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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Mr. 16.

tisch-ultramontane Clique versucht, das Augen⸗ merk der Oeffentlichkeit von ihren eigenen Heldentaten und Rüpeleien abzulenken. Die Methoden sind aber so ziemlich allgemein be⸗ kannt, welche diese Rowdys mit den 20 em hohen Stehkragen in öffentlichen Versammlungen anwenden. Erst wird der Gegner nach Art der Achtgroschenjungen vom Reichsverbande mit Schmutz beworfen und dann schleunigst die Bude geschlossen. Trotzdem halten wir es für unangebracht, diesen Herren mit gleichen Waffen zu dienen.

Am besten ist es da, diese Leute unter sich zu lassen und ihrer krankhaften Scheu vor öffentlicher Auseinandersetzung Rechnung zu tragen. Uebrigens ist bei der Darmstädter Wahlbewegung nicht von sozialdemokratischem, sondern von nationalliberalem Terrorismus zu reden, über den sich dieentschiedenen Liberalen mit Recht beklagen. In einer nationalliberalen Versammlung in Arheilgen wie auch in einer solchen in Darmstadt wurden die Liberalen Bornemann, Nuschke und Haupt, die für Korell agitieren, persönlich attaktert und zwar im Belsein des nationall. Kandidaten Dr. Stein, des Abg. Becker und des sehr unrühmlich be⸗ kannten Amtsrichters Mahr. Dieser Vorfälle haben sich die Nationalliberalen allerdings zu schämen und sie sollten erst vor ihrer Türe kehren, ehe sie von sozialdemokratischem Terro⸗ rismus schwindeln.

Gießener Angelegenheiten.

DerDeutsche Verein die Antisemiten Liebermannscher Richtung wandte sich neulich in einemEingesandt in den Gieß. Neuest. Rachr. gegen unsere Behauptung, daß dieDeutsch⸗Sozialen bezüglich der Konsum⸗ vereine eine Politik mit doppeltem Boden treibe. Das uns erst später zu Gesicht gekommene Ein⸗ gesandt bestreitet, daß jene Partei auf dem Lande Konsumvereine befürworte und fragt uns, wo un) wann das geschehen sei. Weiter wird erklärt, daß weder die Reformpartei noch die Christlich⸗Sozialen Begründer und Förderer der Konsumvereine seien. Dann schließt dasEin⸗ gesandt:Etwas anderes ist es mit dem Be⸗ zug⸗ und Absatzgenossenschaften des Mittelstandes in Stadt und Land. Konsumvereine aber werden fälschlicherweise für Genossenschaften gehalten. Doch kurz und gut: Wo und wann hat die deuischsoziale Partei auf dem Lande Konsum⸗ vereine begründet und gefördert? Wir sind neugierig auf die rühmlich bekanntenmittel⸗ deutschen Beweise.

Jedenfalls sind diemitleldeutschen Beweise jederzeit klarer und zutreffender als die Aus⸗ führungen, die derDeutsche Verein in obigen Sätzen macht, die fast zum Zwecke der Ver⸗ wirrung niedergeschrieben scheinen. Was da gesagt wird, ist nichts als Silbenstecherei. Be⸗ zugs⸗ und Absatzgenossenschaften und Konsum⸗ vereine sind verschiedene Namen für dieselbe Sache. Es ist auch bedeutungslos, ob die Liebermann⸗Partei offiziell Konsumvereine gegründet hat; es tat aber der Bund der Land⸗ wirte, mit dem sie eng verbunden ist und sich solidarisch erklärt. Außerdem treten bekanut⸗ lich viele bei den Antisemiten agitatorisch tätige Leute, wie Hirschel, der doch jetzt auch zur Lieber mann⸗Partei gehört, für die Konsumvereine ein, was wir ihnen natürlich nicht zum Vor⸗ wurf machen.

