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Nr. 4.

Mitter denutsche Sonntags ⸗Neitung.

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Leute lesen und schreiben konnter, von Schäfer,,

Säuhirten und anderenklugen Leuten empfoh⸗ len und in Anwendung gebracht wurden. Klug waren ja diese Leute immer, sie wurden reich dabei, wenn nicht etwa das Gericht ihrer Wunderdoktor⸗Tätigkeit ein Ende machte. Der hier in Rede siehende, er trägt den hübschen Namen Semmel und soll Leiter einesSa natorium sein ist aber nicht bloß Leibes⸗, sondern auch Seelenarzt, ja uns will scheinen, daß seine Gesundheits⸗Vorträge bloß Mittel zu dem Zweck sind, für irgend eine religiöse Sekte Gläubige einzufangen. Das Tollste bei der Sache ist aber, daß dieser Unfug von dem amtlichen Wetzlarer Kreisblatt unter⸗ stützt wird, indem es den in denVorträgen vorgebrachten Unsinn besser gesagt Schwin⸗ del kritiklos abdruckt!! Wir machten uns das Vergnügen, den Bericht einem Arzte zu unterbreiten, der uns in einem längeren Artikel seine Ansicht über die Semmel⸗Weisheit schrieb. Wir bringen die interessanten Ausführungen in der nächsten Nummer, heute fehlt uns der Raum.

h. Schwindelinserate. Wie verschiedene andere bürgerliche Blätter brachte vor einiger Zeit auch derWetzl. Anz. Inserate, in denen von einem Londoner Justitut ein Mittel gegen Trunksucht empfohlen wurde Dieser Tage erklärte nun das Blatt, daß ihm von Herrn Dr. Liebe mitgeteilt worden sei, daß es sich bei diesem Mittel um Schwindel handele, infolge⸗ dessen werde es die Anpreisung desselben nicht mehr aufnehmen. Darauf mußte das Amtsblatt erst von einem Arzte aufmerksam gemacht werden! Daß hier Schwindel vorlag, mußte doch jeder Laie erkennen!(Das meinen wir auch. Unserer Expedition wurde das Juserat vor längerer Zeit ebenfalls angeboten, es wurde jedoch sofort abgelehnt. D. Red.)

Westerwald und Anterlahn.

Langenaubach Brutalität statt Menschenfreundlichkeit. In dem zu einer traurigen Berühmtheit gewordenen Gruben⸗Betrieb derConstanze find Samstag und Montag 3 Mann ohne Kündigung entlassen worden, weil sie sich danach erkundigten, ob das von ihnen geförderte Material zum vollen Gewicht zur Verrechnung gelangt sei, was sie nach den gezahlten Löhnen bezweifeln mußten. Darin erblickte der Herr Direktor eine Verletzung seiner Würde und warf des⸗ halb die Proleten aufs Pflaster. Bei den von uns schon erwähnten Praktiken der Wagen⸗Nullung, die auf der Grube üblich sind, haben di Arbeiter jedenfalls alle Veranlassung auf das Gewicht zu achten. Stellte doch selbst die Gemeinde Langenaubach Recherchen an, weil sie Verdacht hegte, daß ihr bei einem Geschäfte mit der Grube von dieser falsche Gewichtsangaben gemacht worden setien. Herr Vahlensteck ist natürlich wütend über uns; aber er mag sich gesagt sein lassen: Die Zeit ist vorbei, wo die vom Schweiße der Arbeiter groß gewordenen Unternehmer ihre Macht zu brutaler Vergewaltigung mißbrauchen konnten, ohne Widerspruch zu finden. Selbst die Westerwälder Arbeiter beginnen zu erwachen. Mögen die Paschas noch eine Welle wüten und einige arme Teufel dem Hunger preisgeben; einst werden sie doch genötigt die Macht der Organisation, das Menschenrecht des Arbeiters anerkennen müssen, den sie jetzt noch als Sklaven behandeln.

