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Nr. 22.
Mittel dentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Aus dem Rreise Wetzlar
h. Der soztaldemokratische Kreiswahl⸗ verein hat jetzt bereits über 100 Mitglieder, Versamm⸗ lungen finden jeden 2. und 4. Samstag im Monat im Gasthaus zur Glocke statt. Diejenigen Orte, welche ihre Mitgliederaufnahmen noch nicht eingesandt, mögen dies recht bald bei A. Fauth, Wetzlar, bewirken.
h. Unternehmerfrechheit. Der 54 Jahre alte Hilfsarbeiter Graf, seit 1¼ Jahren in der Metallgießerei von R. Richter für einen Tagelohn von 2 Mk. beschäf⸗ tigt, bekam kürzlich, wegen des Offenlassen eines Zug⸗ loches im Ofen beim Gießen von Richter einen solchen Schlag ins Genick, daß er mit dem Kopf auf eine eiserne Presse fiel und sich verletzte. Es herrscht deshalb unter der hiesigen Arbeiterschaft große Entrüstung über diese Rohheit.
h. Zeitungsabonnement. Wer ab 1. Juni d. J. die„Frankfurter Volksstimme“ zu abonnieren ge⸗ denkt, möge sich unter genauer Angabe seiner Adresse an A. Fauth, Mühlgraben Nr. 9 II wenden, da von da ab eine Aenderung in der bisherigen Zustellung eintritt.
h. Bedeutenden Flurschaden hat das am Samstag Nachmittag niedergegangene Gewitter veranlaßt. Durch wolkenbruchartigen Regen bildeten sich reißende Ströme, welche die Felder aufwühlten, in der Stadt sogar das Steinpflaster an verschiedenen Stellen aufrissen. Das Unwetter tobte besonders in nächster Nähe von Wetzlar und Gießen, während die Gegend südlich der Lahn und in geringer Entfernung von derselben fast ganz verschont blieb.
h. Bürgermetister Hardt in Rechtenbach ist am Sonntag nach kurzer Krankheit gestorben. Er hat die Bürgermeisterei Rechtenbach seit dreißig Jahren verwaltet. Als Hauptmann der Reserve war er Vorsitzender des Kreiskriegerverbandes und bei diversen Festen trat er in der„Umsturz“⸗Bekämpfung hervor. Wir haben seine in dieser Richtung sich bewegenden Kriegervereinsfestreden öfters erwähnt. Natürlich verzichten wir darauf, des⸗ wegen jetzt noch ein Wort gegen den Toten zu richten und wir können das umso eher, als wir der Ueberzeugung find, daß weder die Sozialistenvernichtungsreden dieses Mannes, noch diejenigen anderer Leute, die Fortschritte unserer Bewegung hindern können.
Aus dem Nreise arhurg⸗Rirchhain.
O In der Stadtverordneten ⸗Sitzung der vorigen Woche erstattete die Kommission zur Prüfung des Antrages, die Einkommen von 660—900 Mark steuerfret zu lassen, ihren Bericht. Es kommen zirka 950 Steuerzahler in Betracht, davon 300 Beamte und Pensionäre mit einem wirklichen Einkommen von über 1500 bis 1800 Mk., welches aber nur zur Hälfte zur Steuer veranlagt wird, ferner 100 Gewerbetreibende und 550 Arbeiter 2c. Es hat sich ergeben, daß Steuer⸗ restanten in dieser Klasse nicht viel vorhanden waren und kam die Kommission deshalb zu dem Schluß, daß sie die Steuerfreihelt dieser Klasse nicht empfehlen könne. Eine merkwürdige Auffassung hat damit die Kommission und namentlich ihre Veranlasser gezeigt: also nicht der Umst and, daß diese 950 Steuerzahler von ihrem äußerst geringen Einkommen Steuern sich abzwacken müssen, und auch nicht der Umstand, daß diese Steuerklasse viel Arbeit macht