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Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 39.

Von Nah und Fern.

Majestätsbeleidigungschronik.

Das Gleichgewicht allen patriotischen Em⸗ pfindens in Sebinghausen und Umgegend darf als wiederhergestellk gelten. Eine Dien st ma 0 5 in Sevinghausen soll sich nämlich der Maje⸗ stätsbeleidigung schuldig gemacht haben. Die Bochumer Strafkammer fand ste schuldig und verurteilte ste zu zwei Monaten Gefängnis. 5 Angeber hätte eine Ordensauszeichnung verdient.

Moral und Sitte besserer Bürgerstöchter.

Auf der Industrieausstellung in Zwickau, die jetzt zu Ende gegangen ist, war auch eine Anzahl Neger(Abessinier) zu sehen, die in ihrem Dorfe auf der Ausstellung die Zwickauer Be⸗ völkerung mit ihren abessinischen Sitten und Gebräuchen bekannt machten. Ein ganz besonderes Interesse für die schwarzen Erdensöhne zeigte aber das schöne Geschlecht aus den honetten Zwickauer Bürgerkreisen. Man beobachtet, daß gar manches holde Jungfräulein in allzu ont Nähe dieser dunklen Gestalten herangetrippelt war, und neugierige Späher wollten sogar Dinge bemerkt haben, die ste als äußere Zeichen zarter Liebesbande auffassen zu dürfen glaubten. Das Interesse der jungen Zwickauer Bürgers⸗ töchter für die jungen Herren Abessinter hatte tatsächlich eine bedenkliche Richtung angenommen und die Damen genierten sich schließlich gar nicht mehr, dieses Interesse in immer wachsendem Maße und immer wärmeren Kundgebungen zu betätigen. Das gab der Zwickauer bürger⸗ lichen Presse schließlich Veranlassung, in laute Wehklagen auszubrechen, was aber die liebe⸗ durstigen Bürgerstöchter nicht hinderte, ihren schwarzen Verehrern weiter ihre Liebesbezeigungen zu erweisen. Nun haben die Abessinier Zwickau perlassen, zum größten Schmerze ihrer holden Anbeterinnen. Ueber den Abschied selbst, der sehr rührend war, läßt sich derVogtländische Anzeiger aus Zwickau folgendes schreiben: Das Abessinierdorf hat am Montag Vormittag seine Hütten im Ausstellungsgebäude abgebrochen und die Schwarzen haben endlich Zwickau den Rücken gekehrt. Es war die höchste Zeit; für manche unserer weißen Schönen, die in den dürrbeinigen, schmutzigen Negern dasBesondere verehrten, war es vielleicht schon zu spät. Selbst bet der Abfahrt der dunkelhäutigen Ge⸗ sellschaft gab es auf dem Bahnhofe noch bittere Abschiedstränen aber nicht von den Schwarzen vergossen, die ihr gleichgültigsten Gestchter auf⸗ gesteckt hatten, sondern von ihren vielen Ver⸗ ehrerinnen, unter denen sich auch solche aus besten Gesellschaftskreisen befanden. Also für manche dieser weißen Schönen war der Aufbruch ihrer schwarzen Liebhaber vielleicht schon zu spät. Danach gehen die Zwickauer ja einer schwarz⸗weißen Zukunft entgegen. Ja es ist etwas Erhabenes um die Moral, mit der es sich niemals vereinbaren läßt, wenn ein armes Mädchen aus dem Proletariat außerehelich einem Kinde das Leben schenkt!

Als treulose Handlungsweise

bezeichnete es das Schöffengericht Nürnberg, wenn ein Arbeiter Streikunterstützung bezieht und dennoch arbeitet. Das hatte der Stein⸗ drucker Herman Pinkau getan, der in der Kunst⸗ anstalt von Schneller u. Co. beschäftigt war und am 2. Juni mit ausgesperrt wurde. Er bezog aus der Streikkasse eine wöchentliche Unterstützung von 23 Mk. Anfangs Juli ließ er sich dazu verleiten, bei einem Zwischenunter⸗ nehmer Streikarbeiten für die Firma Schneller u. Co. im geheimen anzufertigen. Trotzdem be⸗ zog er die Streikunterstützung ruhig weiter. Hierfür wurde er wegen Betrugs zu 2 Tagen Gefängnis verurteilt. In der Begründung hob das Gericht als besonders erschwerend hervor, daß er Arbeiter ist und an seinen eigenen Kollegen so treulos handelte. Nachdem er ge⸗ arbeitet hatte, hätte er unter keinen Umständen die Streikunterstützung weiter annehmen dürfen.