* Herrn Direktor Vahlensieck auf der GrubeConstanze in Langenaubach forderten wir in vorletzter Nummer auf, den versprochenen Beweis für seine Behauptung, daß ingroßstädtischen sozialdemo⸗ kratischen Betrieben 13 stündige Arbeitszeit üblich sei zu erbringen. Bis jetzt haben wir noch vergeblich darauf gewartet. Wir wollen ihn hiermit nochmals höflich an sein Versprechen erinnern.

* Die Stöckerleute auf dem Gimpel⸗ fang. Seit längerer Zeit versuchen die Christlich⸗ Sozialen im Kreise Dillenburg⸗Herborn Arbeiter⸗Organi⸗ sationen zu gründen. An einigen Stellen kam es auch dazu, meistens sind aber die Vereine wieder verkracht. Welcher halbwegs denkfähige Arbeiter sollte auch auf den Stöcker'schen Leim kriechen? Am Sonntag machten sie in Herbornseelbach einen neuen Versuch. Sie hatten eine Versammlung einberufen, in der ein Redner, dessen Namen eigentümlicherweise nicht genannt wird, über Zweck der gewerkschaftlich n Organisation sprach. Dann sprach der Redakteur des Herborner Stöcker⸗ blättchens, derselbe mutige Mann, der seine Gewährs⸗ leute verrät, wenn ihm Klage droht, über den Berg⸗ arbeiterstreik Dazu machte er Ausführungen, mit denen man größtenteils einverstanden sein konnte; vorher er⸗ zählte er, daß er von einem Arbeiter abstamme, was doch keinen Menschen interessterte. Zum Schluß empfahl er sein Herborner christlich⸗soziales Sudelblättchen. Genosse Vetters⸗ Gießen war ebenfalls anwesend und ergriff das Wort, um die Ursachen des Streiks im Ruhrrevier darzulegen. Seine Ausführungen wurden mit großer

Ruhe angehört, bis der Stöckerjüngling Schmidt, der den Vorsitz führte, unserm Genossen das Wort entzog, obwohl sich dieser durchaus sachlich gehalten hatte. Er belferte alles Mögliche von Ausbeutung in Konsumvereinen, Zustände im Kasseler Gewerkschaftshaus und anderes Zeug daher und blökte schließlich ein Kaiserhoch. Dann schloß er schleunigst die Versammlung.Das ist dieFreie Diskusstion der Christlich⸗Sozialen! rief ihm Vetters noch zu. Ueber das Gebahren des Stöckerjünglings sprachen nach der Versammlung mehrere Arbeiter ihre Mißbilligung aus. Aus der Gründung eines Stöcker⸗ Vereins wird's wohl nichts werden. Ueber die Ver⸗ sammlung bringt der Jüngling einen Schwindel-Bericht in seinem Blättchen, den jeder ohne Weiteres als solchen erkennt. Das Männlein läuft uns wohl uoch mal in die Finger.

Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain.

* Wie voraus zusehen war. Ueber die Versammlung in Cölbe am Sonntag vor acht Tagen schrieb Herr Burckhardt seinem Blatte, demVolk in Siegen u. a. Folgendes:

Als gegnerische Diskusstonsredner traten auf Redakteur Nuschke von der von Gerlach schen Zeitung in Marburg, der Sszial⸗ demokrat Vetters aus Gießen und einGe⸗ nosse aus Marburg, der konfuses Zeug sprach. Widerlegen konnte keiner der drei Redner den Referenten.

So lauten die Berichte immer, das sagte Vetters Herrn Burckhardt ja schon bei Beginn der Cölber Versammlung. Schließlich kann man ihm auch nicht zumuten, daß er seinem Blatte schreibt, er sei abgeführt worden!

