0 se 1

85

Nr. 44.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite a.

Arbeiter füllte die Ringstraße in der Breite vom Parlamente bis zur Universität aus, so daß der ganze Wagen verkehr eingestellt war und nur die elektrische Straßenbahn schrittweise vorwärts konnte. Die Hochrufe der kleinen von der Wache geschützten Menge der Anhänger Luegers gab das Signal zu einer stürmischen Demonstration der Arbeiter schaft. Tosende Pfui⸗ rufe, Nieder mit Lueger! und Schimpfworte auf die Christlich⸗sozialen erfüllten die Luft. Auf der Rampe des Burgtheaters, die seit den Mittagsstunden von der Arbeiterschaft besetzt war, wurde eine mächtige rote Fahne entfaltet, die jedoch bald polizeilich saisiert wurde. Da⸗ für improvisterten die Demonstranten eine An⸗ zahl kleiner Fähnchen, indem ste rote Sacktücher an die Spazterstöcke befestigten. Andere trugen

ähnchen mit der auf die letzte Aeußerung

uegers im Landtag Bezug habenden Inschrift: Hoch die Lumpenl, hängten Luegerbildchen an Stöcken auf und kleine rote Luftballons, an die Figuren geknüpft waren, stiegen in die Luft. Dies alles spielte sich unter ununter⸗ brochen tosendem Lärm ab, der stch noch steigerte, wenn das kleine Häuflein der Christlich⸗sozialen unter der Wohnung Luegers Hochrufe aus⸗ brachte. Als die Christlich⸗Sozialen den Lueger⸗ marsch sangen, antwortete ihnen vieltausend⸗ stimmig das„Lied der Arbeit.“ Und während Lueger im hellerleuchteten Festsaale die Gratulationen entgegennahm, ertönten unten tausendstimmige Pfuirufe und gellende Pfiffe.— 1 verhielt sich maßvoll. So haben die Arbeiter Wiens, den frechen Demagogen, der ste in gemeinster Weise beschimpfte, von der Straße weggejagt und ihm eiue deutliche Ant⸗ wort auf seine Rüpelei gegeben.— An die sozialdemokratische Parteileitung sandte der deutsche Parteivorstand folgende Depesche:„Par⸗ tei der„Elen den“ in Deutschland sendet Partei der„Lumpen“ in Oesterreich ihre brüderlichen Grüße zum 23. Oktober.“

Darauf antwortete die„Wiener Arbeiter⸗ zeitung“: Die Lumpen erwidern aus vollem Herzen den Gruß der Elenden und sind ent⸗ schlossen, in Reih und Glied mit den klassen⸗ bewußten Proletariern der ganzen Welt den Kampf gegen Elend und Lumpentum bis ans Ende zu führen.

Sozialdemokratischer Präsident.

Der Große Stadtrat in Zürich wählte zum ersten Male einen Sozialdemokraten in der Person unseres alten Genossen Arbeitersekretär Greulich zu seinem Präsidenten. Erster Vizeprästdent wurde der Demokrat Dr. Wett⸗ stein, zweiter der Freisinnige Dr. Sieber.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Ein russischer„Sieg“! Wenn schon die Russen gegen die Japaner nicht aufkommen können, so hat doch die russische Ostseeflotte, die nach langem Hängen und Würgen sich end⸗ lich auf dem Wege nach Ostasten befindet, ge⸗ zeigt, daß sie noch zu siegen versteht, wenn auch nicht gerade gegen gut bewaffnete feindliche Kriegsschiffe, so doch gegen— harmlose Fischer⸗ boote! Als nämlich das Geschwader in die Nähe der englischen Küste auf die Höhe von Hu ll kamen, traf es auf eine Fischerflottille, die bet der stürmischen und nebligen Nacht zum Sonn⸗ tag ruhig ihrer Arbeit oblag. Jedenfalls hielten die Russen in ihrer Angst die harmlosen Fischerboote für— Japaner und ste eröffneten sofort ein furchtbares Feuer auf die wehrlosen Schiffe. Ein Schiff, der„Crane“ wurde derart getroffen, daß er ank. Außerdem wurden mehrere Leute getötet und noch mehr verwundet. Dem Kapitän des genannten Schiffes war der Kopf abgerissen. Ein Maat blieb ebenfalls tot. Mehrere Schiffe erhielten so große Schußlöcher, daß sie dem Sinken nahe waren. Die Fischer behaupten, daß sie grüne Lichter, das regel⸗ mäßige anerkannte Zeichen, daß ste ftschten, ge⸗ brannt haben. Ob diese Lichter ausgegangen waren, ehe die russischen Schiffe das Feuer er⸗ öffneten, ist nicht klar, jedenfalls wurde keine Notiz davon genommen. Zwanzig Minuten lang sollen die Russen auf die hilflosen Fischer⸗

anzen

boote Schrapnels geschossen haben, dann dampf⸗ ten sie ab nach dem Kanal zu ohne festzustellen, welchen Charakter oder welche Natsonalität die Da le hatten, auf die sie ohne Waruung das tötliche 550 gerichtet hatten und ohne die geringste Anstrengung zu machen, die Mann⸗ schaften der versenkten Boote zu retten.

