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Nr. 30.
Mitteldeu ische Souutags⸗Zeitung.
Seite 5.
selbstverständlich hat aber jeder Genosse Zutritt, und es wird zahlreicher Besuch erwartet.
— Versammlungen hielt Dr. David am Samstag und Sonntag in Gedern und Kohden bei Nidda ab. Obwohl diese nicht fehr stark besucht waren, weil jetzt auf dem Lande nicht die geeignete Zeit ist, sind doch gute agttatorische Erfolge dabei erzielt worden.
Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen.
h. Die Religion muß dem Volke erhalten werden. In Vilbel nehmen die evangelischen Pastoren Sonntags in der Gewerbeschule Religions⸗ übungen vor. meist Söhne von Bauhandwerkern und sonstigen Ar⸗ beitern, der Gottesfurcht und frommen Sitte erhalten bleiben, kommt der Pfarrer allsonntäglich zur Schule, um eine halbe Stunde, unter Umständen noch länger, mit den Schülern zu beten. Unseres Erachtens ist die Zeit, die den Schulbesuchenden an Sonntagen zur Ver⸗ fügung steht, viel zu kostspielig, um sie teilweise mit solch unnützen Verrichtungen auszufüllen. Es wäre sehr wünschenswert, zumal in sehr vielen hessischen Orten, wo Gewerbeschulen bestehen, dieses System geübt wird, wenn einmal die Allgemeinheit ihr Augenmerk hierauf richten würde.
— en Langenbergheim fand am Sonntag eine von etwa 200 Personen— für dortige Verhältnisse sehr große Zahl— besuchte Volksversammlung statt, in der Kremser⸗Frankfurt über„300 Jahre Kampf um Bret und Recht“ sprach. Redner schilderte ein⸗ leitend das Aufkommen des Privateigentums an Grund und Boden, das Bauernlegen im Mittelalter, die Leib⸗ eigenschaft und die Rechtlosigkeit des Volkes. Ferner gab er in knappen Umrissen ein Bild vom Kampfe der Handwerk zgesellen mit ihren Meistern und dem Ein⸗ greifen der Behörden, zur Illustration eine Anzahl von Gesetzesparagraphen und Verordnungen aus jener Zeit mitteilend. Der Referent besprach dann reichhaltiges Material über die gewaltig gesteigerten Einnahmen und Kapitalgetoinne einer Minderheit von Menschen und die Not und Entbehrungen breiter Volksschichten. Zum Schlusse wurde das System der Rechtlosmachung des arbei⸗ tenden Volkes und das der indirekten Steuer einer herben
Kritik unterzogen und die Auwesenden aufgefordert, nun
ihrerseits auf der Kampfplatz zu treten. Organisation und Presse müssen die Waffen sein im Kampfe um Recht und Gerechtigkeit, bis das Dichterwort erfüllt sei:„Ver⸗ schlemmen foll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben.“ Stürmischer Beifall lohnte den Redner und allenthalben wurde der Wunsch laut, es möchten öfter solche Versammlungen abgehalten werden. Es kann den hiesigen Genossen nur geraten werden, nun recht emfig zu arbeiten und die Zahl der Parteigenossen zu verdoppeln, ja zu verdreifachen, und das kann nicht schwer sein. Erfreulich war, daß eine erhebliche Anzahl kleiner Land⸗ wirte anwesend war, die voll und ganz dem Referenten zustimmten.
Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.
g. Das Fest der Alsfelder Freien Turner⸗ schaft, das am Sonntag in dem geräumigen Garten des„Stadtpark“ in Szene ging, nahm einen in jeder Beziehung prächtigen Verlauf. An dem Festzuge durch die Stadt beteiligten sich fast sämtliche Mitglieder und das Bürgertum war zahlreich auf dem Platze, um den stattlichen Zug zu betrachten und zu sehen, wie die Arbeiterturner repräsentteren. Und viele äußerten ihre Anerkennung. Die turnerischen Leistungen waren eben⸗ falls als recht gute zu bezeichnen. Besonders fand am Abend die Pyramiden⸗Aufstellung bei farbiger Beleuchtung Anerkennung auch derjenigen, die uns sonst nicht be⸗ sonders grün sind. Zeigte der Himmel auch nicht das heiterste Gesicht, so war doch der schön geschmückte Garten bis auf den letzten Platz besetzt. Besonderes Leben herrschte am Schießstand, wo jeder einen der gestifteten Preise zu gewinnen trachtete,.— Den Gießener Turn⸗ genossen sagen wir unsern verbindlichsten Dank für den Besuch unseres Festes. Frei Heil!
