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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
Rr. 30.4
wirtschaft betreibe, 70 bis 80 Morgen Feld bestelle, alljährlich 5060 Doppelzentner, in schlechten Jahren auch wohl nur 20 Doppel⸗ zentner Kartoffeln nicht an Zwischenhändler, soudern direkt an die Konsumenten in einzelnen kleinen Quantitäten zu jeder Zeit abgebe, je nachdem Vorrat und Nachfrage danach vorhanden sei. Die Revistonskommission habe am 9. November 1905 im Keller bet den Kartoffeln eine Wage vorgefunden und beschlag⸗ nahmt, die den gesetzlichen Vorschriften nicht entspreche. Die Konstruktion der Wage sei un⸗ statthafl, die Wage sei nicht gestempelt und er⸗ gebe beim ersten Wiegen einen Wiegefehler von 1200 Gram m, der die zulässige Fehler⸗ grenze von 200 Gramm um das sechsfache übersteige; des Nachweises, daß diese Wage zum Wiegen der verkauften Kartoffeln verwendet worden sei, bedürfe es nicht, die Tatsache des Besitzes genüge.
Nun hatte aber ein findiger Rechtsanwalt ausgeklügelt, daß das Gesetz nur den gewerbs⸗ mäßig Verkaufenden mit Strafe bedrohe und zum Gewerbe werde die Landwirtschaft nicht gerechnet. Wirklich schlug dieser Einwand trotz der entgegenstehenden Auffassung des Ge⸗ neralstaatsanwalts durch, das Gericht sprach die Angeklagten frei mit der Begründung: § 369,2 R. St. G. B. kann auf Landwirte, bezw. auf alle Personen, welche in regelmäßiger Wiederkehr und in der Absicht, unmittelbaren Gewinn zu erzielen, Produkte ihrer eigenen Viehzucht, ihres Garten⸗ oder Feldbaues nach Maß oder Gewicht verkaufen, nicht angewendet werden.
Damit ist ausgesprochen, daß die Landwirte ein Vorrecht genteßen, das das bei ihnen kaufende Publikum zur Vorsicht mahnen muß. Und wenn das Bündlerblatt glaubte, durch die Be⸗ kanntgabe dieser Entsch idung den Landwirten einen Dienst zu erweisen, so kann sich das noch als ein recht schlechter Dienst erweisen, denn es können ihnen Unannehmlichkeiten aller Art daraus erwachsen.
Gießener Angelegenheiten.
— Lokalabtreiberei. Ueber die Wirt⸗ schaft„Lonys Bierkeller“ ist vor einiger Zeit das Militärverbot verhängt worden, weil in diesem Saale Partei⸗ und Gewerkschafts⸗ versammlungen abgehalten wurden, wie der Regimentskommandeur dem Wirte auf seine Beschwerde erklärt haben soll. Man wendet danach hier wieder den Militärboykott gegen die Arbeiterbewegung an; die Militärbehörde glaubt jedenfalls, sich mit diesem Mittel ebenfalls am Kampfe gegen die Arbeiterbewegung beteiligen zu sollen, ste dürfte sich aber läuschen, wenn sie glaubt damit Erfolge zu erzielen. Das Mittel wird schließlich ebenso versagen wie in Sachsen. Dort sahen sich endlich die Wirte im Interesse ihrer Existenz genötigt, sich gegen die militärische Bevormundung zu wehren und sie hatten vollen Erfolg. Hier besteht zwar ein Wirteverein, der scheint es aber nicht für seine Aufgabe zu halten, Matznahmen gegen die Schädigung des Gewerbes durch die Militärbehörde zu ergreifen. Für größere Versammlungen steht uns gegen⸗ wärtig kein Lokal zur Verfügung. Unsere Ge⸗ nossen werden sich aber zu helfen wissen. Sie werden Mittel zur Beseitigung des Mißstandes finden und sie anwenden, auch wenn sie den Wirten dann weniger angenehm sind. Vor allem muß jetzt jeder Parteiangehörige die uns zu Versammlungen ver wei⸗ gerten Lokale unbedingt meiden, selbst⸗ berständlich auch Festlichkeiten, die dor abge⸗ halten werden. Vorläufig kommen dabei nur Café Leib und Lonh's Bierkeller in Betracht. Es muß ein jeder für seine uner⸗ läßliche Pflicht halten, die im Interesse unserer Sache gebotenen Maßnahmen zu unterstützen; zeigen wir, daß wir die richtige Antwort auf die uns widerfahrene Behandlung zu geben wissen!
