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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 17.

eine Reihe Mißstände hin, mit denen wir bet der Agi⸗ tation in den Landbezirken bisher zu kämpfen hatten. Doch auch von unserer Seite wären vielfach Fehler gemacht worden, die zukünftig vermieden werden müßten. Wir hätten uns fast nur auf die Agitation während der Reichstagswahl beschränkt, das sei entschieden zu wenig. Wir müssen mehr regelmäßige Fühlung mit den Arbeitern auf dem Lande unterhalten. Denn hier in Nassan ist ein großes Gebiet leicht zu erobern. Das Land liefert zu Tausenden die Arbeiter für die Städte, und diese Arbeiter müssen wir während der Saison belehren und für uns gewinnen. Ich stehe nicht an, zu sagen, daß die Parteiorganisation die Pflicht hat, mit den Gewerkschaften Hand in Hand zu gehen. Denn durch die gewerkschaftliche Kleinarbeit können wir leicht Einfluß auf die Arbeiter gewinnen. In Frankfurt sind 3. B. 2500 Arbeiter politisch, und 20 000 gewerkschaft⸗ lich organisiert. An dieser mangelhaften politischen Organisation sind nicht, wie man so gerne sagt, die Gewerkschaftssührer schuld. Leiter tragen eine Schuld; sie müssen versuchen, mehr Einfluß auf die Arbeiter zu gewinnen. Wenn wir erfolgreich agitieren wollen, dann müssen wir die Mittel vermehren, d. h., die Beiträge erhöhen. Die, welche dagegen sind und einen Abfall vieler Genossen befürchten, sehen meines Erachtens meist zu schwarz. Die Gewerk⸗ schaften haben bis jetzt bei Beitragserhöhungen keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wir müssen dahin streben, nicht immer von der Parteikuh in Berlin Milch zu beziehen, nein, wir müssen uns selbständig zu machen suchen. Selbständigkeit stärkt die Kraft und Kraft gibt Mut!.

In der Diskussion wird im Allgemeinen den Aus⸗ führungen Hüttmanns zugestimmt. Von Hoch⸗Hanau wird die Abschaffung des engeren Komitees beantragt. Gegen diesen von den Hanauern unterstützten Antrag wenden sich die weisten weiteren Redner mit großer Entschied enheit und er wird denn auch mit großer Mehr⸗ heit abgelehnt. Dagegen wird ein weiterer Antrag, das Agitationskomitee wolle dem nächsten Parteitag ein neues Organisationsstatut vorlegen, angenommen. Das Komitee wird darauf wiedergewählt, nur tritt an Stelle Althaus der Sekretär Rudolph.

Zum nächsten Tagesordnungspunkte:„Die Land⸗ gemeindeordnung für Hessen⸗Nassau“ referiert Hoch⸗Hanau. Er weist auf die so zahlreichen und vielgestaltigen Bestimmungen in der Landgemeindeordnung hin, in denen sich nicht leicht jemand zurechtfinde. Da sei es in erster Linie notwendig, daß ein allgemein verständlicher Führer herausgegeben werde, der die ein⸗ zelnen gesetzlichen Bestimmungen erläutere. Besonders wären die Gemeindewahlen und das Wahlrecht zu be⸗ handeln, ferner die Vorbereitung zur Wahl, die An⸗ meldung zur Bürgerliste, die Einschätzung, die Einsicht in die Wählerlisten, das Ruhen des Bürgerrechts nach Offenliegen der Listen, die Steuerleistung bei und vor Aufliegen der Wählerlisten usw. Weiter die Art und Weise des Wahlrechts, zu welcher Zeit die Wahl statt⸗ finden kann usw. Dann kommt bei der Wahl selbst ein wichtiges Kapitel: die Vertretung der Minderjährigen und Witwen. Denn gerade damit wird ein großer Unfug getrieben. Es sollte ferner sobald nur möglich, eine Gemeindevertreter⸗Konferenz einberufen werden, in der die Grundsätze unserer Gemeindepolitik erörtert würden. Redner stellt daher folgenden Antrag:

Der Parteitag wolle beschließen: a) die Agitations⸗ kommission zu beauftragen 1. einen Führer durch die Landgemeindeordnung für die Provinz Hessen⸗Nassau herauszugeben, 2. eine Konferenz der sozialdemokratischen Gemeindevertreter in der Provinz Hessen⸗Nassau einzu⸗ berufen; b) den einzelnen Parteiorten zu empfehlen, für ihre sozlaldemokratischen Gemeindevertreter die„Kommunale Praxis“ zu halten.

Diese Anträge werden nach kurzer Diskussion a n⸗ genommen.

