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Nr. 6.
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Mitteldeutsche Sonnags⸗Zeitung.
Seite 3.
og. Keller. Auch er gebrauchte scharfe Worte egen die Macht des Klerikalismus und seine engen, die Volksschule zu verpfaffen und die Lehrer noch abhängiger von Pfaff und Landrat zu machen, wie sie es heute schon find. Das Gesetz werde revolutionär wirken, indem es weite Kreise der Kirche noch mehr entfremden werde, wie es heute schon der Fall set.
Weiter sprachen noch die Frauen Adele Schreiber und Henriette Fürth, sowie die Landtagsabgeordneten Funk und Oeser und der freireligiöse Prediger Klauke, der mit seiner e e aus der Landeskirche auszutreten, vielen Beifall fand. Das halten wir auch für den wirksamsten Protest!
Gerechtigkeit.
Ein„Aufruhrprozeß“ hat sich wieder mal in Sachsen abgespielt und zwar vor dem Leipziger Schwurgericht. Der Anklage lagen Vorfälle zu grunde, die sich während eines Streiks der Kürschner in Markranstädt ereignet hatten. Die Fabrikleitung der Aktien⸗ gesellschaft Walthers Nachfolger, Rauchwaren⸗ zurichterei hatte aus Leipzig und Umgegend einige Arbeitswillige kommen lassen, die im September v. Js. morgens mit der Bahn von Leipzig nach Markranstädt und abends wieder zurückfuhren. Der Betrieb in der Fabrik konnte notdürftig aufrecht erhalten werden. Im Laufe der nächsten Tage kam es zu Reibungen zwischen Ausständigen und den Streikbrechern. Zu einem ernsteren Zusammenstoß kam es am Abend des 11. Oktober, als sich unter den Ausständigen das Gerücht verbreitet hatte, die Arbeitswilligen hätten sich allerhand Waffen zugelegt, um einem eventuellen Angriffe gewachsen zu sein. Es haben sich nun ziemlich erregte Szenen auf der Straße und vor dem Bahn⸗ hofe abgespielt, die Polizei griff ein und es wurde eine Anzahl von„Radelsführer“ ver⸗ haftet. Die Staatsanwaltschaft hat aus dem Ganzen eine Haupt⸗ und Staatsaktion gemacht und hatte Anklage wegen Landfriedens⸗ bruchs und Aufruhrs erhoben. Vor dem Leipziger Schwurgericht hatten sich deswegen neun Arbeiter zu verantworten. Nach fünf⸗ tägiger Verhandlung hat das Schwurgericht drei der Angeklagten zu je einem Jahr und drei Monaten Gefängnis und fünf⸗ jährigem Ehrverlust verurteilt. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.
Rebellische Pfaffen.
In Frankreich ist durch die Einführung des Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat eine Aufnahme des Kirchenvermögens notwendig geworden. ventar der Kirchen aufgenommen werden, was durch staatl e che Beamte geschieht. Da⸗ gegen rebellieren die Pfaffen. Sie verhindern die Beamten gewaltsam an der Ausübung ihrer Pflicht und in einer Anzahl Kirchen kam es zu schweren Kämpfen. Die von den Pfaffen aufgehetzte Menge verbarrikadierte sich in den Kirchen mit Stühlen, Bänken ꝛc. und griffen die Beamten tätlich an. Verschiedentlich mußte die republikanische Garde zum Schutze der Be⸗ amten eingreifen. Doch man ging ziemlich gelinde gegen die frommen Rebellen vor; mit streikenden Arbeitern wäre man stcher anders umgesprungen. Der ganze Rummel soll gegen die Republik Stimmung machen, aber er wird seinen Zweck verfehlen.
Soziales.
Die volle Kompottschüssel. Vor uns liegt, so schreibt der„Proletarier aus dem Eulengebirge“, ein Bescheid der Landes⸗ versicherungsanstalt Schlesien, durch den die Invalidenrente ver ⸗ sagt wird. Die Antragstellerin ist eine 60 Jahre alte Zigarrenarbeiterin resp. Wickel⸗ macherin, eine Arbeit, bei der wesentlich die Muskeln der Finger und Hände angestrengt werden, infolgedessen starkes Zittern der Hände und allgemeine Abmagerung und Schwäche bei
Nach Quarck sprach Seminardirektor Dr.
