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Nr. 48. Gießen, den 27. November 1904. 11. Jahrgang a Redaktion: Nedaktionsschluß; Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhse 3 N

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Sozialdemokratie und Landwirtschaft.

Unsere Gegner bemühen sich stets, den Bauern einzureden, daß die Sozialdemokratie ihnen, überhaupt der Landwirtschaft feind⸗ lich gegenüberstehe. Das behaupten nicht bloß die bezahlten Agitatoren des Bundes der Land⸗ wirte, sondern auch die Kreisblatt⸗, antisemitische 2c. Presse leiert dieses Thema in kurzen Zwischen⸗ räumen immer wieder herunter. Da werden einzelne Sätze aus Schriften und Reden einzelner Sozialdemokraten aus dem Zusammenhang herausgerissen und oft in gefälschter Form den Bauern als Beweise für die Bauernfeindschaft der Sozialdemokratie vorgeführt. Erst in der vorletzten Nummer beschäftigten wir uns mit einem derartigen Produkt, das der Gießener Anzeiger seinen Lesern zu servieren sich nicht schämte. Es war ein Sammelsurium von Zitaten, die schon ein sehr respektables Alter aufwiesen und zum Teil gefälscht waren. So der angebliche Satz des Vorwärts, der geschrieben haben sollte:Die Ernte gehört nicht den Bauern, während er richtig lautete: Die Erde gehört nicht den Bauern. Kein Mensch wird darin, daß der Vorwärts diese Binsenwahrhett aussprach Feindschaft gegen die Bauern herausdestillieren können, während das Fälscherkunststückchen allerdings geeignet war, die Bauern auf uns zu hetzen.

Natürlich konnte es sich auch das antisemi⸗ tische Papier in Friedberg nicht versagen, dem in Gießener Amtsblatt zum soundsovielten Male aufgetischten Schwindel wiederzukäuen. Sonst hält das Anttsemitenorgan durchaus keine Freundschaft mit dem Amtsblatt, gilt es aber die Sozialdemokratie zu verdächtigen, gehen beide brüderlich Arm in Arm. Heute lassen sich aber die Bauern nicht mehr so leicht ver⸗ hetzen. Der Erfolg der Verleumdungen bleibt hipter den Erwartungen zurück. Das mußte neulich selbst das Blatt des Herrn Hirschel eingestehen. Es teilte nämlich aus der Zu⸗ schrift eines seiner Vertreter mit, daß dieser den antisemitischen Landkalender nicht absetzen könne, weil die Bauern auf den soztal⸗ demokratischen Landkalender warten!

Trotzdem man seit vielen Jahren die Sozial⸗ demokraten als Bauernfeinde schwarz macht! Die Bauern wissen's besser. Warum sollte die Sozialdemokratie bauernfeindlich sein! Sie hat kein Interesse daran, daß die Landwirtschaft und die durch ste Beschäftigten irgendwie in ihrer Eutwicklung und Lebenshaltung beein⸗ trächtigt werden. Je eher es den Bauern möglich ist, mit ihren Angehörigen aus dem Ertrag ihres landwirtschaftlichen Betriebes zu leben, je weniger sind sie gezwungen, den Kreisen der Industriearbeiter Konkurrenz zu

machen.

Aber diese Möglichkeit ist in den letzten Jahrzehnten, und zwar nicht durch die Schuld der Sozialdemokratie, immer mehr selbständigen Landwirten genommen worden. Vielen Land⸗ wirten genügt der Ertrag ihres eigenen Grund und Bodens längst nicht mehr, ihren Nach⸗ kommen auf diesem Besitz eine gesicherte Zukunft zu garantieren. Sie sind gezwungen, eines

rer Kinder nach dem andern der Industrie 18 Arbeits⸗ und Ausbeutungsobjekte aus zu⸗

liefern, und der von diesen verdiente Arbeits⸗ lohn hat in vielen Fällen dazu dienen müssen, den landwirtschaftlichen Betrieb aufrecht erhalten zu können. Damit wird der Bauer wesentlich an der Entwicklung der Industrie interesstert, es kann ihm nicht mehr gleichgültig sein, wie die Arbeits verhältnisse der Industriearbeiter sich gestalten, ob die Industrie sich fortentwickelt oder stille steht. Es kann ihm also auch nicht mehr gleichgültig sein, ob die Sozialdemokratie mit ihren Bestrebungen um Hebung der Lage der Arbeiter Erfolg hat oder nicht.

Für den Landwirt kommt als Besitzer von Grund und Boden die Steuergesetzgebung sehr in Betracht. Die Sozialdemokratie tritt auf diesem wichtigen Gebiet für die vollste Gerechtigkeit, für Besteuerung nach der Leistungs⸗ fähigkeit ein, also auch hier hat der Bauer kein Rue an der Bekämpfung der Sozialdemo⸗ ratie.

Der Bauer braucht die Ausdehnung der politischen Rechte und die Ein⸗ schränkung des Militarismus und der Militärdienstzeit so gut wie der Arbeiter. Gerade in der Zeit, wo die Söhne der Land⸗ wirte ihren Vätern von Nutzen wären, werden sie auf Jahre hinaus in die Kaserne gesteckt. Auch in diesen Dingen tritt die Sozialdemokratie für die Interessen der Landwirte ein, so daß also kein Grund für diese besteht, der Soztal⸗ demokratie die Vertretung ihrer Interessen un⸗ möglich zu machen.