1 Der letzte Punkt der Tagesordnung:„Die preußisch⸗ süddeutsche Eisenbahngemeinschaft“ konnte leider wegen der vorgerückten Zeit nicht mit der erforder⸗ lichen Gründlichkeit beraten werden. Lehmann⸗ Mannheim, der Kandidat des Wahlkreises Wiesbaden, referierte darüber. Er bespricht die Zustände im heutigen Eisenbahnwesen. Die süddeutschen Staaten müfssen sich vor Preußen ducken, das keineswegs in wünschens werter Weise die gesunde Entwickelung der Verkehrsmittel fördere. Vor Allem ist es die Ueberschußwirtschaft, die nicht scharf genug gerügt werden kann. Ebenso wie Preußen sich dagegen stemmt, das Vereins wesen reichsgesetzlich zu regeln, ebenso sträubt es sich auch gegen reichsgesetzliche Regelung des Verkehrswesens.— Die Zustände find einfach unhaltbar geworden, die Frage steht zur Ent⸗ scheidung und wir müssen Stellung nehmen. Redner schlägt eine längere Resolution vor, die zur Annahme gelangt und in der die Ueberführung des Eisenbahn⸗ wesens in die Reichsverwaltung gefordert wird. Nach einer kurzen Schlußansprache schließt Maier den Partei⸗ tag mit dem Wunsche, daß die Beratungen zur Förde⸗ rung unserer Bewegung im Bezirke beitragen möge.

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Nein, auch die politischen

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Oster⸗zoffnung.

LCachend junge Frühlingssonnen,

Leise Lenzesglocken läuten—

Was soll Licht und Schall bedeuten p Daß der Herr der Gruft entronnen d 7 Ja, ein Heiland ist erstanden!

„König Lenz“ ist er geheißen.

Alle Sungen laut ihn preisen

In den frisch erblühten Landen.

Aber jener große Künder,

Der einst dunkle Grüfte sprengte, Ungestüm zum Lichte drängte,

Zu befrein der Erde Sünder— O, er schläft noch immer, immer Unter toten, kalten Steinen,

Seine Treuen um ihn weinen, Harrend auf des Tebens Schimmer.

Täglich neu ans Kreuz geschlagen, Wird er, täglich neu begraben Von den Satten, die was haben— Heute, wie in jenen Tagen. Nur die Armen stehn und hoffen, Techzen auf sein wiederkommen— Sehnsuchtsvoll und angstbeklommen, Sehn sie doch die Sukunft offen. Durch die Nerzen braust ein Wehen, Wie an jenem Ostertage— Schweigen wird einst alle Klage, Wenn die Völker auferstehen! Und es wächst die Hoffnung größer Auf die neue Osterfeier, Auf den künft' gen Weltbefreier, Auf den wirklichen Erlöser! (Südd. Postillon.)

Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. (Fortsetzung.) „Ja, ich höre den Unkenruf; der Sohn ver⸗

leugnet seinen Vater,“ sagte der Alte traurig. „Ihm war's zu eng in dem kleinen Ort, in

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dem wir damals lebten, und da ist er fort⸗

gelaufen. Ich hatte immer noch gehofft, daß er eines Tages wiederkommen würde, fetzt ist er für mich tot.“ Er ließ sich wie gebrochen auf den Stuhl fallen.

„Armer, armer Vater,“ sagte mit dem herz⸗ lichsten Mitgefühl Rosalie, die nur Augen für ihren Lehrer gehabt hatte, und legte ihm ihre Hand sanft auf die Schulter.

Der Herr Baron war unterdessen aus dem Zimmer vberschwunden; er hatte sich rückwärts konzentriert. Meister Adersen war ihm so schnell, als er es vermochte, in den Laden nachgeeilt. Aber der Herr Baron befand sich bereits auf der Straße, die er hinunterschritt, ohne sich umzublicken, und der Meister hatte von der Schwelle aus das Nachsehen.

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Baron Isidor ließ sich in dem Weinhause, in dem Meister Adersen seinen Frühschoppen zu trinken pflegte, nicht mehr sehen. Auch aus seiner Privatwohnung war er verschwunden. Die kostbare Einrichtung auf Pump und eine Menge unbezahlter Rechnungen waren die ein⸗ zigen Spuren seines Erdenwallens. Meister Adersen schnaufte die sittlichste Entrüstung über den Schwindler, der ihn beinahe zum Schwieger⸗ vater eines Talmibarons gemacht hätte. Sein innerer Grimm über das eingestürzte Karten⸗ haus war so stark, daß der Name Unkenstein's nicht mehr von den Seinigen vor ihm genannt werden durfte. Ja er ging so weit, daß er dem alten Häsekin nicht nur die Unterrichts⸗ stunden, sondern auch die Wohnung kündigte. Und es war nicht der einzige saure Apfel, der ihm den Geschmack an dem selbstgebackenen Brote und Kuchen verdarb. Denn die Bäcker⸗ gesellen gaben keine Ruhe, nachdem sie sich organisiert hatten, und eines Tages las er in

der Zeitung die Verfügung, durch welche Die

Lehrlingsfrage geordnet und ae e 4 mit der Revision auch der Bäckereien beauftragt Dem Meister Adersen glitt die pom.

wurden. pöse Meerschaumspitze, aus der er eben rauchte,

aus dem Munde auf die Erde und zerbrach.

