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Nr. 44.
Mittel deutsche Sonntags⸗Zeituna.
Seite 5.
Leute, welche die Leiche tragen, sehr schwierig. Hier wäre
es an der Zeit, daß ein Leichenwagen beschafft würde. Bedauerlich ist es, daß unsere Gemeinde derartige un⸗ bedingt notwendige Einrichtungen noch nicht hat. Für zwecklose Sachen war schon öfters Geld in Hülle und Fülle da, aber in wirklich gemeinnütziger Beziehung etwas zu leisten, dazu hat sich die Mehrheit unsres Gemeinderats niemals aufzuschwingen vermocht. Hätte unser Gemeinderat in seiner Mehrheit sein Denkvermögen etwas besser angestrengt und wäre er nicht für weniger notwendige Dinge so bewilligungseifrig, so hätten wir weniger Schulden, und die angeführten Einrichtungen könnten schon längst zum Nutzen der Einwohnerschaft trotzdem beschafft worden sein. Aufgabe unsrer Genossen im Gemeinderate wird es noch mehr wie seither sein, dafür zu wirken, daß in dieser Beziehung mehr geleistet wird wie seither, mit ihrer Tätigkeit zu zeigen, wer das Interesse der Gesamtheit ver tritt und wer nicht.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Die Parteiversammlung für den
Wahlkreis Wetzlar, welche am Sonntag im Orbig'schen
Lokale in Gießen stattfand, war gut besucht. Aus Frankfurt war Genosse Dittmann als Vertreter der Agitation skommission für Nassau erschienen. Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrte die Versammlung das Andenken des verstorbenen Abg. Schmidt durch Erheben von den Sitzen. Der Kreisvertrauensmann, Genosse Fauth, gab hierauf den Jahres- und Kassen⸗ bericht. Nach Prüfung der Abrechnung beantragten die Revisoren Entlastung für den Vertrauensmann, die ein⸗ stimmig genehmigt wurde. Ueber den Punkt„Organi⸗ sation“ fand eine sehr lebhafte Aussprache statt, in die besonders Genosse Dittmann belehrend eingriff. Schließ⸗ lich gelangte ein Antrag zur Annahme, nach welchem die einzelnen Vertrauensleute im Verein mit der Agita⸗ tionskommission in Frankfurt das Statut in allernächster Zeit endgültig festlegen sollen. Als Vertrauensmann wurde Fauth wiedergewählt. Nach weiterer lebhafter Diskussion im„Verschiedenen“ schloß der Vorsitzende gegen 7 Uhr die Versammlung mit einem begeistert auf⸗ genommenen Hoch auf die Sozialdemokratie.
h. Die Stadtverordneten ⸗Wahlen, welche bekanntlich am 8. November staltfinden, haben die Bürgerschaft noch nicht viel in Be⸗ wegung gebracht. Außer einigen„Eiugesandt“ in dem Amtsblatt merkt man nichts davon. Es ist auch natürlich, daß sich die Masse der Bevölkerung nicht besonders ins Zeug legt, denn bei diesem Wahlrecht ist stets der Sieg auf Seite der Besitzenden. Dazu kommt noch die öffentliche Stimmabgabe!— Unserer Partei ist es aus einer Reihe von Gründen für jetzt noch unmöglich, mit eigenen Kandidaten einzugreifen. Trotzdem müssen es unsere Partei⸗ genossen für ihre Pflicht halten, sich an der Wahl zu beteiligen und den Kandidaten ihre Stimme geben, die Gewähr dafür bieten, daß sie auch die Interessen der Arbeiterschaft ver⸗ treten werden.
h. In Niedergirmes fand am Sams⸗ tag eine Kommunal⸗Wählerversammlung statt, in der Herr Mechaniker Michaeli einen längeren Vortrag über die Aufgaben und Einrichtungen der Gemeinde hielt. Seine Ausführungen waren sicher geeignet über diese Fragen Aufklärung zu schaffen. Ueber die Kandidatenfrage kam, wie der„Wetzl. Anz.“ mitteilte, eine Einigung nicht zu stande.
