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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

sonen werden in kurzen Zeitabschnitten in den Saal hineingelassen und jedes Auge betrachtet momentan erstaunt die bunte Masse der Gaben. Hinter dem Weihnachtsbaum hängen auf langen Stangen ganze Reihe Würste; mehrere Zentner. Nahe der Bühne zwei lange Tafel- reihen mit Kinderspielsachen. All die vielen Dinge namentlich anzuführen, ist unmöglich. Links daneben mehrere Kisten mit Kinderfilz⸗ schuhen für jedes Alter. Weiter drei lange Tische mit wollenen Kindersachen, Strümpfe, Jäckchen, Mützen, das reine Wollwarengeschäft. Auf derselben Seite befindet sich auch die Herrenkonfektion in reichhaltigster Auswahl. Der Bedarf scheint ein großer zu sein, denn der Absatz ist reißend. uf der rechten Seite des Saales, nahe der Bühne ist die Spezerei⸗ warenabteilung. Bei Eröffnung der Bescherung war darin zu verzeichnen: ca 40 Zentner Margarine, einige Zentner Butter, viele Zentner Zucker, Kaffee in hunderten von Paketen, ganze Kisten Zichorie, Pfefferkuchen, mehrere Seiten Speck, kurz, Herz was begehrst du? Da kommt soeben eine bleiche, verhärmte Frau. Auf ihrer Legitimationskarte steht: fünf Kinder. Die Frau strahlt vor Freude, wie sie, gemäß ihrer

Kinderzahl, einen Korb voll Lebensmittel usw.

erhält. Sie will nicht soviel annehmen,die andern sollen auch etwas bekommen, wendet sie ein.Genug da für alle, lassen Sie sich die Sachen schmecken, belehrt dasLaden⸗ fräulein die Frau, die unter großen und recht überflüssigen Dankesbezeugungen von dannen geht. Lustig zuzusehen ist es, wo es Damen⸗ konfektion giebt. Die liebe Eitelkeit, sie be⸗ hauptet sich in allen Lagen des Lebens. Jenes junge nette Frauchen dort probiert ein Jakett, zwei Freundinnen halten auf Wunsch die Kri⸗ tik, ob das Kleidungsstück auch gut sitzt. Ein halbes Dutzend junger Mädchen hält große Beratung über einen Umhang usw. Bei einigen Kisten Schuhwaren nutzen regelmäßig eine Reihe Personen und üben Anprobe; das Geschäft wickelt sich etwas langsam ab, denn, wer die Wahl hat, hat auch die Qual. Unter gegen⸗ seitigen Scherzworten wird gesucht, geprüft, probiert, ausgetauscht; ein tatsächlich fesselndes Leben und Treiben. Vor dem Saaleingang, im Hofe, stehen wohl über 300 Menschen, den Augenblick ercdartend, wo sie an die Reihe kommen. Sie sehen ihre Kollegen und Kolle⸗ ginnen mit Körben voll Sachen aus dem Saal heraustreten. In einer Gruppe von Frauen äußert ein Mütterchen seine Bedenken, ob noch etwas übrig sein werde, wenn es an der Reihe ist. Da fährt soeben ein mit Kisten beladener Wagen in den Hof.Na ja, sagt das Mütter⸗ chen,nu hab ich keine Angst mehr, nu krieg ich auch mein Teil. Lachend wird dem Mütter⸗ chen versichert, daß ihre Sorge unnütz war, denn es sind der Gaben genug da, um alle reichlich beschenken zu können. Wenn man bedenkt, daß 7000 Menschen beschert werden, so kann sich jeder ausmalen, welch eine Un⸗ menge von Gaben vorhanden ist. Diese Berge von Beweisen der Solidarität in der deutschen Arbeiterschaft, die Verbote von den Behörden und das Verhalten der Unternehmer im Gegensatz dazu, üben eine Wirkung aus auf Alt und Jung, die durch die allerschönsten hurrapatriotischen oder kirchen⸗ christlichen Redensarten nicht mehr abgeschwächt werden kann.

