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Beilage zur Mitteldeutschen Sonntugs-Leitung.
No. 17.
Gießen, Sonntag, den 29. April 1900.
13. Jahrg.
5 Bemüht Parteifreunde! can nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der
Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!
Hessisches. — Bei Wahlen auf dem Lande geht's oft recht bunt zu. Die nötigen Vorbe⸗ reitungen zum Wahlgeschäft, Aufstellung der Wählerlisten ꝛc. werden vielfach höchst unge⸗ nügend getroffen, so daß viele Wähler nicht zu ihrem Rechte kommen. Merkwürdigerweise sind es fast immer Arbeiter und Angehörige unserer Partet, die dabei die Leidtragenden sind. Solche Unordnung findet man aber nicht bloß in den kleinen Landgemeinden, sondern auch in größeren Orten, wie Bretzenheim bei Mainz, wo die Wählerliste bei der letzten Landtagswahl außerordentlich mangelhaft war. Von sozialdemokratischer Seite erfolgten daher zahlreiche Reklamationen; 130 Wähler mußten nachgetragen werden. Trotz Reklamation und Vorlage der Papiere wurden noch eine Anzahl Wähler nicht in die Liste eingetragen. Diese mangelhafte Arbeit der Bürgermeisterei in Bretzenheim hatte unser Mainzer Parteiblatt gebührend kritistert und war deshalb wegen Beleidigung des Bürgermeisters angeklagt wor⸗ den und am Montag wurde der Genosse Hitzler als verantwortlicher Redakteur der„Mainzer Volkszeitung“ zu 300 Mk. Geldstrafe verurteilt. Und dies, trotzdem festgestellt wurde, daß eine fast unglaubliche Unpünktlichkeit auf der Bürger⸗ meisterei herrschte und sogar Aktenstücke spurlos verschwunden waren! Hierbei zeigt sich wieder, wie notwendig es ist, daß genaue Kontrolle der Wählerlisten geübt wird.
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Deutsche Kosaken.
In Breslau hat die Polizei am Donners⸗ tag ein schauderhaftes Blutbad unter Arbeitern angerichtet. Gegen eine Anzahl ausgesperrter Arbeiter gingen sie mit Säbel und Revolver in einer Weise vor, wie wir es bisher nur aus Rußland gehört hoben. Merkwürdig und auf⸗ fällig ist, daß die„Ordnungs“presse davon fast nichts zu berichten weiß, jedenfalls soll der Polizeiskandal vertuscht, oder den Arbeitern die Schuld in die Schuhe geschoben werden und tatsächlich haben auch verschiedene Blätter von „bedauerlichen Ausschreitungen ausgesperrter Metallarbeiter“ gesprochen. Ueber den Sach⸗ verhalt Folgendes: Die Former in den Bres⸗ lauer Betrieben waren in eine Lohnbewegung getreten und hatten ihren Arbeitgebern Forde⸗ rungen unterbreitet. Als ste keine Antwort be⸗ kamen, traten sie in den Ausstand und erzielten damit einen Teilerfolg bei einer Reihe von Firmen. Kurz darauf sahen sich aber die Former der Firma Maschinenbau⸗Anstalt in die Not⸗ wendigkeit versetzt, wiederum in den Streik ein⸗ zutreten. Die Metallindustriellen drohten mit einer Aussperrung aller Former und Gtießer, falls die Streikenden die Arbeit nicht bis zum 11. abends aufnehmen würden und sperrten auch 6000 Former aus. Ueber die blutigen Vorgänge am 19. April berichtet nun unser Breslauer Parteiblatt:
Am Striegauer Platz hatten sich gegen Feier
abend eine große Zahl von Ausgesperrten ein⸗ gefunden, um die aus der Linke schen Waggon⸗ fabrik herauskommenden Arbeits willigen zu erwarten. Ihre Absicht war eine durchaus friedliche und wohlwollende gegenüber diesen Arbeitswilligen. Nun kamen die Arbeitswilligen heraus, in der Mehrzahl ruhig und friedlich. Einige von ihnen schnitten allerdings angesichts den Ausgesperrten höhnende Grimassen und suchten diese zu verspotten. Ein Ausgesperrter
warf ihnen ein Stück Brot zu mit den Worten: ö
„Hier habt ihr, wenn ihr denkt, ihr würdet
verhungern.“ Dies ist der einzige„Zwischen⸗ fall“, der sich dort abspielte. Nun hatten sich auf dem Platze ein Haufen von neugierigen Frauen und Kindern eingefunden; alles staute sich,einige Schuljungen pfiffen und johlten, die Polizei forderte darauf alles zum Weggehen auf, dieser Aufforderung konnte der Menschenknäuel nicht rasch genug Folge leisten. Inzwischen waren bereits Schutzleute aus anderen Revieren telephonisch herbeigerufen worden, die mittels der elektrischen Straßen⸗ bahn anlangten, und als sich etwa 100 Schutz⸗ leute und 10 Berittene eingefunden hatten, er— tönte von einem Polizeileutnant das Kommando: „Marsch! Marsch! Sofort drangen die Schutz⸗ leute in die Menge mit blanken Säbel n ein; die Berittenen ritten mit den Pferden in den Menschenhaufen hinein! Einige Polizisten gebärdeten sich wie rasend. Zahlreiche schwere Verletzungen kamen vor. In der Friedrich Wilhelmstraße war eine 74 Schritte lange, ununterbrochene Blutlache!
