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Nr. 11.
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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Seite 5.
dem Vortrage findet die Wahl eines Delegierten zu dem Verbandstage statt. Es wird erwartet, daß alle Holzarbeiter am Platze sind.
— Die Freie Turnerschaft Gießen hält am Samstag, den 17. d. Mts., abends 8¼ Uhr, bei Albold im„Gambrinus“ ihre Monatsversammlung ab. In Anbetracht der äußerst wichtigen Tagesordnung ist das Er⸗ scheinen aller Mitglieder dringend notwendig.
— Das Schwurgericht verhandelte am Donnerstag und Samstag voriger Woche gegen 6 junge Burschen aus Großenlinden wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen. Die Angeklagten Wilh. Wenges, Wilh. und Ludw. Luh, Hch. Dern, Ludw. Keßler und Ludw. Weiß, sämtlich im Alter von 17—18 Jahren ftehend, griffen eines Abends gemeinsam ein junges Mädchen auf der Straße an, schleppten es abseits vom Wege und berührten es in unsittlicher Weise. Daß Ergebnis der zweitägigen unter Ausschluß der Oeffent⸗ keit durchgeführten Verhandlung war Verurteilung aller Angeklagten wegen tätlicher Beleidigung mit Ausnahme von Weiß, der Freisprechung erzielt. Menges und W. Luh erhielten 5 bezw. 4 Monate, die übrigen 3 Monate Gefängnis.
Aus dem Rreise gießen.
J. Watzenborn⸗Steinberg. Unser Wahl⸗ verein hielt am Samstag seine gut besuchte Ver⸗ sammlung ab, die den Bericht über die Kreiskonferenz entgegennahm. Die Parteigenossen sprachen ihre Be⸗ friedigung aus, daß in Bezug auf die Presse wenigstens ein kleiner Schritt nach vorwärts getan worden sei. Im übrigen erklärte man sich mit der Tätigkeit der Delegierten, sowie mit den Beschlüssen der Konferenz einverstanden. Weiter wurde noch beschlossen zum An⸗ denken der März⸗Ereignisse von 1848 eine kleine Märzfeier in Form einer Mitgliederversammlung des Wahlvereins, wozu natürlich auch Gäste Zutritt haben, am Sonntag, den 18. März zu veranstalteu. Mit einer Besprechung der politischen Tagesfragen schloß die Versammlung.
l. Die Ruppigkeit eines Ordnungs⸗ menschen fand kürzlich vor dem Gießener Schöffen⸗ gericht ihre Sühne. Anfang Dezember v. Js, kam der Lackierer Schäfer in Steinberg in die Wirtschaft zum„grünen Baum“ und beschimpfte unsere dort an⸗ wesenden Genossen Häuser und Schmandt in der uner⸗ hörtesten Weise. Wenn diese sich nicht hätten beherrschen können, wäre es natürlich zu Tätlichkeiten gekommen und dann den Sozialdemokraten die Schuld zugeschoben worden. Die beiden Genossen ließen sich klugerweise dazu nicht hinreißen, sondern verklagten den Mann einfach. Nachdem ein im ersten Termin angestrebter Vergleich scheiterte, wurde Schäfer im zweiten Termin zu 50 Mark Geldstrafe und sämtlichen Kosten verurteilt und den Klägern das Recht zugesprochen das Urteil im Gießener Anzeiger und durch Anschlag an die Ortstafel zu veröffentlichen.— Also das ist kein billiges Ver⸗ gnügen. Schäfer hat sich's aber selbst zuzuschreiben. Unsere Genossen hätten gewiß nicht auf Strafe bestanden, wenn Schäfer sie durch sein ungehöriges Betragen nicht dazu herausgefordert hätte. Viele Leute sind aber der Meinung, daß ein Sozialdemokrat vor Gericht überhaupt kein Recht bekommt und man sich deshalb gegen einen solchen alles erlauben kann. Immer geht das aber nicht.
Aus dem Nreise ꝗriedberg⸗Büdingen.
