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Seite 4. Miiteldeutsche Sountaas⸗Heitung. Nr. 14. 8 ganges. Unser Blatt hat im letzten Jahre hingewiesen, daß der Tabakarbeiterverband seine Von Nah und Fern. eine recht erfreuliche Steigerung seiner Unterstützungseinrichtungen so vervollkommnet
Hessisches. Der Landtag hat sich bereits vorige
Woche in die Osterferien begeben und dürfte
erst Anfang Mat wieder zusammentreten.
Die„Hochgeborenen“ der Ersten Kammer haben ihren parlamentarischen Pflichten auch auf ein paar Stunden genügt. Und in der kurzen Zeit haben sie„erledigt“, woran die Zweite Kammer wochenlang arbeitete. Welches soziale Verständnis sie dabei bekundeten, beweist folgender Bericht über die Verhandlungen:
„Dem Antrag Ulrich und Genossen wegen Vertretung der Arbeiterschaft im Ministerium hatte die Zweite Kammer keine Folge zu geben beschlossen. Die Erste Kammer schloß sich dieser Entscheidung an, lehnte aber den Beschluß der Zweiten Kammer,„die Re⸗ gierung zu ersuchen, sie möge im Bundesrat ihren Einfluß dahin geltend machen, daß die Frage der berufsständigen Organisation(Arbeiter⸗
kammern) baldigst reichsgesetzlich geregelt werde,“
einstimmig ab. Auch der Vorstellung in bezug auf die Reform der Unfallbver⸗ hütungen bei Bauausführungen tritt das Haus nicht bei. Dem Beschluß der Zweiten Kammer bezüglich der Entschädigung un⸗ schuldig Verhafteter wird nicht beige⸗ treten.“
Zu wundern braucht man sich darüber nicht. Was ist anders von einer Gesellschaft von Grafen, Fürsten ꝛc., die von dem Wormser Lederkönig maßgebend beeinflußt wird, zu er⸗ warten. Wenn die Herren„arbeiten“, beweisen sie bloß ihre Ueberflüssigkeit.
— Die Eröffnung der Joutz⸗Bahn hat nunmehr am Montag stattgesunden. Von einer sympathischen Teilnahme der Bevölkerung an diesem Ereignisse war nichts zu bemerken. In Etch wurde, wie mitgeteilt wird, der „Festzug“ gar nur von dem Bürgermeister und einem andern Vertreter erwar et. Direktor und „Volksvertreter“ Joutz suchte, was bei seinen Verdiensten bei der Bahn begreiflich ist, seine Person in den Vordergrund zu drängen und sich als Wohltäter der Menschheit hinzu⸗ stellen. Er hielt die Festrede bei dem Festessen in Butzbach und telegraphierte sogar den Groß⸗ herzog und das Ministerium an, das jedenfalls wegen Joutz keinen Vertreter zur Eröffnung gesandt hatte. Herr Joutz hat wirklich ein außerordentlich widerstandsfähiges Ehrgefühl!
Gießener Angelegenheiten.
— Wer ist Sozialdemokrat? Viele legen sich den Namen Sozialdemokrat bei,— aber nicht alle haben sie das Recht, den Ehren⸗ titel auch zu führen. Viele sind davon über⸗ zeugt, daß sie Sozialdemokraten sind, trotzdem können sie als solche kaum anerkannt werden. Wer nur alle fünf Jahre einmal den sozialde⸗ mokratischen Stimmzettel in die Urne legt und sich sonst um die sozialdemokratische Partei nicht kümmert, der ist kein Sozialdemokrat. Auch derjenige ist es nicht, dessen ganze Tätig⸗ keit darin besteht, am Biertisch den Mund auf⸗ zureißen. Sozialdemokrat ist nur derjenige, der es tagtäglich durch die Tat beweist, daß er die Idee des Sozialismus in ihrem ganzen Umfang begriffen hat und die Pflichten, die ihm aus seiner Zugehörigkeit zur Soztaldemo⸗ kratie erwachsen, vollständig kennt. Die erste und vornehmste dieser Pflichten ist, zu wissen, was die Sozialdemokratie ist und was sie will. Diese Kenntnis kann der Arbeiter sich haupt⸗ sachlich durch das Lesen von Zeitun gen und Broschüren erwerben. Das Abonne⸗ ment auf die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ ist also die erste Bedingung. Die bürgerliche Presse vertritt die Interessen des ausbeuterischen Kapitals, indem sie das Volk in geistiger Rück⸗ ständigkeit zu erhalten sucht. Die sozialdemo⸗ Katische Parteipresse aber verfolgt das Ziel, Aufklärung zu schaffen und die Masse zu geistiger Reife zu erziehen.
