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Nr. 28.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seit 5.
kirchlichen Bestattung, ja würde dieser auch nur eine Ahnung von der ärztlicherseits angeordneten sofort igen Beerdigung an jenem Morgen gehabt haben, so hätte er seinen Gang verschoben und sich auch ohne vorherige Benachrichtigung der Angehörigen bereit gehalten, um einem auch noch in letzter Stunde an ihn herantretenden Wunsch seiner Bs teiligung an der Leichenbestaltung will⸗ fahren zu können.
3. Es ist un wahr, daß der Pfarrer„vor 6 Uhr nachmittags nicht wieder zurückkam“. Er war bereits um 2 Uhr wieder daheim. Der Neffe des Verstorbenen war von der um diese Stunde zu erwartenden Rückkehr desselben in Kenntnis gesetzt und bedeutet worden, zu dieser Zeit wegen Festsetzung der Beerdigungsstunde wiederzukommen. Die stille Beerdigung erfolgte indessen nach zuverlässiger Mitteilung schon zwischen 11— 12 Uhr vormittags, nicht um 1 Uhr nachmittags.
Weiter heißt es in der Zuschrift noch, daß damit die an den Fall geknüpften bitteren und für den Pfarrer verletzenden Betrachtungen über ungleiche Behandlung der Gemeindemitglieder hinfällig würden.— Falls in unserer erwähnten Notiz Unrichtiges von dem Herrn Pfarrer behauptet ist, müßten wir das aufs lebhafteste bedauern. Es scheinen aber in diesem Falle Mißver⸗ ständnisse vorzuliegen. Uns wurde auf nochmaliges Befragen erklärt, daß der betreffende Angehörige des Verunglückten bereits an dessen Todestage im Pfarr⸗ hanse vorgesprochen habe und am Samstag habe ihm die Frau des Herrn Pfarrers gesagt, daß letzterer erst um 6 Uhr zurückkomme.— Im Uebrigen bitten wir unsere Genossen, bei Einsendungen an die Zeitung vorher die Tatsachen genau festzustellen.
— Hausen. Der Arbeiter⸗Verein wählte in seiner kürzlich stattgesundenen Generalversammlung den Genossen Joh. Schienbein wiederum zu seinem Vorsitzenden. Als Kassierer wurde Konrad Münch und als Schriftführer Konrad Stumpf gewählt. Beisitzer wurden die Genossen H. Schlund und Gg. Harnisch.
Aus dem Nreise Metzlar.
h. Wegen Majestätsbeleidigung ver⸗ urteilte die Strafktammer am Mittwoch einen Mechaniker zu zwei Monaten Gefängnis. Im vorigen Jahre soll sich der Mann dieser Sünde schuldig gemacht haben und jetzt fiel er einem schuftigen Denunzianten zum Opfer. Wie viele lieferte schon der Majestätsbeleidigungs⸗ Paragraph ans Messer und welche moralische Verwahr⸗ losung hat er schon angerichtet! Durch ihn ist die Möglichkeit gegeben, daß elende Subjekte ordentliche Menschen in's Unglück stürzen, in's Gefängnis bringen können, harmloser Bermerkungen wegen, die sie vor Jahren unbedachterweise fallen ließen. Das Unheil allein, das durch die vielen Majestätsbeleidigungsprozesse angerichtet worden ist, rechtfertigte die Abschaffung der Monarchie im vollsten Maße. Die feigen und hinter⸗ listischen Angeber aber müssen der öffentlichen Verachtung preisgegeben werden. 5 b
h. Ein Unfall ereignete sich am Dienstag bei den Reparaturarbeiten am Dom. Durch einen herabstürzenden schweren Stein wurde ein Gerüstbrett weggerissen, auf welchem der Maurer Schäfer aus Niedergirmes arbeitete. Dieser stürzte infolgedessen ab und trug schwere Verletzungen davon. Der Unternehmer sollte doch bei diesen Arbeiten, die zum Teil in großer Höhe ausgeführt werden müssen, die bestmög⸗ lichsten Schutzvorkehrungen treffen.
