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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 15.
auch der Großherzog auf Seiten des Finanz⸗ ministers und erschüttert dadurch zweifellos ebenfalls„das monarchische Gefühl auf das schwerste.“
Arbeiter, Parteifreunde allerorts!
Nüstet zur würdigen Feier des 1. Mai, des Weltfeiertags der Arbeit!
Gießener Angelegenheiten.
— Das neue Schuljahr beginnt bald wieder und eine große Zahl von„Rekruten“ werden der Schule zugeführt. Hierbei ist manches für die Eltern zu beachten. Viele Eltern sind bestrebt, die Kinder so frühzeitig als möglich in die Schule zu bringen, auch wenn sie das 6. Lebensjahr noch nicht erreicht haben und vielleicht auch noch körperlich etwas zurück sind. Das ist ja, sowett die minder⸗ bemittelte Klasse in Betracht kommt, sehr er⸗ klärlich. Wo mehrere Kinder in der Familie vorhanden sind, sind die Eltern froh, wieder eins auf ein paar Stunden am Tage unter der Obhut der Schule zu wissen, weil sie ihre Fürsorge noch Kleineren zuwenden, oder wo⸗ möglich beide des Tages über außer dem Hause arbeiten müssen. Viele halten es auch für einen Vorteil, wenn das Kind seine acht Schul⸗ jahre hinter sich hat, bevor es noch 14 Jahre alt geworden ist. Trotzdem ist es ein Fehler, wenn das Kind zu früh in die Schule geschickt wird. Der Gießener Schularzt sagt in seinem diesjährigen Bericht, daß Kinder unter 6 Jahren noch nicht in die Schule gehörten. Längeres Stillsitzen falle den Kleinen außerordentlich schwer. Die Anstrengungen, welche von der Schule verlangt werden, haben erhebliche Nach⸗ teile zur Folge. Das unentwickelte Gehirn ist noch nicht genügend gefestigt und das Kind kann ohne Schaden dem Unterricht nicht folgen. Die Schäden zeigen sich nicht gleich, doch sie zeigen sich in der Folge als Blutarmut, Er⸗ mattung, Widerstandelosigkeit, Nervosität. Darunter leide nach dem einstimmigen Urteil der Lehrer der ganze Schulbetrieb. Kinder unter 6 Jahren sollten überhaupt nicht auf⸗ genommen werden, während jetzt vielfach un⸗ entwickelte Kinder aufgenommen würden.— Diese Ausführungen stud sehr einleuchtend und verdienen die Beachtung aller Eltern.
— Versetzt. Professor Dr. Noack, Ober⸗ lehrer am Gießener Gymnasium, wurde nach Mainz an das Ostergymnastum versetzt. Es ist dies derselbe Lehrer, dessen Beschwerden Nahen den Direktor Schädel Dr. Da vid im
andtage zur Sprache brachte, was mehrtägige Auseinandersetzungen zur Folge hatte. Ob diese Versetzung nun für Noack eine Strafe sein, oder einen Tadel für den Direktor Schädel bedeuten soll, wissen wir nicht und ist uns auch, wie der ganze damalige Streit, ziemlich gleichgültig. Soviel geht aber daraus hervor, daß Davids Vorgehen durchaus begründet war und es wird die von den bürgerlichen Parteien und den Amtsblättern aufgeführte Entrüstungskomödie mal wieder schön beleuchtet. Daß Genosse David nichts aus der Luft greift, versteht sich ja auch von selbst.
Zu dieser Sache wird uns von unterrichteter Seite noch folgendes mitgeteilt: Prof. Dr. Noack war es bekanntlich, der sich selbst be⸗ zichtigte, seinem Bruder, dem Arzt Dr. Georg Noack das Material geliefert zu haben, auf Grund dessen Letzterer den Abg. David ersuchte, die Sache im Landtag zur Sprache zu bringen. — Die Frankf. Ztg. bemerkt zu obiger Nach⸗ richt:„Diese Versetzung macht nicht den Ein⸗ druck, als ob die zu Noacks Gunsten gegen Dr. Schädel vorgebrachten Beschwerden grund⸗ los gewesen seien, wie die Vertreter der Re⸗ gierung in den Kammerverhandlungen damals darzutun versuchten.“ Das trifft vollkommen zu. Wären die vorgebrachten Beschwerden gegen Direktor Schädel in Wahrheit unbegründet ge⸗ wesen, dann hätte für eine Versetzung des Prof. Noack nicht der mindeste sachliche Grund vor⸗ gelegen. Höchstens hätte ein persönlicher Grund gegen Prof. Noack wegen seines Vor⸗ gehens daraus hergeleitet werden können. Dann
aber hätte die Versetzung den Charakter einer Stra fversetzung tragen müssen. Den hat sie aber nicht, sondern es ist eine durchaus ehrenvolle Versetzung.