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Die Bürgerliste liegt nur noch Montag aus! Sehe sie jeder wahlberechtigte Parteigenosse nach!
h. Die Stöckerianer entfalten in letzter Zeit wieder eine rührige Agitation und machen namentlich auf gewerkschaftlichem Gebiete gewaltige Anstrengungen. Da mag es ihnen hier und da noch gelingen, einige von denen zu sinden, die nicht alle werden; einen halb⸗ wegs verständigen Arbeiter werden sie nicht dauernd an ihre Fahne fesseln können. Nebenbei zeigt das auch die Wahl von Altena⸗Iserlohn, wo sie das Mandat bereits in der Tasche zu haben glaubten, trotz riesigster Agita⸗ tion aber nur eine lächerlich geringfügige Stimmenzahl aufbrachten und ebenso schlecht schnitten sie in Hagen ab. Franz Behrens nimmt jede Gelegenheit wahr, im Wetzlarer Kreise sich in empfehlende Erinnerung zu
Damit die Schüler dieser Anstalt,
bringen. So suchte er das am Sonntag vor 8 Tagen in Ehringshausen abgehaltene sogenannte Bergarbeiterfest für seine Zwecke zu nützen. Dieses„Arbeiter“ fest war offenbar von anderen Leuten als Arbeitern arrangiert;
der Prinz von Braunfels, der Fürst von Lich, sowie der Reichstagsabgeordneter Krämer hatten„hochherzige
Spenden“ dazu gegeben.(Jedenfalls sind die Herren darum angeschnorrt worden.) Als Festredner trat bei
»diesem Arbeiterfeste der Landwirt und Bündler⸗Agi⸗ tator Friedrich Wilhelm Keiner auf, der zunächst eine tiefe Verbeugung vor den hochherzigen Spendern machte, dann von dem schönen Einvernehmen unserer Bergleute und weiter davon sprach, daß dem Kaiser der
Bergarbeiterstand besonders am Herzen liege. Auf Grund welcher Tatsachen Herr Keiner das letztere annimmt, hat er nicht verraten. Das„schöne Einvernehmen“ dürfte auch nur sso lange dauern, bis die Bergleute einmal Lohnforderungen stellen. Aber das tun die braven Leute nicht. Sie halten es für eine unab⸗ änderliche Einrichtung, daß die„Bergherren“ Millionen aufhäufen, während der Bergmann mit wenigen Pfennigen abgespeist wird und dafür noch täglich sein Leben in die Schanze schlägt. Am Montag, dem zweiten Festtage, tauchte beim Frühschoppen plötzlich der frühere Gärtner und jetzige christliche Bergarbeiter„General⸗ Sekretär“ aus der Versenkung auf, um ebenfalls eine Pauke zu halten. Natürlich kommt Franz Behrens nicht von Essen her zum Frühschoppen nach Ehringshausen, um etwa für Herrn Krämer eine Wahlrede zu halten. Im Gegenteil. Mit der Frühschoppenrede verfolgte Franz Behrens offenbar den Zweck, für die kommende Reichs⸗ tagswahl für seine Kandidatur vorzuarbeiten. Er setzte sich gewissermaßen wie eine Laus in den Pelz des Herrn Krämer! Fraglich allerdings, ob's ihm gelang, mit seiner Rede den Eindruck der Krämer'schen Spende abzuschwächen.