4 Ueber einenStudentenulk berichteten die hiesigen und eine Anzahl auswärtige Blätter. Auf einem unserer Brunnen sollte das Steinbild eines Bären erneuert werden. Der dazu zu verwendende Steinblock wurde mit Musik und Gejohle durch die Stadt gefahren und amBärenbrunnen eine unsinnige Rede gehalten. Am folgenden Tage wiederholte sich das Schau⸗ spiel, doch hatte man sich einen lebenden jungen Bären für 150 Mark von Hagenbeck in Hamburg kommen lassen. Von den nächtlichen Exzessen, Radau⸗ szenen und vandalischen Verwüstungen, welche wir hier oft genug zu sehen und zu hören bekommen, unterscheidet sich dieserUlk immerhin vorteilhaft. Wenn nun auch die Arbeiter für solchen Mum pitz weder Zeit noch Geld haber, so wird sich doch mancher gefragt haben, wenn Arbeiter etwas ähnliches sich einmal erlauben wollten, was würde wohl da die Folge sein? Jedenfalls Auf⸗ ruhr, Landfriedensbruch, Zuchthaus und hier?

r. DenBärenulk(siehe oben Red.) könnte man als ein kleines Seitenstück zum Bergarbeiter⸗ streik bezeichnen. Der Student nämlich, der den Bären für schweres Geld von Hamburg kommen ließ, ist der Sohn eines Grubenbesitzers im Ruhrrevier. Deshalb kann er sich auch ein kreuzfideles Leben leisten. Allerdings scheinen dazu die väterlichen Alimente nicht ganz auszureichen, denn erst kürzlich mußte der Herr Papa 4000 Mk. Schulden für den ulkigen Sohn berappen. Es ist daher erklärlich, wenn sich die Gruben⸗ barone gegen die Forderungen der Bergleute sträuben.

der hiesige Flotten verein hielt vorige Woche eine Generalversammlung ab, in welcher konstatiert wurde, daß die Mitgliederzahl von 350 auf 220 zurück⸗ gegangen sei; ein Viertel davon seien Eisenbahnarbeiter. Bringt man diese und die übrigen Muß⸗Mitglieder in Abzug, so kann wohl der Flottenverein im Marburg⸗ Werdaer Motorboot Platz finden!

r. Versammlungen. Am Dienstag den 24. Januar hält der ArbeitergesangvereinEintracht im Jesbergschen Lokale abends ½9 Uhr seine Generalver⸗ sammlung ab. Im gleichen Lokale findet Sonntag,(22.) ½4 Uhr die Generalversammlung ds Konsumver⸗ eins statt. In der Versammluug des Wahl⸗ vereins am Sonntag, den 29. Januar wird Genosse Dr. Quark⸗Frankfurt einen Vortrag überKommunal⸗ politik halten. Angesichts der hier in diesem Jahre bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen ist zahlreiches Erscheinen der Mitglieder doppelt notwendig. Gäste sind freundlich willkommen.

r. Die Kolportage geht am 1. Februar an den Genossen Chr. Weber über. Man wolle dies beachten und etwaige Rückstände bei dem jetzigen Kolporteur begleichen.

r. Die öffentliche Gewerkschaftsversamm⸗ lung am Samstag hatte einen sehr guten Besuch auf⸗ zuweisen. Genosse Vetter s-Gießen sprach zunächst über die Entwickelung und den heutigen Stand der Gewerk⸗ schaften. Redner wies eingangs auf die Fortschritte hin, welche die meisten Gewerkschaften in Bezug auf ihre Mitgliederzahl zu verzeichnen haben, zum Beispiel die Metallarbeiter, die jetzt über 200000 Mitglieder zählen, ferner die Holzarbeiter, die mit über, Maurer und Bergleute, die mit beinahe 100000 rechnen. Günstig ständen im Allgemeinen auch die Finanzen unserer