Mit dem ersten Blutvergießen aber noch nicht genug, machte sich die Polizei nun an die Verfolgung der wehrlosen Menschen! Fast alle Straßen der Nikolai⸗Vor⸗ stadt zeigten Blutspuren!
Vielfach verfolgten die Poltzisten die Flie⸗ henden in die Häuser!
Im Hausflur Hildebrandstraße 283 wurde einem Maune die Hand durch einen Säbelhieb abgehauen. Die Hand wurde von Flüchtigen aufgehoben. Der Verstümmelte, der Bierfüller Bie wald, ein fleißiger und braver Arbeiter, hatte mit den Ausgesperrten gar nichts zu tun. Ein Schutz⸗ mann verfolgte ihn auf dem Heimwege bis auf die Treppe nach seiner Wohnung, wo er ihm mit scharfem Säbel die Hand abschlug, mit der er sich am Treppengeländer festhielt.
Auf der Schweitzerstraße schossen Polizisten mit Revolvern weil die Frauen die Fenster in den Etagen nicht zumachten. Die Kugeln zer⸗ schlugen die Scheiben und drangen in die Decke der Stube. Auch auf der Posenerstraße wurde geschossen und tragen die Häuser die Spuren der Schüsse! Vom Strie⸗ gauer⸗ bis zum Wachtplatz und von der Fried⸗ rich Wilhelmstraße bis zur Kurzegasse wütete das Gemetzel, überall seine blutigen Spuren hinterlassend. 44 Verwundete sind in den Krankenhäusern untergebracht, zwei davon sind tödlich verwundet!
In welcher Weise die Poltzisten hausten, dafür führt unser Breslauer Parteiorgan mehrere drastische Beispiele an. Hier nur eines:„Der Müller Reinhold Görlitz wollte bei Sieg⸗ mund Friedrich Wilhelmstraße, Waren abliefern. Von Schutzleuten aufgefordert, weiterzugehen, sah sich G. nach dem mit ihm gehenden 72 jährigen Schwiegervater namens Kauder um, um ihn zu veranlassen, schnell mitzukommen. Der Greis aber konnte nicht schnell gehen, weshalb G. zu den Schutzleuten sagte:„Haben Sie doch mit dem alten Manne ein wenig Geduld! Sie sehen doch, daß er ein alter Mann ist und nicht laufen kann!“ In diesem Augenblick aber sausten bereits die Säbelhitebe auf den Arbeiter herab, derart, daß ihm die linke Schulter total durchgehauen und mit einem Hieb die linke Hand verletzt wurde“. Von bürgerlicher Seite wird das Vorgehen der Polizei scharf verurteilt.
