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Seite 6.
Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung.
Nr. 27.
nur konnte. Bei der vorjährigen Reichstags⸗ wahlbewegung verhaftete er gemeinschaftlich mit dem Gemeindevorstand einmal alle Flugblatt⸗ verteiler; ein andermal versuchte der eifrige Staatsretter unsere Genossen sogar mit Stricken zu binden.
Nochmals: Christlich-soziale Entstellungen.
Unseren Bemerkungen zu diesem Thema in voriger Nummer müssen wir noch einiges hin⸗ zufügen, was beweist, wie Dr. Burckhardt stets den Mantel nach dem Winde zu hängen ver⸗ Besonders übt er seine Kunst an den Reden unserer Genossen im Reichstage, die er entweder gar nicht erwähnt, oder ihnen einen anderen Sinn unterlegt. Manchmal scheint er selbst nicht recht zu wissen, was er will.
In Nr. 67 des„Nass. Volksfr.“ schreibt er in einem Reichstagsbericht u. a.:
„Ebenso treffend führte Abg. Singer den Abg. Semmler ab. Singer verhöhnte lange Zeit die natl. Partet.“ Und im gleichen Bericht leistet er sich folgende Sätze, die allerdings die Gewissenhaftigkeit, mit der die bürgerlichen Abgeordneten ihre Pflicht erfüllen, in sehr be⸗ denklichem Lichte erscheinen lassen:„Heute lang⸗ weilte als 1. Redner bei der 3. Lesung des Reb⸗ lausgesetzes Abg. Schulze(Soz.) das Haus mit einer endlosen Rede, der aber keine Aufmerk⸗ samkeit geschenkt wurde. Allgemein⸗Unter⸗ haltung der Abgeordneten. Die sozial⸗ demokratische Reden sind ja auch nur für den Vorwärts bestimmt.“— Was ihnen nicht in ihren Kram paßt, wird rücksichtslos in den Kot gezogen.
In Nr. 63 des christlichsozialen Organs rempelt der Berliner Mitarbeiter, der ganz, wies verlangt wird in verschiedenen Rollen, bald als Arbeiter, bald als patentierter Sozialistenfresser auftritt, die Katholiken an, die dem Doktor der Apotheke doch zum Mandat verholfen haben. Der Stöckerjünger schreibt:
„In Berlin gibt es einige katholische Herren, die für katholische Gewerkschaften schwärmen und innerhalb der katholischen Arbeitervereine, deren Organ hier„Der Arbeiter“ ist, Fachsek⸗ tionen gründen. Die Katholiken, innerhalb der christlichen Gewerkschaften wollen von diesen Zersplitterungen, an deren Spitze der dickköpfige Erzbischof Kopp, der aalglatte Baron v. Savigny und der streitbare Kaplan Dasbach steht, nichts wissen. Diese„Berliner Luft“ ist nicht beliebt und wohin ste weht, findet sie bei den christlichen Gewerkschaften Widerstand.
Herr Behrens— das ist der Schreiber— scheint sich nicht klar gemacht zu haben, daß hinter diesen drei Männern die Massen der katholischen Arbeiter stehen, die sich's nach der⸗ artigen christlich⸗sozialen Leistungen wohl über⸗ legen dürften, ob ste sich ein zweites Mal als Stimmvieh gebrauchen lassen.
Bei der Beratung der Kaufmannsgerichte kündigte Dr. Burckhardt schon vor der entgiltigen Abstimmung den Umfall der Christlich⸗Sozialen an: Bei Gefährdung des Gesetzes in 3. Les ung werden sie für den Kompromiß stimmen, da⸗ mit das wenn auch verschlechterte Gesetz zu Stande komme. Es fehlt ihnen an Mut, im Unterliegen dem Volke zu zeigen, wo die Ver⸗ fechter seiner Forderungen zu finden sind. In diesem Falle ist auch das Unterliegen ein Er⸗ folg, denn Klarheit zu schaffen in den großen Streitfragen ist an sich schon ein Erfolg. Aber die Christlich⸗Sozialen sind soweit gekommen, daß sie nur den Götzen Erfolg anbeten, mag er ihnen auch in noch so bedenklicher Form ent⸗ gegentreten. Das„Die Welt will betrogen sein, also betrüge sie“ wird immer mehr das Leitmotiv der Christlich⸗Sozialen. Louis Trott,
Die Kriege und die Volkskrast. a ficder.
Auch die Treffsicherheit hat sich geän⸗ dert. Während nach einem militärischen Sta⸗ tistiker im älteren Kriege durchschnittlich erst auf 85 Kugeln ein Treffer kommt, verschossen im deutsch⸗französischen Kriege die deutschen Handfeuerwaffen 20 Millionen Gewehrpatronen.
