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Nr. 47.

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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

hältnismäßig erhebliche Zunahme. Nach dem

amtlich festgestellten Ergebnis erhielt unser Genosse Leber 6858(1903: 6018), Schack Antis.) 4045, Flex(natl.) 2780, Kühner(freis.) 698 und Müller(Ztr.) 1014 Stimmen. Die Stichwahl zwischen Leber und Schack findet diesen Freitag statt. Wenn die Freisinnigen für unseren Genossen stimmen, muß er stegen. Sie haben zwar die Parole ausgegeben nicht für den Antisemiten einzutreten, aber man kann darauf nicht viel geben. Und deshalb ist das wahrscheinliche Resultat die Wahl des Antise⸗ mitrichs.

800 Millionen für neue Panzerkähne.

Die kommende Flottenvorlage, der Reichsmarine⸗Etat und die Denkschrift zu letz⸗ terem sind dem Bundesrat vorgelegt worden. Es verlautet aber noch nichts Bestimmtes da⸗ rüber, wann der Bundesrat sich in dieser Angelegenheit schlüssig machen wird. Nach dem aber, was außeramtlich bekannt geworden ist und auch der Wirklichkeit entsprechen wird, sollen dte neuen Ergänzungen zum Flottengesetz von 1900 nicht weniger als 800 Millionen Mark insgesamt ausmachen, die von der Re⸗ gierung in der bevorstehenden Reichstagssesston gefordert werden. Nach einer ziemlich zutreff⸗ enden Berechnung werden sich die von offtziöser Seite zugestandenen Kosten der ihrer Qualität nach gesteigerten Flotte gegenüber den Voran⸗ schlägen nach dem Flottengesetz in den Jahren 1906 bis 1912 wie folgt herausstellen:

nach dem Flotten⸗ nach den

gesetz 1900 Neuforderungen Mehr 1906... 215 Millionen 250 Millionen 35 Millionen 1997221 10 270 11 49 55 1909 227 10 285 10 58 15 1909%, 233 1 300 5 67 5 1910/3. 239 5 310 15 71 7 1911. 239 15 315 7 76 8 1912. 241 420 79

Die Summe der Mehrkosten während der Jahre von 1906 bis 1912 beläuft sich also auf 435 Mill. Mark; von 1913 tritt vielleicht ein „Beharrungszustand“ der Mehrkosten auf durch⸗ schnittlich 70 Mill. Mk. ein. Bis zum Ausbau der Flotte 1917 würde dies 350 Mill. Mark ausmachen, die Gesamtmehrkosten bis zum Jahre 1917 sich also auf 785 bis 800 Mill. belaufen.

Gemeindewahlsieg in Berlin.

Berlin hatte am 8. November Stadtverord⸗ netenwahlen und es hat sich gehalten, wie man es von ihm erwarten durfte. Von den 16 Sitzen, die neu zu besetzen waren, hat die Sozialdemokratie bisher 8 innegehabt; ste hat 3 neue dazu erobert und kommt in 4 weiteren iu die Stichwahl. Dafür hat der Freisinn von seinen 8 Mandaten nur ein einziges in der Hauptwahl zu erobern vermocht. Die beiden Parteien, die einander bisher wie 1 zu 1 gegen- überstanden, verhalten sich aber jetzt zueinander wie 1 zu 11. Die regierende Partei hat von der Masse der Berliner Bevölkerung ein ver⸗ nichtendes Mißtrauensvotum erhalten. Von 110,904 Wahlberechtigten haben sich an der Wahl(öffentliche Abstimmung!) nur 40,112 Wähler beteiligt, von denen aber haben 30,441 sozialdemokratisch gestimmt. Vor sechs Jahren beteiligten sich 33 Prozent der eingeschriebenen Wähler, diesmal 37 Prozent. Die Stimmen⸗ zahl der Sozialdemokratie erhöhte sich von 18,508 auf, wie schon gesagt, 30,441. Da⸗ gegen schmolz der regierende Freisinn von 12,128 auf 8938 Stimmen zusammen. Vor sechs Jahren hatte also die Sozialdemokratie erst anderhalbmal soviel Stimmen wie der Freistnn, diesmal hat sie dreiundeindrittelmal soviel. Auch die Mittelstandsparteiler sind trotz allem Geschrei völlig auf den Hund ge⸗ kommen: von 2906 Stimmen, die vor sechs Jahren auf sie entfielen, behaupteten sie nur wentger als die Hälfte, nämlich 1343 Stimmen. Die dritte Wählerklasse gehört in Berlin der Sozial demokratie!

Gemeindewahlen.

