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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Von Uah und Lern.

Hessisches.

Aus dem Landtage. Die Erste Kammer will keine Reichstagsdiäten. Sie trat dem Ersuchen, das dle zweite Kammer au die Regierung richtete, sie möge im Bundesrat für die Gewährung von Diäten an die Reichstags⸗ abgeordneten wirken, nicht bei. Der Beschluß ist nicht sehr verwunderlich. Wenn im Reichs⸗ tage keine Vertreter desPlebs säßen, würden die hohen Herrn wohl anders beschlossen haben!

Die Zweite Kammer beschäftigte sich in der letzten Woche u. a. mit dem Feld⸗ und Forstpolizei⸗Strafgesetz für Hessen. Die Verhandlungen darüber brachten ein Beispiel dafür, wie die bäuerlichen Abgeordneten die Klasseninteressen der Bauern auf Kosten der Gerechtigkeit und Gleichheit wahrzunehmen be⸗ flissen sind. Beim Feldpolizeischutz hatten die Bauern den Nerweis für Feldpoltzeivergehen, der als mildeste Strafe vorgesehen war, nicht . scharf genug erklärt, und seine Streichung, owie seinen Ersatz durch Geldstrafen durch⸗ gesetzt, weil sie den schärfsten Schutz für ihre Aecker wollen. Beim Forstpolizeistrafgesetz da⸗ Net machten sie plötzlich in derselben Frage

ehrt. Hier fürchteten sie zu scharfes Vorgehen des Forstpersonals und hielten schon den bloßen Verweis als Anfangsstrafe für zu streng. Er⸗ klärung: die kleinbäuerliche Bevölkerung geht eben auch manchmal im Forst, namentlich im Staatsforst, nach Holz spazieren! Die Kammer strich leider auch beim Forststrafgesetz den Verweis, um Gleichheit herzustellen, statt ihn sowohl bei Forst⸗ wie bei Feldvergehen zuzu⸗ lassen, ohne besondere Rücksicht auf bäuerliche Interessen.

Verhüllt euer Haupt, Ord⸗ nungspatrioten! Am Dienstag gab es bei dem Staatsminister Rothe einenparlamen⸗ tarischen Abend. Dazu erschien auch der Großherzog und wieder zog er den roten Ulrich in ein längeres Gespräch, wie die Frkftr. Ztg. berichtete. Und das trotzdem die überlönigstreuen Männer und Weiber und dito Zeitungspapiere dem Großherzog vor Jahr und Tag wegen seiner Unterhaltung mit dem Sozialdemokraten so eindringlich ins Ge⸗ wissen redeten. Bald werden die Heyl und sonstige Scharfmacher⸗Konsorten ihre monar⸗ chische Gesinnung revidieren, wie das seiner Zeit Herr Reuther auf dem Leipziger Partei⸗ tag für die Antisemiten ankündigte and zu den Republikanern übergehen.

Die Genas führten. Von der Ein⸗ schwenkung des hessischen Bauernbundes in den Junkerbund macht Hirschels Blatt erst jetzt, 14 Tage nach dem Friedberger Beschlusse den Mitgliedern des Bauernbundes Mitteilung. Offenbar haben die Führer Köhler und Hirschel die Fusion auf eigene Faust, ohne die Geführ⸗ ten weiter zu fragen, vollzogen. Aus einigen Orten wurde uns mitgeteilt, daß Mitglieder der Bauernvereine die Nachricht von der Auf⸗ lösung des Bauernbundes als unwahr be⸗ zeichnet hätten, sie waren also in keiner Weise unterrichtet. Sie lassen sich von den Führern hterhin und dorthin führen und werden zu spät einsehen, daß sie genasführt wurden.

Als einengroßartigen Erfolg ihrer Partei schreien die Antisemiten das Zschopauer Wahlresultat aus und sie rechnen bestimmt mit dem Siege Zimmermanns. Herr Reuther fordert in derVolks wacht zur schleunigen Geldsammlung für den Stichwahl⸗ kampf auf. Wird nichts nützen. Zwar Geld werden dieReformer sowieso gebrauchen können, aber daß sie das Mandat erobern, daran brauchen sie nicht zu denken und wenn ste mit noch so schmutzigen Mitteln arbeiten, wie ste es schon bei der Hauptwahl getan. Unsere sächsischen Genossen werden die Schlappe vom Freitag auswetzen und den Brüdern zeigen, wo das Loch für den Zimmermann ist.

Prozeß Lepstus. Vor kurzem hat sich in Darmstadt ein mehrere Tage währender Prozeß gegen den Geh. Ober⸗Bergrat Prof. Lepsius abgespielt. Der Angeklagte ist Di⸗

rektor des Museums in Darmstadt, und als

solcher habe er die Aufnahme von Gegenständen ta das Museum veranlaßt, die sich unecht oder gefälscht herausstellten. Er wird einer un⸗ richtigen Berichterstattung an das Museum für überführt erachtet und darum wegen Fahr⸗ lässigkeit in die geringste zulässige Strafe einer Warnung und die Tragung des zehn⸗ ten Teils der Kosten verurteilt.