Es muß auch das In⸗
der Antragstellerin, welche über 700 Beitrags- wochen 14 Karten erfüllt, also sehr regelmäßig gearbeitet hat. Der Versagungsbescheid sagt 11 der bet diesen Bescheiden üblichen lakontschen
ürze: „Sie sind noch imstande, durch Arbeit
den gesetzlichen Mindestlohn von 133
Mark ährlich zu verdienen“, also wöchentlich 2,55 Mark oder täg⸗ lich das Rieseneinkommen von 36¼ Pfennig zu erzielen, und deshalb bleibt ihr die„fette“ Rente vorenthalten.
Formell ist die Rentenanstalt wohl im Recht, um die Wahrheit des alten Bibelwortes„Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig,“ braucht ste sich ja nicht zu kümmern. Die untere Verwaltungsbehörde und deren Beisttzer haben übrigens die dauernde Er werbsun⸗ fähigkeit der Antragstellerin bejaht, wodurch aber eben nur wieder einmal bewiesen ist, was wir Sozialdemokraten immer gesagt haben: daß diese Einrichtung etwa ebenso nützlich ist, wie das fünfte Rad am Wagen. Doch was bedarf es weiterer Worte. Die einfache Tat⸗ sache, daß ein Menschenkind, wenn es nach den Urteilen eines Arztes noch imstande ist, ein tägliches Einkommen von 36 ½ Pfennig zu ver⸗ dienen, keine Rente bekommen kann, beleuchtet die vielberufene deutsche Arbeitergesetzgebung greller, wie es das größte Brillantfeuerwerk tun könnte. Und da wundert sich die satte Spießerei und die hirnverbrannte Scharfmacheret 101 125 das stete Wachsen der Sozialdemo⸗ ratie!—
Au die Gewerbegerichts⸗Beisitzer Deutschlands richtet der im vorigen Jahre in Würzburg gewählte Zentralausschuß in Dresden die Mitteilung, daß er sich konsti⸗ tuiert und zu seinem Vorsitzenden Arno Holz, Dresden A., Am See 33 IV. ernannt habe, an den alle Zuschriften zu richten sind. In der Veröffentlichung heißt es weiter:
„Um eine engere Fühlung mit den Gewerbe⸗ gerichtsbeisttzern anzubahnen und zu unterhalten, fordern wir deren Obmänner oder Vertrauens⸗ männer auf, ihre Adresse an den Obenstehenden einzusenden. Wo die Beisitzer an den Gewerbe⸗ gerichten solche Vertrauenspersonen oder auch, je nach der Größe des Gewerbegerichts, Kommis⸗ stonen nicht ernannt haben, richten wir an die jeweiligen Vorsttzenden des Gewerkschaftskartells das Exsuchen, für deren Wahl und Erledigung dieser Aufforderung baldigst Sorge zu tragen.
Revolution in Rußland.
Die Revolution erwacht aufs Neue. Aus Petersburg wird berichtet: In amtlichen Kreisen herrscht große Beunruhig⸗ über die Fortschritte der Revolution im Kau⸗ kasus. Die Regierung hat beschlossen, gegen die Behörden vorzugehen, die die Unruhen durch ihr Verhalten gefördert haben.() Ueber ver⸗ schiedene Beamte soll eine Untersuchung einge⸗ leitet sein.
Die Lage in den baltischen Provinzen ver⸗
schärft sich wieder zusehends. Bei Bukkume kam es zwischen Truppen und Letten, unter denen sich auch Frauen befanden, zu einem Zusammen⸗ stoß, wobei es auf beiden Seiten zahlreiche Tote und Verwundete gab. Der Adelsmarschall Fürst Trubetzkoi äußerte sich in einem Interview, daß er für das Früh⸗ jahr eine Agrarbewegung schärfster Art erwarte, und daß es bei der Landver⸗ teilung zwischen den Bauern selbst zu blutigen Kämpfen kommen werde. Es sei daher dringend notwendig, daß die Reichsduma baldigst ein⸗ berufen werde.
von Nah und Lern.
Jessisches.
— Die neuen Minister in Hesseu. An Stelle des verstorbenen Staatsministers Rothe ist der Justizminister Ewald an die Spitze des Ministeriums getreten. Zum Präst⸗ denten des Ministeriums des Innern wurde der bisherige Ministerialdirektor Braun er⸗
naunt. Letzterer war aufangs der achtziger Jahre als Assessor im Bureau der Rechtsan⸗ walts Gutfleisch in Gießen tätig, später war er Amtmann in Alzey und Lauterbach. Seit 1896 ist er mit einen halbjährigen Unter⸗ brechung im Ministerium tätig.