— Eine riesige Unterschlagung hat der Rechner des Sparkassen vereins Butz⸗ bach Karl Heinzerling verübt. Er wurde am Sonntag verhaftet. Es fehlen 180 000 Mark, die Heinzerling für sich verwendet und durch Spekulationen verloren haben soll. Viele kleine Leute sind um ihre Ersparnisse gekommen und es herrscht infolgedessen hoch⸗ gradige Aufregung. Heinzerling soll gestanden haben, daß er die Unterschlagungen bereits seit acht Jahren verübt hat. Wo blieb da die Kontrolle? Es handelt sich nicht nur um einfache Unterschlagungen, es llegen
auch schwere Wechsel⸗ und Urkundenfälschungen vor.— Neueren Feststellungen zufolge beträgt das Defizit über
200000 Mk.! Was würde die Ordunngspresse sagen, wenn es sich um einen Sozialdemokraten handelte.
2. In Niedereschbach findet Sonntag, den 18. März im Lokale des Herrn Christ. Kester eine öffentliche Volksversammlung statt. Genosse Zielowsky⸗Frankfurt wird über„Die deutsche Reichssteuerpolitik“ reden. Die Partei⸗ freunde und Arbeiter von hier und den Nach⸗ barorten werden zu zahlreichem Erscheinen ein⸗ geladen.
Aus dem Nreise Wetzlar. h. Die fürstlich Solms⸗Braun⸗ felsschen Bergwerke sind an die Aktien-
gesellschaft Friedrich Krupp verkauft worden. Der Kaufpreis beträgt 4½ Millionen Mark.
in Niedershausen.
Beamte und etwa 600 Arbeiter sowie die Er⸗ ledigung der laufenden Erzlieferungsverträge übernimmt die Firma Krupp. Hoffentlich zahlt die Firma Krupp etwas bessere Löhne als die fürstlich Braunfelssche Bergverwaltung. Der Verkauf scheint eine Folge des Streiks zu sein.
s. Schwarze, Blaue und Gelbe sind jetzt stark an der Arbeit, um die Wetzlarer Arbeiterschaft für ihre Gründungen einzufangen. Während Behrens die evangelischen Gesellen⸗ vereinler bearbeitet, warf der Sekretär Becker aus Kirchen seine Netze bei den schwarzen kath. Gesellenvereinlern aus und zum Ueberfluß erscheint auch noch einer von den gelben Hirsch⸗ Dunkerschen auf dem Plane. Was Becker seinen schwarzen Gesellenvereinlern erzählte, darüber sei einiges mitgeteilt. Er sprach über die Ver⸗ sicherungsgesetzgebung und pries diese im Stile der Schweinburgpresse und rechnete vor, welche Summen von den Arbeitgebern(2) dafür auf⸗ gebracht würden. Dann erzählte er, wie das auch die Stöckerleute regelmäßig tun, daß die Sozlaldemokraten gegen die Versicherungsgesetze gestimmt hätten, natürlich unterließ er(wie jene), zu sagen aus welchen Gründen. Ebeuso ver⸗ schwieg er, daß gerade die Zentrumspartei diese Gesetze verhunzt hat.„Die Sozialdemokraten sind Gottesleugner“, deklamierte er weiter. (Wenigstene miß brauchen sie aber die Neli⸗ Mur nicht zu Parteizwecken. D. R.) Im Uebrigen
önnte Becker sich mal über den Segen der Verstcherungsgesetze bei seinem Glaubensgenossen Kleinfelder erkundigen; sollte sich auch lieber erst mal auf seinen Hosenboden setzen und etwas lernen, ehe er unberechtigte Vorwürfe gegen die Sozialdemokratie erhebt. In der Diskussion ergriff einer von den„Gelben“ das Wort, um Becker in allen Punkten recht zu geben. Schöne Seelen finden sich!— Wenn die Schwarzen mit gelbem ꝛc. Anhang mal in einer öffentl. Versammlung mit freier Diskusston ihre Tiraden loslassen wollten, würde sichs bald zeigen, wie ste die Wetzlarer Arbeiterschaft einschätzt.— Soviel steht fest: das Ausbeutertum kann sich in's Fäustchen lachen, solange solche Leute die Arbeiterinteressen„vertreten“.— Die Stöckerschen prahlen, daß viele vom Bergarbeiterverband zu ihnen übergetreten wären. Aufschneidereien! Haben ste wirklich einige Dumme ergattert, werden sie sie bald wieder los sein.
