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in die Brust gestoßen.

5 Nr. 3.

Mitteldeutsche Sountgs⸗Zeitung.

Seite 7.

zu den andern gewendet, rief er:Haben wir uns nicht alle gefreut, wie er gekommen ist?

Ja wohl! Freilich! war die Antwort.

Siehst du? fuhr Leard fort.Und da kommt ohnehin dein Bier!

Das Wirtsmädchen kam übers Gras ge⸗ gangen mit einem Maßkrug und setzte ihn vor Tobias. Sie trat einen Schrit zurück und blieb stehen; denn sie wollte auch ihren Anteil am Vergnügen haben.

Leard nahm seinen Krug, stieß an den des Tobias und rief munter:Sauf, Bruder, und sag' uns dann, was dir passiert ist!

Tobias trank und verlängerte den Zug so viel er konnte, in der Hoffnung, dadurch der Antwort überhoben zu werden.

Aber sein Quälgeist war nicht gewillt, ihn in Ruhe zu lassen. Nachdem er selber einen tüchtigen Schluck zu sich genommen, begann er:Nun also was ist dir geschehen? Sag's!

Jetzt verlor Tobias die Geduld.So sei doch gescheit, rief er mit hohem Verdruß, und laß mich gehen mit deinen einfältigen Fragen! Nichts ist mir geschehen!

Leard schüttelte den Kopf und versetzte: Du bist nicht höflich, Tobias, und vergiltst mir meine Freundschaft schlecht.

(Fortsetzung folgt.)

D

Ein Stück Mittelalter.

(Aus denFreien Stunden.)

In Kischinew spielte im Dezember der Prozeß über die Kischinewer Judenverfolgungen, der, um die Mitschuld der Regierung nicht in die Oeffentlichkeit kommen zu lassen, hinter verschlossenen Türen abgewickelt wurde. Unter dem frischen Eindruck der Nachrichten über die blutigen Ereignisse hatte sich im vorigen Jahre der bekannte russische Roman⸗ und NPovellendichter Wladimir Korolenko nach Kischinew begeben und in Gestalt nachstehender Skizze das Ergebnis seiner Studien, die er an Ort und Stelle gemacht hat, veröffentlicht. Da die Arbeit bei den dermaligen Zensurverhältnissen in Rußland nicht veröffentlicht werden konnte, wurde sie in der geheimen Druckerei der russisch⸗ revolutionären Ar⸗ beiterorgantsation Bunt(Revolution) gedruckt. Die Aushängebogen wurden der WienerZeit zur Ver⸗

1 fügung gestellt, und so können wir dies wichtige kultur⸗

historische Dokument unseren Lesern zur Kenntnis bringen.

Haus Nr. 13.

Von Wladimir Korolenko. 15

Zwei Monate nach dem Massakre traf ich in Kischinew ein. Der Nachklang dieser blutigen Ereignisse war noch frisch und tönte schrill durch ganz Rußland. In Kischinew selbst hatte die Polizei alle Hände voll zu tun. Dennoch war es nicht leicht, die Spuren jenes schreck⸗ lichen Tumults zu verwischen; sie waren über⸗ all noch sichtbar.

Der Jude Daschewskt hatte in Petersburg den Herausgeber der Zeitung Bessarabetz mit einen Messer verwundet, und merkwürdigerweise war es ein anderer Jude, ein Arzt, der dem Verletzten sofort die erste Hilfe leisten wollte.

Mit Schrecken lehnte Kruschewan diesen Bei⸗

stand ab und schrieb bald darauf:Daschewskts Seele gehört mir. Er forderte die Todes⸗ strafe für Daschewski, weil er, Kruschewan, kein gewöhnlicher Sterblicher, sondern derVertre⸗ ter einer Staatsidee sei.

Wenige Tage später ich war damals schon in Kischinew fielen drei unbekannte junge Leute über einen jüdischen Volksschüler her. Der eine von ihnen hatte besser gezielt als Daschewski und dem Knaben den Dolch Nur ein Buch, das der Knabe unter seinem Rock trug, rettete ihn vor dem Tode. Das Judenkind, das ahnungslos aus seiner Schule ging, konnte selbstverständ⸗ lich nicht alsVertreter einer Staatsidee gel⸗ ten; deshalb wurde auch von dem Vorfall nicht weiter gesprochen. Man erzählte nur, das sei die Antwort auf Daschewskis Attentat. In dieser Luft des Schreckens, der unver⸗ söhnlichen Feindschaft und des wilden Hasses

it alles glaubhaft geworden.