Wahlverein. In dem Berichte über die letzte Bersammlung befindet sich ein Irrtum. Krumm hat nicht gesagt, daß unsere Genossen gegen den Neubau der höheren Mädchenschule gestiumt haben, sie haben im Gegenteil dafür gestimmt. Dabei sei noch bemerkt, daß in der Diskussion über den Bericht der Stadtver⸗ ordneten Fourier die Lohnerhöhung der städtischen Arbeiter als ungenügend bezeichnete. Namentlich sei bei einzelnen Kategorien die Arbeitszeit außerordentlich lang. Beckmann meinte, das Theater sei ja ganz schön, aber der arbeitenden Klasse nütze es nichts. Man werde jeden⸗ falls so hohe Eintritts⸗Preise ansetzen, daß ein armer Teufel sich den Luxus eines Theaterbesuchs nicht erlauben könne. Im übrigen erklärte er sich mit der Tätigkeit unserer Genossen im Allgemeinen einverstanden.

Ueber die Betriebskrankenkasse Winn wird uns geschrieben:

Die letzte Versammlung behufs Entgegennahme der Jahresrechnung und Statuten⸗Aenderung war in vor⸗

schriftsmäßiger Weise auf Nachmittags 4 Uhr anberaumt.

Plötzlich jedoch ließ man zwischen 11 und 12 Uhr Vormittags eine Anzahl Leute zusammentrommeln und hielt die Versammlung schon um 12 Uhr ab. Bei dieser Versammlung wurde gleichzeitig der Lohn ausgezahlt, infolgedessen weiß niemand genau, was an den Statuten geändert worden ist. Das Gerücht sagt, der Passus im Statut, wonach den Kassenmitgliedern für ihre Ange⸗ hörigen freie ärztliche Behandlung gewährt werde, sei dahin abgeändert worden, daß solche nur noch in schweren Krankheitsfällen gewährt werde. Wir glauben kaum, daß sich die Aufsichtsbehörde auf eine derartige, einzig dastehende Statutenänderung einlassen wird, da solche nicht legal zu Stande gekommen ist. Für die übrigen Bauhandwerker heißt es nun aufgepaßt, daß nicht noch mehr derartige, vongroßen sozialen Gedanken geleitete Institute ins Leben gerufen werden.

Warnung vor Schwindel⸗ Krankenkassen! Einer Reihe der sauberen Institute, die sichVolkskrankenkassen,Volks- verstcherungen oder sonstwie nennen, in Wirk⸗ lichkeit es aber nur darauf abgesehen haben, ihren Gründern und Leitern das Geld ver⸗ trauensseliger Leute in die Taschen zu leiten, ist schon ihr Handwerk gelegt worden. Doch immer wieder tauchen neue auf. Die Leser unserer Parteipresse sind ja durch die Warnungen der letzteren schon vorsichtig geworden, trotzdem fallen immer noch viele Arbeiter auf die viel⸗ versprechenen Reklamen herein. Eben wird das Land wieder mit Prospekten eines Unternehmens überschwemmt, das den hochtönenden Titel: Deutsche Vaterländische Kranken-, Unterstütz⸗ ungs⸗ und Sterbekasse führt und seinen Sitz in Bu er in Westfalen hat, In diesen, im Reklamen⸗ styl gehaltenen Prospekten wird neben Kranken⸗ unterstützung auch Arbeits losenunterstützung ver⸗ sprochen, doch wird vorsichtigerweise nicht gesagt, wie hoch sie sein soll und auf welche Dauer ste gewährt wird. Allen Arbeitern raten wir, gegenüber dieserVaterländischen Kasse das alte Rezept beherzigen:Taschen zu.

Die Wahl in Darmstadt findet bekanntlich am Mittwoch, den 25. April, statt. Es wird dafür gesorgt werden, daß das Resultat am Abend desselben Tages in der Wirtschaft des Genossen Orbig mitgeteilt werden kann. Bei der letzten Wahl wurden 14144 sozial⸗ demokratische und insgesamt 13401 gegnerische Stimmen abgegeben.

Vom Ausschuß für Volksvorlesungen ging uns ein Bericht zu, den wir aber erst in nächster Nummer bringen können.