Welcher vernünftige Mensch wird denn auch eine solche Polizei⸗Scheußlichkeit nicht verur⸗ tellen? Das ist ja genau wie unter der rus⸗ sischen Kosaken⸗ und Knutenherrschaft! Ange⸗ sichts solcher Bluttaten muß das ganze Volk den energischsten Protest erheben und die Be⸗ strafung der Schuldigen fordern. Natürlich sucht die Polizei alle Blutschuld von sich abzu⸗ waschen und stellt es so dar, als ob ein be— waffnetes Einschreiten erst erfolgt wäre, nach⸗ dem von den ausgesperrten Metallarbeitern
Angriffe auf die Arbeitswilligen erfolgt waren. So hat man es immer noch in allen Poltizet⸗ berichten aller Länder gelesen, und wenn man sich auf die Quellen verlassen würde, so müßte man zur Meinung kommen, daß noch niemals — nicht in Frankreich, nicht in Ungarn, nicht in Italien und nicht in Rußland— von den Organen der Staatsgewalt unschuldiges Blut vergossen worden set. Auf der anderen Seite aber, die sich offenbar viel mehr Mühe gibt, ihre Objektivität zu bewahren, gibt man zu, daß in Breslau nicht von Arbeitern, sondern von einigen jungen Burschen geringer Unfug geübt worden sei, man bestreitet aber, daß dieser Unfug in irgend einem gerechten Verhältnis ge⸗ standen habe zu der blutigen Metzelei, die da⸗ raufhin den wehrlosen Arbeitern, Frauen und Kindern von der bewaffneten Macht geliefert worden ist. Und diese Meinung hat nach vor⸗ liegenden Berichten Unpartetischer, aber auch nach aller allgemeinen Erfahrung die weitaus größere Wahrscheinlichkeit für sich. Es ist hin⸗ reichend bekannt, daß, wenn die Schutzmann⸗ schaft mit blankem Säbel gegen eine wehrlose Menge vorgeht, auch gutmütige unter ihnen vergessen, daß ste Menschen sind und von den niedrigsten Schlächterinstinkten ergriffen werden. Wo soll es aber denn hinführen, wenn die Ar⸗ beiter nach solchen Vorgängen ihr Leben so gut wie möglich zu schützen suchen und es für not⸗ wendig halten, sich ebenfalls zu bewaffnen e Könnte man es ihnen verdenken, wenn ste sich nicht widerstandslos wie die Kälber abschlachten lassen wollen? Im Uebrigen zeigt auch die Breslauer Straßenschlacht wieder, wie die be⸗ waffnete Macht nur dazu da ist, die Interessen des Kapitalismus zu schützen.
Stimmen über den Achtstundentag.
„Es ist eine Beschränkung der täs lichen Arbeitszeit auch des erwachsenen männlichen Arbeiters bei der jetzigen technisch möglichen Produktivität der Arbeit, ohne ein durchgreifendes Bedenken möglich geworden. Wird diese Beschränkung in passendem Umfange erreicht, und die so freiwerdende Zeit vom Ar⸗ beiter richtig ausgenützt, so erfolgt ein kultur⸗ politischer Fortschritt ersten Ranges nicht bloß zum Segen des nächstbetroffenen Arbeiters,
sondern der gesamten Kulturwelt.“ Professor Adolf Wag ner⸗Berlin.
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„Neben der Regulierung der Frauen⸗ und Kinderarbeit muß als die entsprechendste Maß⸗ regel innerhalb der heutigen kapitalistischen Produktionsweise die Herabsetzung der Arbeitszeit auf acht Stunden ange⸗ sehen werden, wie sie seit längerer Zeit schon in den Staatsfabriken Amerikas und an anderen Orten verwirklicht ist. Außer der Tatsache, daß verringerte Arbeitszeit den Ueberfluß an Produktionskräften herabgesetzt, wodurch herum⸗ ziehende Arbeitslose beschäftigt werden könnten, wirkt die Verkürzung derselben als das durch⸗ schlagendste Mittel einer weiteren Degeneration der Arbeiterbevölkerung entgegen.“
Baronin Bertha von Suttner.
Splitter. Der Mensch muß das Gute und Schöne wollen— das übrige hängt vom Schicksal ab.
A. v. Humboldt. **
* So lang die Toren nicht aus dieser Welt ver⸗ schwinden,
Wird unter ihnen stets sein Brot ein Kluger finden.
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Jede Arbeit, mag sie hoch oder niedrig, beliebt oder unbeliebt sein, mag ste Kopf oder Hand in Anspruch nehmen, ist als sittliche Pflicht und Vorbedingung wahren Lebensglück aufzu⸗ fassen und in Ehren zu halten.
B. Böhmert.
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