Diese 20 Millionen mit den schon erwähnten 340000 Feldartilleriegeschossen zusammen be⸗ wirkten die Kampfunfähigkeit von ca. 25 Przt. der gegenüberstehenden Franzosen. Nicht weniger denn 130 Schüsse waren nötig, um einen Gegner unschädlich zu machen. Während der Belagerung von Plewna(1877) verfenerten 160 000 Russen etwa 10 Millionen Patronen, ihre Gegner, 70000 Türken, ca. 15 Millionen. Die Russen verloren 40000, die Türken 30000 Mann, wo⸗ nach Lord Roberts unter Berücksichtigumg der Verluste durch Geschützfeuer einen Treffer auf 360 Gewehrkugeln kalkuliert haben sol. Wolotzkoi berechnet für die Folge bei der Entfernung in⸗ folge verbesserter Waffen erst auf 400 Schüsse einen Treffer. Die Treffsicherheit entwickelt sich also keineswegs proportional der Feuer⸗ schnelligkeit.
Ungeheuer ist die Summe der Menschen⸗ opfer, die die Kriege verschlingen.
Im allgemeinen werden die Kriege immer kürzer aber blutiger. Hierüber geben einige Prozentzahlen Aufschluß. Die drei schlesischen Kriege brachten 17 Prozent an Toten und Ver⸗ wundeten, die napoleonischen Kriege 15 Prozent, der Krimkrieg(1854) 14 Prozent, der 1866er Bruderkrieg 8 Prozent, der deutsch⸗französische Krieg nur 6 Prozent im Durchschnitt.
Einer der mörderischsten Kriege war der Krimkrieg, der nach dem bekannten Statistiker Engel einschließlich der Arbeitsunfähigen und Kranken 750 000, nach andern Quellen aver nur 401000 Mann erfordert haben soll, wovon jedoch bloß 30 000 Mann wirklich in der Schlacht fielen; 311000 starben an Wunden und Krank⸗ heiten in der Krim und 60000 auf dem Heim⸗ wege oder in der Heimat. Der deutsch⸗französische Krieg hat in runder Zahl eine Viertelmillion Menschen gekostet; der österreichisch⸗italienische 70 000, der 1866er Krieg ca. 50 000 Mann. Im deutsch⸗französtschen Kriege war auf deutscher Seite tot oder sind infolge der Verwundung gestorben 28 278, verwundet 88 543, vermißt 12879. Jeder dreizehnte Deutsche wurde ver⸗
wundet, bei den Franzosen war das Verhältnis
um mehr als das Doppelte schlimmer, die Ver⸗ lustlisten der Franzosen sind noch nicht genau bekannt, doch wird ein Gesamtverlust von 200000 Kampfunfähigen gewöhnlich ange⸗ nommen, bei ca./ Millionen Mann, die ur⸗ sprünglich im Felde standen.
Auch im gegenwärtigen ostastatischen Kriege bestätigt sich die Norm, daß die Ueberzahl im Vorteil ist. Die Japaner sind bis zur Stunde mit ihren zwei Armeen den Russen numerisch über. Sollten die Russen im Ver⸗ trauen auf Deutschlands unbedingte Neutralität wirklich ihre westeuropäischen Truppen an den Grenzen Deutschlands und Oesterreichs zurück⸗ ziehen, um solche auf dem mandschurischen Kriegsschauplatze zu verwenden, dann würden
diese aus den Militärbezirken Warschaus und
Wilnas gezogenen fertigen Korps allerdings eine beträchtliche Vermehrung der russtschen Streitkräfte bedeuten, nur könnten diese bei der Langwierigkeit des Transports vor Mitte August nicht an Ort und Stelle, und für die russtsche Armee im Felde schon alles verloren sein.