— Vom gleichen Recht in Hessen. Die Wahl unseres Genossen Peter Zahn zum Beigeordneten in Mühlheim a. M. ist vom Kreisausschuß nicht bestätigt worden! Als Zeuge hatte der Bürgermeister Büttner erklärt, daß keinerlei Einwendungen gegen die Person des Gewählten zu erhebe! seien; er er⸗ freue sich eines guten Rufes und sei nicht be⸗ straft. Mit Zahns Tätigkeit im Gemeinderat könne er(der Bürgermeister) nur zufrieden sein. Trotzdem wird die Bestätigung versagt; der Sozlaldemokrat, der politische Gegner ist nicht würdig des Amtes! Das zeigt, wie man auch im„liberaleu“ Hessen nach preußisch⸗junkerlichen Mustern arbeitet. Die Sozialdemokraten, die auch in Hessen die stärkste Partei bilden, werden als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt! Wenn die Leute vom Kreisausschuß etwa des Glaubens sind, damit die Sozialdemokratie in threm Siegeslaufe aufhalten zu können, so werden ste das als gewaltigen Irrtum erkennen. Natürlich werden unsere Mühlheimer Genossen die Sache weiter verfolgen und bis zur höchsten Instanz treiben, denn es muß vor aller Oeffent⸗ lichkeit festgestellt werden, ob es in Hessen ein gleiches Recht gibt oder nicht.
Gießener Angelegenheiten.
Die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter. Vor Kurzem hat eine englische Arbeiter⸗Deputation Deutschland bereist, um hier die Arbeiterverhältnisse, Verftcherungsein⸗ richtungen ꝛc. zu studieren. Ueber ihre Wahr⸗ nehmungen haben sie sich verschiedentlich ge⸗ äußert und Graf Posadowsky hat bereits im Reichstage erwähnt, daß sie sich über das deutsche Arbeiterverstcherungswesen sehr lobend ausgesprochen hätten. Es ist aber nicht er⸗ wähnt worden, daß jene Deputation über die enorm hohen Lebenspreise erstaunt war. Daß die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter durch die kaum erschwinglichen Preise für Lebensmittel herabgedrückt ist, und tiefer steht als die Lebenshaltung der Arbeiter anderer Länder, ist besonders von der sozialdemokra⸗ tischen Fraktion im Reichstag anläßlich der Zolltarifdebatten unwiderleglich nachgewiesen worden. Neuerdings wurden vom Haller Volks⸗ blatt Marktpreise aus Winnipy in Nordamerika mitgeteilt und die Zahlen zeigen, daß der Kon⸗ sum des amerikanischen Arbeiters an guten und kräftigen Nahrungsmitteln weit größer ist als beim deutschen Arbeiter. Danach werden be⸗ zahlt für:
Ein Pfund Rindfleisch, beste Qualität. 30—35 K ein Pfund Rindfleich, zweite Qualität, 24 4 ein Pfund Rindfleisch, Farm 20 4 ein Schaf 2.40 J bis 3.— l. ein Lamm 1.40„ bis 2.20„ ein Pfund Hammelfleisch, bestes 16—22 4
Schweine, 150 bis 250 Pfund, pro Pfund 24„ Schweine über 250 Pfund, pro Pfund 20„ ein Pfund Kalbfleich, bestes 30„ ein Pfund Kalbfleisch, gewöhnliches 22—25„ Butter, beste Farmware, pro Pfd5D 72— 120„
Eier, pro Pfund 90 Käse, beste Farmware, pro Pfund 50—55 eine Gans 60„ eine Ente 62-65„ Truthühner pro Stück 90—95„
Wie würden unsere Hausfrauen sich freuen, wenn ste mit solchen Fleischpreisen rechnen könnten! Dabet muß noch berücksichtigt werden, daß das Fleisch in Amerika bedeutend besserer Qualität ist. Bei dem hohen Stande der Volksernährung ist es erklärlich, wenn der Alkoholverbrauch nur die Hälfte von den im Deutschland üblichen betraͤgt. Je besser die Lebenshaltung, je mehr wird der Alkohal ver— drängt. Der durchschnittliche Arbeitslohn eines amerikanischen Arbeiters ist 1920 Mk., der eines deutschen 780 Mk. Das Geld selbst hat in Amerika für Lebensmittel eine höhere Kaufkraft als bei uns, wo alles durch Zölle hinaufge⸗t schraubt wird. Der amerikanische Arbeiter iß, dreimal so viel Fleisch, Mehl, Zucker, Gemü
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