Aus dem Rreise gießen.

Ueber dieLandflucht der Arbeiter kann man jeden agrarischen Agitator und auch die meisten Großbauern räsonnieren hören und es wird dabei auch nicht wenig auf die Ver⸗ gnügungssucht, Begehrlichkeit und andere schöne Tugenden der ländlichen Arbeiter und Arbeiter⸗ innen geschimpft. Demgegenüber ist interessant, was eine verständige Frau, die ihr Leben lang auf dem Lande war und beanspruchen darf, die ländlichen Verhältnisse genau zu kennen, zu diesem Thema sagt. Frau Eltsabeth v. Oertzen führt darüber in derDeutschen Monatsschrift aus:

Weniger Lohnfrage und 8 sind die ansschlaggebenden Gründe für die Ab⸗ wanderung der ländlichen Arbeiter in die Stadt, als der Umstand, daß der Landarbeiter jahraus, jahrein, Sonntag wie Alltag, auf dem Dorfe überall als die unterste Stufe der Be⸗ völkerung sich behandelt sieht: in der Kirche und beim Tanz, auf Familien- und Schützenfesten, im Gasthaus und in der Gemeindeverwaltung. Kein öffentliches Amt wird vom Tagelöhner bekleidet, fast keinem Vereine gehört er an, keine wesentliche Verbesserung steht für ihn oder seine Kinder in Aussicht. Dazu kommt, daß er sein Dasein unter steter Beobachtung zubringt: der Mann, der gesessen hat, die Frau, die in der Jugend einen Fehltritt begangen hat, werden ihre Vergangenheit nie wieder los. Und nicht allein die eigenen Standesgenossen sind gut unterrichtet, auch der Gutsherr, der Pastor usw., wissen genau Bescheid, überall macht sich eine drückende Kontrolle fühlbar. Vom ein⸗ stigen patriarchalischen Verhältnis zwischen Ar⸗ beitgeber und Arbeiter sind überwiegend nur die Fesseln und die Demütigungen des engen

ländlichen Zusammenlebens übrig geblteben

mehr und mehr wird darum dem ländlichen Hier

ng ee das Leben unbefriedigend. 15 eingesetzt werden, um Versäumtes nachzu⸗ olen.

Zutreffendes, das übrigens oft genug von der sozialdemokratischen Presse gesagt worden ist. Wenn allerdings Frau v. Oertzen weiter meint,

man müsse dem ländlichen Tagelöhner ein ge- wissesStandes bewußtsein zu verleihen

suchen, so glauben wir, ist damit nichts geholfen. Will man aber die Lebenshaltung bessern wie die Verfasserin ebenfalls vorschlägt, so wird man damit gewiß mehr Erfolge erzielen. Im übrigen sind ihre Ausführungen, die auch die konservative Parteikorrespondenz abdruckt, sehr

beachtenswert und könnten gelegentlich den

Agrariern unter die Nase gehalten werden.

th, Tabakarbeiter⸗Versammlungen. Außer in Krofdorf und Gleiberg fanden kurz vor Ostern noch in Großen⸗Linden, Wieseck, Alten⸗Buseck, Rödgen, Heuchel⸗ heim und Launsbach Versammlungen der Tabakarbeiter und ⸗Arbeiterinnen statt, in denen Frau Kiesel⸗Berlin sprach. Die Rednerin behandelte in den verschiedenen Orten folgende Themata: 1. Die künstliche Verteuerung der Lebensmittel. 2. Die Arbeiterfran als Hausfrau und Lohnsklavin. 3. Was tut uns not? Sie verstand es in ausgezeichneter Weise mit ihren Ausführungen die Zuhörer zu fesseln. Erfreulicherweise waren in allen Versammlungen viele Frauen und Mädchen anwesend, die lebhaftes Interesse für die Bestrebungen der Arbelter⸗ bewegung zeigten und mit Spannung den Ausführungen der Rednerin folgten. Diese legte klar und unwiderleg⸗ lich dar, wie heute besonders auch die Frau als Lohn⸗ sklavin ins Joch gespannt wird. In der heutigen Ord-