Gießener Angelegenheiten.

Das Kreisblattwesen war am Dienstag Gegenstand der Erörterung im Land⸗ tage. Dazu haben unsere Genossen, wie schon früher mitgeteilt, einen Antrag gestellt, für je⸗ den Kreis ein besonderes Amtsblatt herauszu⸗ geben, das nur die amtlichen Bekanntmachungen und event. Privatinserate enthalten soll und dieses jedem andern Blatte zum Selbstkosten⸗ preis zu überlassen. Dieser Antrag wurde dem Ausschuß überwiesen. Daß die Kreisblätter, deren Besitzer gegenwärtig mit Staatsunter⸗ stützung zu reichen Leuten aufgepäppelt werden, auf den Antrag nicht gut zu sprechen sind, läßt sich denken, darum müssen ihre Redakteure auch dagegen eifern. Wenn aber derGieß. Anz. glaubt, mit solch' faden Witzen Eindruck zu machen, wie er sie in der Donnerstagsnummer vorbringt, dürfte er sich täuschen. Dieses Mach⸗ werk wäre uns der Raum nicht zu schade, würden wir es abdrucken läßt die riesen⸗ große geistige Höhe der Anzeiger⸗Redaktion klar er⸗ kennen. Das will sich über den Ton und die geistige Qualttät Köhlers entrüsten? Ihr Mach⸗ werk steht weit unter den Durchschnitts⸗Er⸗ zeugnissen der antisemitischen Schimpfpresse.

Ueber das hessische Gemeinde⸗

steue r⸗Gesetz wird Herr Prof. Dr. Stau⸗ din ger⸗Darmstadt am Freitag, 25. März, abends 8% Uhr im Café Ebel einen öffent⸗ lichen Vortrag im Auftrage der hiesigen Ortsgruppe des Bodenreformer-Bundes halten. Prof. Staudinger, der vor einiger Zeit hier schon einmal einen Vortrag hielt, genießt einen bedeutenden Ruf als Autorität auf dem Ge⸗ biete wirtschaftlicher und sozialer Reformfragen und ist auch als gediegener Redner bekannt. Unsern Parteifreunden, denen diese Zeitung noch vor Freitag Abend zu Gesicht kommt, raten wir den Vortrag zu besuchen. Vor Schwindelkrankenkassen wird gewarnt! Vor einiger Zeit haben eine Anzahl Arbeiter, die voriges Jahr der KrankenkasseUnion in Hannover beigetreten waren, eine Aufforderung von der dortigen Polizei als Liquidator der Kasse erhalten, nach welcher ste die noch restierenden Beiträge bis Ende September v. Is. an die Polizei ab⸗ führen sollen. Davon werden alle diejenigen Mitglieder betroffen, welche nicht früher ihren Austritt aus der Kasse, die im Sommer v. J. der polizeilichen Schließung verfiel, erklärt haben. Wir haben schon oft Veranlassung genommen, vor jenen Schwindelkassen nach⸗ drücklich zu warnen und wir tun es jetzt anläßlich dieses Falles wiederholt. Jetzt müssen die Betroffenen bezahlen; sie können keine rechtlichen Einwendungen machen. Man sehe sich deshalb vor! Ist wirklich jemand Mitglied einer derartigen Kasse geworden, deren unsolider Charakter ihm erst spater bekannt wird, so ist es das Sicherste, mittels eingeschriebenen Briefes seinen Austritt zu erklären, man verlasse sich nicht auf die Bestimmung, daß ausgeschlossen wird, wer mit seinen Beiträgen im Rückstande bleibt. Vor einer andern Kasse wird jetzt wieder polizeilich gewarnt und zwar ist unter dem NamenVaterländischer Kranken⸗Unterstützungs⸗Verein zu Essen an der Ruhr eine Kranken- und Be⸗ gräbniskasse ins Leben getreten, die sich als eine höchst zweifelhafte Gründung darstellt. Mögltcherweise sucht dieKasse auch in unsrer Gegend Mitglieder, es sei deshalb vor Beitritt gewarnt!

Aus dem Nreise sriedhberg-Püdingen.

k. Rödgen bei Nauheim. Ueber den Pol izei diener und Flurschützen Fink in Rödgen wird von den Ortseinwohnern lebhaft Klage geführt, die auch in

einer am 13. März stattgefundenen Bürgerversammunng Ein Redner in diesen

zum Ausdruck gebracht wurden. Versammlung bezeichnete es als unerhört, daß gegen Fink, der sich wiederholt an fremdem Eigentum ver⸗ griffen habe und gegen den schon mehrfach Anzeige bei dem Kreisamt erstattet wurde, noch immer kein Verfahren eingeleitet sei. Der Mann gehe herum und renommiere: ihm könne niemand etwas machen! Weitere Redner bestätigten, daß alle Anzeigen und Beschwerden gegen den Polizeidiener auf Wahrheit beruhten. Es ge⸗ langte eine Resolution zur Annahme, in welcher erklärt wird, daß Ehre und Wohlfahrt der Gemeinde ein Ein⸗ schreiten der Behörde gegen den Flurschütz und Polizei⸗