In Barmen erhielten unsere Genossen 4362 bis 4549 Stimmen, 1000 mehr als bei

der letzten Wahl. Die absolute Majorität von 5308 Stimmen erreichte kein Kandidat. Unsere Genossen kämpfen um alle vier Mandate der dritten Abteilung in der Stichwahl. In Fürstenwalde stieg unsere Stimmenzahl von 160 auf 381. Ein Mandat ftel uns nicht zu.— In Swinemünde eroberten unsere Genossen alle drei Mandate der dritten Klasse. In Guben stieg die Zahl der für die Sozial⸗ demokratie abgegeben Stimmen von 203 bei der vorigen Wahl auf 377 diesmal.— Die Reichs⸗ treuen in Mansfeld haben versagt; ihr Kandidat erhielt nur 15 Stimmen gegen 90, die der Kandidat der Arbeiterschaft erhielt.— Drei Genossen und ein Bürgerlicher vertreten für die nächsten 6 Jahre die dritte Abteilung im Elbinger Rathaus.— Einen Genossen brachten wir bei der Wahl in Merseburg in die Stichwahl.— 600 Stimmen Zuwachs erzielten wir in Krefel d.— Zum ersten Mal ziehen in das Stadtparlament in Jüter⸗ bog Sozialdemokraten ein. Bei den stattge⸗ fundenen Stadtverordnetenwahlen erhielten die Sozialdemokraten 71 Stimmen, während es die Gegner auf 61 brachten.

Politische Inkonsequenz

hat die Mehrheit der guten Norweger be⸗ kundet. Sie haben bekanntlich ihren ange⸗ stammten schwedischen König ohne Kündigung entlassen und man glaubte, daß sie nunmehr die Republik in ihrem Lande proklamieren würden. Doch das taten sie nicht, die Volks⸗ abstimmung am Sonntag entschied vielmehr mit 219143 Stimmen für Monarchie und nur 57591 erklärten sich für Republik. Also wird ein dänischer Prinz norwegischer König. Zu sagen wird er als solcher allerdings nicht viel haben; er unterscheidet sich von einem republi⸗ kanischen Prästdenten schließlich nur dadurch, daß er mehr Gehalt bezieht. Das sagte auch die jetzige Regierung in ihrer Proklomation vom 2. November sehr deutlich. Es komme weniger auf die Frage an, ob das Staatsober⸗ haupt König oder Prästdent set, als darauf, ob die Verfassung liberal sei. Und bezüglich der Verfassung konnte jene Proklamation behaupten, daß sie die liberalste der Welt ist, daß keine Republik ihren Bürgern größere Freiheiten bietet.

Ein Kongreß der französischen Sozial ⸗ demokratie

hat vorige Woche in Chalon stattgefunden. Ueber den Verlauf dieser Tagung schrieb der Genosse Professor Edgar Milhaud unserm Frankfurter Parteiblatte:„Es waren schwere Arbeitstage, die Tage von Chalon. Doch kehrten wir auch voll Vertrauen in die Zukunft mit dem Glauben an die bevorstehenden Siege von dort zurück, glücklich über den guten Verlauf des Kongresses, zufrieden über die gefaßten Beschlüsse.

Eine Anzahl von Genossen— die Gues⸗ disten— stellten den Antrag, daß der Kongreß hinter verschlossenen Türen tagen möge; aber der Kongrez sprach sich mit großer Mehrheit für die volle Oeffentlichkeit aus. Und Alle, die an dem Kongreß teilnahmen, alle Partei⸗ mitglieder können sich zu diesem Beschluß be⸗ glückwünschen: denn es zeigte sich, daß in der Partei die größte Einigkeit herrschte, trotz der einzelnen Verschiedenheiten der Nüancen in der Richtung. Die Vertreter der bürgerlichen Presse waren Zeugen einer herzlichen Brüder⸗ lichkeit zwischen den Männern, die sich vor einem Jahre noch, als ste verschiedenen Organisationen angehörten, in der heftigsten Weise bekämpften. Und konnten sie das Vorhandensein verschiedener Richtungen in taktischer Hinsicht feststellen, so mußten sie doch auch sehen, daß diese Richtungen sich viel weniger als früher gegenseitig anklagten, daß eine große Annäherung zwischen den Ein⸗ zelnen stattgefunden hatte und daß über die Grundideen und das Ziel die vollste Ein⸗ stimmigkeit herrschte.

