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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 38.

würde. Dem freisinnigen Antrag, die Kosten der neuen Flottenforderung durch eine Reichsvermögenssteuer zu decken, stimmte die Fraktion zu; der Antrag wurde aber in namentlicher Abstimmung mit 142 gegen 67 Stimmen abgelehnt. Die Flottenpatrloten belasten eben lieber den ärmsten Mann im Volke als sich und ihre Sippe. Kolonialetat.

Ungewöhnlich umfangreich und hestig gestaltete sich

die Beratung des Kolonialetats, die von einer moralischen Hinrichtung nicht mehr weit entfernt war. Immer unverhüllter zeigt sich das Fiasko, das Deutsch⸗ land mit seiner Kolonialpolitik erleidet, die Unsummen schon verschlungen hat und solange im Reichstage eine Mehrheit wie die heutige zum Schaden des Volkes und Staates existiert noch Unsummen verschlingen wird, mit dem bisher einzigen Erfolg, daß die Kolonial- politik kaum notdürftig einen lächerlich geringen Handel zeltigte, dafür aber Skandale und Verbrechen aller Art, die auf Deutschland Schmach über Schmach gehäuft haben. Wie rasend die Anfwendungen des Reiches (Reichszuschüsse und sonstige Ausgaben) gewachsen sind, zeigen diese Angaben: 1885 gab das Reich für die Kolonien rund 348 000 Mk. aus, 1895 bereits rund 6,1 Millionen, 1904 rund 149,4 Millionen. Allein für die famose chinesische Pachtung Kiautschou sind bisher 85,9 Millionen verausgabt worden. Der Kreuzzug nach Ostasien hat bisher 274,1 Millionen, der Aufstand in Südwestafrika über 300 Millionen verschlungen. Bald wetterleuchtet es in dieser, bald in jener Kolonie, und die Gefahr, daß neue, schwere Aufstände ausbrechen, ist drohend nahe. Nicht weniger als 753 Millionen Mark find in den unseligen 20 Jahren deutscher Kolonialpolitik verschleudert worden, während der Ge⸗ samthandel in dieser Zeit sich auf rund 320 Millionen Mark berechnet, wobei besonders zu beachten ist, daß diese Ziffer auch nur durch die Einrechnung der Liefe⸗ rungen für Militär, Beamte usw. erreicht worden ist. In den deutschen Kolonien lebten bis 1904 kaum 6000 Deutsche; von einer späteren starken Anstedelung kann nie die Rede sein. Mußte doch selbst der als Kolontal⸗ schwärmer bekannte Hänge⸗Peters noch im November 1905 zugeben, daß Südwestafrika kaum an die ärmsten Teile Britisch⸗Südafrikas heranreicht. Und der Afrika⸗ forscher v. Nettelbladt, ein genauer Kenner dieser Kolonie, die einen anderthalbmal so großen Flächeninhalt wie das Deutsche Reich hat, erklärte, daß Südwestafrika höchstens 40000 50 000 Menschen zu ernähren vermag. Welche Flächen notwendig sind, um ein Stück Rindvieh oder Kleinvieh zu ernähren, darüber mußte der Besiede- lungskommissar Dr. Rohrbach Angaben machen, die bei jedem Landwirt Entsetzen hervorrufen. Und dabei wird die Zukunft und derWert dieser famosen Kolonie neuerdings mit dem phantastischen Hinweis auf die dort angeblich mögliche große Viehzucht gepriesen.

