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Nr. 38.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
lag ein leises Rot, und seine schmale Brust atmete in tiefen Zügen. Ein„freier Mann“ schaute er über das Dorf bis zu den blauen Bergen im Westen. Er konnte noch nicht lange zurückdenken, aber so weit er es konnte, war seine junge Seele unterdrückt, zusammengepreßt und geknetet worden. Von seinen Eltern hatte er kaum eine Vorstellung. Sie waren beide bald nacheinander an der Proletarierkrankheit gestorben, der Vater zuerst, der ein Steinmetz gewesen war, und dann hatte das städtische Krankenhaus Ruprecht in seinen wahrlich nicht weichen Schoß aufgenommen. Er war wie alle seine kleinen Unglücksgefährten genährt, gekleidet und dresstert worden; aber sein kleines Herz war hungrig geblieben durch all' die Tage und Jahre hindurch bis zu dieser Stunde. Was er auch gelernt hatte, erst in der Schule, dann im Seminar, die Liebe hatte er nicht kennen gelernt. Sein Fleiß, sein guter Kopf sowie seine körperliche Schwäche hatten es von ihm abgewendet, daß er nach setner Konfirmation zu einem Handwerksmeister in die Lehre getan oder irgendwo als Laufbursche untergestopft wurde. Die Waisenhausväter hatten in ihm den Ton erkannt, aus dem man einen Schul⸗
meister kneten konnte, und er war zu einem
Schulmeister geknetet worden. Nun waren alle Bande, die ihn bisher zum Ersticken enge um⸗ schnürt hatten, gelöst. Die Not hatte ein Ende. Auf seinem jungen, blonden Haupte ruhte die Doppelkrone des wohlbestallten Lehrers und Organisten zu Eulenried, und vor ihm lag die ganze Welt offen. Wie schön diese war, hatte er nie geahnt. Im Flachlande geboren und groß geworden, hatte er noch nie ein Ge⸗ birge gesehen. Jetzt stieg der zackige Kamm eines solchen hoch vor ihm auf, Eulenried lag bereits in den Vorbergen, und dieser Anblick berauschte ihn vollends.
Doch ach! wie hoch sich auch sein Entzücken schwang, sein Leib hatte trotz seines leichten Gewichts keine Schwingen. Das schnöde Ge⸗ fühl des Hungers gab Ruprecht Greiner der Erde wieder. Denn seit dem kärglichen und hastigen Frühstück am Morgen auf der über eine Stunde von dem Dorfe entfernten kleinen Eisenbahnstation hatte er nichts genossen. Und er war die Nacht über in einem Wagenabteil vierter Klasse, auf einem alten Koffer sitzend, gefahren und den ganzen Weg bis Eulenried zu Fuß gegangen. So tastete er denn die finstere, schmale Stiege, die unter seinen Tritten ächzte und stöhnte, als wollte ste ihr alters⸗ schwaches Dasein aufgeben, von der Giebelstube auf die Dorfgasse hinunter, um sich nach einem Raben umzusehen. Nicht lange, und er gewahrte unter zwei uralten Lindenbäumen eine Pferde⸗ krippe, die nur eben gebraucht schien— Hühner scharrten in dem verstreuten Häcksel auf der Erde— und über der offenen Haustür stand, durch die Wipfel verdunkelt:„Gasthaus zur Sonne“.
Die geräumige, dämmerige Schankstube war von Gästen leer. Nur die Sonnenwirtin, Frau Firstmann, eine zur Fülle neigende, noch immer hübsche Frau, und ihre Tochter waren anwesend. Sie saßen jede an einem der Fenster, die Mutter strickend, das Mädchen nähend. Das Ticken einer Wanduhr allein war in der Stille ver⸗ nehmbar, die Ruprecht's Eintritt unterbrach. Das Mädchen legte ihre Nähterei ohne Hast aus der Hand und kam an den Tisch, an dem Ruprecht Platz genommen hatte, und fragte mit einer wohllautenden Stimme nach seinem Begehr. Ihre dunklen Augen, die wie Sonnen⸗ schein auf dem Wasser blitzten, verwirrten ihn derartig, daß er nicht gleich eine Antwort fand. „O, ich möchte nur etwas zu essen haben“, sagte er zag und wurde rot.„Ein Kälbernes könnten Sie haben“, schlug ste vor, und er:„Ach ja, ein Kälbernes!“ Auf ihren bräunlich ange⸗ hauchten, vollen Wangen vertiefte sich ein Grüb⸗ chen, während sie sich nach der Küche entfernte. Seine Augen folgten ihr wie verzaubert. Und was sie für eine schlanke, biegsame Gestalt hatte! Er konnte seine Augen nicht von der Tür wenden, hinter der sie verschwunden war.