h. Rezitatlon. Von der Lesevereinigung war am Donnerstag ein Rezitations⸗Abend arrangiert worden, zu dem sich eine außerordentlich zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden hatte, die den großen Saal des„Schützen⸗ garten“ bis auf den letzten Platz füllte. Wiederum war Herr Schauspieler Walkotte als Rezitator gewonnen worden, der hier schon ein alter Bekannter geworden ist und dessen Kunst man sehr wohl zu schätzen weiß. Er führte Gerhart Hauptmanns ergreifende Dichtung „Hannele“ vor, die das Leiden eines armen, mutterlosen von seinem verkommenen und rohen Vater mißhandelten Kindes zum Gegenstond hat. Es darf allerdings frag⸗ lich erscheinen, ob dieses Werk sich zur Rezitation be⸗ sonders eignet, weil es der Bühneneffekte nicht wohl entraten kann, doch verstand es Herr Walkotte, das In⸗ teresse der Zuhörer bis zum letzten Wort zu fesseln und die Feinheiten der Dichtung zum Ausdruck zu bringen.
Lebhafter Beifall am Schlusse bewies, daß sich der Vor⸗ tragende zu aller Zufrledenheit seiner Aufgabe entledigt hatte.
Das weitere Vortragsprogramm der Lese⸗ vereinigung ist folgendes: Freitag, den 18. November spricht Herr Dr. Delkes kam p, Assistent am Mineralog.
Institut und Museum zu Gießen über:„Das Wesen des Vulkanismus.“ Mit Projektion und Experimenten.
Sonntag, den 4. Dezember 1904, nachmittags 4
Uhr findet ein Volksunterhaltung sab end statt,
durchgeführt von Kräften des„Akademischen Dürerbundes“ zu Gießen.
Am Freitag den 6. Januar 1905: Herr Dr. Sauer, Professor der Kunstgeschichte an der Universität Gießen. Thema:„Albrecht Dürer und seine Zeit.“ Mit Lichtbilder⸗Vorführungen.
Am Montag, den 30. Januar 1905: Herr Lehrer Volk, Sekretär des Rhein⸗Mainischen Verbandes für Volksvorlesungen aus Offenbach a. M. Thema:„Dichter und Denker aus den Kreisen des werktätigen Volkes.“ Mit Rezitationsproben.
n. Gegen die Hereros werden noch Kämpfer gesucht. Auch das Bezirkskommando Wetzlar fordert Mannschaften des Beurlaubten⸗ standes auf, sich zu melden. Ob sich, nach dem, was von dem glorreichen Feldzug bekannt ge⸗ worden ist, noch Leute dafür hergeben? Denn dort kann sich einer höchstens den Typhus holen, aber keine Lorbeeren.
o. Aus Krofdorf. Bezüglich der Vergebung der Gemeindearbeiten bestand bei uns das Uebereinkommen mit dem Vorsteher, daß keine Arbeiten durch den Vorsteher freihändig übertragen, sondern alle öffentlich vergeben werden sollten. Unser Herr Vorsteher hat sich aber daran nicht gestört und das Oelen der Fußböden in der Schule einem Schreiner übertragen. Diese Arbeit schlägt doch eigentlich in das Weißbinder⸗ fach und diese beschweren sich mit Recht darüber. Schließlich werden noch Schlosser- und Schreinerarbeiten an Schneider und Schuhmacher vergeben! Der Ge⸗ meinderat sollte mal seine Meinung dazu sagen.
n. Zu viel Prügel. Aus Niedershausen bei Weilburg schreibt man uns, daß der dortige an⸗ gestellte Lehrer, der vom Militär als Unteroffizier ab⸗ gegangen ist, den Bakel mit einer Virtuosität schwingt, die das Entsetzen nicht bloß der Kinder, sondern auch der Eltern erregt. Gleich den zweiten Tag begann er damit, einer ganzen Bank voll Jungen mit dem Stocke darzutun, wie er den Unterricht auffaßt. Manche Kinder kann man mit sichtbaren Spuren des Lehr- und Erziehungs⸗ systems des Herrn herumlaufen sehen. Die Kinder weinen morgens, wenn sie in die Schule sollen. Die Eltern sollten an maßgebenden Stellen Beschwerde führen.