Mit vorliegender Nummer tritt die „Mitteldeutsche SonntagsZeitung“ in das zweite Quartal ihres elften Jahr⸗
Abonnentenzahl zu verzeichnen, das darf uns aber noch keineswegs genügen und es tritt daher für jeden Genossen die weitere und leicht zu erfüllende Pflicht heran, für Gewinnung neuer Leser nach besten Kräf⸗ ten zu wirken. Jeder muß agitieren, in Werkstelle und Fabrik, Haus und Fa⸗ milie, beim Glase Bier und im geselligen Kreise der Freunde und Arbeitskollegen. Unablässige Arbeit, zähe Ausdauer sichert den Erfolg!
Die„Mitteldeutsche Sonntags Zeitung“ erscheint wöchentlich ein mal und kostet nur 28 Pfg. den Monat; 75 Pfg. das Vierteljahr.
— Osterausflüge. Am ersten Oster⸗ feiertage unternimmt der Wahlverein einen Ausflug nach Annerod. Die Mitglieder und deren Bekannte sind zu zahlreicher Beteiligung freundlichst eingeladen; man trifft sich 3 Uhr nachmittags auf der Höhe der Licherstraße in der Nähe der Wirtschaft Hengst. In elnnerod bei Wirt Döring. Wenn das Wetter einiger⸗ maßen freundlich ist, so ziehe man mit Kind und Kegel hinaus ins Freie. Das ist gerade für die in staubiger Werkstelle die ganze Woche sich abplagenden Arbeiter dringende Notwendig⸗ keit.— Fröhliche Ostern!
— Der„Gießener Anzeiger“ schrieb am Montag zur Zschopauer Wahl:
„Bei den letzten Reichstagsersatzwahlen, in Lüneburg, Eschwege und Zschopau⸗Marien⸗ berg in Sachsen, fand ein starker Rück⸗ gang der sozialdemokratischen Stimmen statt. Die Herren Genossen sind verblüfft und in ihrem starren Staunen da⸗ rüber sprachlos geworden. Keines der uns vorliegenden sozialdemokratischen Blätter findet dafür Worte.“
Das war am Montag. Am Sonntag bereits brachte nicht nur der Vorwärts, sondern die gesa mte sozialdemokratische Presse spalten⸗ lange Artikel über diese Wahl, einzelne Blätter, 3. B. die Frankfurter„Volksstimme“ haben sie schon in der Samstagsnummer behandelt. Das ist ja auch ganz selbstverständlich. In der so⸗ zial demokratischen Presse ist es nicht üblich, sich an unangenehmen Dingen vorbeizudrücken, sondern sie werden nach Bedeutung gewürdigt, manchmal sogar mehr wie die nötige Selbst⸗ kritik geübt, was andere Parteien an sich gar nicht wagen. Vertuschungspolitik treibt die Sozialdemokratie nicht, das überläßt sie den Amtsblättern.— Wenn der Artikelschreiber weiter sagt, die„parlamentarische Unfruchtbar⸗ keit“ der Sozialdemokratie habe viele„Mit⸗ läufer“ veranlaßt, ins bürgerliche Lager zu rückzukehren, so ist wohl die Frage nach der parlamentarischen Fruchtbarkeit der Natio⸗ nalliberalen und Antisemiten erlaubt. Spe⸗ ziell die nationalliberale Vertretung des Gießener Wahlkreises hat bisher noch alle und jede Fruchtbarkeit vermissen lassen. Da geht kein Keimchen auf— und der„Anzeiger“ hat doch stets reichlich gedüngt.
— Die Gewerkschaften in Gießen haben in der letzten Zeit zum größten Teile recht gute Fortschritte gemacht. Fast alle haben eine Mitglieder⸗Zunahme zu verzeichnen; für andere Berufe sind hier Filialen der betreffenden Verbände gegründet worden. Vor Kurzem wurde eine solche des Transport-Arbeiterver⸗ bandes ins Leben gerufen, die ebenfalls eine gute Entwickelung verspricht. Bedauerlich ist jedoch, daß die Organisationsverhältnisse bei den Tabakarbeitern sehr im Argen liegen. Bei den zahlreichen Angehörigen dieses Berufes in Gießen und Umgebung müßte der Tabak⸗ arbeiter⸗Verband hier eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern haben. Die Arbeits- und Lohnverhaͤltnisse in dieser Branche sind doch wahrlich derartig mißliche, daß der Zusammen⸗ schluß der Arbeiter als eine gebieterische Not⸗ wendigkeit erscheint. Es sei auch noch darauf
hat, daß auch in Hinsicht darauf der Anschluß zu empfehlen ist. Er wäre gut, wenn unter den Tabakarbeitern mal einige Agitation für die Gewerkschaft entfaltet würde. Wir sind gerne bereit, Beitrittserklärungen zu vermitteln.