Fromme, saufte Pilger. In Palermo(Sizilien) kam es während

zu schweren Prügeleien. DieFrkftr. Ztg. berichtet nach dem römischenMessagero dar⸗ über:Während der Prozesston stritten sich die Männer des Stadtviertels Capo um die Ehre, das Standbild der Heiligen tragen zu dürfen. Unter Lärm und Boxereien kam man zur Piazza Aragonest. Hier artete der Kampf zum Gefecht aus. Unter den Augen der Heiligen blitzten plötzlich Messer, Pistolen und Revolver. Die Poltzisten, welche die Prozesston begleiteten, suchten einen der wildesten Rädelsführer zu verhaften, worauf sich die Kämpfenden versöhnten, um den Bedrohten zu retten. Die Polizisten Halen in der Notwehr zu ihren Revolvern.

as nahmen die Zuschauer übel, und 8 schossen auch sie aus den Fenstern und von den Balkonen. Die Prozesstonsteilnehmer und das Volk auf der Straße entfloh, von panischem Schrecken ergriffen, nach allen Seiten, ihrem Beispiel folgten auch die Angreifer der Poltzisten, als einer von diesen schwer verwundet niedersank. Die Statue der Heiligen beherrschte darauf allein den Kriegsschauplatz. Politische Umzüge

verbtetet dort die Polizei unter dem Vorwande,

daß ste zu Unruhen ausarten könnten.

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Not. Von Ferd. Gebhardt.

Not. Eine Dachkammer, unfreundlich und kalt. Auf einem altersschwachen Stuhl sttzt eine Frau, der Hunger und Sorgen aus dem Ge⸗

sicht sehen. Ein vierjähriger, blasser Knabe steht vor ihr.

Mich hungert, Mutter, sagt das Kind mit weinerlicher Stimme. 5

Nur noch ein wenig Geduld, liebes Karl⸗ chen, der Vater wird gleich kommen! 5 ist der Vater gegangen, Mutter, ag 10

Der Vater ging zum Onkel, da holt er Geld, und wenn er es hat, kauft er Brot, und paß' nur auf, wie bald er da sein wird, mit dem Brot, der Vater!

Mutter, das sagst Du jetzt immer schon und er kommt doch nicht. Mutter, da, schau, da brennt mich's, da im Magen!

Darauf merken wir gar nicht, Karlchen! Ich werde Dir was erzählen; was soll ich Dir denn erzählen, sag?

Ach ja, Mutter, erzählen, bittet das Kind und schmiegt sich an die Mutter.

Aber was denn, Karlchen 2

Erzählen! Das Kind schließt die Augen.

Von Max und Moritz?

Karlchen schüttelt den Kopf.

Oder von Hansel und Gretel?

Das Kind verneint abermals.

Mutter, flüstert es und öffnet die großen Augen,mich hungert!

Oder vom gestiefelten Kater? fragt die Mutter eifrig.

Mutter, mich hungert!

Jetzt warte nur noch, Kindchen, ich muß Dir ja vom Rotkäppchen erzählen. Es war einmal ein Kind

Mutter, gib Brot

Das war so schön, daß es jedermann gern ansah

5 3300 halt's nicht mehr aus! jammerte das

ud.

Aber, Gott im Himmel, Karlchen, wir haben ja kein Stückchen Brot im Hause. Warte noch ein wenig, der Vater muß ja gleich kommen und dann bringt er uns Brot. Ich will Dir ja auch noch viel erzählen vom e Set also brav, liebes Karl⸗

eu

Ich mag das Märchen nicht mehr hören! - Mutter geh' mit mir zum Bäcker, der hat ja doch Brot, Mutter, weißt Du, gleich da

der Prozesston beim Feste der heiligen Rosali vorn der Bäcker! bettelt das Kind.