* Ja, wenn... Der Wetzlarer Anzeiger teilte neulich mit, daß zu der Ersatzwahl für unsern verstorbenen Genossen Grünberg im Döbelner Reichstagswahlkreise der Prof. Hasse⸗Leipzig aufgestellt werden sollte und bemerkte dazu:„Wenn alle bürgerlichen Parteien für diesen hervorragenden Kandidaten schon in der Haupt- wahl eintreten, so ist schon in dieser die Niederlage des Sozialdemokraten besiegelt.“ Bei der letzten Wahl hatten wir in diesem Kreise 13 162 Stimmen, die Gegner insgesamt 11003. Letztere müssen unter diesen Umständen schon ziemlich„eintreten“, wenn ste uns den Kreis entreißen wollen. Unsere Freunde werden aber auch„eintreten“ und hoffentlich dermaßen, daß der Flottenprofessor im weiten Bogen aus der Moschee fliegt.
y. Schwer verbrannt ist vor einigen Wochen In der Druckerei des Wetzlarer Anzeigers ein dort be⸗ schäftigter Lehrling. Dieser war am Stereotypierofen beschäftigt, als die Flamme herausschlug und den ölge⸗ tränkten Arbeitskittel des Unglücklichen sofort in Brand setzte. Noch jetzt befindet sich der Schwerverletzte im Krankenhause und voraussichtlich muß eine Hautoperation vorgenommen werden. Warum stand wohl im Anzeiger gar nichts von dem Vorfalle?
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
Ueber Familie und Sozialdemokratie spricht am Samstag Frau Dr. Michels im Wahl⸗ verein. Die Parteigenossen wollen zu dem Vortrag recht zahlreich erscheinen und auch ihre Frauen mitbringen. Daß für letztere die politische Aufklärung besonders not⸗ tut, braucht nicht hervorgehoben zu werden und da sie wenig Gelegenheit haben, derartige Vorträge zu hören, so sollten sie die hier gebotene sich nicht entgehen lassen.
Ein Gewerkschaftsfest sollte demnächst ab⸗ gehalten werden, wie kürzlich angekündigt wurde. Um⸗ stände halber muß jedoch von einem solchen abgesehen werden; Ersatz dafür soll das am 19. August im Garten⸗ restaurant Hildemann stattfindende Fest der Freien Turner⸗ schaft bieten, auf das hiermit hingewiesen sei und an dem sich unsere Parteifreunde und die Gewerkschafts⸗ mitglieder recht zahlreich beteiligen wollen.
Ausgebrochene Irre. Aus der Landes⸗ heilanstalt zu Kloster Haina sind drei gemeingefährliche Men⸗ schen, namens Julius Heinrich Holzmann aus Wasungen, Ludwig Jung aus Niederweimar und Adolf Warnke aus Hersfeld entflohen. Die Kleidung der Flüchtlinge trägt den Anstaltsstempel.
Hundefutter fürs Dienstmädchen.
In München kam neulich eine„Gnädige“ in einen Metzgerladen und verlangte für 5 Pfg. Aufschnitt.„Ste meinen wohl für 50 Pfg., Gnädige?“ frug verwundert die Ladnerin. „Nein“, erfolgte darauf die Antwort,„ich meine für 5 Pfg. Wurstreste fürs Dienstmädchen.“ „Bedauere, Gnädige,“ antwortete darauf die Ladnerin,„damit kann ich leider nicht dienen.“ Einige Kunden äußerten sich entrüstet zu der Sache, worauf die Gnädige schleunigst den Laden verließ. Wie sehr die Organisation der!
Dienstmädchen von nöten ist, kann auch dieser Vorfall wieder beweisen.
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So ziales.
Lohnkämpfe. In Weilburg streiken die Maurer wegen Lohndifferenzen. Am Mittwoch sollen Streikposten verhaftet worden sein— Die Buchbinder⸗Aussperrung dauert noch fort. Wiederholte Einigungsver⸗ handlungen in Leipzig und Berlin scheiterten.
