Nr. 21.

Mitteldenutsche Sonntags⸗Zeitung.

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wo er über die Einzelheiten der geplanten Ein⸗ zugsfeierlichkeiten Bericht erstatten soll. Die Berliner Bevölkerung soll dem Kaiserhaus eine Huldigung darbringen, über die Einzelheiten derselben erfährt aber das Volk nichts, die werden vielmehr im Kaiserhause beraten und angeordnet! Für Berlin gibts aber eine Ueber⸗ raschung denn die Stadtverordneten-Ver⸗ sammlung hat in geheimer Sitzung nicht weniger als 150000 Mk. für Ausschmückung der Straßen bewilligt! Eine sehr kostspielige Huldigung!

Man machte natürlich von oben herunter alle Anstrengungen, einen allgemeinenRummel zu Stande zu bringen. Die Arbeiter der Berliner Siemens⸗Schuckert Elektrizitätswerke gaben den Machern jedoch eine gehörige Lektion. Die Direktion der genannten Werke und der Allgem. Elektrizitätsgesellschaft kamen nämlich

auf die grandiose Idee, ihre Arbeiter durch

Plakate zur Spalierbildung einzuladen und ihnen für diesen patriotischen Dienst nicht nur den vollen Lohn, sondern auch 5 Mk. Extra⸗ vergütung zu versprechen. Der Erfolg war, daß sich 3 drei Arbeiter(von den vielen Tausend dort beschäftigten) bereit erklärten. Das elegante Publikum zahlt gern hundert Mark und mehr für ein bequemes Fenster, Ar⸗ beiter, richtige Arbeiter, sind aber nicht einmal für Geld zu haben. Sie werden sich auch das Wort von den Elenden gemerkt haben!

Hungerlöhne im Reichsdienste.

Vor einigen Tagen verurteilte das Schwur⸗ gericht in Aachen den 31 jährigen Postboten Klönn wegen Unterschlagung von Mk. 2500 in elf Fällen zu 18 Monaten Gefängnis. Im Jahre 1897 wurde K. mit einemGehalt von einer Mark und 80 Pfennige pro Tag als Landbriefträger angestellt. Im Laufe der Zeitstieg diese Einnahme auf Mk. 2.. Mit 29 Jahren nahm er eine Frau. Vor Gericht wurde er als fähig, gewandt, beliebt und allgemein 72 175 bezeichnet. Doch das genügt für einen Landbrtiefträger nicht; er muß auch Hungerkünstler sein oder stehlen können, ohne gefaßt zu werden. Hier ist offen⸗ bar das Reich als Arbeitgeber Schuld daran, daß der Mann zum Verbrecher wurde.

Ein preuß sches Landschul⸗Idyll.

Der Hauptlehrer Landsrat zu Weilbach hielt eine Ziege und etwa zehn Hühner in einem Raum seiner Dienstwohnung, welcher sich unter dem Schulzimmer der Mädchen befindet. Nach⸗ dem sich auf eine Beschwerde der Lehrerin über die aufsteigenden Düfte der Kommunalarzt gut⸗ achtlich geäußert hatte, gab der Bürgermeister als Poltzeiverweser dem Hauptlehrer auf, die Tiere aus dem Raum zu entfernen, diesen gründlich zu reinigen und ihn nicht wieder als Stall zu benutzen. Die aufsteigenden Dünste, die von zwei Seiten durch die Fenster in den Unterrichtsraum der Mädchen eindrängen, wirkten gesundheitsschädigend. Zudem lasse die nur aus Lehm bestehende Decke des Stalls die Feuchtigkeit durch, wodurch die Luft im Schul⸗ zimmer noch mehr verschlechtert würde. Nach vergeblichen Beschwerden beim Landrat und beim Regierungspräsidenten in Wiesbaden klagte der Hauptlehrer beim Ober⸗Verwaltungs⸗ gericht. Er machte geltend, daß in anderen Orten in Schulhäusern ähnliche Einrichtungen beständen. Von einer Gesundheitsschädigung könne nicht die Rede sein. Schlechte Gerüche und Feuchtigkeit kämen von der Latrine des Aborts her. Uebrigens sei die ländliche Be⸗ völkerung an Dunggerüche gewöhnt. Der Regierungspräsident bestritt in seiner Antwort die Richtigkeit der Annahme des Klägers und meinte unter anderem, es möge ja sein, daß der Vorgänger des Klägers sogar Schweine in dem Stallraum gehalten habe, das entspräche aber nicht mehr den modernen hygienischen Anforderungen. In vorliegendem Falle werde auch von den Hühnern, von dem Mist, der auf den Hof gebracht sei, etwas auf die Treppe geschleppt; ebenso trügen die Kinder davon an den Schuhsohlen in die Schulräume und die Hühner drängen bei offener Tür gelegentlich auch da hinein und ließen dort Kot zurück.