Die Stimme der Sonnenwirtin störte ihn auf.„Der Herr ist wohl der neue Schullehrer?“ fragte sie, rollte ihr Strickzeug zusammen und
erhob sich. Als Ruprecht mit einem Ja ant⸗ wortete, fügte sie mitleidig hinzu:„Und noch so jung! Du lieber Gott, da werden Sie Ihre Not mit den wilden Rangen haben; auch mit den Mä deln, die ihnen nichts nachgeben.“ Greiner richtete seine Jünglingsgestalt grade auf und versicherte mit Selbstbewußtsein, daß er sich davor nicht fürchte. Sie ließ ihre dunklen Augen langsam über ihn hingleiten und meinte: „Ist recht. Seine Sach' muß Einer fest in der Hand halten.— Aber da bringt's Annerl das Essen. Lassen's sich gut schmecke!“
Sie setzte sich zu ihm. Denn sie hielt es als Wirtin für ihre Pflicht, den Gast zu unter⸗ halten, während er aß. Er aber dachte nur bei sich:„Also Annerl heißt sie, was für ein hübscher Name!“ und schielte nach dem Mädchen, das sich wieder zu seiner Arbeit an das Fenster gesetzt hatte. Ach, wenn doch das Annerl, das den hübschen Kopf, den die üppigen, kranzartig herumgelegten Flechten so reizend kleideten, auch am Tische gesessen hätte! Er hörte kaum auf das, was die Mutter erzählte, sondern zerbrach sich den Kopf darüber, wie er es anstellen sollte, um die Tochter mit in's Gespräch zu ziehen. Er war so schüchtern, so grenzenlos ungeschickt, daß die blasse Vorstellung, ste anreden zu sollen, ihm das Blut zu Kopfe trieb. Da bot ihm die Sonnenwirtin eine Anknüpfung, indem sie rief:„Annerl, der Herr Lehrer wird ein Bier mögen.“ Ehe dieser jedoch ein Mehr tun konnte, als aus tiefem Herzem ein freudiges:„Ach ja!“ auszustoßen, stand schon der schäumende Krug mit einem leisen:„Wohl bekomm's!“ von ihren kirschroten Lippen vor ihm. Er trank und trank, die leuchtenden Augen über den Krugrand hinweg auf sie gerichtet.„Na, Sie können's ordentlich,“ meinte die Wirtin, als er den Krug endlich hiasetzte. Die Tochter aber lief mit einem hellen Lachen davon. Ach, wie silbern ihm dasselbe bis in das Herz hinein⸗ klang. Zugleich aber schämte er sich und ward rot und verlegen. Er war doch Alles in der Welt, nur kein Trinker, nur um seine Verlegenheit 1 verbergen, lachte er auch. Da lachte auch
ie Wirtin, und jetzt lachten alle drei.
Als er aufgegessen und ausgetrunken hatte, mußte er wohl endlich gehen.„Besuchen Sie uns bald wieder,“ sagte die Wirtin und gab ihm die Hand. Da kam es wie eine Erleuchtung über ihn.„Ja,“ rief er, und stockend fügte er hinzu:„Ich möchte Sie noch etwas fragen. Von wegen des Essens, ich meine den Mittags⸗ tisch, da ich doch ein Junggeselle bin—“
„Ob ich Sie in die Kost nehmen will?“
Er nickte, warf einen Blick auf das Mädchen und stotterte:„Ja— aber—“
„Nun, ich will's schon so billig machen, daß Sie zufrieden sein sollen,“ lächelte die Frau. „Wir essen Punkt zwölf Uhr.“
Ruprecht Greiner ergriff ihre Rechte und schüttelte sie stürmisch. Auch Aeunchen gab ihre kleine, harte Hand mit einem kräftigen Drucke und sah ihn dabei mit ihren glänzenden Braunaugen freudig an. Glückselig stürmte er auf seinen langen Beinen davon. Ihr Bild begleitete ihn und ließ ihn lange nicht ein⸗ schlafen. Ihr hübsches Lachen klaug fort und fort in seine Ohren, und dazwischen ärgerte er sich über sein einfältiges Benehmen und schalt sich einen Tölpel, einen Esel. Wenn er wieder mit ihr zusammen kam, da wollte er ganz anders sein, und er überlegte, was er ihr alles sagen wollte, lauter schöne Dinge.
(Fortsetzung folgt.)
