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Nr. 40.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
worden und liege dort ohne Pflege und ärztliche Hülfe. Als ich entgegnete, dies könne nicht richtig sein, da ich der Stationsschwester telephonisch die für den vorliegenden Fall nötigen und vorläufig einzig möglichen Verordnungen gegeben hätte, sagte er in gereiztem Ton:„Ja reiche Leute werden anders behandelt“ 2c. Hierauf entgegnete ich, daß ich keine Verpflichtung und Grund hätte, Abends nochmals in das Krankenhaus zu gehen, er möge sich gedulden bis zum anderen Morgen, wenn ich meine Visite, wie alltäglich, im Krankenhaus machte; sollte ihm das nicht genug sein, so stehe es ihm frei, seine Tochter wieder herauszuholen. Sch. tat dies unter Schimpfen und Beleidigungen gegen die Schwester⸗Oberin und mich.“
Die weitere Erklärung des Herrn Dr. Herr enthält Beleidigungen und wir bringen sie deshalb nicht zum Abdruck; was er darin sagt, ist auch im Wesentlichen im Vorstehenden enthalten. Wir werden nicht verfehlen, die Sache nochmals gründlich zu untersuchen und die festgestellten Tatsachen bekannt geben.
o. Nus Krofdorf schreibt man uns: Hier werden bei einer Uebung der Pflichtfeuerwehr 30 Pfennige für den Mann aus der Gemeindekasse bezahlt. Bisher war es üblich, daß man diesen Betrag und noch etwas dazu gleich am Abend nach der Uebung in Bier umsetzte und zwar früher in der Wirtschaft des Gemeindevorstehers und nach dessen Rücktritt bei dem Schwiegersohn des neuen Vorstehers. Bei der letzten, im Juli stattge⸗ fundenen Uebung waren nun eine Anzahl der Feuer⸗ wehrleute nicht mit dem Vertrinken des Geldes einver⸗ standen, sondern verlangten ihre 30 Pfg. aus bezahlt. Das wurde ihnen zwar versprochen, einige haben auch schon quittiert, aber bekommen hat noch keiner etwas. Warum diese Schwierigkeiten wegen der paar Pfennige?
Aus dem Rreise Dillenburg⸗-Herborn.
Eine Volksversammlung findet diesen Sonntag(2. Oktbr.), nachmittags 4 Uhr in Haiger im Lokale Völkel Wwe., Obertor 2, statt. Stadt⸗ verordneter Dr. Quarck⸗Frankfurt spricht über das Thema:„Nieder mit den Sozialdemokraten“, Selbst⸗ verständlich hat Jedermann Zutritt und wird freie Diskussion zugesichert.
V. Eine jammerliche Wahlbeteiligung war bei der neulichen Stadtverordnetenwahl in Haiger zu verzeichnen. Von 345 Wählern übten ganze 70 ihr Wahlrecht aus. Gewählt wurde der christlich⸗soztale Buchbinder Weber mit 43 Stimmen, während unser Genosse Trott 20 erhielt. Die Wahl ist ein Schand⸗ fleck für unsern Kommunal⸗Liberalismus. Um einen Jasage⸗Bruder zu erhalten, schlug der nationalliberale Fabrikant Schramm, der noch vor Jahresfrist ein scharfes Flugblatt gegen die Christlich⸗Sozialen geschrieben hat, eine Kandidatur aus. Und um zu verhüten, daß unser Genosse Trott in's Rathaus komme, opferte er lieber sein liberales Ehrgefühl. Schramm spielt gewisser⸗ maßen in unserer Stadtverwaltung die erste Geige; was er will— wenn es noch so sehr das Interesse der Stadt schädigt— geht durch. Dabei ist er von einer erbitterten Unduldsamkeit gegen Andersdenkende, speziell aber gegen sozialdemokratische Arbeiter beseelt. Gegen die Wahl soll nun trotzdem von den Bürgerlichen Protest eingelegt werden. Angeblich soll nicht nach der alten, sondern nach der berichtigten Liste gewählt worden, sowie oft die Namensbezeichnung nicht genau gewesen sein, da es mehrere Weber gibt. Einmal soll sogar, nachdem der Wähler schon fort war, der Vertrauensmann der Christlichen an den Wahltisch gegangen sein und gesagt gaben, sie möchten den Vornamen seines Kandidaten noch hinzusetzen, was auch geschah. Interessant ist es auch, daß die Kandidatur Weber im evangelischen Verein nach der Gebetsversammlung proklamiert wurde.