und nur zirka 4000 Mk. einbringt, war für die Kommission maßgebend, sondern nur, daß der Vollziehungsbeamte hier verhältnismäßig weniger in Tätigteit zu treten hat. Es geschah deshalb auch den Antragstellern ganz recht, wenn sie sich von den noch wenig soziales Verständnis zeigenden Herren Stadt⸗ verordneten⸗Vorsteher Dörffler und Landgerichtsrat Gleim sagen lassen mußten, sie hätten sich vorher orientieren sollen, ehe sie den Antrag einbrachten. Die mit so vielem Wortschwall in Szene gesetzte Aktion ist also verlaufen wie das Hornberger Schießen, es bleibt wie bisher, und namentlich die 550 Arbeiter, Schreiber ꝛc. mögen sich dieser ergebnislosen Tätigkeit unserer Stadt⸗ väter noch öfter bei geeigneter Gelegenheit erinnern.— Ein weiterer Punkt von Interesse war die Regelung der Löhne der städtischen Arbeiter. In der Vor⸗ lage des Magistrats heißt es, daß die Löhne der städti⸗ schen Arbeiter so niedrig seien, daß dafür kaum noch tüchtige Arbeiter zu haben seien. Hier zeigt sich das soziale Verständnis unserer Stadtverwaltung in seiner ganzen Herrlichkeit. Die gestelgerten Lebens mittelpreise und Wohnungsmieten würden unsere Stadtverwaltung nicht zu höheren Löhnen vecanlassen, wenn sich nur immer genug Leute fänden, und nur der allmählich eintretende Arbeitermangel hat sie zu einer Erhöhung der Löhne um 2 Pfg. pro Stunde veranlaßt, was eine jährliche Mehrausgabe von etwa 2200 Mk. verursacht. — Ferner genehmigte die Stadtverordneten Versammlung, daß in der Kaserne einige Mannschaftsstuben neu gedielt werden. Hierbei machte der Hygieniker Prof. Bonhoff Mitteilungen über die in der Kaserne vorgekommenen Fälle von Genickstarre. Es seten seit 1899 jedes Jahr ein oder zwei Fälle von Genickstarre vorgekommen und merkwürdiger Weise stets in den in Betracht kommenden Stuben. Bei den vorzunehmenden Arbeiten sollen nun die erforderlichen hygienischen Vorsichtsmaßregeln in ausgiebigster Weise beobachtet werden.
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w. Von der Bauarbeiterbewegung. Auf das allerwenigsten im Stande sein, ein eigenes Lokal
an 64 Firmen gesandte Schreiben, das die Forderungen der Bauhülfsarbeiter enthielt, hat bisher nur eine ein⸗ zige Firma, Nlederehe und Sohn, geantwortet und das sehr anständig. Die andern haben vorgezogen, gar nicht oder indirekt zu antworten, indem sie am verflossenen Lohntage 1 bis 2 Pfg. die Stunde mehr bezahlten. Die Herren Bauunternehmer halten es unter ihrer Würde, mit Maurern und Bauhilfsarbeitern zu verhandeln. Daran ist aber die Gleichgültigkeit unserer Kollegen schuld. Hätten sie sich alle, oder auch nur ihre Mehrzahl der Organisation angeschlossen, so würden sich die Herren jedenfalls entgegenkommender zeigen müssen. Hoffentlich lassen sich das unsere Kollegen zur Lehre dienen und reiben sich bald den Schlaf aus den Augen!
* Der Arbeiter⸗Gesangverein„Eintracht“ Marburg veranstaltet am Himmelfahtstage einen Aus⸗ flug. Treffpunkt früh 5 Uhr auf der Weidenhäuser Brücke, von da über die Maaseiche nach dem Frauenberg. Dort gemeinsames Frühstück und dann wieder Zurück nach der Heimat. Die Betelligung aller Genossen wie Gewerkschaftsmitglieder an dem Ausflug ist sehr er⸗ wünscht.