Daß ganz besonders die Handelspolitik im Sinne der junkerlichen Agrarier den kleinen und mittleren Bauern nur Schaden bringen würde, ist bei der Abhängigkeit der Existenz dieser Gruppen von der Entwicklung der In⸗ dustrie ganz erklärlich und wird von allen objektiv denkenden Männern zugegeben. Auch hier ist die Sozialdemokratie die Partei, deren Standpunkt am meisten den Interessen der Bauern entspricht. Nicht bekämpfen darf also der Bauer die Sozialdemokratie, sondern er muß ihr Erfolg wünschen, er muß sie in ihren Bestrebungen unterstützen, weil er von diesem Erfolg nur eine Beseitigung aller politische: und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten zu er⸗ warten hat.

Vomewigen Leben.

Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, Wir kennen auch die Verfasser. Heine In seiner Totensonntagsnummer bringt der Frankfurter Generalanzeiger an leitender Stelle eine fromme Betrachtung über das ewige Leben von R. Falke. Auch ein Zei 0 Zeit! Zuerst kommt, wie gewöhnlich b elegenheit, ein an sich sehr schönes, überhäufige Wiederholung etwas ah Bibelwort, in dem unser flüchtiges rasch welkenden Blumen verglichen wir. wird behauptet, daß nur der Glaube ewiges Leben uns diefreie Posttion über den Dingen dieser Welt ermögliche. geht nichts über eine schöne Elikette besoagt der Ausdruck in Wirk ken?

auf die ewige Seligkeit abzutun. er geistliche Herr, fern dem großen Ringen der

regelmäßigen Kirchenbesuchern gehört.

Zeit um eine höhere Kulturstufe, in Gemütsruhe sein Gehalt verzehren. O, welch' schwere, schwere Moral! Wenn aber nun unsern armen leidenden Mitmenschen der himmlische Trost nichts hilft, weil sie nicht an ihn glauben können? Ja, das ist doch dann ihre Schuld! Diese niedrigen Diesseitssorgen brauchen doch einen christlichen Geistlichen nicht anzufechten! Fühlen Sie nicht selbst, Herr Pfarrer, ein bißchen von der Ironie, die in dem Wort von derfreien Posttion liegt, wenn es jemand ausspricht, der in den irdischen Dingen so freie Position gefunden hat, wie Sie? Anzuerkennen ist, daß Sie den Leuten den Glauben an das Jenseits wenigstens möglichst leicht machen, indem Sie einräumen, daß kein Sterblicher über dasWie dieses Jenseits nähere Auskunft zu geben in der Lage sei. Aber wie wär's, wenn wir noch ein kleines Schrittchen in der Toleranz weiter gingen? Zugegeben nämlich, daß kein Häckel und keine Natur wissenschaft den Jensettsglauben wider⸗ legen kann, so kann ihn andrerseits doch auch kein Theologe beweisen, nicht wahr? Denn das verrät uns ja jedes Lehrbuch der Logik (3. B. Wundt), daß derGlaube immer just erst da anfangen kann, wo das Be⸗ weisen, und damit das Wissen aufhört.

Also, meine ich, wollen wir doch auch keinen,

unsrer Mitmenschen deshalb allein schon irgend⸗ wie hinter uns stellen, weil er unsern Jenseits⸗ glauben nicht teilt? Oder?

Aber da fällt mir ein, Sieglauben ja gar nicht an die Existenz solcher Menschen, da Sie schreiben, Häckel, dem einen Mann, ständen die Millionen der Jenseitsgläubigen entgegen! Der alte hinkende Beweis ex con- sensu gentium, aus der allgemeinen Ueberein⸗ stimmung. Wie, meinen Sie wirklich, alle denkenden Menschen so unbedingt auf Ihrer Seite zu haben, daß ein Anhang für Häckel überhaupt nicht mehr übrig bliebe? Sind nicht doch vielleicht dieWelträtsel in etwas mehr Exemplaren unter das Volk gekommen, als etwa ein Buch von Ihnen? Und glauben Sie, daß man schöne Bücher, wie die von Bölsche, dem feinsinnigen Verbreiter der Entwicklungs⸗ idee, nur läse, um sie bei sich zu widerlegen? An die paar Millionen Sozialdemokraten haben Ste wohl zufällig auch nicht gedacht, als Sie jenen Satz geschrieben? Und ferner scheint Ihnen bisher noch entgangen zu sein, daß nicht gerade die Mehrzahl der Gebildeten zu den Und das müßte uns doch immerhin auch in der Jenseits⸗ frage zu einiger Vorsicht im Urteil mahnen.

Daß in unserem Jahrhundert so oberfläch⸗ liche Anschauungen noch sich in der Oeffentlich⸗ keit spreizen können! Aber freilich, was ist in einer Zeit kirchenfrommer Streberei nicht alles möglich! Wenn doch du noch einmal wieder zuferstehen könntest, lieber, alter Gotthold

Ephraim Lessing, du mit deinen scharfen,

klaren Gedankenblitzen, wie herrlich könntest

f

du dreinfahren in diese drückenden Weihrauch⸗ nebel unserer Tage! Und wie not täte es uns!

Mit zwei Worten aus seinenTheologischen Strettschriften will ich schließen: sozialen Mißstände sind nur mit dem Hines

Gott, Gott! Worauf können Menschen einen Glauben gründen, durch den ste ewig gluͤcklich zu werden hoffen!

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