Die Mutter als Erzieherin.
rent dic über den Nach⸗ ahmungstrieb deines Kindes! Du hast deinem Kinde die Spielsachen zurechtgelegt und wendest dich deiner Hausarbeit zu. Aber dein Kind bleibt nicht bei seinem Spielzeug. Es bleibt dir auf den Fersen, es wall gerade immer das tun, was du tust, es will mit dir ausklopfen, fegen, wischen, Kartoffel schälen, einholen, kochen. Und du wirst böse darüber: „So ein unzufriedenes Kind, da hat es die schöne Puppe und die schöne Puppenküche und den Baukasten; aber anstatt damit zu spielen,
krabbelt es um mich herum und hält mich bei
der Arbeit auf.“ Das ist gewiß nicht angenehm. denn du hast viel zu tun; aber der Schaden ist doch nur gering im Vergleich zu dem Schaden, den deine Unfreundlichkeit beim Kinde anrichtet. Daß es über die Schelte weint und trotzdem nicht bei seiner Puppe bleibt und du nun erst recht böse wirst, das ist noch nicht das Schlimmste. Wohl aber daß du einen herrlichen, schönen Trieb bei deinem Kinde, statt ihn durch Sonnen⸗ schein zu entwickeln, durch Kälte und Hagel ertötest. Das Kind spielt nicht, um zu spielen, wie du meinst, sondern das Kind arbeitet, in⸗ dem es spielt, es will durch sein Spiel ebenso nützliche Arbeit verrichten wie du durch deine Hausarbeit. Das Kind lernt also am meisten durch das Beispiel. Wenn es sieht, wie du tätig bist, so will es das gleiche tun, weil es instinktiv fühlt, daß das jetzt die nützlichste Arbeit ist. Darum sollst du dein Kind nicht durch Unfreundlichkeit und Gewalt davon ab⸗ halten, dir zu„helfen“, sondern du sollst diesen Tätigkeitsdrang des Kindes unterstützen. Gib deinem dreijährigen Töchterchen einen Wisch⸗ lappen und lasse es den Stuhl abwischen. Und dann sieh das eifrige Gesicht deines Kindes an, und wenn dann dir nicht das Herz aufgeht über den Eifer und über die Schaffensfreude, wie sie aus Miene und Haltung sprechen, dann bist du keine richtige Mutter. Wir Sozial⸗ demokraten sehen in der„Arbeit“ etwas Großes, Schönes. Sie ist die Erhalterin der Gesell⸗ schaft. Sie so schön und edel zu gestalten als nur möglich, das ist unser Ziel. Du kannst deinen Teil mit dazu beitragen, wenn du deinem Kinde Achtung vor der Arbeit beibringst. Nicht Achtung im bürgerlichen Sinne, nicht um es zum Arbeitssklaven zu erziehen, sondern im soztalistischen Siune, indem du an und bei der Arbeit den Geist und die sittlichen Tugenden in deinem Kinde entwickelst. So hat es Pesta⸗ lozzis Gertrud gemacht; sie ließ ihre Kinder spinnen, aber„ihre Seelen taglöhnern nicht“, denn Gertrud sitzt bei ihnen und hilft ihnen und erzählt ihnen dabei. Sie ist der gute Kamerad der Kinder und die Augen der Kinder strahlen.— h. sch. in der„Gleichheit“.
Humoristisches. Ein Geschenk Rußlands. Rußland ist froh, denn ihm geschah, Was wohl ihm tut: es hat den Frieden. Aus Freuden über das, was ihm beschieden Schenkt andern es die Cholera.
Im Manöver: General: Sind Sie der mutige Mann, der es wagte, die Linien des Feindes zu durchbrechen, um die Depesche zu überbringen. Im Kriege würden Sie erschossen worden sein!
Ordonnanz: O— Herr General! Ich würde dann die Depesche nicht gebracht haben.
Das
Uhren- und Goldwarengeschäft von D. Kaminka
befindet sich jetzt
Marktplatz 11
am Kriegerdenkmal.
Beherzigens werte
worte!
Die Millionen Abonnenten und Leser der feindlichen Presse sind größtenteils Glieder des arbeitenden Volkes, und gerade sie sind es, welche dieser zu ihrer Knechtung bestimmten Presse die ungeheure Macht ver⸗ leiht, über welche sie verfügt. Der Ar⸗ beiter, der statt eines Arbeiter⸗ blattes ein Organ der Arbeiterfeinde hält, begeht einen geistigen Selbstmord, ein Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse. Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Nebels und die Presse wird das wirk⸗ samste Mittel der Befreiung sein.
—
wilhelm giebknecht.


