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Nr. 39.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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erhob sich und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett. Die Kranke öffnete die Augen und traurig sagte ste:„Mutter ich habe soeben an dich e So saß nun Frau Merkel, bis die Besuchszeit abgelaufen war und hielt die unverletzte linke Hand in der ihrigen, denn der rechte Arm war bis zum Ellbogen abgetrennt. Zum Abschied strich sie ihrem Kinde über die blonden Locken, um die es schon oft beneidet worden war. 5
Und dann stand sie wieder draußen am Gartenzaun, und immer und immer wieder schweifte ihr Blick hinüber zu dem Gebäude, das ihr Liebstes barg. Langsam, als schleppe sie an einer schweren Last, kehrte Frau Merkel nach ihrer Wohnung zurück, wo bisher Zu⸗ friedenheit und Freude e hatte. Denn Helene war ein lustiges junges Blut gewesen und deshalb überall beliebt. Und nun sollte ihr fröhliches Lachen nicht mehr ertönen, ruhig und einsam sollte es um ste werden, auf Wochen ja Monate hinaus vielleicht auch immer.
Still und in sich gekehrt, verrichtete Frau Merkel ihre Arbeit, allen neugierigen Fragen
der Nachbarn wich sie aus so viel sie konnte.
Von Woche zu Woche besserte sich der körperliche Zustand Helenes, aber es war et⸗ was in ihrem Wesen, was der Mutter Furcht einflößte. Die Angst vor etwas Schrecklichem, das über sie hereinbrechen müsse, ließ der alten Frau Tag und Nacht keine Ruhe finden.
Und als ste wieder einmal bei ihrem Kinde zu Besuch weilte und sie im Garten auf einer Bank saßen, sagte die Mutter:„Nun, Helene, wirst Du bald entlassen werden, und auch bei uns wird wieder Glück und Zufriedenheit ein⸗ ziehen.“ Da wandte Helene ihr Gesicht der Mutter und die starren Augen sahen ste be⸗ fremdend an. Dann kam es zögernd über ihre Lippen:„Es kann ja sein, Mutter, daß ich den Glauben an das Leben wiederfinde.“ Ein Zittern ging durch ihre Gestalt, indem stie das Gespräch auf etwas anderes lenkte. 8
Endlich kam der Tag, wo die Mutter ihr Kind aus dem Krankenhaus abholte. Ueberall auf dem Heimweg wurden ste von Bekannten angehalten und aus all den Worten hörte Helene das Mitleid, und ste fühlte noch mehr, wie unglücklich ste sei. Auch der Mutter war das viele Fragen lästig, denn ste begriff, daß dieses Mitleid ihr Kind schmerzich berührte. Und beide waren froh, als ste in ihrem Stüb⸗ chen anlangten. Die Mutter hatte den Tisch mit einem hübschen Blumenstrauß geschmückt. Zwar dankte Helene ihrer Mutter für diese Aufmerksamkeit, aber kein Lächeln zeigte sich auf ihrem blassen Gesicht.
So verging Woche auf Woche und das ge ⸗ drückte Wesen des Mädchens machte der Mutler viel Sorgen. Wohl hatte ste versucht, durch Spazierengehen Helene auf andere Gedanken zu bringen, aber es gelang ihr nicht.
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Längst hatte der Zug die Station verlassen und noch immer stand Frau Merkel auf dem Perron und sah dem Zug nach, der ihre Helene nach Z. brachte. Erst als dröhnend ein anderer einfuhr, besann sie sich und verließ den Bahn⸗ hof, um ihr Heim aufzusuchen. Und beim Surren bes Spülrades schweiften ihre Gedanken zu ihrem Kinde, ja bei jeder Zahle, die sie fertig hatte, sah ste nach der Uhr, um auszu⸗ rechnen, wann ihre Helene ungefähr wieder zu⸗ rück sein konnte.
Inzwischen war diese in Z. angelangt und wanderte nun die Straße entlang, die in die Stadt führte. Sie sah nicht nach den Waren, die in den großen Schaufenstern ausgestellt waren, auch wenn sie hin und wieder davor stehen ölleb. Sondern sie suchte jemanden unter den hin⸗ nud herdrängenden Menschen, den sie um Auskunft bitten wollte. Denn ste mußte vor ein Gericht, man wollte ihr nicht glauben, daß ste ein Krüppel sei; man wollte ihr die 5 kürzen. Darum mußte ste vor das Gericht.
