlich der Agent dem zu Fangenden immer klipp und klar beweist, daß er als ver⸗ nünftiger Mensch unbedingt sich oder die Seinen versichern muß. Ja, es werden sogar in diesen Verhaltungsmaßregeln Fingerzeige gegeben, wie man am besten mit Frauen anbandeln kann. Das soll am leichtesten sein, wenn die Agenten zunächst sich bei den Kindern anfreunden, denen sie Zuckerwerk spendieren sollen u. s. w

Es ist daraus zu ersehen, daß mit gar ge⸗ fährlichen Waffen den geringen Leuten zu Leibe gerückt wird

Wir sind nun der Meinung, daß Arbeiter, die keine andere Einnahme haben als ihren kärglichen Arbeitslohn, und niemals sicher sind, entlassen und auf wer weiß wie lange beschäftigungslos zu werden, gut thun, sich jeden Versicherungsagenten, der sie anzuwerben kommt, zehn Schritte vom Leibe zu halten, auch wenn sie momentan einen besseren Verdienst haben, der ihnen die Zahlung der Prämie ermöglicht; denn wie leicht kommen sie in eine andere Lage und dann können sie die Prämie nicht mehr zahlen und das Ein⸗ gezahlte ist ganz oder zum Teil verloren. Arbeiter, die imstande sind, etwas zurückzulegen, fahren unstreitig weit besser, wenn sie das Er⸗ übrigte in Sparkassen anlegen.

Den armen Teufeln von Agenten darf man für unsaubere Manipulation nicht die Hauptschuld beimessen. Diese fällt gewöhnlich den Gesell⸗

schaften resp. den Verwaltungen zur Last, die genau wissen,wie's gemacht wird, und die es sich gefallen lassen, aber die Hände in Unschuld waschen, wenn man ihnen Vorwürfe macht. Wohl weisen sie darauf hin, daß die Agenten verpflichtet sind, die Versicherungsnehmer vor Unterschrift des Vertrags auf die Eventualitäten aufmerksam zu machen. Sie wissen aber auch recht gut, wie leicht es provisionshungrigen Agenten gelingt, alle Bedenken unerfahrener Personen hinwegzuschwatzen und zur leichtfertigen Unterschrift des Versicherungsvertrags zu über⸗ reden. Also Vorsicht!

Politische Bundschau.

* Gießen, den 6. Januar.

Ihr zehnjähriges Jubiläum feierte am Jahresschluß die Sozialdemokratie Oesterreichs in ihrer jetzigen Gestalt. Nachdem die Masse der österreichischen Arbeiter sich dem Banne anarchistischer Lehren entzogen hatte, traten am 30 Dezember 1888 in Hain⸗ feld 110 österreichische Parteigenossen zusammen und legten den Grund zu der bestehenden Or⸗ ganisation der Arbeiterpartei Oesterreichs.

Wir beglückwünschen die Bruderpartei zu dem Mut und der Thatkraft, welche sie in ununter⸗ brochenem Kampfe bewiesen hat und wir werden als treue Kameraden allezeit zu ihr stehen,als wär's ein Stück von uns.

Sozialdemokratie und Agrarfrage.

Die seit längerer Zeit angekündigte Schrift Kautskys, betitelt:Die Agrarfrage. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirtschaft und die Agrarpolitik der Sozial⸗ demokratie ist jetzt als ein stattlicher Band von 455 Seiten im Verlage von J. H. W. Dietz in Stuttgart erschienen. Wir werden das Werk Kautskys in derMitteld. S.⸗Ztg. eingehend würdigen. Allerdings kann das nicht von heute auf morgen geschehen. Ein fünfthalb Hundert Seiten starkes Werk, das eine solch große Fülle von Material bietet, läßt sich nicht im Hand⸗ umdrehen bewältigen. Unsere Gegner sind in dieser Beziehung allerdings weit flinker als wir. Kaum ist der Titel des Werkes bekannt, kaum hat derVorwärts einige Zitate veröffent⸗ licht, da wissen die neunmal weisen Sozialisten⸗ fresser schon den Stab über die fleißige Arbeit unseres Genossen Kautsky zu brechen. So täuschen sich die Schlauköpfe stets selbst, stecken den Kopf in den Sand und wundern sich bei jeder neuen Wahl, wo all die vielen sozial⸗ demokratischen Stimmen herkommen. Warum haben wir Sozialdemokraten so außerordentlich große Erfolge aufzuweisen? Weil wir uns befleißigen, unsere Gegner genau zu stu⸗ dieren und sie dann aufgrund unserer erwor⸗ benen Kenntnisse dort packen, wo sie am leichtesten verwundbar sind. Unsere Gegner machen es umgekehrt. Sie warnen vor dem Studium der Sozialdemokratie, lernen uns nie kennen und bekämpfen uns dann so, wie wir gar nicht sind. Zunächst also etwas lernen, ehe ihr uns am Zeug flicken wollt. Allerdings ist's dann, wenn die Gegner gelernt