5 Zu solch einer Zeit kam ich in Kischinew

an, durchwanderte Straßen und Plätze und be⸗ mühte mich, dieses rätselhafte Drama mir selbst zu erklären.

Allerdings erhebe ich keinen Anspruch darauf, in dieser Skizze den blitzschnellen Zusammenbruch aller Kultur und das gewaltige Aufwachen tierischer Instinkte zu enträtseln. Es gibt je⸗ doch kein Geheimnis, das nicht mit der Zeit bekannt würde.

Sehr möglich also, daß auch alle Trieb⸗ federn der Greueltat von Kischinew eines Tages aus Licht kommen und daß dann alles verständlich wird, wie das Werk einer zerlegten Uhr. Man solle glauben, die bevorstehende Gerichtsverhandlung würde diese Aufgabe lösen. Aber es ist Grund vorhanden, zu befürchten, daß auch das Gericht dies nicht tun dürfte Immerhin will ich wenigstens das Entsetzen zu beschreiben versuchen, das sich meiner, zwei Mo⸗ nate nach der Katastrophe in Kischinew bemäch⸗ tigt hat, und zu diesem Zweck will ich möglichst genau und ruhig eine Episode schildern, das ist die Geschichte des Hauses Nr. 13.

I

Das Haus Nr. 13 befindet sich im vierten Bezirk der Stadt Kischinew in einem unauf⸗ findbaren Seitengäßchen. Mein Reisebegleiter, der seit drei Wochen mit der Stadt vertraut geworden war, erklärte dem Kutscher:Haus Nr. 13... dort, wo man mordete.

Jetzt weiß ich's, sagte der Kutscher, und ich vernahm, daß er die Worte murmelte: Nissenson, Glaser.

Nissenson und der Glaser waren noch vor kurzem am Leben, jetzt sind sie nichts als eine Bezeichnung für vergangenes Entsetzen. Das Haus Nr. 13 ist ein Haus wie viele. Armselige andere Häuschen steht man ringsum. Diese aber machen den Eindruck bewohnter Stätten und atmen Leben, das Haus Nr. 13 gleicht einem Leichnam: leere Fensterhöhlen, mit Brettern verschlagene Türen.

Alles was recht ist; die Polizei in Kischi⸗ new hat zwar nichts getan, um das Gemetzel zu verhindern, aber jetzt ergreift sie energisch Maßregeln, um die Juden zur raschen Wieder⸗ herstellung ihrer zerstörten Gebäude zu zwingen. Nur über den Besitzer des Hauses Nr. 13 er⸗ streckt sich ihre Macht jetzt nicht mehr.

An einer Ecke des Hofes, beim Eingang in eine Wohnung, sieht man noch einen großen, dunkelbraunen Fleck, den man sofort als ge⸗ ronnenes Blut erkennt. Blutspuren bedecken auch die Glassplitter, Ziegel, Kalkstücke, die Bettfedern und die Möͤbelstücke, die umher⸗ liegen. 1

Hier mordete man; inspuß... ver⸗ nahm ich in meiner e eine sonderbare, dumpfe Stimme. Es war ein Mädchen von

10 bis 12 Jahren. Nach dem Ausdruck ihrer

Augen hätte man sie für eine alte Frau halten können. Das Kind hatte alles mit angesehen, was unlängst geschehen war..

r dort le ßpprach ie, schwer atmend, mit einer Stimme. als ob man sie würgte, und zeigte nach der vertrockneten Blutlache. 5

Wer denn; der Glaser? fragte mein Be⸗ gleiter. 5 5 Ja.. ah. der Glaser. Er lief dort fiel er eben, dort, und sie begannen ihn zu morden.

Mich befiel ein Zittern, und wir gingen von der Blutlache fort.