Es mochten noch nicht ganz zwei Stunden vergangen sein, als Helene das Haus wieder verließ, in dem man die Unfallrente festgesetzt hatte. 60 Prozent der Vollreute hatte man
ihr zugebilligt, hingegen die Vollrente abgelehnt, weil— nun weil sie ja noch eine Hand habe.
Selbst den Vorsitzenden des Schiedsgerichts mochte es rühren, denn als er von einem der Arbetterbeisttzer aufmerksam gemacht wurde, daß es der Verunglückten bei einer derartigen Unterstützung unmöglich set, nur halbwegs auszukommen, bedauerte er aufrichtig, daß das Gesetz in dieser Beziehung nicht weiter gehe, und demnach das Schiedsgericht gezwungen sei, sich streng an dieses Gesetz zu halten.
Lange stand Helene noch auf dem Platz vor dem Gebäude; der ganze Schauer einer trostlosen Zukunft kam über sie. Ja, so lange ihre Mutter noch lebte, mochte es noch angehen. Da hatte sie noch jemand, an den sie stch an⸗ schließen konnte. Aber dann! Drohend stieg es in ihrem Gemüte auf.
Sie saß auf einer Bank, vor ihr glitzerte ein weiter, seeartiger Teich, der von einem leichten Wellengekräusel bewegt war. Einige stolze Schwäne schwammen majestätisch auf dem Spiegel des Sees.
Ein Bild der Ruhe.
Auch sie wollte Ruhe haben.
Nur Ruhe, tiefe Ruhe. Die weißen Leiber der Schwäne schienen zu winken: Komm Schwester, komm zu uns.
Immer mehr versank das Mädchen in Ge⸗ danken, es sah nur noch die glitzernde Fläche des Sees vor sich und die wiegenden weißen Schwanenleiber. 5
Man fand auch einen Hut am Ufer und man fand auch sie, die Unglückliche, die, einer düster drohenden Zukunft entgangen, in den weiten Fluten des Sees Vergessen gesucht und gefunden hatte. Wasserlilien Prangten in ihrem Haar, als man ste aus Ufer bettete und die Schwäne wogten und nickten.
An der Seite der Toten kniete eine alte Frau und flüsterte ihr Liebesworte ins Ohr, Worte einer unendlich großen, unsagbaren Mutterliebe.
Allerlei.
Du sollst nicht den Schutzmann rufen!
Du lachst und meinst, das hättest du noch niemals getan? Besinne dich! Dein Kind war unartig, deine ganzen erzieherischen Mittel hattest du vergeblich angewendet, der Aerger stieg dir zu Kopfe und zornig entfuhr deinem Munde die Drohung: Warte, jetzt hole ich den Schutz⸗ mann! Der soll dich mitnehmen! Vielleicht hat das Mittel geholfen, denn vielleicht war deinem Kinde schon öfter— von dir oder von Nachbars⸗ leuten— der Schutzmann als der Aubegluß der höchsten Gewalt geschildert worden. Und weil das Mittel einmal so schön geholfen hat, so wendest du es öfter an. Besonders gern auf der Straße, wenn dir dein Kind dort nicht gehorchen will. Du zeigst dann auf die blinkende Helmspitze und den langen Säbel, und wie bequem dann für dich: Warte, jetzt werde ich den Schutzmann rufen, der wird dich schon kriegen!— Tue es nie wieder, proletarische Mutter! Unsere Kinder sollen nicht die her⸗ kömmliche spießbürgerliche Angst vor dem Schutz⸗ mann bekommen; ste 415 lernen, den Schutz⸗ mann gar nicht zu sehen; sie sollen so erzogen werden, daß ihnen die heutige Poltzet als eine überflüssige Einrichtung erscheint. Vor allem sollen sie keine Furcht haben vor der Polizei: Darum fort mit dem Schutzmann aus der Erziehung!(h. sch. in der„Gleichheit“.)
Jumoristisches.
