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Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung.

Nr. 38.

zubringen. Die Erinnerung daran wird in allen Kreisen des Reichsverbandes unvergänglich

Tiefer kann sich der Präsident einer Volks vertretung kaum bücken.

Gießener Angelegenheiten.

— ueber die Behandlung der Kriegervereinler bei der„Katserparade“ macht einer von ihnen seinem gepreßten Herzen in einem„Eingesandt“ im Gießener Amtsblatte Luft. Der gute Patriot klagt da:

„Daß diese Teilnehmer nach der Begrüßung und der Aufstellung ausgebrochen sind, kann man nur für eine Folge der Behandlungsweise während der Aufstellung halten. Durch die Ausdrücke„Zigarren aus dem Maul!“„Regenschirm weg, ich muß meinen guten Rock auch naß werden lassen“ usw., durch die Art und Weise, wie seitens eines Präsidialmitgliedes die Richtung in den Gliedern hergestellt werden sollte und durch Anschnauzen vor der Front hat es freilich nur humo⸗ ristische Antworten und Bravos gegeben, die alle Dis⸗ ziplin aufgelöst haben, so daß auch die Bemerkung des Kommandierenden:„Gediente Soldaten wollt ihr sein? eine Herde seid ihr!“ nichts mehr gut machte. Man sollte doch bei einer solchen Gelegenheit allen in den Reihen vertretenen Ständen Rechnung tragen.“

Wir wünschen allen Menschen Gutes. Diesen hurraschreienden Kriegervereinlern hätten wir aber gewünscht, daß ihnen irgend ein Stellvertreter Gottes bei der Paradeaufstellung gehörig Püffe und Rippenstöße verabfolgt hätte. Denn wenn Leute an der Drilleret, die drei Jahre lang an ihnen geübt wurde, noch nicht genug haben, sondern weite Reisen unternehmen, um mit angefaßtem Schirm durch aufgeweichte Felder Parademarsch zu machen, dann muß ihnen jeder Abkühlung ihres Ueber⸗Patriotismus wünschen, selbst dann, wenn gewisse„Wohltäter“ die Fahrt bezahlten und die Kriegervereins⸗Proleten dafür wenig oder gar keine Opfer zu bringen hatten. Uebrigens wäre zu diesen Wohltätig⸗ keitsakten noch manches zu sagen. Hier in Gießen haben, wie uns mitgeteilt wird, zwet Kommerzienräte die Fahrtkosten bestritten. Die⸗ selben Herren, die hier so sreigebig auftreten, würden sichisehr zugeknöpft zeigen, wenn etwa ihre Arbeiter wegen einer kleinen Erhöhung des Lohnes oder sonstiger Erleichterungen und Besse⸗ rungen im Arbeitsverhältnisse vorstellig würden.

— Der Streik bei Schaffstädt dauert noch fort. Auf einen von den Arbeitern bei dem Gewerbegericht gestellten Antrag auf Ver⸗ handlungen vor diesem als Einigungsamt ging die Firma nicht ein,„weil ein Streik nicht bestehe“. Der wird ihr jedenfalls noch fühlbar werden. s

— Rezitationen. Das Gewerkschafts⸗ kartell hat für diesen Winter mehrere Vorträge vorgesehen. Herr Schauspieler Walkotte, der hier ja bestens bekannt ist, wird im Oktober das„Nachtasyl“ von M. Gorkt zur Darstellung bringen. Ferner sind mit Frau Lina Leidl in Frankfurt Abmachungen wegen zweier Rezita⸗ ttonsabende getroffen.— Wir hören ferner, daß der Rhein⸗Mainische Verband für Volks⸗ vorlesungen diesen Winter mehrere populär⸗ wissenschaftliche Vorträge veranstalten wird.

— Eine Bäckerversammlung, die am Mittwoch im„Wiener Hof“ abgehalten wurde, nahm nach einem Referat des Gauleiters Leidig⸗ Frankfurt eine Resolution an, in welcher gegen die verschiedenen Versuche des Bäcker⸗Arbeit⸗ geber⸗Verbandes„Germania“, die auf Beseiti⸗ gung oder Verschlechterung der Bundesrats⸗ verordnung vom 4. März 1896 betr. den Maximalarbeitstag in den Bäckereien hinzielen, protesttert wird. Es heißt darin u. a.:

„Die Versammlung hält unbedingt fest an der in jener Verordnung festgesetzten Maximal- arbeitszeit und verwirft jeden Versuch, dieselbe in eine Minimalruhezeit umwandeln zu wollen. Sie ist der Ueberzeugung, daß die jetzt festge⸗ legte Höchstarbeitszeit von 12 resp. 13 Stunden täglich wegen ihrer langen Dauer und in An⸗ betracht der erhitzten, mehlstaubgeschwängerten Luft, in welcher die Bäcker regelmäßig des Nachts und in der Woche 7 Nächte arbeiten müssen, überaus schädigend auf Geist und Körper des Menschen wirken muß und dringend der Ver⸗ kürzung auf täglich höchstens 10 Stunden bedarf.