Diese Affaire hat natürlich überall und ganz besonders in England die größte Aufregung hervorgerufen. Ueber den brutalen Gewaltakt herrscht in allen Ländern, Rußland vielleicht ausgenommen, wo die Bekanntgabe des Vor⸗ falles von der Regierungs⸗Zensur verhindert wurde, eine Stimme der Verurteilung. Eine Ne e een unerklärlichen und un⸗ geheuerlichen Hale scheine unmöglich, sagt ein liberales Berliner Blatt. Es wird die An⸗ sicht ausgesprochen, daß die Kommandeure des russischen Geschwaders wahnsinnig oder doch mindestens besoffen gewesen sein müßten. Am schärfsten spricht sich die englische Presse aus. Wie, sagte der„Standart“, wenn es morgen dem c unter dem Befehle des Admirals Roschdjestwensky einfiele einen mit 4— 500 Personen besetzten Postdampfer in den Grund zu bohren? Das Geringste, was der Zar nach diesem Vorfalle tun könne, sei, sein nutzloses Geschwader sofort zurückzurufen und die kommandierenden Offiziere vor ein Kriegsgericht zu stellen.— Sogar die russen⸗ freundliche französische Presse findet scharfe Worte der Verurteilung. Die englische Regierung hat, wie berichtet wird, sofort ernste Vorstellungen bet der russischen erhoben, doch herrscht die An⸗ sicht vor, daß England keine übertriebenen Forderungen stellen wird. Die Diplomaten werden den„Fall“ einrenken!

In der Mand schurei soll sich die Lage der Japaner nach den letzten Kämpfen bedeu⸗ tend gebessert haben. Die Verluste der Russen in der letzten Schlacht werden auf 60000 Mann geschätzt, während die der Japaner von Mar⸗ schall Oyama auf 15879 angegeben werden.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

— Für den Streik sprach sich der Pastor Vöhmer in Löbtau bei Dresden in einem Vor⸗ trage aus, den er im dortigen Evangelischen Arbeiterverein hielt. Er sprach über:„Der Christ und der Streik“ und kam zu dem Schluß, daß der Streik ein vom Gesetz anerkanntes Mittel im gegenwärtigen wirtschaftlichen Kampfe sei. Daher könne auch ein Christ sehr wohl in die Lage kommen, sich in dieser Frage ent⸗ scheiden zu müssen. Ein Christ könne sehr wohl in Rücksicht auf seine Familie, Gesundheit, Sittlichkeit c. nach Erschöpfung der übrigen Besserungsmittel den Streik für berechtigt, ja geradezu für notwendig halten. Er for⸗ dert am Ende seines Vortrages Unternehmer und Arbeiter zur Organisation auf.— Mit dieser richtigen und vernünftigen Anschauung wird der Pastor aber in kirchlichen Kreisen viel⸗ fach anecken. Denn bei diesen Leuten bedeutet Streik soviel wie Empörung gegen die gott⸗ gewollte Ordnung— Teufelswerk!

Lohn bewegungen. Die Holzar⸗ beiter in Elberfeld lehnten die„Zuge⸗ ständnisse“ der Innung ab. Ein Streik scheint unvermeidlich. Auch in Berlin waren am Samstag noch ca. 800 Holzarbeiter aus ge⸗ sperrt, während fast die gleiche Anzahl aus Solidaritätsgefühl in den Streik eingetreten sind.

Ä——̃̃̃ͤͤͤ von Nah und Fern. Hessisches.