nung der Dinge würden viele Frauen unseres Volkes

verhindert, ihren wahren Beruf zu erfüllen, ihre Mutter⸗ pflichten auszuüben und die Kinder richtig zu erziehen, Frau Kiesel zeichnete, wie gesagt, die Lage der Arbeiterin lebenswahr nach den tatsächlichen Verhältnissen und fand damit bei den Arbeiterinnen verständnisvolle Aufmerk⸗ samkeit und reichen Beifall. Kollege Thielmann, der mehrere Versammlungen leitete, bemerkte, daß man es nicht bei dem Beifalle allein bewenden lassen solle, sondern man möge sich darüber klar werden, daß der Arbeiter⸗ schaft in der Organisation ein wertvolles Kampf⸗ mittel in die Hände gegeben ist, das sie in ihrem eigenen Interesse benutzen lernen müßte. Den Verbänden des Unternehmertums müßten die festgeschlossenen Reihen der Arbeiterschaft gegenübergestellt werden! Die Vorträge der Frau Kiesel haben hier nicht wenig zur Stärkung des Tabakarbeiterverbandes beigetragen, wie die zahl⸗ reichen Aufnahmen, besonders von Arbeiterinnen, beweisen. Es war das erste Mal, daß wir hier diese Gelegenheit hatten, eine Frau zu hören, die genau mit den Ver⸗ hältnissen der Arbeiterschaft bekannt ist, Gefühl und Verständnis für deren Lage befitzt. Hoffentlich ist das lebhafte Interesse der Arbeiterinnen nicht nur ein Stroh⸗ feuer, diese müssen vielmehr unablässig um die Stärkung ihres Verbandes bemüht sein und die noch Fernstehenden heranziehen. Es ist noch viel Arbeit zu leisten!

n. Die Maifeter in Wieseck findet am Sonntag, den 29. April, im Saale des Gambrinus statt. Frau Dr. Michels⸗ Marburg wird dazu als Redncrin erscheinen.

Die Maifeier für Trohe und Rödgen wird Sonntag, den 29. April, bei

Wirt Phil. Seipp in Trohe abgehalten.

An die der Bedeutung der Maifeier entsprech⸗

enden Veranstaltungen(Festrede ꝛc.) wird sich

Tauzbelustigung anschließen. Die auswärtigen Parteigenossen sind dazu freundlichst eingeladen. Beginn 3 Uhr; Eintrittsgeld 10 Pfg.

d. Lollar. In den Buderus'schen Eisen⸗ werken scheinen jetzt die Maßregelungs⸗Praktiken gegen Arbeiter, die ihre und die Interessen ihrer Kollegen zu wahren bemüht sind, wieder stärker in Uebung zu kommen. Kürzlich wurden drei Arbeiter, darunter zwei Familien⸗ väter, aufs Pflaster geworfen, dle sich durch ihr Ein⸗ treten für den Metallarbeiterverband mißliebig gemacht hatten, denn sonst ist den drei Leuten nicht das Gerlngste nachzusagen, sie waren im Gegenteil recht tüchtige Arbeiter. Besondere Arbeiterfreundlichkeit, die der Direktion der Eisenwerke nachgerühmt wird, zeigt sich in diesen Maß⸗ nahmen gerade nicht. und wenn etwa verschiedene Betriebsleiter und Meister glauben sollten, sich damit bei den Arbeitern in besondern Respekt zu setzen und den Organisationsbestrebungen entgegen wirken zu können, so dürften sie sich darin ebenfalls täuschen. Die Arbelter⸗ schaft wird sich nicht einschüchtern lassen, sondern auf Beseitigung der zahlreichen Mißstände in diesem Betriebe bedacht sein. Gerade diese Scharfmacher⸗Praktilen müssen die Arbeiter veranlassen, mehr denn je zum Verbande zu halten und ihre Reihen zu schließen.

Diese Ausführungen enthalten gewiß viel f

Darum mit