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Nr. 49.
Gießen, den 4. Dezember 1904.
11. Jahrgang.
Redaktion: 0 Nedaktionsschlut: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsche a Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. El Abonnementspreis: Bestellungen 1 Juserate 95 15 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. usträger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng
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Ziele des Sozialismus.
Die Sozialdemokratie will die politische Macht erobern, um an Stelle der heutigen ka⸗ pitalistischen Gesellschaftsordnung die soziali⸗ stische Gesellschaft zu setzen und damit die durch die heutigen Verhältnisse geschaffenen Mißstände zu beseitigen. Ueber dieses Ziel und nicht minder auch darüber, warum der Sozialismus
die erstrebenswerte Gesellschaftsform ist, Klar⸗
heit zu verbreiten, muß die Hauptaufgabe un⸗ serer Agitation sein.
Unser französischer Parteigenosse Jean Jauréès hat kürzlich in seinem Buche„Sozialistische Studien“ über die Ziele der Sozialdemokratie folgende klaren und treffenden Ausführungen gemacht:
Die sozialistische Idee ist klar und edel. Wir erkennen, daß die gegenwärtige Form des Eigen⸗ tums die heutige Gesellschaft in zwei Klassen teilt und die eine dieser Klassen, diejenige der
Proletarier, um leben, um ihre Fähigkeiten in
etwas betätigen zu können, genötigt ist, eine Art Tribut an die besitzende Klasse zu zahlen. Da haben wir eine Menge menschlicher Wesen, Staatsbürger: ste besitzen nichts. Sie können nur von ihrer Arbeit leben, und da sie, um zu arbeiten, kostspielige Werkzeuge benötigen würden, die sie nicht besttzen, da sie Rohstoffe und Vor⸗ schüsse haben müßten, die sie ebenfalls nicht haben, so sind sie gezwungen, sich in den Dienst der anderen Klasse zu stellen, die über die Produktionsmittel, den Boden, die Fabriken, die Maschigen, die Rohstoffe und angehäuften Barmittel verfügt. Und die Klasse der Kapt⸗ talisten und Grundeigentümer macht natürlich von ihrer Macht Gebrauch und erhebt von der besitzlosen Klasse einen reichlichen Zins. Sie beschränkt sich nicht darauf, die geleisteten Vor⸗ schüsse zurückzuverlangen und die Werkzeuge amortisieren zu lassen. Sie erhebt auch zum voraus von den Erzeuguissen der Fabrik- und Feldarbeit jedes Jahr und auf unabsehbare Zeit einen beträchtlichen Anteil: Pachtgeld, Bodenrente, Mietztus für städtische Grundstücke, Zinsen der Staatsschuld, Ertrag der Aktien und Obligationen, industriellen und lommer⸗ ziellen Unternehmergewinn. 5
Demnach erhalten in der heutigen Gesell⸗ schaft die Besitzlosen nicht ihren vollen Arbeits⸗ ertrag. Und da in unserer auf intenstver Produktion begründeten Gesellschaft die wirt⸗ schaftliche Belätigung eine wesentliche Funktion jedes menschlichen Weseus ist, da die Arbeit ein wesentlicher Bestaudteil der Persönlichkeit ist, so gehören die Proletarier nicht völlig stch selbst an. Sie veräußern einen Teil ihres Wesens zum Vorteil einer anderen Klasse. Das Meuschenrecht ist also in ihnen unvoll⸗ ständig und verstümmelt. Sie können keine Lebensbetättgung mehr vornehmen, ohne dieser Beschränkung des Rechts, dieser Veräußerung ihrer Person unterworfen zu sein. Kaum find sie aus der Fabrik, aus dem Bergwerk, von der Schiffswerft, wo sie einen Tetl ihrer Krafte zurückgelassen haben, um Dividende und Gewinne zu schaffen, zurückgekehrt in ihre ärmliche Behausung, wo ihre Familie einge⸗ pfercht ist, so warten ihrer neue Besteuerung, neue Auflage, um die Miete zu beschaffen. Zugleich beschneidet die Staatssteuer in all ihren Formen, die direkte und die indirelte Steuer,