m. Eine Bergarbeiter⸗Versammlung fand am Sonntag im Lokale„Zur Glocke“ statt. Kamerad Joachim sprach über die gegenwärtige Lage der Berg⸗ arbeiter und die Beschlüsse der Essener Konferenz. In kurzen, eindrucksvollen Worten wies Redner auf die Notwendigkeit einer starken einigen Organisation hin und warnte die Kameraden vor den Zersplitterungs⸗ versuchen der Behrens und Konsorten. Diesen komme es weniger auf die Besserung der Lage der Arbeiter an, ihr Bestreben sei nur, das Reichstags wandat zu ergattern und zu diesem Zwecke versuchen die Herren Schmidt und Rüffer die Bergarbeiter einzufangen. Ferner wies der Redner auf das Verhalten des Wetzlarer Anzeigers hin, der stets Einsendungen, die von unserer Seite über den Streik oder die Lage der Arbeiter gemacht wurden, die Aufnahme verweigerte, den Verdächtigungen und Ver⸗ leumdungen der„Christlichen“ aber die Spalten öffnete. Folgende Resolution gelangte zur einstimmigen Annahme: „Die heutige öffentliche Bergarbeiterversammlung pro⸗ testiert gegen die Schwindelberichte des Wetzlarer An⸗ zeigers, wonach sich der Deutsche Bergarbeiter⸗Verband im hiesigen Revier unter„falscher Flagge“ eingeschmug⸗ gelt hätte. Sie erklärt es als ganz gemeine Lüge, daß sich der Alte Verband als„christlich⸗national“ eingeführt habe. Es zeigt sich hier wieder, daß der„Anzeiger“ sich in den Dienst der sogenannten„Christlichen“ stellt, deren Bestrebungen auf Zersplitterung der Arbeiter⸗ bewegung und Schädigung der Arbeiter⸗Interessen hin⸗ ausläuft. Pflicht jedes denkenden Arbeiters ist es daher, solchen Blättern keinen Eingang in ihr Haus zu ge⸗ währen.“
h. Auf die Märzversammlungen, die am Sonntag nachmittag in Gleiberg bet Feußer und in Launs bach bei Komp stattfinden, sei nochmals aufmerksam gemacht. Zahlreicher Besuch wird erwartet.
— Einen schönen Wahlerfolg er⸗ rangen unsere Genossen bei der Gemeindewahl Ihre beiden Kandi⸗ daten, Schmidt und Weber, wurden mit 61 Stimmen gewählt; die Gegner brachten trotz eifriger Agitatton nur 40 Stimmen auf.
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
Zum Protest gegen die Dreiklassen⸗ schmach in Preußen soll die diesmalige Märzfeier dienen. Es sindet zu diesem Zwecke am Sonntag, den 18. März, abends
Uhr, eine öffentliche Volks versammlung im Hildemann'schen Saale statt, in welcher Genosse Göller⸗Frankfurt über die bürger⸗ liche Revolution von 1848/49 und das preußische Dreiklassenwahlsystem sprechen wird. Arbeiter, Genossen! Erscheint in dieser Versammlung ebenso zahlreich, wie in der Versammlung am 21. Januar. Es muß immer wieder gegen die Vergewaltigung des arbeitenden Volkes Sturm gelaufen werden!(Siehe Inserat.)