Auf einer Tour kam ich in das Dorf P., in dem ein Freund von mir als Pfarrer wirkte. Ich be⸗ schloß, ihn trotz der vorgerückten Abendstunde(es war neun Uhr) aufzusuchen und läutete so am Pfarrhof an. Nach einiger Zeit hörte ich schlürfende Schritte im Haus ⸗ gang und dann fragte eine weibliche Stimme, offenbar die der Haushälterin:„Sind Sie es, Herr Pfarrer?“ —„Nein“, entgegnete ich,„ein Freund von ihm.“— „Nacha kaun i net aufmach'n“, tönte es von drinuen, i bin ja im— Hemd.“
Tischreden. Mein Freund, bedenke dieses wohl: Das Essen und der Alkohol, Indem wir uns daran erlaben, Erwecken uns die Rednergaben. Dann steht der Mensch, klopft an das Glas Und sagt wohl dies und sonst noch was, Doch äußerst selten etwas Gutes. Der Kreislauf des beschwerten Blutes.
Verdauung und der Magensaft
Sind hinderlich der Geisteskraft.
Und im Gehirn entstehen Blasen, Und alle Worte werden Phrasen. Und alles, was man sonst verschluckt, Das wird am nächsten Tag gedruckt. Wenn dann verflogen und verklungen Der Weingeist, die Begeisterungen.
Und wenn man selber nüchtern ist,
Liest man erstaunt den eignen Mist.
Drum, außer in dem engsten Kreise,
O spreche nie verdauungsweise!
Bleib fitzen! Klopfe nicht ans Glas! Und drückt dich nach dem Essen was, Laß lieber einen stillen fahren!
Das wissen nur, die um dich waren.
Peter Schlemihl im„Simplicissimus“
Nationalliberale„Jugend“.
Das gährt und braust, das tost und schäumt, Das siedet wild im Töpfchen,
Das zaust mit keckem Ungestüm
Die Zöpfe und die Zöpfchen.
Wie lange noch, wie lange noch,
Da hängt auch ihr die Köpfchen,
Da seid ihr wie die„Alten“ auch, So feig und kalt—„weißknöpfchen!“
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Literarisches.
„Blut und Eisen“, Krieg und Kriegertum in alter und neuer Zeit, ist der Titel des von Hu go Schulz verfaßten dritten Bandes der unter dem Gesamt⸗ titel„Kulturbilder“ von der„Buchhandlung Vorwärts, Berlin“, herausgegebenen populären Abhandlungen aus der Kulturgeschichte. Die grausamste Geißel der gesamten Menschheit ist der Krieg,„Die Fortsetzung der Politik mit gewaltsamen Mitteln“, wie der preußische General v. Clausewitz so harmlos sagt,— der vulkanische Aus⸗ bruch der unter dem dünnen Firnis der Zivilisation angesammelten Barbarei, wie er dem Freunde friedlicher Entwicklung erscheint. Der Verfasser gibt in seinem Werke eine historische Darstellung der einflußreichen Rollen, welche der Krieg im Leben der Völker gespielt hat. In zusammenhängenden historischen Streifzügen zeigt er, welche Greuel der Krieg gestiftet hat und welche Verwüstungen er angerichtet, aber auch, welche Kräfte er geweckt und in welcher Weise er auf die innere Ent⸗ wicklung der Völker zurückgewirkt hat. Ohne jegliche Entrüstung und Sentimalität zeigt der Verfasser auch, wo der Krieg, wie z. B. in der großen blutigen Aus⸗ einandersetzung zwischen Japan und Rußland, einen kulturnotwendigen Prozeß gefördert hat. Aus der Kriegsgeschichte erschließt sich die Militärgeschichte und
Kriegführens durchaus abhängig sind von den wirtschaft⸗ lichen Grundlagen des Lebens ihrer Zeit. Auch dieser Band ist in durchaus leicht verständlicher, flüssiger Sprache geschrieben und mit Bildern und historischen Dokumenten ꝛc. reich illustriert. Das Werk erscheint in 50 Lieferungen à 20 Pfennig; jede Woche wird ein Heft ausgegeben. Bestellungen nehmen alle Buchhand⸗ lungen, Kolporteure sowie die Austräger dieser Zeitung entgegen. Auch können die Bestellungen direkt beim Verlag aufgegeben werden.
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