Nun muß man sich erinnern, daß Prof. Noack in der Untersuchung nicht nur einzelne Fälle schwerer Zusammenstöße mit dem Direktor mitgeteilt hat, sondern daß er auch die all ge⸗ meinen Urteile, die der Abg. David über das Verhältnis zwischen dem Direktor und den Lehrern vorgebracht hatte, als richtig vertreten hat. Der Geh. Oberschulrat Nodnagel be⸗ richtete in der Kammer darüber wie folgt: „Er(Prof. Noack) hat dann noch all⸗ gemeine Urteile ausgesprochen; er hat namentlich von mangelnder Objek⸗ tivität in demselben Sinne gesprochen, wie es neulich der Abg. Dr. David getan hat; er hat die Befürchtung, das Mißtrauen angedeutet, daß nicht in objektivem Sinne vom Direktor berichtet werde.“ Und dabei vergesse man nicht, daß der Regierungsvertreter offenstchtlich bestrebt war, die Dinge für den Direktor so milde, so günstig wie möglich erscheinen zu lassen, daß der Kammer aber die eigene Einsicht in das Aktenmaterial verweigert wurde! Dann wird man es in der Tat höchst merkwürdig finden, daß der Oberlehrer, der jene angeblich„unbegründeten“ schweren An⸗ klagen gegen seinen Direktor vertrat, mit allen Ehren einen erweiterten Wirkungskreis als Lehrer und Erzieher zugewiesen erhält, während der Abgeordnete, der auf Grund der gleichen Beschwerden eine Untersuchung verlangt hatte, von der Regierung mit den schwersten Vor⸗ würfen überhäuft und von der„gutgesinnten“ Presse mit den ordinärsten Anwürfen bedacht wird. Und diese Presse spielt sich dann noch als die Hüterin des politischen Anstands und der öffentlichen Moral auf!
— Die Stadtverordneten bewilligten in der Sitzung am Donnerstag einen Zuschuß von 250 Mk. für Erhaltung und Wiederherstellung der Holzschnitzereien, die man kürzlich an der Fassade des Geburtshauses des Philologen Dietz, Neuen Bäue 9, unter dem Verputz entdeckte. Im Weiteren wurde ein neuer Druckvertrag mit der Brühl'schen Druckerei genehmigt, nach dem sich die Herstellung der Verwaltungsberichte etwas billiger als seither stellt.— Dem Radfahrer⸗Verein wird zu einem größeren Feste im Juli Oswalds Garten zur Verfügung gestellt.— Der Ztegenzuchtverein übernimmt gegen 400 Mk. jährlich die Bockhaltung für die Stadt,
— Zur Schillerfeier plant das Ge⸗ werkschaftskartell die Abhaltung einer Versamm⸗ lung, in der von einer berufenen Kraft ein Vortrag über Schiller und sein Wirken gehalten werden soll. Deklamationen Schillerscher Werke sollen sich dem Vortrage anschließen, wenn da⸗ für geeignete Personen gewonnen werden können. Diese Veranstaltung wird wegen der Malfeier auf einen etwas späteren Tag als dem eigent⸗ lichen Tage der Schillerfeier(9. Mai) verlegt werden.
— Im Lohnkampfe der Schneider hat sich bisher noch nichts geändert, es stehen sich die beiden Heerlager noch mit der gleichen Feindseligkeit gegenüber. Von den Streiken⸗ den ist noch nicht ein einziger abgefallen; es gelang auch den Arbeitgebern noch nicht, von auswärts Streikbrecher heranzuziehen.— Am Donnerstag Abend fanden Verhunplungen zwischen den Kommissionen der Unternehmer und Gehülfen auf Veranlassung der letzteren statt. Sie verltefen resultatlos. Die Arbeitgeber hielten an dem von ihnen auf⸗ gestellten Tarif fest, der bekanntlich eine teil⸗ weise Verschlechterung der bisherigen Löhne bedeutet. Nunmehr soll von Seiten der Ge⸗ hülfen der Kampf schärfer geführt werden. Alle Unverheirateten werden abrelsen und je nachdem auch Verheiratete. Die Oeffentlichkeit soll durch ein Flugblatt über die tatsächlichen Verhältnisse aufgeklärt werden. Die Gesellen sind von der Berechtigung und der Durchführ⸗ barkeit ihrer Forderungen überzeugt und halten mit aller Entschiedenheit daran fest. Sie rechnen dabei auf die Unterstützung des Publikums und besonders der Arbeiter. Letztere werden ersucht, in Geschäften, die mit ihren Arbeitern in Streik liegen— es kommen hier die Geschäfte mit
fertiger Ware in Betracht— vorläufig Ein⸗
käufe nicht zu machen. Die Gehilfen⸗Ver⸗
sammlung am Freitag früh beschloß in diesem 1 Sinne und erklärte sich bereit, eventl. mit den 4
einzelnen Firmen zu verhandeln. s. Die hiesigen Dachdecker haben am Montag
eine Erhöhung ihres Stundenlohnes von 40 auf 45 Pfg.
und einige weitere, nebensächliche Forderungen, ohne daß in der Offentlichkeit von einer Lohnbewegung etwas be⸗
kannt war, durchgesetzt. Die Arbeitgeber bewilligten die
Forderungen nach einigen Stunden, nachdem die Gesellen die Arbeit eingestellt hatten.