X Ueber die Schulfrage sprach am Samstag Dr. Penzig⸗ Charlottenburg in einer bom soz.⸗dem. Wahlverein einberufenen öffentl. Volksversammlung. Redner erläuterte in seinem Vortrage zunächst die rein weltliche Schule und verbreitete sich dann über die Frage Konfesstons⸗ oder Moralunterricht? Er besprach hierbei aus⸗ führlich den Unterschied zwischen wahrer Religion und Kirche. In der Schulfrage vertrat der Redner den Standpunkt, daß der Religions- unterricht aus der Schule unbedingt entfernt werden muß. An Stelle des Religionsunter⸗ richts soll der Moralunterricht treten. Außer⸗ dem ging Redner noch sehr ausführlich auf den Unterschied zwischen Staat und Kirche ein.—— Der Vortrag, der bis zum Schlusse mit der größten Aufmerksamkeit und Ruhe angehört wurde, fand lebhafte Zustimmung seitens der ganzer Versammlung. In der Dtskusston er⸗ klärten Herr Schiele und Prof. Natrop ihre Zustimmung zu dem Vortrage.
O Abgelehnt wurde von einem wohlweisen Magistrat der Universitätsstadt Marburg eine Eingabe des Deutsch⸗ nationalen Handlungsgehülfen⸗Verbandes betr. Errichtung eines Kaufmannsgerichtes. In der Eingabe war darauf hingewiesen worden, daß die Ein⸗ wohnerzahl Marburgs die 20000 überschritten habe und demgemäß ein Kaufmannsgericht hier zu errichten sel. Der Magistrat begründete seinen ablehnenden Bescheid damit, daß die Militärbevölkerung hierbei nicht in Betracht zu ziehen sei, ohne Militär habe Marburg jedoch noch keine 20000 Einwohner. Ein Bedürfnis für Errichtung elnes Kaufmannsgerichtes habe sich bisher nicht bemerk⸗ bar gemacht. Soweit der Magistrat in Betracht kommt, ist dieses ohne weiteres zu glauben; daß aber bei den Handlungsgehilfen ein solches Bedürfnis vorliegt, geht schon aus der wiederholten Eingabe des gewiß nicht sozialdemokratisch unzufriedenen Handlungsgehilfenver⸗ bandes hervor. Genau so liegen auch die Verhältnisse bezüglich eines Gewerbeger ichtes. Auch in Arbeiter⸗ kreisen ist die Ansicht verbreitet, daß Marburg ein Ge⸗ werbegericht zu errichten habe und ist diese Ansicht auch bereits in diesem Blatte wiedergegeben worden. Wie aus obigem Bescheid hervorgeht, ist es leider nicht so und— der Magistrat hat kein Bedürfnis. Erst kürzlich haben die christlichen Maurer in einer Versammlung eine Resolution angenommen, in welcher sie ein Gewerbegericht und Proportionalwahl zu demselben verlangen. Sie können sich mit uns und den deutsch⸗nationalen Hand⸗ lungsgehilfen trösten und gleichzeitig sich beim Zentrum bedanken, welches die Schuld trägt, daß diese Bestim⸗ mung in das Gesetz gekommen ist und daß der sozial⸗ demokratische Antrag auf Herabsetzung der Einwohnerzahl auf 15000 nicht zur Annahme gelangte.
O Als Schularzt für die städtischen Schulen ist Kreisarzt Prof. Hildebrandt angestelt worden.
J. In Reddehausen wurde bei der am Freitag erfolgten Gemeindevertreterwahl unser Genosse Kasp. Noll in den Gemeinderat ge⸗ wählt. Sein Gegenkandidat, der frühere Bürger⸗ meister Dickhaut erhielt nur 1 Stimme. Mit Noll zieht der zweite Sozialdemokrat in unsere Gemeindevertretung ein.
Versammlungskalender. Samstag, 17. März.
Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Gießen. Heizer und Maschinisten. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Lob(Wiener Hof).
Heuchelheim. Turnabteilung. Abends 9 Uhr Versammlung im Turnlokal.
Sonntag, den 18. März.
Lollar. Wahlverein. Nachmittags 3½ Uhr Versammlung bel Wirt Schupp.
Steinberg. Märzfeier. Nachmittags 3 Uhr öffentliche Versawmlung im„Grünen Baum“.