Das Oberverwaltungsgericht wies am 18. April die Klage des Hauptlehrers als unbe⸗ gründet ab. Der fragliche Raum im Schul⸗ 1 darf also nicht mehr als Stall benutzt werden.

Vom gleichen Rechte.

Neulich hatte sich vor der Strafkammer in Hirschberg(Schlesien) ein Arbeiter wegen einer Bagatelle(Nichtanmeldung einer Radfahrer⸗ versammlung) zu verantworten. Der Fall war so harmlos, daß selbst der Staatsanwalt nur das Mindest⸗Strafmaß von 15 Mk. Geldstrafe für ausreichend hielt; in der ersten Instanz war sogar Freisprechung erfolgt. Das Gericht er⸗ kannte jedoch auf 100 Mk. Geldstrafe. Zur Begründung dieses Urteils wurde, wie der Bote aus dem Riesengebirge berichtet, folgendes ausgeführt:

Was die Höhe der Strafe betrifft, so ist der Gerichtshof deshalb bedeutend über den Antrag des Staatsanwalts hinausgegangen, weil die Sozialdemokraten es mit großem Geschick verstünden, die Gesetze zu umgehen. Könne aber einmal ein Sozialdemo⸗ krat gefaßt werden, dann müßte er auch streng bestraft werden.

Diese Begründung erscheint fast unglaublich, trotz allem, was wir schon bisher auf dem Gebiete der Rechtspflege in Deutschland erlebt haben. Damit wird ja geradezu ein besonderes Recht gegen Sozialdemokraten aufgestellt! Wer soll unter solchen Umständen noch Vertrauen in unsere Rechtspflege setzen?

Der Saarprozeß in zweiter Auflage.

Am Montag begann vor dem Landgerichte in Trier die Verhandlung gegen den gemaß⸗ regelten Bergmann Krämer, der angeklagt ist, die Grubenverwaltung durch Flugblätter beleidigt zu haben. Bekanntlich wurde die Sache vor läugerer Zeit von dem Saarbrückener Gerichte abgeurteilt, Krämer erhielt damals mehrere Monate Gefängnis. Auf die eingelegte Revision wurde das Urteil aufgehoben und an das Trierer Gericht verwiesen. Es sind etliche 150 Zeugen zu vernehmen, die ganze Verhand⸗ lung dürfte 10 Tage dauern. Die Verteidigung des Angeklagten führt Abg. Genosse Heine⸗ Berlin. Man scheint bei der diesmaligen Ver⸗ handlung sachlicher und unpartetischer als bei der ersten verfahren zu wollen; wenigstens stach die Behandlung des Angeklagten wohltuend ab gegen die ihm in Saarbrücken zuteil gewordene. Die gegenwärtige Direktion ist, obwohl Neben⸗ kläger, nicht anwesend, wohl weil der offen⸗ kundige Eindruck der ist, daß Hilger und seine Getreuen für eine verlorene Sache kämpfen.

Strafaustalt Plötzensee.

In Berlin begann am Montag zum zweiten Male der Prozeß gegen denVorwärts und dieZeit am Montag wegen Enthüllungen über das Gefängnis in Plötzensee. Das letzt⸗ genannte Blatt brachte im vorigen Jahre einen Artikel, in dem die Behandlung der Ge⸗ fangenen in dieser Strafanstalt, die Gesund⸗ heitsverhäl tnisse und die Art der Dis⸗ ziplinarstrafen einer eingehenden Kritik unterzogen wurden. VomVorwärts wurde dieser Artikel abgedruckt und deshalb muß Gen. Kaliski ebenfalls vor die Schranken. Dieser Umstand wurde dann benutzt, den Pro⸗ zeßKaliski und Genossen zu taufen und nach dem BuchstabenK an die vierte Strafkammer zu bringen, die in politischen Prozessen auf harte Strafen zu erkennen pflegt. In der Verhandlung mußte der Direktor von Plötzensee eine Reihe Behauptungen der Artikel als zu⸗ treffend anerkennen.