z. Wie Leibeigene behandelt das Stu m m⸗ sche Bergwerk bei Bieber seine Arbeiter. Nach dem Muster des seligen Herrschers von Saarabien er⸗ laubt man sich dort in die privatesten Angelegenheiten des Arbeiters hineinzureden und denkt jedenfalls die Sittlichkeit damit zu heben, daß man jüngeren Arbeitern das Heiraten verbietet. Derartitze Unterneh⸗ mer⸗Anmaßung kann unter Umständen die verderblichsten Folgen zeitigen und das Gegenteil dessen bewirken, was beabsichtigt wird. So hatte ein Bergmann ein Ver⸗ hältnis mit einem Mädchen in Fellingshausen. Als er sich genötigt sah, zur Eheschließung zu schreiten, weil das Mädchen in guter Hoffnung war, wurde ihm mit Entlassung gedroht, wenn er heiraten würde. Der Betreffende ist allerdings erst im Alter von reichlich 22 Jahren. Aber was geht das den Unternehmer an, er hat sich in die rein persönlichen Angelegenheiten der Arbeiter nicht hineinzumischen, letztere sollten sich eine derartige Bevormünbung auch gar nicht gefallen lassen.
Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.
O In der letzten Sitzung der Stadt⸗ verordneten kam ein Antrag zur Beratung, die städtische Badeanstalt an den Wochentagen von 8 Uhr ab und Son nabends von 6 Uhr ab frei zu geben, um den Arbeitern die kostenlose Benutzung der Badeanstalt zu ermöglichen. Gegen diesen Antrag wurde u. a. auch ins Feld geführt, daß dann auch die Besitzenden die Anstalt in den Freistunden benutzen würden und dadurch ein großer Ausfall an Einnahmen stattfinden würde.
Der Antrag wurde abgelehnt, doch wurde von vielen Seiten betont, daß das„Freibad“ besser in Stand gesetzt werde. Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten; die jetzige starke Benutzung desselben läßt eine Abschaffung der geradezu miserablen Zustän de dortselbst als dringend notwendig erscheinen.
O Willige und billige Arbeiter müssen bei guter Laune gehalten werden, deshalb veranstalten manche Unternehmer von Zeit zu Zeit ihren„Mit⸗ arbeitern“ eine Festlichkeit, bei welchen der Arbeiter auch einmal ein paar freundliche Worte zu hören bekommt. Wenn nun der seinen Arbeitern das Koalitions⸗ recht vorenthaltende Herr Schreinermeister Metzler oder der durch geringe Löhne bekannte konservative Möchtegern⸗ Kommerzienrat eine solche Festlichkeit veraustaltet, dann sollten die Arbeiter dabei bedenken, daß sie um ein solches Linsengericht eines ihrer wichtigsten Rechte preisgeben, ein Recht, dessen richtige Benutzung ihnen mehr Vor⸗ teile bringt, als eine solche Faßpartie.
O Feste über Feste finden jetzt statt: Bachfest, Gesang⸗ und Turnvereinsfest allerorten. Bei allen diesen Festen sind die Arbeitergroschen gern gesehen, wenn auch sonst von den Veranstaltern der Arbeiter nicht einmal von der Seite angesehen wird. Jeder Groschen, den die Arbeiter bei diesen Festen ausgeben, werfen sie den Gegnern zu. Auch hat der Arbeiter Gelegenheit genug, mit seines Gleichen Feste zu feiern. In nächster Zeit findet das Sommerfest der Gewerkschaften statt, bei welchem der Arbeiter nicht nur wegen seiner Groschen ein gern gesehener Gast, sondern bei dem er unter Gleichgesinnten und Gleichdenkenden einige Erholungs⸗ stunden genießen kann. Eine allseitige Beteiligung an diesem von früheren Jahren her beliebten Feste darf deshalb wohl erwartet werden und jeder unserer Freunde sollte dafür soviel in seinen Kräften steht wirken.
r. Dem Hauptmann v. Horn vom Marburger Jägerbataillon, der sich gegen 8 175 des Str. Ges. B. vergangen hatte, ist der Ab⸗ schied mit voller Pension bewilligt worden.