— Im Wahlverein wurde in der Versamm⸗ lung am 26. März Bericht über die Kreiskonferenz er⸗ stattet. Hieran schloß sich eine lebhafte Diskusston, in der die Mängel unserer Organisation hervorgehoben und Vorschläge gemacht wurden, die eine Besserung herbei⸗ führen sollen.— Im Weiteren diskutierte man über die Einführung einer erhöhten Biersteuer, wie sie für Gießen in Vorschlag gebracht worden ist. Nach längerer Debatte sprach sich die Versammlung dahin aus, daß Erhöhung der indirekten Steuern unter allen Umständen zu verwerfen sei.
— Mit dem hessischen Gemeinde⸗ steuer⸗Entwurfe beschäftigte sich Prof. Staudinger-Darmstadt in einer öffentlichen Versammlung der Bodenreformer am Freitag in Café Ebel. Der Redner legte sehr ein⸗ gehend die einzelnen Steuerarten und ihre Wirkung dar und kam zu dem Schluß, daß der Entwurf der hess. Regierung trotz einiger ihm noch anhaftenden Mängel Anerkennung verdiene. An der Diskusston beteiligte sich be⸗ sonders Herr Oberbürgermeister Mec um, der für Umsatzsteuer(bei Grundstücksverkäufen) ein⸗ trat.
— Vom Krankenkassenwesen. Von einem Aerzte⸗Konflikt, wie sie in vielen Orten ausgebrochen sind, bleiben wir in Gießen glücklicherwelse verschont. Wie wir hören, hat der Vorstand der Ortskrankenkasse mit den bisher für die Kasse tätigen Aerzten die am 1. Januar nächsten Jahres ablaufenden Verträge auf weitere 3 Jahre erneuert. Allerdings hat eine Erhöhung des ärztlichen Honorars stattgefunden. Außer den bis⸗ herigen Kassenärzten wurde noch mit Herrn Dr. Reine. wald als Spezialarzt für Hals⸗ und Nasenkranlheiten Vertrag abgeschlossen.— Die Krankenkassen und Sani⸗ tätsvereine in Gießen und Umgegend haben sich zu einer„Freien Vereinigung“ zusammengeschlossen. Zweck derselben soll eine gemein same Besprechung aller das Kassenwesen berührenden Fragen sein. Vorsitzende sind die Herren Winn und Horst; Kassierer Bräuti⸗ gam und Lehr; Schriftführer Fourier und Schmidt⸗ Lollar; Hahn ⸗Krofdorf, Becke r⸗Lollar und Peppler⸗ Rodheim Beisitzer.
— Die Petit ionslisten wegen Errichtung eines Gewerbe⸗Gerichts für den Kreis Gießen müssen jetzt unbedingt eingeliefert werden, wo das noch nicht geschehen ist. Die Orte, wo etwa noch keine zir⸗ kultert haben sollten, werden ersucht, umgehend bei 5 Vertrauensmann, A. Bock, Dammstr. 22, solche zu verlangen und in Umlauf zu setzen.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen.
* Für Friedberg und Bad Nau⸗ heim wird die Errichtung eines gemeinschaft⸗ lichen Elektrizitätswerkes, eines Schlachthauses und eines Volks bades sowie einer elektrischen Bahnverbindung angestrebt. Ueber diese Pläne wurde wenigstens in einer vorige Woche in Friedberg stattge⸗ fundenen Bürgerversammlung verhandelt. Man nahm dort eine Resolution an, in der die städtischen Vertretungen aufgefordert werden, die zur Prüfung und Ausführung des Vor⸗ habens erforderlichen Maßnahmen baldigst zu treffen. Nauheim war in der Versammlung ebenfalls vertreten. Mit der Vollendung dieser schönen Sachen wirds allerdings wohl noch einige Zeit haben.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. In der letzten Stadtverordneten⸗ Versammlung kam u. a. die berühmte Körordnung zur Sprache, wozu eine Eingabe des Landwirts Keiner aus Werdorf vorlag. In der Debatte darüber wird das Vorgehen der Körkommission als eine Beschränkung der persönlichen Freiheit und des Erwerbs bezeichnet und schlietzlich ein Antrag angenommen, wonach die Ankörung eines Simmentaler Zuchtstieres für die Wetzlarer Landwirte gefordert werden soll.
h. Die Ortskrankenkasse hielt am Dienstag ihre General⸗Versammlung ab. Nach dem Geschäftsbericht betrug die Zahl der Mit⸗ glieder durchschnittlich 814. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 12970 Mk. auf, der 12925[Mk. Ausgabe gegenübersteht. Am
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