Aber Wahrheit werden alle diese Phantasiekolonial⸗ schätze niemals werden, weil sie eben nur in der Phan⸗ taste, aber nicht in deutschen Kolonien vorhanden sind, wenigstens nicht in dem Maße, daß sie nur ein Viertel all der Geldaufwendungen lohnten. Trotzdem: nicht eine der bürgerlichen Parteien ist bereit, dem deutschen Kolonialaberwitz ein Ende zu bereiten, der letzt schon resigniert mit dem famosen Argument verteidigt wird: Wir haben einmal die Kolonien, es ist um sie deutsches Blut geflossen, ergo müssen wir sie um derEhre Deutschlands halber halten, die wie nochmals betont werden soll beinahe tagtäglich in den Kolonien in schwerster Weise ramponiert wird. Nur die sozialdemo⸗ kratische Fraktion bekämpfte die Kolonialpolitik grund⸗ sätzlich, die nichts gemein hat mit der Kulturentwickelung, nicht der Ziviltsation dient, sondern der brutalsten und blutigsten Abenteurerlust und einem rücksichtslosen, von wildester Profitgier beseelten Ausbeuter- und Spekulanten⸗ tum auf Kosten der Steuerzahler Riesengewinne zuschanzt.

Der Bericht erwähnt im Weiteren verschiedene Helden⸗ taten von Kolonialbeamten, die dafür schimpflichen Ab⸗ schled verdient haben, aber mit Pension entlassen worden sind. So der Hauptmann Besser(Kamerun), der 60 bis 70 eingeborene Träger verhungern ließ und auf die Vorstellungen eines Offiziers die bestialische Antwort gab: Ich will gerade, daß die Schweine verrecken. Der Unmensch erhielt ganze sieben Monate Festungshaft. Ein Hauptmann Kannenberg, der eine ahnungslose Frau angeschossen hatte, aus purem Mutwillen, wurde mit einer geringen Gefängnisstrafe belegt und mit Pension entlassen. In diesem Fall, wie in einem anderen (Hauptmann Thierry, der einen Mann vom Baume heruntergeschossen hatte), mußte der Kolonialverwaltung nachgewiesen werden, daß dem Reichstage nicht die volle Wahrheit gesagt worden ist, und wie vecsucht wurde, die Puttkameraffäre als möglichst harmlos darzu⸗ stellen, ist noch in frischer Erinnerung. Die Verträge mit den Land⸗ und Eisenbahngesellschaften, die Abkommen mit Syndikaten lieferten den Beweis, daß die Kolonlal⸗ verwaltung nicht einmal die Fähigkeit hat, die Trag⸗ weite der von ihr getroffenen Vereinbarungen zu über⸗ schauen. So sind Landkonzesstonen erteilt worden, die die Eingeborenen den Gesellschaften auf Gnade und Un⸗

wildesten Bodenspekulation. Neben der oftmals grau⸗ samen Behandlung ist es nicht zuletzt auch der kon⸗ zesstonierte Landraub an den Eingeborenen, der sie zu Aufständen treibt, die dann blutig auf Kosten der Steuerzahler niedergeschlagen werden. In Südwestafrika hat man die Aufständischen ihres Landes beraubt, so daß die sozialdemokratische Fraktion diesen, vom Reichs⸗ tag dann angenommenen Antrag einbrachte: Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, er wolle dafür sorgen, daß in der Kolonie Süd westafrika den Eingeborenen ein zu ihrem Lebens⸗ unterhalt in selbstaͤndigen Wirtschaftsbetrieben aus⸗ reichender Landbesitz zugesichert werde, um auf dieser Grundlage die Rückkehr friedlicher Zustände in der Kolonie und die schleunige Zurückziehung der dort bisher zu kriegerischen Operationen erforderlichen Truppen zu ermöglichen.

Die deutsche Kolonialpolitik mit ihrer Sinn⸗ und Systemlosigkeit, ihren großen Ungerechtigkeiten gegen Eingeborene, hat im verflossenen Sesstonsabschnitt wenig⸗ stens teilweise eine arge Bloßstellung erfahren. Den Versuchen, die Kolonialkritik und die Aufdeckung der zahllosen Mißstände einzuschränken, wird die Sozial⸗ demokratie energisch entgegentreten, ohne die grundsätzliche Bekämpfung der kapitalistischen kolonialen Eroberungs⸗ und Ausbeutungspolitik nur einen Augenblick zu unter⸗ lassen.