Unglücksfälle beim Baden werden zahlreich von überallher gemeldet. In Gießen ertrank am Sonntag ein Handwerks⸗ bursche in der Lahn, in Marburg ein Stu⸗ dent, in Oberndorf bei Wetzlar ein Schreiner⸗ geselle, in Aß lar ein 12 jähriger Junge in der Dill. Darum Vorsicht beim Baden im freien Wasser!
Beinahe russisch.
Ein Kriegsgericht in Hamburg verurteilte die Landwehrleute Strauer und Kargmann, beides Schiffer, wegen Gehorsamsverweigerung und Fluchtversuch zu 7½ beziehungsweise 6¼ Jahren Gefängnis. Strauer machte bei seiner Abführung einen Selbstmordversuch. Eine solche unerhört hohe Strafe für ein gering⸗ fügiges Vergehen muß das allgemeine Rechts⸗ empfinden schwer verletzen.
Elisèe Reelus, berühmter Geograph, zuletzt Lehrer an der Freien Universität in Brüssel ist am Mittwoch in Thourout in Belgien, 75 Jahre alt, ge- storben. Reclus huldigte anar gistischen Ideen. 1870 nahm er an dem Kommuneaufstano in Paris teil und wurde deshalb zur Deportation 1 9 Er schrieb bedeutende geographische erke.
Soziales, Gewerkischastliches, Arbeiterbewegung.
Aus den Gewerkschaften. Der Buch⸗ druckerverband hielt kürzlich in Dresden seine Beneralversauemlung ab. Eine lange Debatte entspann sich über die Haltung des Verbandsorgans, gegen dessen Redakteur Nex⸗ häuser verschiedentliche Angriffe aus den Reihen der Verbandsmitglieder gerichtet worden waren. Natürlich verteidigte sich Rexhäuser eingehend, manche Beschwerden beruhten vielleicht auch auf Mißverständnissen. Allgemein sprach man aber den Wunsch aus, daß Rexhäuser auf gegen die
Redaktion 1 1 Angriffe weniger geretzt und ausgiebig antworten und mehr das In⸗ teresse der gesamten Arbeiterbewegung im Auge behalten sollte. Im Uebrigen beschäftigte sich die Generalversammlung mit Tariffragen und Neuregelung des Verbandsstatuts. Wenn die Tarifgemeinschaft erneuert werden soll, will die Gehilfenschaft entsprechende Forderungen stellen.— Rexhäuser wurde als Redakteur wiedergewählt, ebenso Döblin als Vorfitzen⸗
der und die übrigen Vorstandsmitglieder.— Der Metallarbeiterverband hat au seiner in Leipzig stattgefundenen General⸗ versammlung die Umwandlung der Arbeits- losen⸗ in eine Erwerbskosenunterstützung be— schlossen. Diese Unterstützung wird unter Bei⸗ behaltung der bisherigen Sätze ber Arbeits⸗ losenunterstützung für 20 Wochen im Jahre gewährt, außerdem wurde die Gewährung eines Sterbegeldes für die Hinterbliebenen eines Mitgliedes neu eingeführt. Der Beitrag wird auf 50 Pfg. erhöht. In Bezug auf die Mai⸗ feier wurde beschlossen, daß in den Betrieben, in welchen drei Fünftel der beschäftigten Ar⸗ beiter vollberechtigte Verbands mitglieder sind, in geheimer Abstimmung über die Arbeitsruhe beschlossen wird. Die Haltung der Verbands- Delegierten auf dem Gewerkschaftskongresse in der Malifeierfrage wurde getadelt.— Das Fachblatt des Maurerverbandes hat jetzt eine Auflage von über 170000 Exemplaren. So hoch beziffert sich auch die Mitgliederzahl dieser gut fortgeschrittenen Organisation.
