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Nr. 44.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Grafen und seiner Tochter und begrüßte sie mit weltmännischer Art; seine Stimme war klangvoll und angenehm. Man sah sofort, daß dieser Mann an eine Selbstbeherrschung ohne Ende gewöhnt war. Die beiden starrten den Assistenten wie ein Phänomen an; sie waren sprachlos. Der sonnverbrannte Teint des ehe⸗ maligen Bauernburschen war einer feinen Blässe gewichen. Die Züge waren scharf markiert und
verrieten eine große, geistige Intelligenz; ein
blonder, langer Vollbart umrahmte sein Gesicht, Die sorglichst gepflegten Hände verrieten den Operateur.
„Ist es möglich, so ein ganzer, wertvoller Mann könnte unser Groom sein, der unge⸗ schlachte Junge?“ dachte die Baronin bei sich. Sie war die erste, welche stch gefaßt; mit einem
freundlichen Lächeln trat sie auf den Assisten⸗
ten zu.
„Sind Sie uns willkommen, Herr Doktor — umso herzlicher willkommen, da Sie unserer lieben, armen Mama Erlösung von ihrem
schweren Leiden bringen sollen.“
Die Baronin hätte so gerne in Erfahrung gebracht, wie er das Unmögliche möglich gemacht, doch band ste der ruhige, fast kalte Ernst des Assistenten an die diskrete Form.
Auch der Graf trat auf den Doktor zu und reichte ihm mit einem blöden Lächeln seine
Rechte. Er fühlte sich sogar zum Sprechen ge⸗
zwungen, doch waren es unverständliche Worte, die über seine süßlich gekräuselten Lippen kamen.
Der alte Friedrich stand wie eine Säule im Hintergrunde des Salons und starrte mit Blicken grenzenloser Fassungslosigkeit auf sein einstiges Mündel. Erst der Befehl der Baronin, den geschätzten Gast auf das bereitgehaltene Zimmer zu führen, riß den Alten aus seiner Versunkenheit. Steif und würdevoll bat er den hochverehrten Herrn Doktor, ihm zu folgen.
Mit der Bemerkung, daß er nur seine Reise⸗ kleider ablegen und stch dann sofort zur Gräfin begeben wolle, um nach deren Befinden zu sehen und dann die erforderlichen Vorbereitungen zur Operation zu treffen, empfahl er sich von dem Grafen und seiner Tochter und folgte dem voran⸗ schreitenden Haushofmeister auf sein Zimmer.
Doktor Krüger eilte indes in gehobener Stimmung nach Hause; es galt, Vorbereitungen zu einer kleinen Hausfeier, die der gute Doktor und seine Frau abends zu Ehren ihres so wür⸗ digen Schützlings veranstalten wollten, zu treffen.
Am nächsten Morgen nahm Doktor Schulze unter Assistenz seines väterlichen Freundes und des Hausarztes die Operation, welche ein äußerst schwieriger und mit Lebensgefahr verbundener Eingriff in die Luftröhre war, an der Gräfin vor. Diese hatte keine Ahnung davon, daß der Operateur ihr einstiger Groom war, dem sie ob seiner Ungeschicklichkeit so sehr gezürnt und der ihr jetzt, dank seiner Kunst und Schicklich⸗ keit, das Leben rettete. Erst nachdem die Operation glücklich vollführt war und Doktor Schulze sich wieder auf der Rückreise nach der Residenz befand, erfuhr die Gräfin von ihrer Tochter, wer ihr Lebensretter war. Anfäng⸗ lich wollte sie es nicht glauben; doch als es ihr der Graf und der alte Friedrich bestätigten, so geriet sie in große Aufregung. Sie konnte es dem Grafen und ihrer Tochter nicht verzeihen, daß sie ihr veben in die Hände eines solchen Menschen, der nach ihrem Dafürhalten unmög⸗ lich eine solche Kapazität sein konnte, gelegt haben.
Der so dumme, ungeschlachte Junge sollte ein so hervorragender Arzt geworden sein? Er, der tölpische Plebejer, für den sie nur Miß⸗ achten empfinden konnte, dem sollte sie heute ihr Leben zu verdanken haben? Wirklich, das war ihr lächerlich und für ihr aristokratisches Kolibrihirn unfaßbar.
Splitter.
Welcher Edeldenkende will nicht durch Tun oder Denken ein Samenkorn streuen zu un⸗ endlicher, immerfortgehender Vervollkommnung seines Geschlechles, etwas Neues und vorher nie dageweseues hineinwerfen in die Zeit, das
in ihr bleibe und nie versiegende Quelle werde neuer Schöpfungen! Fichte. * 5*
Der stärkste Wille ist nicht der, der alles 1* er will, sondern der alles will, was er tut.
Humoristisches.
Die beiden Stammbäume. Frei nach Heine.
Ein Stammbaum stehet einsam
Im Teutoburger Wald,
Er ist nicht„zweifelsohne“,
Drum geht's ihm traurig halt.
Er träumt von einem andern
Am fernen Alsensund,
Der ist auch„nicht ganz prima“, Doch hält man da den Mund.
Auch eine Majestätsbeleidigung. Zurzeit der Sozialistenhetze und der infolge der Denunziationswut üppig ins Kraut schießenden Majestätsbeleidigungsprozesse passterte in einem oberhessischen Dörfchen folgendes Ge⸗ schichtchen: Ein nachts aus dem Wirtshaus heimkehren⸗ der Bauer wurde von dem neuernannten Nachtwächter zur Ruhe verwiesen. Als ihn der Angetrunkene mit der Einladung Götz von Berlichingens beehrte, trat der Nachtwächter, den seine neue Würde wahrscheinlich zum Studium des Strafgesetzbuches veranlaßt hatte, hart an den Mann heran uud verstieg sich zu der fürchter⸗ lichen Drohung:„Wenn Dou Brannteweleul' des noch emol seggst, zeig eich Dich an wege Majestätsbeleidigung“. Sprachs und kehrte dem starr ihm nachblickenden Bauer den Rücken.
Der Lebensretter. Kindermann:„Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte: man findet im Volke die Ehrung dieses weiland Kammerdieners doch etwas übertrieben!“
Serenissimus:„Aber warum denn? Meinem hochseligen Vater verdanke ich nur einen Thron,— diesem Manne verdanke ich das Leben!“
Aus der Gemeinderats Sitzung. Bürgermeister: Dös neue Schlacht haus, was d' Regierung verlangt, braucht bei uns net, wo so vüll Automobüll durchfahr'n tun.“
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Litterarisches.
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Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!