ihr schon zweifach beschnittenes Einkommen, Oberhoheit einer Klasse muß also gebrochen
nicht allein um Ausgaben für Kulturzwecke und gemeinsame Interessen zu decken, sondern um den drückenden Zinsendienst zum Vorteil eben dieser besitzenden Klasse zu sichern, oder um ungeheuere und überflüssige Heere zu unter⸗ halten. Und wenn schließlich der Besitzlose mit dem Rest seines so beschnittenen Lohnes das nötige für seinen Lebensunterhalt beschaffen will, so wendet er sich entweder, wegen Mangels an Barmitteln, an den Groß⸗ oder Klein⸗ händler und hat so die Uebervorteilung durch eine ganze, von Mittelspersonen wimmelude Organisation zu erleiden. Wie die Landstraße in der Feudalzeit fast auf jeden Schritt von Brückenzoll⸗ und Wegegeldzahlstellen unter⸗ brochen und gesperrt war, so ist der Lebensweg des Besitzlosen versperrt durch Abgabe⸗ pflichten jeder Art, die das Kapital ihm auferlegt. Er kann weder arbeiten, noch si ernähren, noch sich kleiden oder Unterhalt finden, ohne der kapitalistischen und besitzenden Klasse eine Art Lösegeld zu zahlen.
Er wird nicht nur in seinem eigensten Leben, sondern auch in seiner Freiheit beschränkt. Damit die Arbeit wirklich frei wäre, müßten alle Arbeiter zur Teilnahme an der ökonomischen Leitung der Werkstatt berufen sein, wie sie durch das Wahlrecht an der politischen Leitung der Gesamtheit beteiligt sind. Heute aber spielen die Proletarier in der kapitaltstischen Organi⸗ sation der Arbeit eine passtve Rolle. Sie ent⸗ scheiden nichts, sie helfen nicht mitbestimmen, welche Arbeit getan und wie sie unter die vorhandenen Kräfte verteilt werden soll. Ohne ste zu fragen, ja, oft ohne daß sie es wossen, schafft das durch ihre Arbeit entstandene Kapital ein Unternehmen oder gibt es auf.
Ste sind die Handlanger des kapitalistischen Systems, nur verpflichtet, die Pläne auszu⸗ führen, die das Kapital allein entwirft. Die vom Kapital geplanten Unternehmungen werden unter der Leitung vom Kapital eingesetzter Chefs durch die Proletarier ausgeführt. So beutet das kapitalistische System die Arbeitskraft des Arbeiters aus und beschränkt dadurch seine Freiheit. So wird die Persönlichkeit des Proletariers, wie sein Lebensunterhalt, herab⸗ gedrückt.
Aber das ist noch nicht alles. Die kapita⸗ listische und besitzende Klasse bildet nur gegen⸗ über den Lohnarbeitern eine Klasse. Sie ist in sich selbst geteilt und durch die schärfste Konkurrenz zerrissen. Sie ist nicht dazu ge⸗ kommen, sich zu organisieren und infolgedessen die Produktion nach dem wirklichen Bedürfnis der Gesellschaft zu regeln. In dieser anarchischen Unordnung gelangt sie erst zum Bewußtsein ihrer Irrtümer vurch Krisen, deren schreckliche Folgen oft das Proletariat trägt. Durch eine ungeheuere Ungerechtigkeit werden somit die Proletarier sozial verantwortlich für den Gang der Produktion, den ste auf keine Weise zu bestimmen haben. Nicht frei und doch verant- wortlich, nicht befragt und doch bestraft werden — das ist das widersinnige Geschick der besitz⸗ losen Arbeiter in der kapitalistischen Unordnung.