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Es ist erklärlich, daß durch die behördlichen Maßregeln den Streikenden die allgemeine Sympathie zugewendet wurde. Und keineswegs

blos der Arbeiter. Man findet es in allen Kreisen unerhört, den Arbeitern die Weih nachtsfeier zu verbieten, ihnen beinahe jede Zusammenkunft unmöglich zu machen. Einige⸗ male konnten die Ausgesperrten in Sachsen⸗ Altenburg Versammlungen abhalten, dort wendet man aber jetzt auch die sächsischen Praktiken an und verbietet die Versammlungen. Das wird Zehntausende von Arbeitern darüber aufklären, daß der Staat nur das Unternehmer ⸗Interesse vertritt, daß Unternehmertum und Klassenstaat zusammenstehen, um die Arbeitermassen in Ab

hängigkeit zu erhalten. Gleichzeitig werden die

enormen Summen, die Masse der Gaben, die für Crimmitschau gespendet worden sind, im⸗ ponierend wirken, und auch den bisher indiffe⸗ renten Arbeitern einen Begriff davon geben,

was die Arbeitermasse zu leisten vermag, wenn

ste nur will. In Crimmitschau wollten die Unternehmer der Arbeiterbewegung ein ent⸗ scheidender Schlag versetzen, es ist ihnen aber nicht gelungen und wird ihnen niemals gelingen, wenn die deutsche Arbeiterschaft wie bisher ihre Pflicht tut.

Sogar ein bürgerliches Blatt in Sachsen wendet sich gegen die Behörden und das will gewiß viel sagen. Die liberaleDresdener Zeitung sagt u. Anderem:

Kein Dramatiker und Rührstückfabrikant könnte wirksamere Mittel ersinnen, Teilnahme für die Crimmit⸗ schauer Streikenden zu wecken, als es die säch sische Obrigkeit fertig gekriegt hat. Und die Scharf⸗ macherpresse macht es sich unaufgefordert und erwünscht zum Beruf, mit allem Eifer hinter den Behör⸗ den herzuhetzen und die irregeleiteten Leiden⸗ schaften noch mehr zu schüren.Ja, schreien da die Retter des Staats,die Behörde muß doch zu solchen Maßnahmen ihre Zuflucht nehmen, um der maß⸗ losen Verhetzung der Massen ein Ziel zu setzen! Dem⸗ gegenüber möchten wir doch feststellen, daß keine Hetz⸗ rede soviel Erregung hervorzurufen vermag, als eben dieses unglückliche Bescherungs⸗ verbot. Das Unheil, das man mit ihm angerichtet hat, ist ganz gewiß weit größer als jenes, das man durch die Maßregel vermeiden wollte. Die Früchte beginnen bereits zu reifen; in großer Anzahl haben Arb iter ihren Austritt aus der Landeskirche angemeldet.

Das sagt ein nationalliberales Blatt!

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Die Unternehmerpresse leistet sich indessen weitere Hetzereien gegen die Streiken⸗ den. So heult ein Scharfmacherblatt und andere ihm nach:

Es ist selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie, welche, um die Mildtätigkeit anzuregen, bisher stets von denhungernden Webern in Crimmitschau, denen das Nötigste zum Leben fehlt, gesprochen hat, alles bestreitet. Aber man berücksichtige doch die hohen Spare in⸗ lagen, den Fleisch verbrauch, die gute Kleidung und Wohnung der Arbeiter, man überzeuge sich von der Tatsache, daß die Streikenden noch jetzt gemeinschaftliche Gänsebratenessen, Schweineschlachten und bis in den Morgen währende Festlichkeit aller Art abhalten. Der Kampf ist jetzt ein Kampf aller Arbeitgeber Deutschlands gegen die übermächtige So⸗ zialdemokratie geworden.

Diese blödsinnigen Ausstreuungen werden dem Unternehmertum nichts nützen, sondern die deutsche Arbeiterschaft wird die Kämpfenden weiter unterstützen. Weiß doch jeder Mensch, was für Schwelgereien mit 12 bis 14 Mark Wochenlohu bestritten werden können!

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Einigungs⸗ Verhandlungen sind ge⸗ scheitert.

Am Mittwoch vor den Feiertagen haben in Anwesenheit des Geh. Regierungsrats V. Böh⸗ mert⸗Dresden Verhandlungen zwischen Unter⸗ nehmern und Arbeitern stattgefunden, denen der Vorsitzende des Textilarbeiter-Verbandes bei⸗ wohnte. Die Verhandlungen scheiterten an dem Verlangen der Fabrikanten, bezüglich der Wiedereinstellung der Ausgesperrten eine Auslese halten zu wollen. Darauf konnten sich die Vertreter der Arbeiter nicht einlassen. Es ist selbstverständlich, daß die Un⸗ ternehmer, wenn ihnen eine solche Konzession gemacht worden wäre, unter den Ausgesperrten rigoröse Musterung gehalten haben würden. Der Kampf geht also weiter, die Unternehmer scheinen die Machtfrage mit allen eventuellen Konsequenzen zu wollen. Das Verlangen der Unternehmer, Auslese halten zu können, ist schon deshalb ein völlig ungerechtfertigtes, weil die Herren ja selost schuld sind, daß die ge⸗ samte Arbeiterschaft sich im Kampfe befindet. Ohne begründeten Anlaß warfen die Unter⸗ nehmer 8000 Menschen auf die Straße, und wollen jenem Akte nun den ebenso schlimmen folgen lassen, die von der Arbeiterschaft mit der Wahrnehmung ihrer Interessen bebauten Arbeiter zu maßregeln. Diese würden dann, da das Unternehmertum mit schwarzen Listen arbeitet, in ganz Deutschland keine Beschäftigung mehr erhalten.