Der Mutter rinnen zwei dicke Tränen über die Wangen. Bitte, Mutter, bitte! Komm, Karlchen! 3 Die Frau geht mit dem Kinde aus der ü

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Der Knabe trippelt voraus.Da ist der Bäcker, jubelt er.

Schweren Herzens überschreitet die Frau die Schwelle des Bäckerladens. empfängt ste mit einem unfreundlichen Blick.

Na, endlich zahlen?! herrscht er die Ein⸗ tretende an.

Jetzt noch nicht! Erst wenn mein Mann nach Hause kommt. Das Kind hat aber so sehr Hunger

Und da möchten Sie von neuem borgen? Das könnte 751 so passen! Nein, meine Liebe, da wollen wir lieber warten, bis Ihr Mann heimkommt so lange wird's wohl noch Zeit haben

Eine Nachbarin betritt den Laden. Die Frau verläßt das Geschäft, ohne weitere gute Worte auszugeben.

Als das Kind sieht, daß die Mutter ohne Brot aus dem Laden kommt, erschrickt es. Schluchzend stößt es hervor:Mutter, jetzt hast Du wieder kein Brot!

Sie gehen die Straße entlang.

Mutter, ich muß sterben! Mutter, ich verbrenne! jammerte das Kind.

Die Frau führt es in den dunklen Flur 2551 Hauses.Warte hier auf mich, ich bringe Lot.

Sie geht.

Das Kind fürchtet sich in dem dunklen Hausflur, drückt sich an die Mauer und hält den Atem an.

Eilig läuft die Mutter den kurzen Weg zum Bäckerladen zursick, bleibt vor dem Schau⸗ fenster einen Augenblick stehen. Als ste steht, daß der Bäcker nicht im Laden ist, atmet ste tief, stürzt sich in den Laden ind auf den nächsten Korb, greift ein Brot heraus und rennt ins Freie.

Doch der Bäcker hat sie vom Ladenzimmer aus bemerkt.

Diebin! kreischt er ihr nach,die dort ist's Diebin, festhalten!.

Am nächsten Tag rekognoszierte ein armer, arbeitsloser Mann im Leichenhause zwei Leichen als die seiner Frau und seines Kindes. Die Frau war vor ihren Verfolgern in den Fluß gesprungen und ertrunken. Das Kind war verhungert in einem Hausflur aufgefunden.

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Versorgt. Von Pauline Ludwig.

(Schluß.)

Mit solchen Gedanken beschäftigt, war ste am Krankenhause angelangt. Auf ihr Klingeln erschten der Portier, dem sie ihr Anliegen vor⸗ trug; aber dieser wies Frau Merkel kurz und bündig ab mit dem Bemerken:Kommen Sie nachmittag von drei bis fünf wieder, jetzt ist keine Besuchszeit. Und im Vollbewußtsein seiner Würde ging er in seine Loge zurück, ohne die unglückliche Mutter noch eines Blickes zu würdigen; denn derartiges erlebte er doch so oft, und das hatte ihn abgestumpft.

Nun lehnte sie am Zaun und sah in den Garten, wo Kranke auf Bänken saßen oder solche, die auf und nieder gingen, und nun neugierig auf die Fremde sahen. Planlos irrte die Frau durch die Straßen. Sie spürte nicht Hunger, nicht Durst, bloß einen Wunsch hatte sie, ihr Kind zu sehen. Und so stand sie schon lange vor der Besuchszeit wieder vor dem Portal des Krankenhauses. Endlich wurde ste eingelassen und von einer Krankenschwester in einen großen Saal geführt, wo diese auf ein Bett zeigte und sich wieder entfernte. Eine kleine Weile sah Frau Merkel auf die Gestalt im Bett, welche die Augen Ahwaussen hatte. Dann rang es sich von ihren Lippen:Helene, mein Kind! und schluchzend sank sie vor dem Bett nieder. Dann aber besann ste sich und

unterdrückte die hervorbrechenden Tränen, da⸗ mit sich die Kranke nicht aufregen sollte. Sie

Der Bäcker