— Mit Aussperrungen waren die deutschen Arbeiter in den letzten Wochen reich gesegnet. Noch sind die Bauarbeiter im Rhein⸗ land und Werftarbeiter an der Unterweser aus⸗ gesperrt. Die Aussperrungen der Zigaretten⸗ Arbeiterinnen in Dresden und der Metall⸗Ar⸗ beiter in Müuchen wurden aufgehoben.
Letzte Nachrichten.
Bülow blamiert sich. Durch einen Erlaß des Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Paris wird dem Abg. Jaurées das Auftreten in einer Versammlung in Berlin untersagt. Jauréès habe dar⸗ aufhin auf seine Reise nach Berlin verzichtet.(Im Reichstage stellte Bülow Jaurèes den deutschen Sozial⸗ demokraten als Muster hin.)
Schicksal des„Potemkin““. Aus Odessa wird berichtet, daß der Potemkin bei Feodossia in die Luft gesprengt worden sei.
Partei-Nachrichten.
Das Agitations⸗ Komitee für Hessen⸗ Nassau gibt bekannt, daß es sich neu konstituiert habe und das Zuschriften an den Sekretär Albert Rudolph, Frankfurt, Stoltzestr. 13 zu richten seien. Weiter wird mitgeteilt, daß im Tktober eine Gemeindevertreter⸗Kon⸗ ferenz der hessen⸗nassauischen Wahlkreise abgehalten werden soll, zu welchem etwaige Wünsche und Anträge für die Tagesordnung bis zum 15. Aug. eingesandt werden sollen.
Für die russischen Freiheits⸗Kämpfer fordert der Parteivorstand zu Geldsammlungen auf, um die Not und das Elend der Opfer des Kampfes zu lindern. Gelder sind zu senden an: Albin Gerisch, Berlin S W., Lindenstr. 69.
Für das Partei⸗Archiv sucht der Parteivor⸗ stand folgende Blätter und Schriften(auch wenn sie unvollständig sind) aus den sechziger und siebziger Jahren:
Allgemeine deutsche Arbeiterzeitung(Coburg), Sozial⸗ demokrat und Neuer Sozialdemokrat(Berlin), Demo⸗ kratisches Wochenblatt(Leipzig), Flugblätter des Vereins⸗ tages deutscher Arbeitervereine(Frankfurt a. M.), Arbeiter⸗ halle(Mannheim), Nordstern(Hamburg), Der Sozial⸗ demokrat(Hamburg), Freie Zeitung(Chemnitz), Volks⸗ staat und Vorwärts(Leipzig), die Protokolle der General⸗ versammlung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, die Protokolle der Vereinstag⸗deutscher Arbeitervereine usw.
Parteigenossen, die im Besitz dieser oder ähnlicher Schriften sind, bitten wir, dieselben dem Partei⸗Archiv, eventuell gegen zu vereinbarende Bezahlung zu überlassen.
Anerbietungen sind zu richten an: Max Grunwald, Berlin SW. 68, Lindenstraße 69.
Versammlungskalender. Samstag, den 8. Juli.
Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗
arbeiter. Abends 8¼ Uhr Versammlung bet Orbig. Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr bei
Jesberg Versammlung. Vortrag des Genossen Dr. R. Michels über Marokko.
Staufenberg. Volksverein. Abends 8 ½ Uhr Mitglieder⸗Versammlung im Vereinslokale.
Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung
bei Wacker. Sonntag. den 9. Juli.
Heuchelheim. Trans portarbeiter(Fuhrleute, Packer, Hausburschen). Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt A. Rinn. Referent Habicht⸗ Frankfurt.
Gießen. Transportarbeiter. Abends 8 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Tages⸗ ordnung: Welche Vorteile bietet uns der Verband? Referent Habicht⸗Frankfurt.
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