— Für die Fabrik- und Hilfsarbeiter finden am Sonntag, den 9. April zwei Ver⸗ sammlungen statt. Die eine in Gießen bei Löb, Wiener Hof, nachmittags ½ 4 Uhr und die andere in Wieseck„zum Gambrinus“, abends 8 Uhr. spricht in beiden Versammlungen über:„Die Gewerkschaften im Kampfe um die Menschheit.“ Gerade für diese Arbeiter⸗Kategorie ist es end⸗ lich an der Zeit, daß sie sich zur Verbesserung ihrer Lage aufrafft. Es wird daher erwartet, daß alle Arbeiter und Arbeiterinnen, die es an⸗ geht, erscheinen.
— Die Feuerwehr wurde am Montag Abend alarmiert, als ste gerade Versammlung hatte. Es brannte eine Herrn Rübsamen gehörige Scheuer am Launsbacher
Weg. In der betreffenden Versammlung unterhielt man
sich darüber und wurde festgesetzt, daß die„Vorgesetzten“ militärisch zu grüßen seien. Verschiedene Leute scheinen solche Kindereien für das Feuerlöschwesen für unbedingt nötig zu halten.
Aus dem Rreise gießen. — An die Eltern und Vormünder wendet
sich das Tarifamt der Deutschen Buchdrucker
mit Folgendem: Mit dem herannahenden Ostertermin kommt die Zeit, wo die der Schule entwachsenen Knaben den Berufen zugeführt werden, die dereinst für ste die
Quelle bieten sollen, zunächst sich selbst versorgt zu sehen,
die in späteren Jahren aber auch so reichlich fließen soll, um einen eigenen Herd begründen und den Pflichten gegen Staat und Familie nachkommen zu können. Da gilt es denn von vornherein zu prüfen, den Knaben vor allem in eine Lehrstelle zu bringen, wo 1. die Bedingungen vorhanden, daß ihm die nötige Anleitung und tüchtige Ausbildung zuteil wird, und wo 2. die Lehrwerkstatt ihm eine Empfehlung für die spätere Gehilfenzeit garantiert. Punkt 1 wird sich nur dann für den Lehrl ing ergeben, wenn er in eine Werkstatt kommt, wo die Lehrlingszahl zu der der Gehilfen in einem gesunden Verhältnis steht, und wo demnach Kräfte vorhanden, die dem Lernenden fördernd zur Seite stehen; dort, wo die Lehrlinge in der Mehrzahl oder fast nur Lehrlinge vorhanden sind, wird es sich meist nur um eine einseitige Ausbildung derselben zwecks möglichst frühzeitigen Gewinnbezuges aus der Arbeits- kraft des Lehrlings handeln, um denselben nach beendeter Lehrzeit als untauglichen Gehilfen für vogelfrei und stellungslos zu erklären, damit Platz für eine neue Lehrkraft gewonnen ist. Es wird im Weiteren darauf hingewiesen, daß die Eltern oder Vormünder derjenigen Knaben, welche Buchdrucker werden wollen, im Interesse der Lehrlinge unbedingt darauf sehen sollen, daß der Lehrprinzipal den Deutschen Buchdruckertarif anerkannt hat; beachten dieselben das nicht, können sie sich des Vorwurfs nicht erwehren, über die Zukunft ihres Kindes in leichtfertigster Weise verfügt und diesem das spätere Fortkommen in bedenklichster Weise erschwert zu haben. Die eingesetzte Tarifbehörde im Buchdruckgewerbe wird streng darauf achten, daß die Schutzmaßnahme gegen Lehrlingszucht straff gehandhabt wird, und ermahnt deshalb Eltern und Vormünder eindringlichst zur Vorsicht bei Anmeldung der Lehrlinge zum Buchdruckerberufe.
Auskunft über sämtliche Firmen im Deutschen Reiche
erteilt kostenlos„Das Tarif-Amt der Deutschen Buchdrucker“, Berlin SW. 48, Friedrichstr. 240/ù 241.
n. Die Maifeier in Wieseck soll am Sonntag, den 30. April im Saale oder, wenn die Witterungsverhältnisse es erlauben,
im Garten des„Gambrinus“ abgehalten werden. 4 Ueber die weiteren Veranstaltungen soll die am
Samstag Abend stattfindende 1 10 des Wahlvereins beschließen. Da d
dorfer Parteigenossen nach einer früheren Verabrednug sich am Wiesecker Maifest beteiligen wollten, wäre es erwünscht, wenn einige Krof⸗
dorfer zu der Versammlung erscheinen würden.
Aus dem Nreise Wetzlar. h. Der Provinzialparteitag für Nassau
findet bekanntlich Sonntag, den 16. April vormittags
10 Uhr in Frankfurt im Gewerkschaftshause statt. Die
Parteiorte wollen die Wahlen von Delegierten sofort in
Gauleiter Knöchel⸗Offenbach
e Krof⸗
S
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