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Nr. 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

80 Lohndüten, die ihr von den GrubenJuno und Uranus vorlagen und es bemerkte dabei, daß es nicht die schlechtesten Löhne herausgegriffen habe. Danach ver⸗ dienten die Arbeiter:

Abzüge für Gefälle,

Schichten Oel, Gezähe Reinverdienst 8 Mk. Mk. 11% 45,88 6,90 38,98 21 52,85 6,41 46,44 22 56,87 6,41 50,46 23 62,00 8,43 53,63 25 61,43 6,49 53,03 26 67,21 6,55 60,66 27 69,79 6,54 63,25 29 75,95 6,40 69,55 29½ 82,48 6.68 75,80

Das macht, wie jeder berechnen kann, auf die Schicht, daß heißt den Tag von mindestens 10 stündiger Arbeits⸗ zeit, 2,10 bis 2,30 Mk.! Dabei können es sich die Proleten bei der gefüllten Kompottschüssel wohl sein lassen! Ob den steinreichen Grubenherren nicht einmal das Ge⸗ wissen schlägt, wenn sie sich diese Hungerlöhne betrachten? Ist es ein Wunder, wenn die Leute zum Streik uriffen? Von den fürstlichen Bergherren aber meldet das Amtsblatt, daß der eine in Italien, der andere in Berlin weilt, wo sie jedenfalls im Schweiße ihres Angesichts für das Wohl ihrer Bergarbeiter sich abmühen!

h. Halbrussisch. Daß der Streik der Berg⸗ leute von Juno und Uranus noch fortdauert, haben wir in letzter Nummer bereits mitgeteilt. Das Resultat der Verhandlungen vor dem Einigungsamt war mit großer Fixigkeit im Amtsblatt publizjert worden; daß aber die Bergleute dem niemals zustimmen konnten, was alsEinigung verkündet wurde, war ohne weiteres klar. Das zeigte auch der einmütige Beschluß, die Arbeit nicht aufzunehmen. Bei dieser Bewegung fällt aber das Vorg hen der Behörde, des Landrats auf. Nirgendwo sind Ausschreitungen vorgekommen oder ist die Ruhe gestört worden. Die Streikenden geben nicht den geringsten Anlaß zu Beschwerden. Trotzdem wird die bewaffnete Macht in erheb⸗ licher Stärke und auffälliger Weise im Streikgebiet zusammengezogen. Die im Streik befindlichen Gruben werden von reitenden Gendarmen sorgfältig bewacht; in Nauborn ist sogar ein Gendarm stationtert. Kein Mensch weiß, was diise überflüssigen Maßregeln bedeuten sollen und man führt sie darauf zurück, daß das Landratsamt von irgend einer Seite total falsch über die Sachlage unterrichtet wird. In Nauborn geht das Scherzwort, daß es nächstens eine KompagnieFriedberger als Einquartierung bekommen werde. Es wäre zu empfehlen, daß die Bergleute über das Vorgehen der Behörde Matertal sammeln und sich beschwerdeführend au die höheren Instanzen wenden. Jedenfalls dürfen sie sich ihr gutes Recht nicht beein⸗ trächtigen lassen. Neulich verlangte z. B. ein Gendarm nach Schluß der Versammlung die sofortige Räumung des Lokals. Dazu hat er gar kein Recht.

Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.

Marburger Wohnungselend! Schon des öftern haben wir in dieser Zeitung auf die in Marburg herrschende Wohnungsnot hingewiesen. All⸗ gemein wurde gehoff, daß sich unser wohll. Magistrat dieser Wohnungsnot einmal annehmen werde, diese Hoffnung erwies sich stets als trügerisch. Zwar hieß es einmal, im Afföllerweg sollten Arbeitshäuser erbaut werden; aber dies ganze Strohfeuer sollte nur ein Be⸗ sänftigungsmittel sein für diejenigen, die fortwährend eine Abhülse der Wohnungs mißstände verlangen. Da nun aber die Wohnungsnot in Marburg selbst von den Allerhöchsten Beamten auf dem Rathause nicht bestritten wird, so machte man den Anfang zu ihrer Bekämpfung, indem man eine christliche Baugenossenschaft gründete. Die christliche Baugenossenschaft ist aus dem evang. Arbeiterverein entstanden. Laut Statut der christl. Genossenschaft kann nur der Mitglied werden, der Mitglied des evang. Arbeitervereins ist. Durch diesen unschönen Beschluß glaubten die Gründer zugleich mit der Baugenossenschaft einen mächtigennationalen und christlichen Arbeiterverein zu schaffen.