Ist„Streikbrecher“ eine Beleidi⸗
ung? Diese Frage hat schon deutsche Gerichte eschäftigt und selbstverständlich haben diese ge⸗ wöhnlich mit ja geantwortet. Eigentlich ist das ja unlogisch. Wenn die Bezeichnung Streik⸗ brecher eine Beleidigung ist, dann muß die Tätigkeit ehrlos sein; eine Konsequenz, die zu ziehen deutsche Richter sich aber sträuben werden. In der Schweiz war dieser Tage ein Gericht auch vor die Frage gestellt worden, ob Streik⸗ brecher ein Beleidigung sei. Und dieses Gericht urteilte anders wie die deutschen Richter. Es erkannte— der Fall spielte in Schaffhausen—, es sei allgemein Brauch, daß Arbeiter, welche entgegen einem allgemeinen Beschluß der Ar⸗ beiter, die Arbeit niederzulegen, weiterarbeiten, als Streikbrecher bezeichnet werden und set deshalb Kläger mit seiner Klage abzuweisen und habe sämtliche Gerichtskosten zu zahlen. Eine Minderheit des Gerichts war allerdings der Anstcht, daß bei Arbeitern, welche keinem Verein angehören, die Sache anders sei und ein solcher dann machen könne, was er wolle. Die Mehrheit konnte sich dieser Auffassung indessen nicht anschließen und blieb dabei, daß ein Arbeiter, der Streikarbeit mache, sich auch gefallen lassen müsse, als Streik⸗ brecher an den Pranger gestellt zu werden. Ganz unsere Meinung.—
Ein Unternehmer⸗Streikschutzverband ist in Berlin unter der Leitung und Geschäfts⸗ führung der Hauptstelle deutscher Arbeitgeber⸗ verbände als Schutzverband gegen Streikschäden begründet worden. Dieser Schutzverband zählt zu seinen Mitgliedern diejenigen Arbeitgeberver⸗ bände, die im Falle von Streiks ihren Mit⸗ gliedern bestimmte Streikentschädigungen aus⸗ zahlen, und er will die finanzielle Wirksamkeit dieser Verbände dadurch erhöhen, daß er unter bestimmten Voraussetzungen die Weiterbezahlung dieser Streikentschädigungen übernemmt. Dem neuen Verbande traten 53 Bezirks- und Orts⸗ verbände, deren Mitglieder in ihren Betrieben etwa 285,000 Arbeiter beschäftigen, bei.
2— Partei-Machrichten.
Zur Landeskonferenz. Das Landeskomitee gibt bekannt, daß die Landeskonferenz Samstag, den 25. August, abends 8 Uhr, im Saale„Zur schönen Aussicht“, Mainstraße, in Mühlheim a. M. eröffnet wird.— Wegen der Quartiere wollen sich die Dele⸗ gierten an den Genossen J. Klug, Herrnstraße 1, Mühl⸗ heim a. M. wenden.
An die Parteigenossen der Orte Wieseck, Trohe, Rödgen und Alten⸗Buseck! Auf Grund des Beschlusses der vorjährigen Konferenz berufen wir die diesjährige Bezirkskonferenz auf Sonntag, den 5. August, nachmittags 2 Uhr, in das Lokal Seipp in Trohe ein. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zur Landeskonferenz in Mühlheim und eventl. Wahl von Delegierten. 2. Anträge zur Landeskonferenz. 3. Verschiedenes. Um zahlreichen Besuch ersucht die Bezirksleitung.
Versammlungskalender.
Samstag, den 28. Juli.
Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Vortrag: Der politische Massenstreik von Dr. Michels.
Garbenteich. Arbeiter-Bildungs⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Kur. Klingelhöfer.
Wieseck. Tabakarbeiter⸗Verband. Abends ½9 Uhr Mitglieder Versammlung bei Wacker.
Briefkasten.
Tr.⸗Merlau. Die Hefte der Freien Stunden können Sie nachgeliefert bekommen, doch erst mit der nächsten Rummer.— Alsfeld, Wetzlar. Uebriges zurückgestellt.— Btzbch. Erscheint nächste Nummer.


