Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Von Nah und Lern.

Der Schulden major.

In Breslau ist am 15. Juli nach vier⸗ wöchiger Dauer der Prozeß gegen den Major v. Zander nebst Frau und den Gutsbesttzer Lüttig zu Ende gegangen. Der Major a. D. v. Zander und seine Ehefrau standen unter der Anklage des wissentlichen Meineibs, des betrüge⸗ rischen Bankrotts, des Betrugs und der Beiseite⸗ schaffung von Gegenständen. v. Zander kam infolge der Verschwendungssucht seiner Frau von Anfang seiner Ehe an in Schulden. Wo immer Aussicht auf Anlegung eines Pumpes war, griff v. Zander zu. So borgte er seinen Feldwebel in Magdeburg an und auch den Kantinenwirt, ja selbst der Gerichtsvollzieher, der ständiger Gast bei ihm war, blieb nicht ungeschoren. Daß der Herr Major sogar seine Orden versetzte und sich in Berliner Kneipen von anrüchigen Personen frei halten ließ, gehört zum Bilde. Den Geschworenen wurden 350 Schuldfragen vorgelegt, doch erkannten sie nur in einem Betrugsfalle auf Schuldig. Der Major erhielt nur 300 Mk. Geldstrafe, seine Frau und der Mitangeklagte Lüttig wurden freigesprochen. Gegen das Urteil ist sowohl vom Angeklagten Zander wie auch vom Staats⸗ anwalt Revision eingelegt worden.

Einnützliches Element.

Der Arbeitswillige Rongen, der in der Leder⸗ fabrik von Schleifenbaum in Neuß den Streik⸗ brcher macht, wurde wegen Verbrechens gegen § 173 des Strafgesetzbuches(Blutschande) ver⸗ haftet. Rongen, obschon verheiratet, unterhielt mit seiner Schwester ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen blieb. Noch kürzlich fungierte der Mustermensch in einem Prozeß gegen unseren Genossen Rinle an der Düsseldorfer Strafkammer als Zeuge. Unser Genosse sollte ihn in seiner Arbeitswilligenehre gekräukt haben und wurde auch deshalb bestraft. Der Staatsanwalt in Düsseldorf, der mit solchem Feuer den Schutz dieses Ehrenmannes verlangte, muß jetzt für die Bestrafung desselben eintreten.

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Vierzig Jahre Preußenherrschast. II

Als Erbschaft der Revolution und des Frank⸗ furter Parlaments hatte Bismarck die Forderung des allgemeinen, gleichen und direkten Sti m m⸗ rechts übernommen. Am 9. April 1866, weniger als drei Monate vor Königgrätz, hatte Preußen beim Bunde den Antrag gestellt, behufs Reform der Bundesverfassung ein Parlament ausallgemeinen Wahlen und direktem Stimm⸗ recht einzuberufen, und begründete diesen Antrag mit demWillen der ganzen Nation. So stark war namentlich seit seiner Wiedererweckung durch die Agitation Ferdinand Lassalles der Gedanke des demokratischen Wahlrechts ge⸗ worden, daß sogar das Hohenzollerntum, um siegen zu können, seine Bundesgenossenschaft anrufen mußte. Der Sieg von Königgrätz war ein Sieg der preußischen Militär⸗ reaktion. Er schloß eine alte Leidensperiode des deutschen Volkes ab, aber er eröffaete eine neue.

Preußen liebte den Hochverrat, aber es liebte ihn nicht zu Hause. Es machte Revolution, duldete aber nicht, daß ein anderer sie auf eigene Faust trieb. Es beförderte den Umsturz, um seine eigenen reaktionären Einrichtungen zu befestigen und ihren Einfluß allmählich auf ganz Deutschland auszudehnen. Der Sieg von Königgrätz brach der bürgerlichen Opposition den Rücken, und trieb den nationalliberal ge⸗ häuteten Fortschritt in das Lager des Verfas⸗ sungsbrechers und Staatsstreichsmannes. Jetzt war der Einfluß der dynastischen Interessen nicht mehrentnervend, sondern heilsam und löblich, denn es waren ja die alleinberechtigten Interessen der borussischen Dynastie, die jetzt in Deutschland vorherrschend geworden waren. Das Bürgertum war gesättigt bald leitete der Gründungsschwindel die neue goldene Aera ein, und der preußische Landtag, dessen Wogen vordem die Stufen des Thrones umbrandeten,

ward zum ruhigen, faulenden Gewässer, das

kein Luftzug mehr bewegt.