O„Fleischnotrummel“ nennt die„Oberh. Ztg.“, das konservative Organ für hohe Lebens mittel⸗ preise, im politischen Teil die Bestrebungen zur Herab⸗ setzung der hohen Fleischpreise. Im Anzeigenteil wird minderwertiges Rindfleisch zu 45 Pfg. und minder⸗ wertiges Kalbfleisch zu 40 Pfg. empfohlen. Der Re⸗ dakteur der ersren Seite braucht nicht zu wissen, was auf der letzten Seite steht.
Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
Fünfter Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands. Das Parlament der freien deutschen Gewerkschaften trat am Montag im großen Gürzenichsaale in Köln zusammen. 213 Delegierte und eine große Zahl ausländi⸗ scher Gäste sind erschienen. Außerdem ist an⸗ wesend eine Delegation des Zentralverbandes Deutscher Konsumvereine sowie als Referenten die Reichstagsabgeordneten Bömelburg, Rob. Schmidt, A. v. Elm und O. Hué. Die Ge⸗ neralkommisston ist durch C. Legien, R. Schmidt, Stube, Sassenbach, Cohen, Döblin, Knoll, Sabath, Silberschmidt, Umbreit, Brunner, Valär und Gremski vertreten. Legien eröffnet namens der Zentralkommission den Kongreß und richtet herzliche Begrüßungs worte an die Erschienenen. Was vor einem Jahrzehnt der größte Optimtst nicht erwartet hat, so führte er aus, ist einge⸗ troffen, denn auf diesem Kongreß sind 1¼ Million organisierte Arbeiter vertreten. Auf dem ersten Kongreß in Halberstadt waren 303 000, in Berlin 271000, in Frankfurt a. M. 495000, in Stuttgart 681000 und in Köln schließlich 1252000 Organisterte vertreten. Welch' ein gewaltiger Fortschritt! Aus der inneren Entwickelung der Gewerkschaften teilt Legien mit, daß diese im Jahre 1891 eine Einnahme von 4,02 Mark pro Kopf hatten, die sich im Jahre 1903 auf 18,50 Mark belief. Der Kassenbestand betrug 1891 425000 Mark, pro Kopf 1,53. 1903 aber 16 109 000 Mark, pro Kopf 14,59 Mark. Ferner berichtet Legien, daß dieses Mal eine Einladung an das Reichs⸗ amt des Innern zur Teilnahme an dem Kongreß nicht ergangen sei. Graf Posadowsky habe im vorigen Jahre die Einladung zum Heimarbeiter⸗ schutzkongreß wegen„Zeitmangels“ abgelehnt, set dann aber persönlich auf der Generalver⸗ sammlung des Gewerkvereins der christlichen Heimarbeiterinnen erschienen. Angesichts dieser Tatsachen sei man der Ueberzeugung geworden, daß es der Ehre der Deutschen Gewerkschaften widerspreche, an diese Stelle noch einmal eine Einladung zu schicken.
Nachdem sich der Kongreß konstituiert(zu Vorsitzenden werden Bömelburg und Legien gewählt) erstattet Letzterer den Bericht der Zentral⸗Kommission, aus dem besonders hervor⸗ zuheben, daß die Generalkommisston bezüglich der gewerkschaftlichen Unterrichtskurse noch zu keinem Resultat gelangt ist. Ein Frauen⸗ agitationskomitee hat sich gebildet, da die Nach⸗ frage nach einer Zentralvermitteluugsstelle weib⸗ licher Referenten zu stark war. Bitten um Mittel zum Bau eigener Lokale lehne die Kommission grundsätzlich ab, denn da, wo sich die Arbeiterschaft nicht ein einziges Lokal zu
Versammlungen erobern könne, werde sie am
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zu halten. Nach dem Beschluß vom Frankfurter Kongreß auf Unterstützung von Arbeitersekreta⸗ riaten seien sehr viele derartige Anträge an die Kommission herangetreten. Aber nur dort, wo die Sekretariate nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Organisation sind, wo Aussicht vorhanden, daß die wachsende Orga⸗ nisation bald selbst die Kosten bezahlen kann, ist die Generalkommission bereit, Sekretariate einzurichten.