Allendorf bei Haiger. Wie die Besitzenden aus Blutgroschen der Armen und wirtschaftlich Schwachen Riemen schneiden, beweist der Beschluß unseres Vieh⸗ assekuranz⸗Vereins. Bekanntlich betragen die Versiche⸗ rungsgebühren bei der Schlachtviehversicherung pro Stück Mk. 4.—. Die reichen viehverkaufenden Bauern be⸗ schlossen nun in der General⸗Versammlung trotz des Protestes unseres Genossen, Gemeinde⸗Vertreters Krumm, in Zukunft die Hälfte dieser Schlachtviehversicherungs⸗ kosten aus der Assekuranz zu zahlen. Da die meisten Assekuranzmitglieder Kleinbauern und arme Arbeiter sind, die kein Schlachtvieh mästen und verkaufen können, so wird dieser Zuschuß zu Gunsten der Reichen auf die Schulter der Minderbemittelten abgewälzt.
W In Langen aubach fand am Samstag vor 8 Tagen eine christlich⸗sozlale Versammlung statt, in der Dr. Burckhardt seinen Reichstagsbericht erstattete. In der Diskussion gab es ein Zusammenstoß mit unserem Genossen Trott, der an der Hand des Reichstags stenogramms nachwies, daß in der Rede Burckhardts, die als Flugblatt verbreitet wurde, wenigstens 20 Sätze enthalten sind, die Burckhardt gar nicht gesprochen hat. Trott, der ruhig und sachlich blieb, setzte dem Herrn Doktor so zu, daß dieser erklärte, nicht mit ihm disku⸗ tieren zu wollen. Nach diesem Rezept scheint Burckhardt seine Gegner mundtot machen zu wollen, denn er hat es dem Genossen Hoffmann in Bielefeld, der ihm seine
Unrichtigkeiten vorhielt, ebenso gemacht. Einmal hielt Trott Dr. Burckhardt vor, er werfe sich dem Zentrum an den Hals und habe in Dortmund erklärt, ohne das Zentrum sei nichts Positives zu machen. Dr. Burckhardt erklärte dies als Lüge, worauf Trott ihm durch den betr. Versammlungsbericht aus dem„Volk“, unter Hallo der Versammlung, nachwies, daß er tatsächlich so gesagt habe. In seinem unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinenden Volksfreund dementiert nun Dr. Burckhardt alles. Aus diesem Grunde hat Trott Dr. Burckhardt zu der am Sonntag in Haiger stattfindenden Versamm⸗ lung unter Zuftcherung freier Diskussion eingeladen, um zu den einzelnen Fragen nochmals Stellung zu nehmen.
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
e. Nichts ohne polizeiliche Genehmigung! Der Genosse Gaßmann hatte Ende August Versammlungs⸗ Plakate an die dafür bestimmten Stellen angeklebt, ohne dazu die polizeiliche Genehmigung eingeholt zu haben. Er erhielt deswegen ein Strafmandat, gegen das er Einspruch erhob. Vom Schöffengericht wurde er am Donnerstag auf Grund einer alten Verordnung zu 6 Mark Geldstrafe verurteilt, obwohl der Amtsanwalt nur 3 Mark beantragt hatte.
Jungen sollen die Finger von Schieß gewehren lassen. Die Marburger Strafkammer verhandelte am Freitag voriger Woche gegen den Bäckerlehrling und Sohn des Gendarmen a. D. Cöster zu Löhlbach wegen fahrlässiger Tötung. Der Junge, dessen Vater Pächter der dortigen Feldjagd ist, hatte am Abend des 29. Juli auf dem Anstand einen fünfjährigen Knaben, den er für einen Rehbock gehalten, erschossen. Das Gericht ver⸗ urteilte ihn deshalb zu vier Monaten Gefängnis.
Streiksünder vor Gericht.
Der Zimmermann Stuckert von Ober⸗Ramstadt hatte an dem Neubau des Darmstädter Hofes Streik⸗ posten gestanden und die Lorscher Zimmerer mit Redens⸗ arten bedroht. Dem Zimmermann Fucker von Lorsch sagte er, daß er ihm„den Hals abschneiden“ werde, wenn er noch einen Balken in die Höhe zöge. Der Angeklagte riß auch ein Tor auf und wies mit allerlei Redensarten auf die arbeitswilligen Zimmerleute hin. Er wurde von der Strafkammer Darmstadt wegen Nötigung und Hausfriedensbruch zu 14 Tagen Gefäng⸗ nis verurteilt.
Rotwein im Meere!
Ein seltenes Strandgut ist auf Sylt ange⸗ trieben. Ein 700 Liter⸗Faß Rotwein. Da das Faß vollständig mit Muscheln bewachsen ist, so nimmt man an, daß es in einem Schiffs⸗ rumpf lange auf dem Grunde des Meeres lag, bis der Rumpf auseinanderbrach und das Faß zum Schwimmen kam. Stichproben haben er⸗ geben, daß der Wein noch tadellos ist.