Die Fäulnis eines Verfallszeitalters breitete sich rasch über alle deutschen Lande aus. Das WortPreußen in Deutschland voran, einst das begeisterte Losungswort von Millionen, ist läugst zum Spott und Hohnwort geworden. Heute geht Preußen in Deutschland nur mehr voran durch die Erbärmlichkeit seines Wahlrechts, durch den Klassencharakter seiner Justiz, durch die korrumpierende Allgewalkseines Polizeiwesens, durch den barbarischen Geist der Militär⸗ diktatur, Verpfaffung seines Schul⸗ wesens. Man hat den preußischen Schulmeister als den eigentlichen Sieger von Königgrätz bezeichnet, mit starker Uebertreibung, wie hin⸗ zugefügt werden muß, denn das Schulwesen Preußens war vor vierzig Jahren von idealer Ausgestaltung mindestens ebensoweit entfernt als heutzutage. Aber die allgemeine Wahrheit, die in jenem Worte liegt, die Wahrheit näm⸗ lich, daß nur ein gebildetes und aufgeklärtes Volk Schritt zu halten vermag mit dem Fort⸗ schritt der Kulturnationen, daß der, der dem deutschen Volke die Bildungsmittel beschneidet, die Axt an die Wurzel der Volkskraft legt, diese Wahrheit rebelltert wider die neue preußische Schulverfassung und brandmarkt ihre Schöpfer zu wahren Landes- und Hochverrätern.

Vor vierzig Jahren wuchs Preußen zur deutschen Vormacht empor, weil es sich von der Gewalt der allgemeinen Entwickelung empor⸗ heben ließ. Heute ist Preußen der einzige Staat der Welt, der noch von dem Glauben regiert ist, die Notwendigkeiten der allgemeinen Entwickelung, des geistigen und politischen Fort- schritts, der auf den Veränderungen des Wirt⸗ schaftslebens bastert, ließen sich hemmen, ja hindern durch das starre Festhalten an veralteten Formen, durch das Aufgebot der brutalen Ge⸗ walt, durch die Flinte, die schießt, und den Säbel, der haut. Das ist die Tragik des Siegers, ist das Unglück der Siegs!

Die Bourgeoiste hat unter der Herrschaft des Preußentums gedeckte Tische und volle Schüsseln gefunden. Das Proletariat aber ist nicht satt geworden von den Segnungen des sozialen Königtums, und wäre es satt, so dürstete ihm doch nach Fretheit. Denn derdeutsche Idealismus findet heute nur mehr dort eine Zufluchtsstätte, wo der Pfaffe den Teufel des Materfalismus wittert und das Kreuz schlägt. Aus den Tiefen steigt die Kraft, und längst scheint der Stern Hohenzollerns nicht mehr als der hellste am Himmel!

1 Wanderlied.

Von den Bergen zu den Hügeln, Niederab das Tal entlang,

Da erklingt es, wie von Flügeln, Da bewegt fich's, wie Gesang; Und dem unbedingten Triebe Folget Freude, folget Rat;

And dein Streben, sei's in Liebe, Und dein Leben sei die Tat.

Denn die Bande sind zerrissen,

Das Vertrauen ist verletzt;

Kann ich sagen, kann ich wissen, Welchem Sufall ausgesetzt,

Ich nun scheiden, ich nun wandern, Wie die Witwe, trauervoll,

Statt dem einen, mit dem andern Fort und fort mich wenden soll.

Bleibe nicht am Boden heften! Frisch gewagt und frisch hinaus! Kopf und Arm mit heitern Kräften, Ueberall sind sie zu Raus; Wo wir uns der Sonne freuen, Sind wir jede Sorge los; Daß wir uns in ihr zerstreuen, Darum ist die Welt so groß. Goethe.

Der Heimweg.

Langsam, mit schweren, schleppenden Schritten ging sie durch den Straßentrubel. Es war draußen im Westen, da, wo das Leben in vollen Strömen wogt, wo Reichtum und Luxus ihre Strahlen hinauswerfen bis auf das Straßen⸗ pflaster. Die Häuser alle Paläste, in den hohen Schaufenstern ein Meer von Licht.