Aus dem RNreise Marburg⸗Nirchhain.
r. Den Kampf gegen Konsumvereine suchen gewisse Vereinigungen und Stellen, welche die Mittel⸗ standsrettung sür ihre Aufgabe halten, in ein richtiges „System“ zu bringen und deshalb wird„Material“ ge⸗ sammelt. Auch die Kasseler Handwerkskammer versendet an verschiedene Vereine in Marburg Fragebogen, die diesem Zwecke dienen sollen. Welcher Art das Material sein wird, kann man sich denken, wenn man weiß, daß unter anderem Fragen wie„Besteht der Vorstand ganz oder teilweise aus Sozialdemokraten“ 2c, gestellt werden. Wir glauben gerne, daß auch hier gewisse Leute den Konsumverein je eher, je lieber zu⸗ sammenbrechen sehen würden. Das fällt dem aber gar nicht ein. Im Gegenteil, der entwickelt sich in erfreu⸗ licher Weise. Seine Mitgliederzahl beträgt jetzt 440, steigt noch stets und ebenso der Umsatz. Einigen Konser⸗ vativen mag der Konsumverein wohl ein Dorn im Auge sein. Wenn das amtliche Kreisblatt in der Hetze mit⸗ macht, ist das zwar unter den heutigen Zuständen nicht weiter verwunderlich, aber das Regierungsorgan sollte sich doch nicht dafür hergeben, die Minderbemittelten in ihrem Streben nach Verbesserung ihrer Lage zu bekämpfen.
+ Unter Gebildeten. Frankfurter Sänger und Sängerinnen hatten vorigen Freitag hier ein Konzert gegeben. Als sie sich nachts auf den Bahnhof begaben, um wieder nach Frankfurt zurückzureisen, wurden sie von einigen Studenten begleitet, die im Konzert gewesen waren. Ihre Aufmerksamkeit galt wohl mehr den Damen, so wird der Frkftr. Kl. Presse geschrieben, denn sie waren sichtlich bemüht, sich in deren Gunst zu setzen. Solange die Musensöhne sich respektvoll benahmen, ging die Ge⸗ schichte gut, als sie jedoch kurz vor der Abfahrt des Zuges zu intim zu werden drohten, gingen die männ⸗ lichen Mitglieder der Gesellschaft aus ihrer Reserve und prügelten die Studenten weiblich durch. Bei der Abfahrt bemerkten die streitbaren Sänger noch, daß sich auch die Bahnpolizei nach den begeisterten Kunstfreunden umsah.
Ungetreuer Kassenbeamter.
Durch die Unterschlagungen des Rendanten der Ortskrankenkasse in Wald bei Solingen ist, wie sich jetzt herausgestellt hat, die In. valitätsversicherungsanstalt um 36,000 Mark und die Walder Ortskrankenkasse um 30,000 Mk. geschädigt worden. Ein Teil der unterschlagenen Gelder wird durch die Kaution und einige Vermögensobjekte des Defraudanten, der sich in Haft befindet und seiner Aburteilung ent⸗ gegensteht, gedeckt.
Ein neues Löbtau!
Gegen eine Anzahl Arbeiter, die bei Gelegenheit der Bauarbeiter⸗Aussperrung in Rostock durch Ansam m⸗ lungen in den Straßen, durch welche die Arbeits willigen transportiert wurden, Widerstand geleistet haben sollen, erkannte das Schwurgericht Güstro w auf zusammen ein Jahr drei Monate Zuchthaus und fünf Jahre acht Monate Gefängnis!
Kleine Mitteilungen.