Im Weiteren widmet der Fraktionsbericht dem Etat der Justizverwaltung, dem Diätengesetz, dem Gesetz gegen die Hülfskassen, eingehende Be⸗ sprechung und zählt dann die Initiativanträge und Interpellationen auf, die von der Fraktion eingebracht wurden.

Die drei Interpellationen betrafen die Fleisch⸗ teuerung, die Borussia⸗Katastrophe und die Russenausweisungen.

Die 16 Initiativanträge, die die Fraktion einbrachte, betrafen u. a. folgende Gegenstände: Ver⸗ sammlungs⸗ und Koalitionsrecht; Einführung eines achtstündigen Maximalarbeitstages; Regelung des Ver⸗ tragsverhältnisses zwischen Bergwerksbesitzern und den Bergleuten, auf das lediglich reichsgesetzliche Vorschriften Anwendung finden sollen, die auch gleichzeitig die Arbeits⸗ zeit gesetzlich festlegen; Einführung eines Reichs berggesetzes; Gesetz zum Schutze der Arbeiter im Baugewerbe; Er⸗ richtung von Gerichten für Streitigkeiten aus dem Ar⸗ beitsverhältnis zwischen ländlichen Arbeitern und Arbeitgebern; reichsgesetzliche Vorschriften für die Rege⸗ lung des Vertragsverhältnisses zwischen Arbeitern und Arbeitgebern, unter gleichzeitiger Aufhebung der Gesinde⸗ ordnungen und Gewährung des Koalitionsrechts; Auf⸗ hebung der Nahrungs⸗ und Futtermittelzölle; allgemeines Wahlrecht in den Bundesstaaten; Ausdehnung der Immunität der Reichstagsabgeordneten auf die Straf- haft; Aufhebung des Majestätsbeleidigungsparagraphen; Haftung der Eigentümer von Automobilen und Eisen⸗ bahnen für den durch ihr Eigentum angerichteten Schaden. Von allen diesen Anträgen kam nur der Antrag betr. das Wahlrecht in den Bundesstaaten zur Verhandlung, den die Mehrheit ablehnte.

Mit einer ausführlichen Darlegung der sogenannten Finanzreform und der neuen Steuergesetze schließt der Bericht. Wegen Raummangel können wir noch nicht einmal Auszüge daraus wiedergeben. Doch es erübrigen sich solche auch, da über dieses für das arbeitende Volk höchst unerfreuliche Kapitel in unserm Blatte schon viel geschrieben wurde.

Von Nah und Fern.

Ein gerissener Advokat

war Jakob Deraburg, der Urgroßvater des jetzigen Kolonialdirektors. 1794 in Mainz geboren, wurde er Rechtsgelehrter. Bald war er einer der beliebtesten Anwälte der Stadt. Von seiner Schlagfertigkeit mag die folgende Anekdote Zeugnis ablegen. In einem Zivil⸗ prozeß hielt er einstmals auf dem Mainzer Gericht eine zündende Rede, doch auf einmal merkt er, wie sein Klient immer unruhiger und zuletzt ganz aufgeregt wird. Er wendet sich ihm zu und dieser flüstert ihm ins Ohr: Ums Himmels willen, was machen Sie denn, Sie verteidigen ja die Sache meines Gegners! Dernburg merkt selbst nunmehr zu a Schrecken, daß er sich geirrt hat, aber mit der größten Seeleuruhe fährt er fort: Meine 8 so würde ich reden, wenn ich die

ache der andern Partei zu vertreten hätte, aber da ich die Angelegenheit des Herrn X. führe, verhält sich natürlich alles anders, und nun drehte er sich plötzlich zugunsten seines Klienten, vertrat die Sache so gut und impo⸗ nierte durch diese originelle Art so sehr den

.Die antisemitischen Blättermachen sich das

Vergnügen, den jüdischen Stammbaum des Kolonial direktors vorzuführen.