Die Truppenzahl ist überall in Rechnung ie ziehen; Waffen, Strategie und Terrain ent⸗ cheiden daher nicht ausschließlich. Eine besondere Ausnahme machte der denkwürdige Burenkrieg. In der Schlacht an der Katzbach standen 95 000 Verbündete 79000, in der Schlacht bei Leipzig 300 000 Verbündete 170000 Franzosen gegen⸗ über. Bei Waterloo hielten sich die Franzosen und Engländer mit je 75000 Mann die Wage, bis Blücher mit 75000 Preußen für die Eng⸗ händer entscheidend eingriff. Von 67660 Mann der englisch⸗belgischen Armee waren bei Water⸗ loo übrigens 15 000 kampfunfähig gemacht. Die Ueberzahl zeigt sich entscheidend auch im deutsch⸗ französischen Kriege. Während Anfang Augnust 1870 354000 Deutsche mit 1194 Geschützen gegen 250 000 Franzosen mit 924 Geschützen standen, verfügten die Deutschen am 1. März 1871 über 630000 Mann, 61000 Reiter und 1742 Geschütze, gegen 534500 Franzosen, von denen allerdings nur noch 251000 wirklich kampffähig waren. In bezug auf einzelne
Schlachten sei daran erinnert, daß bei Wörth
82 000 Deutsche gegen 48 000 Franzosen, bei
Gravelotte und St. Privat 187000 Deutsche debe 112000 Franzosen standen; die Schlacht ei Sedan aber schlugen 154000 Deutsche gegen 90000 Franzosen. Das blutige Mars la Tour machte allerdings eine Ausnahme, dort standen 63000 Deutsche 113000 Franzosen gegenüber. In den Kampf kamen jedoch bloß 56 000 Deutsche und 92000 Franzosen. Die Dauer der Schlacht währte 10 Stunden und gaben in derselben die Franzosen 500 Kanonenschüsse mehr ab, als die Deutschen. Die Deutschen blieben schließlich Sieger, aber mit welchen Verlusten! Während die Franzosen 9½ Prozent verloren, hatten die Deutschen 22/ Prozent zu verzeichnen. Hauptmann Otto Berndt, dessen Werk: Die Zahl im Kriege, wir einen Teil unsrer Zahlenangaben entnehmen, nennt die Verhältnisse dieser Schlacht abnorm, denn im großen und ganzen zeige die Kriegsgeschichte, daß der stärkere Teil, wenn er nicht eine besonders schlechte Position einnimmt, schlecht geführt wird oder in seiner Ueberzahl mangelhaft ausgebildete Truppen mit sich führt, auch der siegende Teil ist.(Schluß folgt).
Die Scheußlichkeiten des
Krieges schildert ein englischer Kriegskorrespondent in einem von Anfang Mat aus Ostasten datirten Briefe, in dem er die Schlacht von Kiu⸗ lienscheng beschreibt u. a.:
„Die japanische Fahne wehte über Kiulien⸗ scheng, die Russen zogen sich gegen Hamatan zurück, das sechs Meilen davon entfernt liegt; acht Kanonen und viele Gefangene waren in den Händen der Sieger. Chinesen kamen kriechend aus Löchern im Boden hervor und beteiligten sich schmarotzend an dem Siegesschret, sie stießen die Leichen der Russen mit dem Fuß, um ihre Verachtung für sie zu zeigen, und schickten sich, sobald ste dem wachsamen Auge der Soldaten entgangen waren, an, die Hyänen des Schlachtfeldes zu spielen. Die Mili⸗ tärärzte waren eifrig tätig. Feldlazarette wurden aufgeschlagen, die von den Deutschen geschulten Mediziner öffneten flink und kühl ihre Instrumentenkästen und ihre schnelle Arbeit begann. Es war keine Zeit zu verlieren. Ringsherum starben die Menschen, jeder Augenblick mußte mit Menschenleben bezahlt werden; was geschehen mußte, war schnell zu tun. Hier spürte man nichts von der Freude des Kampfes. Wer von den Wonnen der Schlacht singt, der hat nicht in dem Krankenzelt gestanden, wenn die Wunden, die der Mensch dem Menschen bei⸗ gebracht hat, gewaschen, vernäht und verbunden werden. Ein Kosak in grauem Hemd lag ruhig neben seinem früheren Gegner, der den blauen Rock trug. Der Japaner wurde auf der Tragbahre neben dem sibirischen Fußsoldaten vorbeigetragen; dem einen war durch das Bein geschossen, dem andern in die Seite. Der Japaner stützte sich auf seine Schulter, lächelte hoffnungsvoll und tapfer und starrte dann auf den andern, der nur den Kopf wenden konnte.
Hier lag ein toter Infanterist; das Gesicht des jungen Mannes trug im Tode einen Blick kindlicher Verwunderung, sein Gewehr lag dicht neben ihm, wo die von Schmerzen gelähmte Hand es hatte fallen lassen. Seine Beine waren halb heraufgezogen, die Muskeln hatten sich in dem Augenblick, nachdem er ge⸗ troffen war und ehe der Tod ihn ereilte, von selbst zusammengezogen. Dort lag ein ver⸗ wundeter russischer Offizier, der Rock mit der Silberstickerei war weggerissen und von den Aerzten leicht über ihn geworfen; auf sei⸗ nem Gesicht war der Schmerz eingeprägt, aber jeder halbbewußte Gedanke ging unter in dem einen Entschluß, vor den Feinden seines Volkes seinen Schmerz nicht zu zeigen. Ein Japaner, der seiner Uniform nach zu schließen, eine hohe Stelle im Generalstab einnahm, kam zu ihm und sprach sanft und mitleidig mit ihm in seiner Muttersprache. Der Chirurg berührte das zerschmetterte Glied und der Offizier wurde von heftigen Schmerzen gequält.„Mein Gott,“
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