— Mit einer Erweiterung des Schlachthofes beschäftigten sich die Stadt⸗ verordneten am vorigen Donnerstag. Nach den Vorschlägen der Bürger meisterei soll diese Ver⸗ größerung sich auf alle Anlagen des jetztigen Schlachthauses in der Weise erfolgen, daß dieses
für den Betrieb ausreicht, wenn sich die Ein⸗ wohnerzahl Gießens aufs 50 000 erhöht. Man war sogar so vorsorglich, eine Vergrößerung vorzusehen, die für eine Stadt von 100 000 Einwohnern genügen würde! Der Kostenauf⸗ wand beläuft sich auf 435 000 Mk. Kru m m wünschte dabei, daß man auch Kühlzellen vor⸗ sehen solle, die andere Geschäftsleute, Geflügel⸗ händler ꝛc. benutzen könnten; der Oberbürger⸗ meister entgegnete, daß die Metzger sich dagegen ausgesprochen hätten, weil das Fleisch den Ge⸗ ruch von andern Sachen annehme. Schließlich wird dem Plane im allgemeinen zugestimmt.
— Das Jugendfest am Donnerstag nahm bei herrlichem Wetter den besten Verlauf. Eine überaus große Menschenmenge hatte sich im Philosophenwald eingefunden, wo der Aufent⸗ halt diesmal weit angenehmer war als beim Feste vor zwei Jahren; damals herrschte be⸗ kanntlich ein unerträglicher Staub. Den Kindern macht das Fest viele Freude und wir meinen, daß es auch sonst keine Nachteile bringt. Warum es die Mehrheit unserer Stadtväter beseitigen will, ist eigentlich ganz unverständlich. Dies⸗ mal war es noch dem geschickten Eingreifen unseres Genossen Krumm zu verdanken, daß ein Jugendfest beschlossen wurde.
— Vom„sozialdemokratischen Briefdieb⸗ stahl“ faselte das Amtsblatt dieser Tage, weil der „Vorwärts“ einige Briefe aus dem Reichsverband der Sozialistenvernichter veröffentlichte, die wieder einen kleinen Einblick in die schmutzige Kampfesweise dieser Gesellschaft gewähren. Diese Schriftstücke sind dem Abg. Fischer von einem Angestellten des Reichsverbandes in's Haus gebracht worden, von einem„Diebstahl“ ist also keine Rede. Wenn aber mal vertrauliche Briefe aus der sozialdemokratischen Partei veröffentlicht würden, mit welcher Wollust würde sie der Anzeiger abdrucken und ausbeuten, auch wenn sie gestohlen wären!— Charak⸗ teristisch ist aber eine Bemerkung des Anzeigers dazu. Er sagt:„... Man(die Sozialdemokraten) war so liebenswürdig, uns den Genossen Fichtner als Ersatzmann anzubieten.“ Ist der Anzeiger eine Filiale des Reichsverbands? Fast scheint es so!
— Bauarbeiterschutz. Die vor einiger Zeit in Gießen errichtete Bauarbeiterschutz⸗ Kommission nahm am 11. April ds. 35. eine Baukontrolle vor, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Danach wurden 33 Bauten kon⸗ trolliert(darunter 1 Staatsbau und 2 städtische Bauten), an denen zusammen 438 Arbeiter be⸗ schäftigt waren.— Die Unfallverhütungsvor⸗ schriften fehlten an 6 Baustellen, die städtischen Bestimmungen an 31. Gerüste waren nur an 8 Bauten vorschriftsmäßig; mangelhaft an 7 und an 4 waren überhaupt keine vorhanden. Baubuden waren in 8 Fällen vorschrifts⸗ mäßig, bei 21 Bauten mangelhaft, bei 4 fehlten sie überhanpt. Aborte fehlten ebenfalls auf 4 Baustellen, auf 11 befanden sie sich in gutem, auf 18 in schlechtem Zustande. Ferner war an 12 Neubauten die Balkenlage vorschriftsmäßig abgedeckt, an 7 dagegen ungenügend oder gar nicht. Kästen mit Verbandsmaterial war nur an zwei Baustellen vorhanden.— Man steht hieraus, wie mangelhaft es mit dem Bauarbeiter schutz bestellt ist, wie viel noch in dieser Beziehung au dem absolut Notwendigen fehlt. Hier muß deshalb jeder Bauarbeiter im Interesse seiner gesunden Glieder auf Besserung dringen!
— Der Werkmeister. Wenn mal ein Arbeiter eine etwas„höhere Staffel“ erklommen hat und Werkführer oder Parlier geworden ist, geht mit ihm in den meisten Fällen eine Gesinnungsänderung vor. Leute, die vorher Schulter an Schulter mit ihren Kollegen den politischen und wirtschaftlichen Kampf führten, ziehen sich zurück, glauben nicht mehr mit den Arbeitern verkehren zu können, wenn ste Werk⸗ führer geworden sind und halten sich schließlich für verpflichtet, das nackte kapitalistische Interesse des Unternehmers vertreten zu müssen, und nehmen gegen die Arbeiter und ihre Bestrebungen Stellung, obgleich sie selber Arbeiter sind. Das beweist der Brief eines Gießener Werkführers, den die Tabakarbeiter⸗Zeitung veröffentlichte und den dieser an einen Freund in Hadersleben richtete. Er lautet:
Gießen, 26. Juni 1906,
Mein lieber Freund! Wie geht es Dir und Deiner Familie? Hoffentlich gut. Auch mir geht es sowelt gut, nur daß man bis über die Ohren in der
Arbeit steckt. Du wirst wohl gehört haben,
ein Streik ausgebrochen war, 10 55 a a nennen, als frivol, um einer Bagatelle wegen einen Streik vom Zaun zu brechen, welcher zum Nachteil der Arbeiter verlaufen ist, indem fast sämtliche ausständigen Spinner bis auf einen in die Fremde gezogen sind. Ich möchte nun bei Dir mal anfragen, wie es mit Dir steht, ob Du vielleicht Lust hast, hier anzufangen, Du könntest hier sehr gut bei 9 stündiger Arbeitszeit Deine 27-33 Mark pro Woche verdienen, mein erster Spinner bringt es auf 35 Mark. Vielleicht weißt Du sonst noch zwei tüchtige, solide Spinner, welche Lust haben nach hier, ich wäre Dir zu Dank verpflichtet.