Inzwischen werden die Gründer wohl cingesehen haben, daß mit dem Lockmittel wenig anzufangen ist. Nach einjährigem Bestehen zählt die Baugenossenschast erst 42 Mitglieder und an weiteren Zuwachs ist kaum zu denken. In der Mehrzahl find die Mitglieder bessere Leute(3. B. Gutbesitzer Hoffmann, Fabrikant Niederehe, Lehrer Fenner, sämtliche Pastoren 2c.), nur die Minderheit gehört zu den Arbeitern. Letztere sind froh, bel diesen teueren Zeiten ihr Leben zu fristen, erstere können leicht eine Anzahl Anteilscheine à 100 Mk. nehmen. Nur mit Mühe und Not wurde ein Haus in der Gemarkung Wehrda gebaut. Einige Arbeiter, die der Genossenschaft angehören, glauben törichterweise mit einem Vochenbeitrage von 20 Pfg. in 34 Jahren zu einem eigenen Hause zu kommen. Wer ihnen

die Wohnungsnot nun in Marburg selbst von den oberen Beamten nicht mehr bestritten werden kann, so können wir als Bürger und Steuerzahler von unserer Behörde verlangen, daß endlich hier einmal Wandel geschaffen wird. Nicht durch Gründung von Vereinen und Verein⸗ chens wird diese Not beseitigt, sondern nur dadurch, daß die Behörde Hand an's Werk legt. Dies ist eine Forderung unseres Kommunal⸗Programms. Gewerkschaftsfest! Auf das am Sonn⸗ tag stattfindende Gewerkschaftsfest im Café Quentin (Höck) sei nochmals besonders hingewiesen. Siehe Inserat.

s. Säuglings⸗Pflege. Nur wenigen Mit⸗ gliedern der Marburger Ortskrankenkasse wird bekannt sein, daß seit einem Jahre in der Säuglingsabteilung der medizinischen Klinik ein Freibett für kranke Säuglinge sich befindet. Da die Ortskrankenkasse jähr⸗ lich 300 Mark dafür bezahlt, so wollen die Mitglieder von dieser Einrichtung Gebrauh machen. Selbstver⸗ ständlich ist die Verpflegung und ärztliche Behandlung für Säuglinge der Kassenmitglieder frei.

* Freigesprochen. Im Herbste vorigen Jahres berichteten wir, daß der frühere Stations⸗ assistent Bode in Marburg, der zuletzt einen Kartoffel- handel betrieb, seinen Knecht mit einer Axt niederschlug und sich noch seiner Tat rühmte. Bode, der inzwischen Pleite gemacht hat, wurde vom Schöffengericht ob seiner Heldentat zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Auf seine Berufung sprach ihn die Strafkammer frei, da Prof. Hildebrandt begutachtete, daß B. an nervösen Störungen leide.

O Ein Hauspascha wurde am Donnerstag vor acht Tagen vom hiesigen Schöffengericht in eine wohl⸗ verdiente Strafe genommen. Derselbe war vor einiger Zeit in die Wohnung eines Mieters eingedrungen und hatte die Möbel des Mieters und schließlich auch die Kinder, von denen das jüngste noch ein Säugling war, trotz des Regenwetters auf die Straße gesetzt. Der wundermilde Wirt erhielt 14 Tage Gefängnis wegen Hausfriedensbruch, seine Ehefrau wegen derliebevollen Behandlung des Säuglings 35 Mk. Geldstrafe.

DieHeiligkeit der Ehe

bei den oberen Zehntausend wurde in dem Prozeß gegen den Landgerichtsrat Blumenberg in Beuthen wir berichteten in voriger Nummer darüber grell beleuchtet. Folgende Szene aus den Verhandlungen war in dieser Be⸗ ziehung charakteristisch: Als der Vorsitzende dem Angeklagten Vorhalt machte, daß seine Handlungsweise notwendig zur Katastrophe führen mußte und er sich das ols Landrichter doch habe selber müssen, antwortete der Ange⸗ klagte:

50 hoffte immer, es werde mir gelingen, durch eine reiche Me dat alles wieder gut zu machen. Vorsitz.: Glaubten Sie, eine vermögende Dame würde Ihnen die Hand zum Ehebund reichen, wenn sie Ihre Schuldenlast erfahren habe? Angekl.: Ich lernte im Jahre 1904 in Breslau eine Dame kennen. Diese besaß außer vielen Wert⸗ papieren eine sehr gute Hypothek über 60000 Mark Vors.: Kannte diese Dame ihre Schuldenlast? Blumenberg: Jawohl. Vors.: Weshalb kam die Heirat nicht zu stande? Angekl.: Die Dame war Witwe. Sie er⸗ zählte mir schließlich, sie habe zwei Söhne und eine 18jährige Tochter im Hause, für deren Verheiratung vorläufig keine Aussicht verhanden fee ei Umstand paßte mir nicht, deshalb nahm ich von Heirat Abstand. Später lernte ich eine Dresdener Dame kennen. Es wurde mir mitgeteilt, das diese mindestens ein Vermögen von 100 000 Mk. besitze. Schließlich erfuhr ich aber: Der Vater der Dame sei ein Fabrikbesitzer, das Vermögen stecke in der Fabrik, die Tochter erhalte nur einen Zuschuß. Deshalb nahm ich auch von dieser Heirat Abstand. Aus ähnlichen Grün en habe ich schon 1897 eine Verlobung mit einer Lübecker Dame zurückgehen lassen. Ich erteilte auch einem Stellenvermittler den Auftrag, mir eine passende Frau zu verschaffen. Es wurde mir bald darauf eine Bergrats⸗Tochter empfohlen. Aber auch bei dieser war das Vermögen nicht flüssig. Endlich hatte ich mich in Breslau mit einer sehr vermögenden Dame verlobt. Kurz vor der bereits festgesetzten Hochzeit wurde ich jedoch verhaftet.