* In Lich stürzte das achtjährige Mädchen des Knechtes Luh beim Fensterputzen aus dem 3. Stockwerk in den Hof. Es liegt mit schweren Verletzungen am Kopfe hoffnungslos darnieder. Ein solches Kind läßt man doch eine so gefährliche Arbeit nicht verrichten.
1. In Gleiberg wurde ein Anstreicher verhaftet,. der von Meiningen aus, wo er Unterschlagungen be⸗ gangen haben soll, verfolgt wurde.
* Der Revolver. Der am Sonntag vor acht Tagen in Sinn(Dill) bei einem Streite durch Revolver⸗ schüsse verletzte Arbeiter namens Kühn ist in der Gießener Klinik seinen Wunden erlegen.
k Wegen Unterschlagung im Amte wurde der Magistratssekre är Otto Steinbach in Kassel zu 1¼ Jahren Zuchthaus verurteilt.
* Ein Großfeuer in Hamburg vernichtete einen Speicher des Konsumvereins„Produktion“.
Partei-Nachrichten.
Ueber den Gesundheitszustaud Auers verbreitet die bürgerliche Presse ungünstige Nachrichten⸗ Auf eine Anfrage an unterrichtetster Stelle erhielt die Chemnitzer„Volksstimme“ die erfreuliche Auskunft, daß sein Zustand nach wie vor befriedigend ist. Genosse Auer wird wahrscheinlich nach Abazia gehen, um voll⸗ ständige Genesung zu erlangen. Sein nervöses Leiden ist zum Teil verschwunden, nur die Störungen seines Hörvermögens halten noch an.—
Der sozialdemokratische Verein in Frank⸗ furt hat eine recht gute Entwickelung aufzuweisen. In der letzten Generalversammlung wurde berichtet, daß der Mitgliederstand zurzeit 1440 beträgt. Die Einnahmen betrugen mit einem Kassenbestand von 1346,96 Mark 9497,85 Mk. Die Ausgaben betrugen 4680,39 Mark. Unter diesen befinden sich 750 Mk. für das Arbeiter- sekretariat und 1000 Mk., die an die Parteikasse nach Berlin geschickt wurden. 3800 Mk. wurden dem Wahl⸗ fonds überwiesen, so daß sich in diesem jetzt 10 628,88 Mark befinden. Der Kassenbestand beträgt 1018,46 Mk.
Versammlungskalender.
Samstag, den 29. Oktober.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Marburg. Bauhilfsarbeiter. Versammlung
abends 6½ Uhr bei Hildmann.— Wahl⸗ verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Jesberg. Montag, den 31. Oktober.
Lich. Wahlverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Albach. Berichterstattung über den Parteitag.
Marburg. Schneider. Abends 9 Uhr Versamm⸗
lung bei Hillberger. Dienstag, den 1. November. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Sonntag, den 6. November. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Kirchhain. Mühlen⸗Arbeiter. Mitglieder⸗Ver⸗ sammlung nachmittags 3 Uhr im Restaurant Althaus.
Letzte Nachrichten.
Der Gewaltakt der russischen Flotte. Die Beerdigung der drei getöteten Fischer in Hull am Donnerstag gestaltete sich zu einer großen Trauer-Demonstration, an welcher der Bürgermeister und die Stadtver⸗ waltung offiziell teilnahmen. Zehntausende von Menschen füllten die Straßen.— Die Flotte soll übrigens auch noch einen deutschen und schwedischen Dampfer beschossen haben.— Es heißt, der Krieg set unvermeidlich, wenn Ruß⸗ land nicht alle Forderungen Englands erfülle.
Auskunftsstelle für Arbeiter⸗ Angelegenheiten. Kirchenplatz 11 III. Unentgeltlich. Sprech⸗ stunden: Werktags 11—1 Uhr, Sonntags ½9 bis 10 Uhr. Bei Anfragen von außerhalb
wolle man das Rückporto beifügen. Hierzu eine Beilage.