Die Versammlung protestiert gegen die durch nichts bewiesene Behauptung der Bäckermeister, jene Verordnung sei schuld„an der Zerrüt⸗ tung des guten Einvernehmens zwischen Meister und Gesellen“. Solches gute Einvernehmen hat in Wirklichkeit nie bestanden, sondern es konnte der Oeffentlichkeit nur vorgegaukelt werden, so lange die Bäckereiarbeiter ohne starke gewerkschaftliche Organisation auch mit den schlechtesten Lohn ⸗ und Arbeitsbedingungen zu⸗ frieden sein mußten, was jetzt nicht mehr mög⸗ lich ist, da dieselben durch ihren Verband ver⸗ suchen und dabei auch bedeutende Erfolge zu verzeichnen haben, die Bäckereiverhältnisse für die Arbeiter erträglicher und für das konsumie⸗ rende Publikum die Sauberkeit bei der Brot⸗ bereitung gewährleistend zu gestalten, indem wir in unseren Lohnbewegungen darauf dringen, das veraltete System des Kost⸗ und Logis⸗ wesens im Hause des Meisters zu beseitigen und die sanitären Mißstände aus den Bäckereien auszurotten. Deshalb sind unsere Lohnkämpfe auch nicht unberechtigt, wie dort behauptet wird, sondern verdienen die größte Sympathie aller Brotkonsumenten.“

— Die Schulferien sind nun wieder zu Ende, Montag müssen unsere Kleinen wieder die Schulbank drücken. Sie haben diesmal kein gutes Wetter gehabt, während der größten Hälfte der vier Wochen war es kühl und reg⸗ nerisch. Man sollte die Ferien mehr in den Sommer hinein, wenigstens in den Monat August verlegen. Denn was haben die Kinder für Erholung, wenn sie ihre schulfreie Zeit im Zimmer zubriugen müssen? Und für die Eltern

ist das auch keine Annehmlichkeit. Diese sollten

daher von der Schulbehörde verlangen, daß die inter auf eine frühere Jahreszeit verlegt werden.

— Wegen augegriffener Gesund⸗ heit wurde, wie aus Mainz berichtet wird, Herr Oberlehrer Professor Noack in den Ruhe⸗ stand versetzt. Noack war bekanntlich früher am Gießener Gymnasium. Er hatte den Abg. Dr. David mit dem Material über die Ver⸗ hältnisse im hiesigen Gymnastum versehen, das David im Landtage vorbrachte. Daß eine solche Tat die Gesundheit angreift, findet man in dem freien Hessen begreiflich.

— Das Schwurgericht für Oberhessen tritt Montag, den 25. September zusammen.

Aus dem Rreise gießen.

n. Wieseck. Unser Genosse Philipp Junker vollendet am 16. September sein 63. Lebensjahr in voller Rüstigkeit. Seit mehr als 40 Jahren ist er als Zigarrenmacher in Gießen in der Fabrik Müller tätig. Er erfreut sich in Wieseck allgemeiner Beliebtheit, und hielt immer treu zu unserer Sache. Alle Genossen und Kollegen wünschen ihm, daß er noch recht oft seinen Geburtstag gesund und froh begehen möge.

— In Trohe fand am Sonntag bei Wirt Seipp eine Parteiversammlung statt, die trotz des schlechten Wetters gut besucht war. Nachdem Wacker⸗Wieseck über die Landeskon⸗ ferenz Bericht erstattet hatte, hielt Gen. Vetters einen längeren Vortrag über„Wahlrechts⸗ fragen“. Seine Ausführungen, die besonders das Spiel der hessischen Rückschrittler mit der Wahlreform beleuchteten, wurden beifällig auf⸗ genommen.

p. Eine Tabakarbeiter⸗Versammlung findet diesen Sonntag, den 17. September in Alten buseck im Saale des Gastwirts Becker statt. Genosse Her⸗ mann ⸗Wiesbaden wird über„die Lage der Tabak⸗ arbeiter und die Leistungen des Verbandes“ sprechen. Alle in der Tabakbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeite⸗ rinnen in Altenbuseck, Trohe und Rödgen werden zu dieser Versammlung ebenso freundlich wie dringend ein⸗ geladen.

r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozialdemo⸗ kratische Wahlverein hielt am Samstag seine Mit⸗ gliederversammlung ab. Zunächst erstatteten die Dele⸗

gierten Haas, Häuser und Schmandt Bericht von der Kreiskonferenz. In der Diskussion wurden die Beschlüsse

eingehend erörtert. Besonders wurde betont, daß die bessere Ausgestaltung unserer Presse einmal ernstlich in Angriff genommen werden müsse. Genosse Häuser betonte, daß in erster Linie für die bessere Verbreitung

der Mitteldeulschen Sonntagszeitung von seiten der Ge⸗

nossen agitiert werden müßte. Er regte zu diesem

Zwecke eine Hausagitation an, gebe es doch hier noch viele Arbeiter, welche das Arbeiterblatt noch nicht lesen. Weiter wurde bemängelt, daß in dem Bericht über die Kreiskonferenz in der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. nicht die Stimmung, welche beim Punkt Parteitag auf der Kreis⸗

konferenz zum Ausdruck kam, erwähnt worden sei. Ferner

wurde die bevorstehende Landtagswahl erörtert und beschlossen, bei Bekanntwerden des Wahltermins in die Agitation einzutreten. Unter Verschiedenem wurden noch die politischen Tagesfragen besprochen.

Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen.

— Die neue Bahnstrecke Windecken⸗ Stockheim, Zweiglinte der Nebenbahn Stock⸗ heim— Vilbel, wird voraussichtlich am 1. Oktober eröffnet werden. Der bereits aufgestellte Fahr⸗

plan sieht nach beiden Richtungen täglich 8

Personenzüge vor.

* Zur Landtagswahl im Kreise Fried⸗ berg⸗Land haben die Landwirtsbündler den Landwirt Breidenbach in Dorheim als Kandidat aufgestellt. Man will also den Nationalliberalen Windecker, den die Bündler doch erst in den Landtag hineinbringen halfen, wieder herauswerfen. Unsere Partei wird den Schmerz darüber mit Würde zu tragen wissen.

Aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach.

* Die Sehnsucht der Alsfelder Stadt⸗ väter ist ein— Schießplatz für den Vogelsberg: In der„Frankftr. Ztg.“ war dieser Tage zu lesen:

„Das Stadtverordnetenkollegium von Alsfeld in Oberhessen beschloß nach dem„Hanauer Anzeiger“ mit Rücksicht darauf, daß die Anlage eines Schieß ⸗ und Uebungsplatzes für das 18. Armeekorps in der Gemarkung Wermertshausen(Kreis Marburg) und Rüdings⸗ hausen(Kreis Gießen) wegen der Höhe der Kosten nicht zur Ausführung gelangen wird, das Generalkommando auf das Hochplateau des Vogelsberges aufmerk⸗ sam zu machen. Daselbst liegen keine Dörfer im Wege und der durchweg mit Wald bestandene Grund und Boden ist zumeist Eigentum des Staates.“

Damit glauben offenbar die Alsfelder etwas beson⸗ ders Kluges gemacht zu haben. Sie kalkulieren jeden⸗ falls, durch Anlage eines Schießplatzes auf dem Vogels⸗ berg wird sich ein reges Geschäftsleben entwickeln, Handel und Gewerbe zur Blüte gebracht und der Mittelstand „gehoben“ werden. Da geben sie sich einer Täuschung hin. Wenigstens merkt man davon in der Nähe anderer Schießplätze absolut nichts. Es ist schon viel gescheiter, die Vogelsberger behalten ihren Wald, als daß sie ihn für einen Schießplatz abholzen lassen.

— Der Wahlverein Schotten hält Samstag, den 23. September abends 9 Uhr im Lokale des Herrn Müller eine Versamm⸗ lung ab. Auf der Tagesordnung steht Rech⸗ nungsablage, Neuwahl des Vorstandes und Bericht von der Kreiskonferenz. Zahlreiches Erscheinen ist erwünscht und Gäste sind will⸗ kommen.

ch. Verunglückte Konsumverein⸗ töterei in Lauterbach. Am Sonntag vor acht Tagen wurde auf Anregung verschiedener Lauterbacher Arbeiter dort ein Konsumverein gegründet. Kaum hatten einige Wirte, die nebenbei Spezereihandel betreiben, von der beabsichtigten Gründung gehört und erfahren, daß die dortigen Brauerei⸗Arbeiter mit dieser Gründung in Verbindung ständen und Mit⸗ glieder seien, so beschlossen einige, kein Lauter⸗ bacher Bier mehr zu verzapfen, es sei denn, daß die betreffenden Arbeiter entlassen würden. Richtig kam auch kurz darauf eine Ladung „Gießener A'tien⸗Bräu“ in Lauterbach an. Ein Wirt fiel aber damit herein, denn seine Gäste, die meistens Arbeiter sind, ließen das Bier einfach ungetrunken. Voll Aerger darüber ließ der Wirt nun den Rest Aktienbräu weg⸗ laufen und hat auch kein solches Bier verzap 1. (Das war ganz recht gehandelt von den Ar⸗ deitern. Im übrigen raten wir aber, bei Gründung der Genossenschaft in jeder Beziehung die größtmögliche Vorstcht walten zu lassen, soll sie sich gedeihlich entwickeln, so muß sie nicht nur über einen tüchtigen Stamm zuverlässtger Mitglieder verfügen, sie muß auch geschäftlich mit größter Vorsicht geleitet werden. D. R.)

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Der Konsumperein Wetzlar hält diesen Sonntag im Hotel Kaltwasser seine

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