Hier haben wir die Heilighaltuug der Ehe

diesen Glauben eingetrichtert hat, hat wahrlich nur auf die Beschränktheit dieser Leute spekuliert. Da

in lieblichster Form.

Der Herr Landgerichts.

rat sitzt wie gewisse Leutnants bis an den Hals in Schulden und liebt sich sointernational durch. Wenn er nicht wegen seiner Gaunereien verhaftet worden wäre, hätte er sein geliebtes Weib in dieGesellschaft eingeführt und dort den Glauben genährt, daß die frechen Sozis mit ihremDogma von der freien Liebe die Heiligkeit der Ehe mit Füßen treten.

Partei-Machrichten.

Affäre Cramer. Mit einem Fall Cramer beschäftigte sich in den letzten Tagen nicht nur die Parteipresse, sondern auch die bürgerliche in ausgiebiger Weise. Genosse Cramer bekanntlich sozialdemo⸗ kratischer Reichtagsabgeordneter von Darmstadt und Stadtverordneter ging mit einer Deputation zum Großherzog, um diesen für ein Projekt des Prof, Olbrich, für die Anlage einer Gartenstadt vor Darmstadts Toren zu gewinnen. Auf die Sache selbst können wir Raumes halber nicht eingehen. Doch wir sind der Meinung wie unser Mainzer und Offenbacher Partei⸗ blatt, daß nämlich Cramer es hätte andern Leuten überlassen sollen zum Großherzog zu gehen.

Der beleidigte Reichs ⸗Schwindel⸗Ver⸗ bändler. Durch einen Versammlungsbericht, der in der Mainzer Volksztg. erschien, fühlte sich der Ge⸗ schäftsführer des Reichsverbandes gegen die Sozialdemo⸗ kratie, Dr. Bovenschen beleidigt. Vom Mainzer Schöffen⸗ gericht wurde deshalb am Samstag der Redakteur Gen. Hitz ler zu 30 Mk. Geldstrafe verurteilt. Soviel ist der ganze Reichsverband nicht wert!

Genosse Eduard Leidig, der Bezirksleiter des Bäckerverbandes in Frankfurt ist am Montag Nacht gestorben. Als Todesursache ärztlicherseits wurde ein schweres Magenleiden festgestellt. Wahr⸗ scheinlich hat seine Gesundheit auch durch die vielen Agitationsreisen, die er für den Bäckerverband unter⸗ nehmen mußte, Not gelitten. Leidig war öfters auch in Gießen, Marburg und Wetzlar tätig und erfreute sich bei den organisierten Bäckern großer Beliebtheit.

Wahlkreis Gießen⸗ Grünberg. Sonntag, den 18. Februar Mittags 1 Uhr Kreiskonferenz im Lokale Orbig in Gießen.

Versammlungskelender. Samstag, 10. Februar.

Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. 5

Heuchelheim. Arb eiterbildungsverein. Abends e Versammlung bei Wirt Kröck.

Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker.

Sonntag, den 11. Februar.

Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Mit⸗ gliederversammlung imStadtpark.

Großen Linden. Arbeiter Bildungs: Verein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Fischer. Tagesord. Kreiskonferenz.

Montag, den 12. Februar.

Gießen. Schneider verband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Or big.

Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8/ Uhr Monatsversammlung bei Mißler.

Dienstag, den 13. Februar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Donnerstag, 15. Februar. Gießen. Frei Tur nerschaft. Abends 9 Uhr Sitzung des Vorstandes und der Damenriege bei

Orbig.

Briefkasten.

Großenlinden. Wegen der Konsumvereins⸗ Angelegenheit bitten wir den Einsender bei uns noch⸗ mals vorzusprechen.

Btzbch. Sie müssen uns mindestens zwei zuver⸗ lässige Zeuge nennen, die bereit sind vor Gericht die be⸗ richteten Vorfälle zu bestätigen.

Harbach. Wir kommen auf die Sache noch ge⸗ legentlich zurück.

Alsfeld. Das andere zurückgestellt.

Wtzlr. Mit demHetzblatt beschäftigen wir uns in nächster Nummer.

Volksverein Staufenberg. Samstag, den 17. Februar, abends 9 Uhr:

Kappensitzung

im Verein mit der Freien Turuerschaft.