Sie sah in den schimmernden Glanz und sie schauerte zusammen. Der grelle Schein tat ihr weh. Ste war so müde so müde, am liebsten hätte sie sich auf der Stelle hingelegt und die s zugemacht, und dabei war ihr Weg noch o weit.

Da unten, das war erst der Marktplatz, nun noch die ganze Langestraße hinunter und dann war die Krautstraße noch lange nicht er⸗ reicht.Ach ja! Sie blieb einen Augenblick stehen und rang nach Atem.

Elgentlich hätte sie doch warten sollen. Vielleicht wäre der Besuch noch gegangen, und die gnädige Frau hätte ihr den Tagelohn aus⸗ gezahlt; aber freilich, die gnädige Frau hatte ausdrücklich gesagt:Ste können dann gehen, Frau Bender, wir rechnen morgen ab. Die gnädige Frau wußte sicher nicht, daß sie keinen Groschen mehr besaß, nicht mal mehr genug zum Kaffeebrot morgen früh.

Aber satt gegessen hatte sie sich wenigstens heut, und der Belag vom Abendbcot reichte sogar noch für ihren Mann, bekam der auch mal ein Schinkenbrot, würde er sich freuen! Ihr hageres, vergrämtes Gesicht strahlte ordent⸗ lich bei dem Gedanken.

Sie hatte inzwischen den Marktplatz erreicht. Mühsam wand sie sich durch das Gewirr von Wagen und Menschen. Als ste die andere Straßenseite endlich erreicht hatte, schlug ihr Herz als wollte es springen. Und dabei die Schmerzen im Rücken und in der Brust, diese entsetzlichen Schmerzen!

Es war doch zuvlel gewesen heute. Erst die großen Fenster putzen und dann noch die Stube bohnen und die Möbel polieren. Die gnädige Frau hatte doch recht gehabt, sie durfte eigentlich gar nicht mehr arbeiten, sie war schon viel zu elend dazu, sie konnte sich womöglich noch Schaden tun, sich und dem Kind.

Sie raffte sich auf und ging weiter. Der Wind, der in vollen Stößen über den Platz kam und rauh und schneidend durch ihre dünnen Röcke fuhr, trieb sie fort. Das Kind, das Kind, was da werden sollte, wenn das Kind erst da war, das mochte auch der Himmel wissen. Von den fünfzehn Mark, die ihr Mann alle Woche nach Hause brachte, wurden sie beide selbst kaum satt. Und dabei nicht mehr arbeiten? Sie lachte hart auf. Ja, die gnädige Frau hatte klug reden, was die schon davon verstand! Nicht mehr arbeiten, wenn man auf jeden Groschen wartet, wenn man schon vor der Stunde zittert, wo man erst nicht mehr arbeiten kann.

Ach nein, nicht nachdenken! Sie fuhr mit der Hand über die Stirn, als könnte sie damit das Grauen fortscheuchen, das langsam in ihrer Seele emporkroch. Wenigsteus bekam ste morgen drei Mark, und, wenn sie nächste Woche bei Pastors half, gab es auch wieder einen halben Taler. Hauptsache war, daß sie noch helfen konnte, und sie mußte können mußte, es war ja für das Kind.

Das Kind, ach ja, das Kind! Ste krampfte die Hände zusammen. Am besten, es würde gar nicht geboren. Wozu sollte es geboren werden? Um wieder zu sterben, um zu ver⸗ kommen an schlechter Luft und elender Nahrung und mangelnder Pflege, zu vergehen, wie die beiden andern vergangen waren.

Sie preßte die Hand vor die Augen und griff nach einem Halt. Es sauste ihr vor den Ohren. Der Lärm und all' das Menschen⸗ Ane hier herum, das schnitt ihr wie mit Messern ins Gehirn, halb ohnmächtig sank ste Meal eine Häuserwand. Da stand sie eine ganze eile. f

Die entzückenden Häubchen, sagte eine Stimme neben ihr. 1

Und das Steckkissen mit den rosa Schleifen, ist das nicht einfach süß? 1

Solche Splitzenjäckchen muß Baby haben.