Eine ganze Reihe von Anträgen, welche zu einer sehr lebhaften Diskussion Anlaß geben, liegt dem Kongreß vor. In der Abstimmung werden die Anträge auf den Bau von Gewerk⸗ schaftshäusern, der Generalkommission über⸗ wiesen, die Anträge auf Anstellung von Ar⸗ beitersekretären der nächsten Zusammenkunft der Gewerkschaftsvorstände. Ein Antrag auf Herausgabe von Broschüren gegen die Christlichen wird mit großer Mehrheit abgelehnt, ebenso eine Resolution des Schneider verbandes, die sich gegen die Anerkennung des Vereins der Wäsche⸗ und Kravattenarbeiter als selbständige Organisation richtet. Einstimmig und debattelos wird dagegen eine Resolution zu Gunsten des rheinisch⸗westfälischen Bierboykotts angenommen. Ueber den weiteren Verlauf berichten wir in nächster Nummer.
Lohnkämpfe. In München streiken die Wagner wegen Lohndifferenzen, desgleichen die Maler; letztere fordern 45 Pfg. Stunden⸗ lohn.— In den Werken der Maschinen⸗ bau A.⸗G.(vorm. Klett und Kramer) in Nürnberg ist am Samstag der Streik aus⸗ gebrochen; 1200 Mann legten die Arbeit nieder.
Letzte Nachrichten.
X. Offenbach, 25. Mai. Von einer fürchter⸗ lichen Brandkatastrophe, bei der leider fünf Menschenleben ihren Tod in den Flammen fanden, wurde in der verflossenen Nacht unsere Stadt heimgesucht. Kurz nach 11 Uhr brach in dem Hinter⸗ haus der Lohnkutscherei Heres zwischen Mühlstraße und Großem Blergrund Großfeuer aus, daß mit rapider Gewalt um sich griff. Zwei Frauen und drei Kinder, sowie einige in einem anliegenden Stall internierte Pferde kamen dabei um. Auch viele Feuerwehrleute trugen mehr oder minder schwere Verletzungen davon. An der Brandstelle spielten sich herzzerreißende Szenen ab, da die Wehr, welche laut„Frkf. Ztg.“ zu spät alarmiert war, nicht in der gewünschten Weise vorgehen konnte. Die mit ihren drei Kindern in den Flammen umgekommene Frau des Steinhauers Röninger rannte in der Bestürzung hin und her und achtete nicht auf die Rufe der Untenstehenden, die Kinder herunterzuwerfen. An der Hinterseite des Hauses spielten sich ähnliche Szenen ab, dort stand die ebenfalls mitverbrannte Frau Fisch, eine Greisin von 70 Jahren und ihr Mann, der Schneider ist und ein körperliches Gebrechen hat— er trägt einen Stelzfuß— und schrieen laut um Hilfe.
Berlin, 25. Mai. Wie der„Vorwärts“ in seiner heutigen Nummer berichtet, beläuft sich die Gesamtzahl der ausgesperrten Schneider auf nahezu 4000.
Frankfurt, 25. Mai. Aus allen Teilen des Landes, speziell vom Ober⸗ und Mittelrhein, dem Elsaß und dem Taunus werden starke Frostschäden gemeldet. Teilweise sank das Thermometer bis auf— 3“ R, Dadurch haben Kartoffelfelder, Weinberge und auch der Klee sehr stark gelitten, sodaß der Schaden bedeutend ist.
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Versammlungs kalender. 5
Samstag, den 27. Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗
arbeiter. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Orbig. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗
lung bei Wirt Schupp.
Schotten. Wahlverein. Abends 8 ½ Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Müller.
Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Lokale D. Jesberg.
Samstag, den 3. Juni.
Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abenos 8 Uhr Versammlung bei Gastwirt Kreutzer.
Briefkasten.
W.⸗Mbg. Bericht können wir leider erst in nächster Nummer bringen. r.⸗Mbg. War für diese Nummer schon von anderer Seite eingesandt. Mehrere Einsen⸗ dungen mußten zurückgestellt werden.