Wütend zertrat er sie vollends mit seinem Elephantenfuße.„Was,“ schrie er,„ich, ein gelernter Bäcker, soll mein Handwerk nicht mehr treiben, wie ich will unb diese Kerls sollen

mir hineinschnüffeln können, wann sie wollen?

Da soll die ganze Bäckerei der Teufel holen! Ich schmeiß' den ganzen Krempel hin!“

Seine Frau tat Alles, was in ihren Kräften 0 stand, um ihn von diesem Vorsatz zurückzubringen,

und die Verschwiegenheit der ehelichen Bett⸗ kammer wurde lieb manch' harten Kampfes. Vergebens! Er blieb um so störrischer, als ihn die Furcht stachelte, daß die Gesellen auch ihre weiteren Forderungen durchdrücken und die Meister unterkriegen könnten! Das war nicht mehr schön. Also raus aus der Bude! Gesichter von dem unabhängigen, sorgenfreien, bequemen Leben des Rentners begannen ihn zu umschweben, und obgleich er nie einen Sinn für die schöne Natur gehabt hatte, so sah er sich dennoch im Geiste jetzt als Eigentümer einer hübschen Villa, in Schlafrock und Pantoffeln, die Zigarre im Munde, auf der Veranda sitzen, zwischen Blumen⸗ beeten und unter grünen Bäumen herumspazieren. Also frisch an's Werk! Kraft des Zaubere, den sein Geldschrank barg, erwachte er eines Morgens als Eigentümer eines kleinen schmucken Land⸗

hauses in der Kolonie Grunewald und der

Konditorgehülfe, der schon viele Jahre in seinen Diensten stand, kaufte seine Bäckerei.

An einem sehr klaren, aber noch recht kühlen Tage des Wonnemondes— der Flieder begann eben schüchtern zu blühen— bezog der Rentier Herr Gustav Adersen seine Villa, die er auf den Namen seiner Frau„Villa Karoline“ um⸗ getauft hatte. Ueber der Haustür prangte in einem Rahmen von Laubgewinden eine weiße Leinewand, auf der in großen bunten Buch⸗ staben zu lesen war!„Willkommen!“ Die Tafel hatte auf der Landstraße vor dem Gitter eine

tümer, Frau und Tochter vorfuhr. Letzteren nickten den Kleinen lachend zu; der

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Kinderschaar versammelt, welche lustig Hurra 1 rief, als der Wagen mit dem gewichtigen Eigen⸗

Die beiden

Gatte und Vater aber berührte nur flüchtig

den Hutrand, als ob er Serenissimus selber

wäre. Mit derselben unnahbaren Würde starrte er die Inschrift an und grunzte nur, als seine

Frau 5„Du, Alter, das hat der Otto

uns zu Liebe gemacht!“

Otto Lebrecht hatte sein Röschen jubelnd 5

umarmt, als der Baron von Unkenstein plötzlie

von der Bildfläche weggewischt war. Sie hatten

die Mutter mit Bitten bestürmt, ihre Herzens⸗

sache nun vor den Vater zu bringen.

Schnob der Vater doch fortwährend Wut wie ein Eber. Und dann kam die Hetze mit dem Kauf der Villa, dem Verkauf der Bäckerei und dem Umzuge. Die Liebenden wappneten sich

notgedrungen mit Geduld. Otto arbeitete unter⸗

Die Mutter aber konnte nur zur Geduld ermahnen.

dessen fleißig; sein preisgekröntes Tabaksplakat,

das im Farbendrucke an vielen Fenstern von

Zigarrenläden prangte, hatte andere Aufträge

ahnlicher Art zur Folge gehabt. Außerdem zeichnete und malte er heraldische Bestien und anderes Getier und Gevögel, sowie Blumen in der steifen, verzerrten Welse, welche man heute stilvoll nennt, und er zeichnete wirkliche Kari⸗

katuren und Burlesken für die Witzblätter der ö

Sozialdemokratie. Den Pinsel und das Hemd des Anstreichers warf er über alle Zäune. Der Onkel betrachtete Dasjenige, was ihm gelegentlich der Neffe von seinen Arbeiten vorlegte, mit den Augen des Bhotiers, oder es wirkte auf ihn wie das rote Tuch auf den Stier. b Schon der erste Abend in der Villa bot der Mutter Gelegenheit, endlich ein Wort für die Liebenden einzulegen. wen ee gewisser⸗ maßen symbolisch von dem Landhause Besitz, indem er einen Revolver schwersten Kalibers an die Wand neben seinem Bette aufhing; geladen

ö

ö ö ö

war deselbe nicht. Da meinte die Frau:„Aber,

Alter, wenn's so unsicher im Grunewald ist, da

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