Einen schönen Sieg

haben unsere Wiener Parteigenossen bei der Gemeindewahl in dem Vororte Floridsdorf am vorigen Donnerstag erkämpft. Wie wir vor acht Tagen kurz mitteilten, wurde unser Gen. Schlinger mit 5418 Stimmen gegen den Antisemiten Wanke gewählt, der nur 3869 Stimmen aufbrachte. Und dies geschah, trotz- dem die antisemitische Lueger⸗ Sippe mit den verwerflichsten Mitteln arbeitete. Vor der Wahl

kam es mehrfach zu Tumulten. Am Sonntag vorher war der Bürgermeister Lueger mit zahlreichen Anhängern nach Floridsdorf zu einer Versammlung hinausgefahren. Am Bahn. hof wurde er von den Sozialdemokraten mit Pfuirufen und Pfeifen empfangen. Die Polizei griff in bekannt geschickter Weise ein; erst nach argen Tumulten, wobei es verschiedene Ver⸗ wundete gab, trat Ruhe ein. Für den Wahltag selbst hatten die Christlichsozialen eine Menge bezahlter Agitatoren hinausgeschickt und diese mit Lederpeitschen und Ochsenziemern bewaffnet. Später kamen 300 Wiener Polizisten und einige Dutzend Gendarmen in den Ort, so daß eine Art Belagerungszustand existierte. Unsere Ge⸗ nossen waren aber von allen diesen christlich⸗ sozialen Vorbereitungen unterrichtet und hatten dafür gesorgt, daß ihnen und keinem Florids⸗ dorfer das Wahlrecht und die Wahlfreiheit verkümmert wurden. Und so erlitten die Anti⸗ semiten, die sich dort Christlich⸗Soziale nennen, eine empfindliche Niederlage.

Russische Greuel.

2 DerFränk. Tagespost wurde ein Brief übermittelt, den ein Parteigenosse von einem Freunde in Warschau erhielt. Das Blatt giebt folgende Stellen daraus wieder:

Du wirst schon gelesen haben von unserer Maifeier. Ein prachtvoller Tag und sehr warm. Sämtliche Läden waren geschlossen. Keine Droschke, keine Straßenbahn, es war so still wie noch nie.... In der Stadt sah ich in allen Ecken die roten Fahnen winken. Es kamen Leute von allen Richtungen und sammelten sich. Sie durchzogen die Straßen mit Fahnen unter Gesang und froher Stimmung.... Das Militär schloß sie ein und schoß von allen Seiten. Meistens wurden Mädchen, Frauen und Kinder erschossen. Manche wurden furcht⸗ bar mißhandelt. Einer Dame wurde der Kopf gespalten. Mit Gewehrkolben schlugen die Soldaten selbst auf Kinder ein. Das ist nur das, was ich von der Ferne sah. In den Vorstädten war es noch schlimmer. Ich habe im Berliner Tageblatt gelesen, daß die Menge auf die Soldaten schoß. Das ist nicht wahr Gestern war Kirchenfeier für die Gefallenen. Am Schluß sangen die Studenten:Noch ist Polen nicht verloren. Das Volk ist furchtbar empört. Es wird noch große Opfer geben. Mehrere Offiziere wurden in letzter Zeit umgebracht, was man natürlich bei Euch nicht erfährt. Kürzlich fand man einen auf einen Gartenzaum auf⸗ gespießt.... Gestern wurden zwei Poltzisten gelyncht. Sie waren jüdisch gekleidet mit langem Bart und langem Mantel. In einer polnischen Kirche hatten sie den Altar zerstört. Durch solche Taten will man die Christen auf die Juden hetzen. Die Beiden hat man aber erkannt...

Von dem russisch⸗japanischen Kriege. Nach einer Meldung vom Mittwoch nimmt

man an, daß die Japaner beabsichtigen, die russische Flotte südlich von Formosa in Kampf

zu ver wickeln.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Der Verband der Trausport⸗ und Verkehrsarbeiter hielt vorige Woche in Frankfurt seine vierte Generalver⸗ sammlung ab. Der hierzu vom Vorstand erstattete Bericht erstreckt sich auf zwei Jahre und gibt eine Fülle interessanten Materials. Der Verband ist in der Berichtsperiode außer⸗ ordentlich gewachsen. Die Zahl der am Schluß der vorigen Berichtsperiode vorhandenen 106 örtlichen Verwaltungsstellen erhöhte sich so, daß schließlich jetzt Verwaltungsstellen an 191 Orten vorhanden sind, das ist eine Zunahme von 88 Verwaltungsstellen oder 83 Prozent. Die Ge⸗ samt⸗Mitgliederzahl stieg von 20 912 am 31. Dezember 1903 auf 40 405 am 31. Dezember 1904. Trotz des imponierenden Wachstums hat jedoch auch diese Organisation außerordent⸗ lich unter dem Wechsel der Mitglieder zu leiden. Während nämlich insgesamt seit Gründung des Zentral⸗Verbandes 100850 Mitglieder aufge- nommen wurden, gehören ihm gegenwärtig nur noch 39594= 36,8 Prozent an, sodaß also ein Gesamtabgang von 63,2 Prozent zu konsta⸗ tieren ist. Der Geschäftsbericht erkennt denn auch an, daß trotz der etwas günstigeren Stabilität in der letzten Geschäftsperiode die