Zwei wichtige Fragen standen auf der Tages⸗ ordnung: der Achtstundentag und die Taktik bei den Kammerwahlen im Jahre 1906. Seit dem vorjährigen Gewerk⸗ schaftskongreß in Bourges steht die Frage des

Achtstundentags im Vordergrund der Aktlon der französtschen Gewerkschaften. Die General- kommission der französischen Gewerkschaften hat eine äußerst rege, im Sinne des Acht⸗ stundentages gehaltene Agitation entfaltet, die im Mai 1906 in einer großen Demonstration zum ersten Male öffentlichen, einheitlichen Aus⸗ druck erhalten soll. Die Partei hat sich durch die vom Parteitag gefaßte Resolution rückhalt⸗ los dieser Bewegung angeschlossen. Dadurch erhält sie eine wesentliche Verstärkung, und die Bande zwischen den Gewerkschaften und der Partei werden enger geknüpft.“

In Uebrigen trat bei Verhandlungen und Beschlußfassungen über die Resolutiouen be⸗ treffend die Wahltaktik und die Forderung sozialer Reformen zu tage, daß die Einigkeit in der französischen Sozialdemokratie wächst und erstarkt. Und das ist sehr erfreulich.

Kleine politische Nachrichten.

Maßregelung von Reserveoffizieren Aus Baden wurde kürzlich berichtet, daß seitens einiger Bezirkskommandos gegen einige Offiziere des Beur⸗ laubtenstandes, die für die Wahl des sozlaldem okratischen Kandidaten agitiert hatten, dienstlich eingeschritten werden solle.

Der„Hängepeters“, eine der schlimmsten Kolontalbestien, soll, wie berichtet wird, wieder in Reichs⸗ dienst genommen werden. Damit wäre allerdings den deutschen Kulturbestrebungen in Afrika wieder mal ein schönes Zeugnis ausgestellt.

Nichtsiegers Heimkehr, General v. Trotha kehrt aus Südwestafrika heim, ohne daß es ihm gelungen wäre, den Aufstand zu dämpfen und geordnete Zustände in der Kolonie zu schaffen. Dem deutschen Volke kostet der Feldzug Riesensummen und Tausenden von Menschen, Negern und Deutschen, das Leben.

Schweizer Nationalratswahlen. Am Sonntag fanden die letzten Stichwahlen zum National⸗ rat statt. In Genf siegte die konservative Liste mit starker Mehrheit. In Luzern unterlag die katholisch⸗ konservativ⸗sozialistische Vereinigung mit geringer Mehr heit gegen die Radikalen. In Tessin wurde der anti⸗ militaristische Kandidat der äußersten Linken Manzon gewählt, ein Gegenkandidat war nicht aufgestellt.

Drei Sozialisten wurden in den Gemeinde⸗ rat von Madrid gewählt, darunter der alte Pablo Iglesias.

Soziales.

Aussperrung der sächsischen und thüringischen Textilarbeiter! Das Unter⸗ nehmertum der Texttlindustrie in Sachsen und Thüringen hat seine Drohungen wahr gemacht. Alle Weberei⸗, Färberet⸗ und Appreturbetriebe sind geschlossen worden. 36 500 Arbeiter und Arbeiterinnen sind brotlos. In den größeren in Betracht kommenden Orten sind ausgesperrt(runde Zahlen): Gera 5000, Greiz 5000, Meerane 2500, Glauchau 1500, Reichenbach 1500, Netzschkau 1500. In den übrigen Orten konnten die annähernden Zahlen noch nicht festgestellt werden. Im ge⸗ samten Aussperrungsgebiet finden diese Woche Arbeiterversammlungen statt, um weiteres zu beschließen. Mit diefer erneuten Schließung der Betriebe wird nun die Situatton erst wirk⸗ lich ernst werden und die Befürchtung, daß sich der Kampf viele Wochen hinziehen kann, ist jetzt vollständig berechtigt. Die den Streik⸗ brechern von Seiten des Verbandes der Textil⸗ unternehmer versprochene Unterstützung ist nur ein neuer Trick, um Arbeitswillige heranzulotsen, was aber schwerlich etwas helfen wird. Der Arbeitswilligenschutz steht jetzt wieder gerade wie in Crimmitschau in voller Blüte. In Greiz z. B. verbietet man den Streikenden auf einmal, sonst allgemein gangbare Wege zu gehen, man versucht, die Streikposten von den Straßen zu vertreiben und notiert diesel ben, ohne daß sie sich etwas zu schulden haben kommen lassen.

Die Bergarbeiterbewegung in Schle⸗ sien und Sach sen dehnt sich aus und auch im Ruhrgebiet gärt es wieder gewaltig. Gegen 200 Arbeitervertreter und Vertrauensleute der sächstschen Bergarbeiter im Zwickauer wie im Lugau⸗Oelsnitzer Revier beschlossen einstimmig, in eine Lohn bewegung zu treten.— Auf der„Wildenstein⸗Segen“⸗ Grube der Gewerkschaft Giesches Erben in