Das Haus Nr. 13 bestand aus sieben Wohnungen. Acht Familien wohnten darin, zusammen 45 Personen. Das waren: ein Kom⸗ mis mit Frau und vier Kindern, er verdiente monatlich 48 Rubel; Nissenson, ein Buchhalter, der 25 80 Rubel verdiente; Gosscha Paskar war Kommis mit 35 Rubel Gehalt, er hatte eine Frau und zwei Kinder; Itzig und Ger⸗ witz, ein Krankenpfleger; Gosscha Turkenitsch, ein Tischler; Basja Barabasch, ein Fleischer; dann noch der hausierende Glaser Grünspuß u. a.

Man sieht, welch reiche Leute im Hause Nr. 13 wohnten. Am 19. April, am ersten christlichen Ostertag, begann die Zerstörung. Es hieß, der Gouverneur schreite nicht ein,

weil er einenBefehl erwarte. Auch im Hause Nr. 13 wartete man in dieser Nacht, daß der Befehl eintreffen möge.(Schluß folgt.)

Splitter.

Leidenschaft macht oft den gescheidesten Mann zum Tropf und den größten Dummkopf zum gescheidten Mann.

la Rochefoucauld.

** Zehn Arme liegen ruhig Auf einer Streu beisammen, Zwei Königen ist immer Das weiteste Reich zu eng. 2

** Frage den Feind um Rat; doch nicht um dem . N N Rate zu folgen: Zeigt er zur Linken dir gehn, gehe zur Rechten den Weg.

Klapphornvers. wei Knaben trieben Politik, er eine log mit viel Geschick, Der andere sprach die Wahrheit frei, Den hat ertappt die Polizei.

Humoristisches.

Neujahrs⸗Gespräche. Spießer: Wenn man so nach hundert Jahren einmal wiederkommen könnte was da wohl die Leute sagen würden?

Arbeiter: Nichts. Die würden Sie einfach aus⸗ stopfen und in einem zoologischen Museum als vorsint⸗ . 5 ausstellen.

a vastöchterlein hat recht.He Geheimrat, sür Ihre deutschen 8 125 es 5 ein himmlischsüßer Genuß sein, Majestätsbelei⸗ digungen begehen zu können!

Wieso, Mademoiselle?

Nun, weil's doch so streng verboten ist...

Enfant terrible. Die kleine Ella: Tante, wo hast Du denn deinen Heiligenschein? Tante: Aber Ella, wie kommst du denn darauf? Ich bin doch keine Heilige! Ella: Ja, wie du kamst, da sagte Papa: da kommt die scheinheilige Person schon wieder!

Geschichtskalender.

17. Januar. 1898: Posadowsky Streikerlaß⸗ Debatte im Reichstage. 1793: Louis XVI. von Frankreich zum Tode verurteilt.

18. 1802: Arbeitslosen⸗Interpellation im Reichs⸗ tage. 1896: Wahlrechtsliga in Leipzig aufgelöst. Floquet, franz. Politiker f.

19. 1902: Brand des Stuttgarter Hoftheaters. 1874: Hoffmann von Fallersleben, freigesinnter pol. Dichter, f. 1736: James Watt(sp. Uatt), Hersteller der ersten brauchbaren Dampfmaschine,*.

20. 1903: Reichstagspräsident Ballestrem hin⸗ dert den Abg. Vollmar an der Kritik der Essener Kaiser⸗ rede., 1898: Brodkrawalle in Italien.

21. 1793: König Ludwig XVI. von Frankreich geköpft.

22. 1887: Die Berliner Genossen Hensel, Lachmann und Nauen brechen beim nächtlichen Flug⸗ blattverteilen auf dem Eise der Havel ein und ertrinken. 1729: G. E. Lessing,*

23. G. Doré ber. Maler, f. k...... k.k. Kk Marktberichte.

Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 12. Januar: Butter per Pfd. Mk. 0,800,85, Hühnereier 1 St. 8 9 Pf., Enteneter 1 St. 89 Pf., Käse pr St. 68 Pfg., Käsematte 2 St. 56 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg. Kartoffeln per 100 Kilo 5,006,00 Mk., Weiß⸗ kraut pr. Stck. 57 Pfg., pr. Zentner 1,30 1,60 Mk. Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,50 5,00, Tauben per Paar 0,70 bis 0,90 Mk., Hühner per St. 1,30 1,80 Mk., Hahnen per St. 0,70 1,50 Mk., Enten per St. 1,70 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 56 60 Pfg.

Parteifreunde! c nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes.

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