— Uebernahme der persönlichen Volksschullasten auf den Staat. Bei der Zweiten Kammer haben vor längerer Zeit die Abg. Schönberger und Genossen einen Antrag eingebracht, die Regierung solle„dem Landtage ein Gesetz vorlegen, das die Ueber⸗ nahme der Volksschullasten auf den Staat an⸗ ordnet, auf der Grundlage, daß sämtliche per⸗ sönliche Volksschullasten durch progressiv ab⸗

gestufte Zuschläge zur staatlichen Einkommen⸗ steuer für das ganze Land gleichmäßig aufge⸗ bracht werden.“ Der Autrag unterscheidet sich von einem früheren Antrag unserer Landtags⸗ fraktion dadurch, daß hier nur die persön⸗ lichen, nicht die sachlichen Volksschullasten in Belracht kommen. Dagegen bedeutet der Autrag insofern eine Verschaͤrfung, als die finanzielle Belastung des Staates nicht auf dem Wege einer Besteuerung in den verschiedenen Steuerformen, sondern lediglich durch progressiv abgestufte Zuschläge zur staatlichen Ein⸗ kommenst euer wettgemacht werden soll. Die Regierung verhält sich dem Antrag gegen⸗ über ablehnend im Einklang mit ihrer früheren Stellungnahme zum Antrag Ulrich und Genossen. Durch Annahme des Antrags würde eine weitere Mehrbelastung der staatlichen Einkommensteuer um rund 4400 000 Mk. eintreten, welcher nur die weniger als die Hälfte der ganzen Summe betragende Eutlastung der Einkommensteuer⸗ pflichtigen in der Gemeindesteuer gegenüberstände, sodaß noch mehrere Millionen Mark an staat⸗ licher Einkommensteuer aufzubringen wären. Die Regierung glaubt dafür eine Verantwortung nicht übernehmen zu können, zumal in einem Zeitpunkt, wo eine Umgestaltung der Gemeinde⸗ steuergesetzgebung unmittelbar bevorsteht, die die Tendenz verfolgt, eine Verschiebung der Gemeindesteuerlasten zu Gunsten der weniger Leistungsfähigen herbeizuführen. Auch andere Zweckmäßigkeitsgründe wurden noch von den Regierungsvertretern gegen den Antrag ins Feld gefuhrt. Der Finanz⸗Ausschuß hat in seiner letzten Sitzung den Antrag Schönberger für vorläufig erledigt erklärt.

Ueber den Umbau der Nauheimer Badeanlagen, für den die hessische Regierung Bewilligung der erforderlichen Mittel vom Land⸗ tage verlangt, hat Genosse Ulrich im Auf⸗ trage des Finanzausschusses einen umfangreichen Bericht erstattet, in dem er eingehend die Not⸗ wendigkeit der von der Regierung vorgeschlagenen Um- und Neubauten befürwortet. Die zuneh⸗ mende Frequenz des Bades macht dieselben un⸗ bedingt notwendig. Der Ausschuß erkennt im allgemeinen den vorliegenden Generalplan für die Ausgestaltung der staatlichen Anlagen von Bad Nauheim als empfehlenswert an und be⸗ antragt einstimmig: 1. zu genehmigen, daß für das Etatsjahr 1904 noch 1688 600 Mark— und für das Etatsjahr 1905 1239 500 Mark— im Wege des Staatskredites flüssig gemacht werden, um mit den Bauten beginnen zu können. Die Gesamtforderung beträgt 6 496 000 Mk., welche Summe sich auf über 8 Jahre verteilt. Der Ausschuß beschlos dazu noch weiter: die Groß⸗ herzogliche Regierung zu ersuchen: a) zu prüfen, ob und in welcher Weise für Minderbemittelte weitere Erleichterungen eintreten können; b) beim Abschluß von Verträgen mit Unternehmern möglichst darauf zu sehen, daß die mit den Arbeiterorganisationen vereinbarten Löhne und Arbeitsbedingungen anerkannt und Streiks oder Aussperrungen nicht Naturereignissen gleichge⸗ stellt werden.

Gießener Angelegenheiten.

— Die Verordnung, welche das Aus⸗ melken der auf den Gießener Viehmarkt auf⸗ getriebenen Kühe verlangt, war in der Stadt⸗ verordnetensitzung Gegenstand der Erörterung. Dagegen haben sich bekanntlich die Viehhändler sehr lebhaft beschwert, ja sogar den Boykott über den hiesigen Viehmarkt proklamiert und bis zu einem gewissen Grade auch durchgeführt. Da⸗ durch werden natürlich eine große Anzahl Gießener Geschäftsleute geschädigt, die sich des⸗ halb ebenfalls um Aufhebung oder wenigstens Milderung der Verordnung bemühen.

Wie wir nun aus guter Quelle vernehmen, ist endlich Aussicht vorhanden, daß der uner⸗ freuliche, eine ganze Anzahl Gewerbetreibender schwer schädigende Streit eine allseitig befrie⸗ digende Lösung finden wird. Die Regierung scheint auf voll ständiges Ausmelken der Kühe vor dem Auftrieb zu verzichten und auch die Viehhändler werden einsehen, daß die übrige Forderung, die Euter sollen nicht allzu straff gespannt sein, sich bei gutem Willen und

2 8— . 8 2 1

... ̃ ˙——— ͤ——— N*

1