Organisationen. Man habe sich im Gegensatze zu früheren Jahren daran gewöhnt, höhere Beiträge zu zahlen und das sei notwendig, denn ohne ausreichende finanzielle Mittel könnten die heutigen Kämpfe nicht durchgeführt werden. Heute sei auch der Organisations⸗ gedanke in Berufsarten eingedrungen, die noch vor wenigen Jahren in dieser Beziehung durchaus unzu⸗ gänglich waren. Weiter erwähnte Redner die Arbeiter- sekretartate, wel te zum größten Teile von den Gewerk⸗ schaften unterhalten werden und für die gesamte Arbeiter⸗ schaft segensreich wirken, indem sie allen Arbeitern in Wahrnehmung ihrer Rechte beistehen. So sei gegen früher wohl schon einiges erreicht, hier und da auch eine kleine Besserung der Arbeitsverhältnisse erkämpft, die allerdings durch die höheren Lebenshaltungs-Kosten wieder mehr als ausgeglichen we den. Aber die Er- starkung der Gewerkschaften hat den engeren Zusammen⸗ schluß der Unternehmer herbeigeführt. Und von dieser Seite wird unablässig versucht, die Arbeiter⸗Organisattonen zu zersplittern und zu vernichten; immer wiederholen sich die An driffe auf das Koalitions- und das Wahlrecht. Die Situation dürfte sich in nächster Zeit keineswegs günstiger für ns gestalten, es müssen daher alle Kräfte zusammengefaßt und vor allem muß für weitere Stärkung unserer Gewerkschaften gesorgt werden. Redner ging dann noch kurz auf den Kampf im Ruhrrevier ein und zeigte, wie die Kohlenbarone, die seit fünfzehn Jahren ungezählte Millionen Mark aus dem Schweiße der Ar⸗ beiter herausgepreßt und in ihre Lasche geführt haben, den Streik provozierten, um die Kohlenpreise zu steigern. Die Ausführungen des Genossen Vetters fanden beifällige Aufnahme, eine Diskussion schloß sich daran nicht.(Fortsetzung in nächster Nr.)

Anterstützt die kämpfenden Bergleutt! Parteigenossen! Angesichts des im Ruhrrevier ausgebrochenen gewaltigen Kampfes gebietet das Solidaritätsgefühl jedem Arbeiter und Parteigenossen, sein Scherflein zur Unterstützung der streikenden Bergleute und ihren Familien beizusteuern. Die ganze deutsche Arbeiterschaft muß hilfsbereit hinter den Streikenden stehen, jeder gerecht denkende Mensch einige Groschen für den Kampf gegen den maßlosen Ueber⸗ mut einiger Millionäre opfern! Im Uebrigen verweisen wir auf den Aufruf des Partei⸗ vorstandes auf der ersten Seite. Gelder für die Bergarbeiter nehmen zur Weiterbeförderung entgegen: In Gießen: Redaktion sowie Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung; in Wetzlar: A. Fauth, Lahnpförtchen; in Marburg: R. Rösler, Aulgasse 4; in Friedberg: H. Busold; in Alsfeld: Jak. Eder, Roßmarkt. Außerdem können Gelder direkt gesand⸗ werden an den Parteivorstand oder an: Paul Horn, Bochum, Wimelhauser straße 3840.

Versammlungskalender.

Samstag, den 21. Januar,

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends Uhr Versammlung bei Orbig.

Schotten. Wahlverein. Abends 8/ Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Müller. Vortrag von Vetters⸗Gießen.

Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr General⸗ versammlung imGambrinus bei Wacker. Tagesordnung: 1, Jahresbericht; 2. Abrechnung; 3. Vorstandswahl; 4. Verschiedenes.

Briefkasten.

B. Stfubg. Freilich soll das Mk. 38.28 heißen, wie ja jeder ausrechnen kann. Unsere Setzer sind doch auch nicht unfehlbar. Was kümmert denn das den Ausgetretenen? Brgslms. Ach, wenn sich der Hüter des Gesetzes auch eine Zigarre ansteckt, da ist doch nichts dabei. Wenn er keine größeren Sünden begeht..

1e Bemüht Parteifreunde! ca set nach besten Kräften für die immer weitere

Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!