diener Fink erforderlich machten und das Kreisamt

aufgefordert wird, sich der Sache anzunehmen. Vor⸗ her erörterte die Versammlung das Bahnprojekt Fried⸗ berg⸗Münzenberg, dem zugestimmt wurde. Doch ersuchte man den Gemeinderat, erst Gelder zu bewilligen, wenn die Zusicherung gegeben ist, daß in möglichster Nähe des Ortes ein Bahnhof mit Personen- und Güterverkehr errichtet wird.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Fürstliche Rechte und Gemeinde⸗

pflichten. Der sonst so schön gelegene Weg Hermannstein⸗Kleinaltenstädten ist stellenweise fast ungangbar, zerstört vom letzten Hochwasser der Dill. Derartiges kommt oft mehreremal im Jahre vor. Die Gemeinden haben die Ver⸗ pflichtung, den Weg in Ordnung zu halten, der Fürst von Braunfels aber hat das Wasser⸗ recht und verpachtet die Fischeret. Es wäre endlich einmal an der Zett, diese fürstlichen Vorrechte zu beseitigen. Vor allen Dingen müßte der Fürst zum Ersatz des durch die Dill angerichteten Schadens herangezogen wer⸗ den. Auch in verschiedenen Lahnorten, z. B. Oberbiel führen die Einwohner Klage über die Wasserrechte des Fürsten von Braunfels.

o. Eine Bürgermeisterei⸗LVersammlung

für die Bürgermeisterei Atzbach⸗Launsbach fand am

11. März in Krofdorf att. Unter anderem lag dieser ein Antrag des früheren Bürgermeisters Lichten⸗ thäler vor, ihm eine Summe von 160180 Mk., die er als Entschädigungszulage für Heizung und Licht zu⸗ viel erhoben hatte, nachzubewilligen. Dies wurde jedoch abgelehnt. Herrn L. waren im Nov. monall. 25 Mk. Zulage für Heizung bewilligt worden, er hatte diesen Betrag aber irrtümlicherweise rückwirkend bis zum 1. April erhoben. Die gegen den Bürgermeister im Vorjahre eirgeleitete Untersuchung scheint noch nicht abgeschlossen zu sein.

Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn.

T. Dr. Burkhardt klagt. Wie wir schon früher mitteilten, hat der Reichstagsabgeordnete für Dillenburg, Dr. Burkhardt, das nationalliberale Wahlkomité wegen Beleidigung verklagt, wurde jedoch abgewiesen. Darauf verklagte er dann den Redakteur des Herborner Tageblatt. Dieser erhielt vom Schöffen⸗ gericht Herborn 80 M. Geldstrafe. Unter anderm hat der Redakteur Beck Burkhardt vorgeworfen, er habe mit der bekannten Italiener⸗Rede des frühern Abge⸗ ordneten Hoffmann wissentlich unwahre Behaup⸗ tungen verbreitet, um die Arbeiter aufzuhetzen. Hinsicht⸗ lich dieses Punktes hat nun das Gericht Beck frei⸗ gesprochen und dem Privatkläger Burkhardt die Kosten auferlegt, weil durch die Beweisaufnahme als erwiesen erachtet wurde, daß dee Privatkläger Burkhardt jene Aeußerungen in der Reichstagsrede vom 18. Januar zu Angriffen gegen seine Parteigegner be⸗ wußt und zwar fortgesetzt benutzt und ausgebeutet hat und jenem(Hoffmann) außerordentlich geschadet hat. Dieses Verfahren Burkhardts als nicht aufrichtig zu kennzeichnen, müsse als ein gutes Recht des Gegners erachtet werden. Gegen dieses Urteil hat Burkhardt, da ihm nicht die Publikationsbefugnis zugesprochen war, wie auch Beck Berufung eingelegt, für welche am Don⸗ nerstag vor der Strafkammer in Wetzlar Termin statt⸗ fand. Vor dem Termin kam jedoch ein Vergleich zustande, wonach sich Beck zur Publikation des Urteils I. Instanz verpflichtete, worauf beide Parteien ihre Be⸗ rufung zurückzogen. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg. Also hat der Stöckerianer formellen Erfolg gehabt, der moralische Erfolg ist aber keines⸗ wegs auf seiner Seite zu suchen.

J Christliche Nächstenliebe. Wie manche Geistliche diese erste Christenpflicht auffassen, zeigt ein Schreiben des Pfarrers Heckenroth in Dresselndorf an eine Frau, die sich an ihn um Auskunft über den Bräutigam ihrer Tochter gewandt hatte. Darin heißt es u. a.:Die Bewohner meines Kirchsplels, die Hicken sind weder stamm⸗ noch charakterverwandt mit den Siegerländern; sie sind durchgehends verschlagen, listig, neigen zu Lug und Betrug, weshalb ihnen gegen⸗ über immer doppelte Vorsicht geboten scheint.

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