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Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.)

Das Aergste war geschehen. Der Vater hatte ihn gezüchtigt wie einen Buben, hatte ihn über alle Begriffe schmählich traktiert. Was konnte ihm jetzt noch widerfahren? Was hatte er noch zu verlieren? Jetzt ging's in einem hin, was noch geschah. Auf etwas mehr oder weniger Schande, und auf etwas mehr oder weniger Schläge kam's jetzt nicht mehr an.

Die Wahrheit war an den Tag gekommen und nicht mehr zu vertuschen. Keine Ausrede, keine Lüge half mehr. Jetzt galt es, bei der Wahrheit zu bleiben und auszuhalten und geradeaus vorwärts zu gehen.

Für ihn gab es nur noch eine Pflicht in der Welt. Die Leute hatten ihren Spott mit ihm und ärgerten ihn; der Vater und der Bruder verachteten ihn und taten ihm Böses an, so viel sie konnten; nur die Bäbe hatte ihn gern sie hielt alles auf ihn und schätzte ihn so hoch mit allen seinen Fehlern. Sie war die einzige Se le, die's wirklich gut mit ihm meinte die einzige auf der ganzen Welt! Von ihr nicht zu lassen, ihr anzuhangen und ihr alles Liebe und Gute zu tun, was er uur vermochte, das war das einzige, was er jetzt noch zu tun hatte.

Tränen füllten die Augen des guten Bur⸗ schen, als er in der Hülle und Fülle seiner Schmach an die Liebe der Bäbe dachte, an die Freundschaft und die Güte, die sie ihm bis jetzt bewiesen hatte. In der Rührung seines Herzens erneuerte er das Gelöbnis der Treue mit feierlichen Beteuerungen und faßte wieder⸗ holt den Eutschluß, um ihretwillen alles zu dulden, was der Teufel ihm auch noch antun mochte! Und nun, in dieser Verfassung, schämte er sich nur der Scham und der Furcht vor den Leuten. Daß er im Pfarrhaus solche Angst hatte, und daß er so froh war, es im Rücken zu haben das war elend von ihm! Die Bäbe riskierte so viel für ihn, und er selbst wollte nur immer gut wegkommen und trachtete, wenn's gefährlich wurde, nur immer danach, weit davon zu sein! Nicht dafür, daß er den Vater angelogen, wohl aber für dieses schlechte Benehmen hatte er die Schläge gar wohl verdient. 5

Solche Gedanken und Empfindungen übten schließlich auf den Burschen eine trösten de, stärkende Wirkung. Der Vorsatz, unbedingt alles auszuhalten um der Geliebten willen, und das Gefühl, ihrer dadurch immer würdiger zu werden, warfen einen veredelnden Schein auch auf die bisher erduldete Schmach; sie beruhigten ihn und gaben ihm Haltung, sogar eine Art von Würde. Er kleidete sich an und ging in die Stube.

Bei dem Vater, der auf der Bank saß,

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stand die Walpurg; Tobias konnte, ohne sich

etwas zu vergeben, guten Morgen sagen, und er tat es mit ruhigem Ernste und mög⸗ lichst in der hergebrachten Weise. Die Haus⸗ hälterin dankte freundlich, und sogar der Alte gab mit geschlossenen Lippen eine Art Laut von sich, der als eine Erwiderung gelten konnte. Man rief den Kaspar von der Kammer und die Morgensuppe. 0 a

Der alte Schneider, als er frühmorgens neben dem schnarchenden Kaspar erwachte, hatte doch eine gemischte Empfindung gehabt.

Der Sohn hatte eine Züchtigung verdient,

das war augenscheinlich; aber die Art, wie er sie ihm angedeihen ließ, war doch sehr stark.

Er hätte ihm ein Glied abschlagen können und mußte jetzt nur froh sein, daß es nicht geschehen

war. Ein verwünschter Handel, und ein Elend, so einen Menschen zum Sohne zu haben!

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