All diese Not, alle Ungerechtigkeiten und Unordnungen kommen nur daher, daß eine
Klasse die Produktioas⸗ und Lebensmittel im Besitz hat und ihre Gesetze einer anderen Klasse und der ganzen Gesellschaft diktiert. Diese
werden. Die unterdrückte Klasse und damit zugleich die ganze Gesellschaft muß befreit werden. Der Klassenunterschied muß
aufgehoben werden, indem man der Ge⸗ samtheit der Volksgenossen, der organisterten Gemeinschaft, den Besitz der Lebens⸗ und Pro⸗ duktionsmittel überträgt, die heute in Händen einer Klasse Mittel zur Ausbeutung und Unter⸗ drückung sind. An Stelle der anarchischen und mißbräuchlichen Herrschaft einer Minderheit muß die allgemeine Genossenschaft der vereinigten Bürger gesetzt werden mit dem allgemeinen Besitz der Mittel zur Arbeit und zur Freiheit. Das ist das einzige Mittel, die Menschheit zu befreien. Und deshalb ist es das Hauptziel des kommunistischen Sozialismus, das kapita⸗ listische Eigentum in ein gesellschaft⸗ liches Eigentum zu verwandeln.
In dem gegenwärtigen Zustand der Mensch⸗ heit, wo es nur nationale Organismen gibt, wird das soziale Eigentum die Gestalt des nationalen Eigentums haben. Das Vorgehen der Arbeiterklasse wird immer mehr und mehr international sein. Die verschtedenen Nationen werden auf dem Wege der Entwick⸗ lung zum Sozialismus ihre gegenseitigen Be⸗ ztehungen mehr und mehr in Frieden und Ge⸗ rechtigkeit ordnen. Aber die Nation wird noch auf lange Zeiten hinaus den historischen Rahmen des Sozialismus abgeben, die Form der Ein⸗ heit liefern, in der die neue Gerechtigkeit ge⸗ gossen wird.
Man wundere sich nicht, daß wir, nachdem wir zuerst die Freiheit der menschlichen Person verlangt haben, die nationale Gemeinschaft in Aktion treten lassen. Nur die Nation kann allen die Mittel zur freien Entwicklung bieten. Die einzelnen, die kleinen, vorübergehenden Organi⸗ sationen vermögen nur zeitweise kleine Gruppen bon Individuen zu beschützen. Aber es gibt nur eine allgemeine und beständige Organisation, die die Rechte aller Individuen ohne Ausnahme, und nicht nur der lebenden, sondern der noch kommenden Generattonen zu sichern imstande ist.
Und diese allgemeine, unvergängliche Organi⸗ sation, die auf einem bestimmten Teil des Planeten alle Individuen umfaßt— und die ihr Werk und ihre Gedanken auf die nachfol⸗ genden Generationen erstreckt, das ist die Nation. Wenn wir uns auf die Nation berufen, so deshalb, um die Allgemeinheit und Vollkommen⸗ heit des individuellen Rechts sicher zu stellen. Niemand darf der Gefahr ausgesetzt sein, der Raub oder das Instrument eines andern Menschen zu werden. Niemand darf der posi⸗ tiven Mittel beraubt sein, frei, ohne knechtische Abhängigkeit, von wem auch immer es sei, zu arbeiten. Bei der Nation findet das Recht aller Individuen heute, morgen und alle Tage seine Gewährleistung. Und wenn wir der nationalen Gemeinschaft das übertragen, was das Eigen⸗ tum der kapitalistischen Klasse war, so geschieht es nicht, um der Nation die Freiheit der Einzel⸗ personen zu opfern. Im Gegenteil, nur damit sie die Basis für alle persöulichen Betätigungen wie für alle individuellen Rechte abgeben soll. Das soziale, das nationale Recht ist für uns nur der Inbegriff der Rechte aller Gesellschafts⸗ alierer. Das soziale Eigentum ist nur das Mittel, das allen zur Verfügung steht.
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