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Sturm am Morgen.

Alles drängt und rückt zusammen, Sell an Selle, Stein an Stein,

Doch der Sturmwind und die Flammen Reißen Alles wieder ein;

Alles zu gewiß'rer Dauer

Schließt sich aneinander fest,

Doch das Feuer sprengt die Mauer, Und der Sturm zerstört das Nest.

Was Gewohnheit eng verbündet, Hundertjähr'ges Bestehen,

Satzung noch so fest gegründet, Stürzt zuletzt des Geistes Weh'n; Unaufhörlich durch die Cande

Braust gewaltig seine Macht,

Ost und lockert alte Bande,

Tagt durch Wolken, scheucht die Nacht. Wen'ge nur sind, die ihn hören, Aber sie begrüßen laut

Und bejubeln sein Serstören,

Wenn der blinden Menge graut.

Für die Menschheit, ihr zum Heile, Richtet trüg'risches Besteh'n

Und entwurzelt Vorurteile

Und bricht morschen Bau sein Weh'n.

Harre mit Geduld des Tages, Wo das Recht die Höh'n ersteigt, Wo sich nicht mehr als ein Sages, Als ein Feind die Wahrheit zeigt. Aus dem Traum die CTrägen rütt'le, Hoffart bricht und Eigensucht, Sturm am Morgen, brause, schütt'le, Welkes Caub und reife Frucht. Hermann Lingg.

Ver sorgt. Von Pauline Ludwig.

Vor dem Portal einer großen Fabrik standen der Fabrikbesitzer Stark und sein Schwager, Rittergutsbesitzer Hilmer aus K., in eifrigem Gespräch. Das Geklapper der Webstühle sowie das Surren der Spindeln von den Selfaktoren drang durch die weitgeöffneten Fenster, durch welche sich die Strahlen der warmen Juntsonne hineinstahlen zu jenen Menschen, die von Wärme und Licht der Sonne wenig verspüren. Plötz⸗ lich schien es, als habe jemand einen Schrei ausgestoßen; das Geräusch der Maschinen ver⸗ stummte. Als Herr Stark bemerkte, daß der Betrieb ruhte, entschuldigte er sich auf ein paar Minuten bei seinem Schwager. Dann lenkte er seine Schritte nach dem Feuerhaus, wo er dem Feuermann zurief:Ja, was fällt Ihnen denn eigentlich ein? Gestern mußte eine Stunde versäumt werden, weil Sie die Ver⸗ dichtung am Sonntag nicht nachgesehen haben, so daß sie mitten in der Woche herausfliegt. Nun, was wird es heute wieder geben. Ueber⸗ haupt sage ich Ihnen, wenn Sie Ihrem Beruf

sich gefälligst nach einer anderen Beschäftigung um. So, nun wissen Sie's.

Der Feuermann stand im Maschlnenraum, wo er damit beschäftigt war, eine Schraube am Tender fester anzuziehen. Bei den Worten seines Chefs legte er den Schlüssel auf die Werkbank. Dann trat er dicht vor ihm hin, eine jähe Röte hatte sein Gesicht überzogen. Eben öffnete er den Mund, um sich gegen die unberechtigten Vorwürfe zu verteidigen, als die

Dietel hereinstürzte, um zu melden, daß die

sei. Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Stark das Feuerhaus. ö Als die Tür krachend ins Schloß gefallen war, sagte der Feuermann brummend zu Dietel:

gnade ausliefern; die Landstrecken werden Oblekte der

Richtern, daß er den Prozeß glänzend gewann.

Nun ja, es ist doch bloß ein Mensch, der,

nicht mehr vorstehen können, dann sehen Sie

Tür aufgerlssen wurde und der Spinnmeister

Wolferin Merkel in den Reißwolf gekommen 5 8

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