929 usw. Dein Freund Fr. W..., Steinstr.
us dem Abdruck seines Briefes ersieht Meister W..., meint die Tabatarbeller. Zehn dazu, wie sein„lieber Freund“ die„Freundschaft“ zu würdigen weiß, die ihn verleiten will, seinen kämpfenden Brüdern in den Rücken zu fallen. Für solche„Freundschaft“ dankt jeder Arbeiter, der auf seine Ehre achtet und die Interessen seiner Mitarbeiter, die auch die seinigen sind, nicht verrät. Außerdem wird aber die Wahr⸗ heit in dem Briefe ganz gewaltig mißhandelt. Bekanntlich sind die Gail'schen Tabakspinner nicht in den Streik getreten, sondern sie wurden ausgesperrt um einer Bagatelle willen, wie Herr W. ganz richtig sagt. Wenn die Forderung der Arbeiter nur eine Bagatelle war, so ist es um so bezeichnender für den Unternehmer, daß er die„Bagatelle“ nicht bewilligt, sondern es auf einen Streik ankommen läßt. Und für den Werkmeister mußte es eine Kleinigkeit sein, hier die Vermittelung zwischen Arbeiter und Unter⸗ nehmer zu übernehmen, die Bagatelle im Hand⸗ umdrehen zu erledigen. Damit hätte er besser getan, als Streikbrecher zu werben, denn das st doch keine lobenswerte Beschäftigung. Die Angaben über Löhne und Arbeitszeit entsprechen ebenfalls den Tatsachen nicht, wie ja allgemein bekannt ist. Die Herren Werkführer würden auch in ihrem eigenen Interesse bedeutend klüger handeln, wenn sie mehr zu ihren Klassengenossen, den Arbeitern, als zu den Unternehmern hielten, denn sie haben ihre Stellungen doch auch nicht auf Lebenszeit, sie können bet Gelegenheit mit derselben Leichtigkeit auf die Straße gesetzt werden, wie es dem Arbeiter passtert.
— Ueber denpolitischen Massen⸗ streik spricht diesen Samstag Abend Genosse Dr. Michel s⸗Marburg in der Versammlung des Wahlbereins, die wie immer bei Orbig stattfindet. Die Parteigenossen wollen sich dazu recht zahlreich und pünktlich einfinden.
— Abg. Dr. David spricht am Mon⸗ tag(30.) Abend in öffentlicher Volksversamm⸗ lung im„Wiener Hof“ über„Fragen der Reichs⸗ politik.“ Die Versammlung wird im Lokale und Garten abgehalten und es wird recht zahl⸗ reicher Besuch erwartet.
— Feste. Wir machen nochmals auf das Fest der Freien Turnerschaft auf der Pulver⸗ mühle und der Tabakarbeiter in Heuchelheim aufmerksam, die beide am Sonntag stattftinden. Siehe Inserate.
Aus dem Rreise gießen.
— Wieseck. Die Gründung einer Freien Turnerschaft ist hier in die Wege geleitet und es haben bereits 55—60 Mann ihren Bei⸗ tritt erklärt. Die Einzeichnungsliste liegt bei Wacker aus, wo sich noch zeder einzeichnen kann, der Lust und Liebe zur Sache hat. Samstag, den 4. August soll eine Versammlung über das Weitere beschließen. 5
— In Groß enlinden spricht Genosse Dr. David diesen Samgtag in öffentl. Volks⸗ versammlung im Saale des Herrn Weigandt. Unsere Parteifreunde wollen für recht guten Besuch sorgen.
r. Bezirkskonferenz in Trohe. Wie in den Vorjahren wollen auch diesmal die Partei⸗ genossen in Altenbuseck, Rödgen, Trohe und Wieseck über die Beschickung der Landeskonferenz und andere Parteifragen gemeinsam beraten und zu diesem Zwecke ist eine Bezirkskonferenz auf den 5. August nach Trohe einberufen worden,
deren nähere Tagesordnung unter Parteinach⸗
richten nachzulesen ist. Die genannten Orte werden darauf aufmerksam gemacht, daß je drei Delegierte von jedem Orte stimmberechtigt sind,