Zehn Arbeiter getötet!
Geradezu massenhaft fallen die Opfer der Arbeit im Ruhrgebiete. Am Mittwoch Abend brach auf der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen in einem im Abteufen begriffenen Schacht die Mauerbühne zusammen. Zehn Mann stürzten in die Tiefe, acht sind tot, zwei tötlich verletzt. Ob das grauenhafte Unglück nicht durch ordentliche Schutzmaßregeln zu vermeiden gewesen wäre?— Weiter brach in Essen das Gerüst eines Neubaues zusammen, wobei zwei Arbeiter verletzt wurden.
Wieder Einer.
Die Strafkammer in Augsburg verurteilte den katholichen Pfarrer Lorenz Alt von Steppach zu fünf Monaten Gefängnis und erkannte ihm für zwet Jahre die Fähigkeit, ein öffentliches Amt zu bekleiden ab. Alt hatte vor zwei Jahren der Kirchenstiftungs⸗ kasse Wertpapiere für 800 Mk. und von andern Wertpapieren Kupons für 727 Mk. eigenmächtg entnommen und für sich verwendet. Vom Stiftungspfleger hatte er sich unter irgend einem Vorwand den zweiten Schlüssel geben lassen, um die Kasse öffnen zu können.
Kleine Mitteilungen.
** In Ockershausen bei Marburg stürzte ein älterer Mann beim Aepfelpflücken vom Baume und erlitt außer einem Armbruch noch andere Verletzungen.
e Schlimmer Jugenderzieher. Der ver⸗ heiratete Lehrer Grünewald in Darmstadt, der wegen Sittlichkeitsverbrecheu verhaftet werden sollte, beging am Montag Selbstmord.
r In den Wurstkessel gefallen. In Nürn⸗ berg hatte sich vorige Woche ein Metzgerlehrling auf
den Rand des Wurstkessels gesetzt, war eingeschlafen und rückwärt in die kochende Brühe hineingestürzt. Er erlitt lebensgefährliche Brandwunden.
Eine Typhus⸗Epidemie ist in Detmold ausgebrochen und dehnt sich weiter aus. Täglich werden etwa 20 neue Erkrankungen durchschnittlich angemeldet. Augenblicklich liegen noch 437 Personen krank darnieder; auch einige Todesfälle sind wieder zu verzeichnen.
Opfer der Arbeit. Auf dem Stummschen Hüttenwerk in Neunkirchen erfolgte eine Hochofen⸗ explosion. Zwei Mann wurden lebensgefährlich und zwei leicht verletzt.— Ferner explodierte in der Seidenspinnerei in Kelsterbach a. M. ein Bottich mit Abfallseide. Die daran beschäftigten verheirateten Arbeiter Vonhoff und Rostan wurden derart verletzt, daß sie mit schweren Brandwunden bedeckt in das Hospital nach Frankfurt verbracht werden mußten, Die Brandwunden sollen lebensgefährlich sein.. ————
Partei-Uachrichten.
Der Parteivorstand gibt bekannt, daß er sich konstituiert habe. Zuschriften sind wie bisher zu richten an J. Auer, Geldsendungen an A. Gerisch, beide Berlin S W., Kreuzbergstraße 30. Vorsitzender der Kontrolleure ist Hch. Meister, Hannover, Lange⸗ straße 1.
Weiter fordert der Parteivorstand zur Neuwahl der Vertrauenspersonen auf, deren Adresse sofort mitzuteilen ist. Ferner sollen die Parteigenossen durch größtmög⸗ lichste Verbreitung der Parteipresse für unsere An⸗ schauungen und Grundsätze wirken und besonders auch auf die weiteste Verbreitung der„Neuen Zeit“, sowie auf die der„Gleichheit“ zur Gewinnung der Frauen für unsere Bewegung Bedacht nehmen.
Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach.
Sonntag, den 9. Oktober nachmittags ½3 Uhr:
Kreiskonferenz im Saale des Gastwirts Keutzer in Lauterbach.
Tagesordnung: 1. Bericht des Kreisvertrauensmanns u. Neuwahl desselben. 2. Bericht des Vorstandes. Rechnungsablage und Neuwahl des Vorstandes. 3. Agitation. Organisation. 4. Verschiedenes. 5. Bericht von der Landeskonferenz und vom Partei⸗ tage. Berichterstatter: Dr. Robert Michels.
Die Parteigenossen werden um recht zahlreiche Beteiligung ersucht.
Der Kreisvertrauensmann.
Versammlungskalender.
Samstag, den 1. Oktober.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 ½ Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Löb(Wiener Hof).
Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abends 8 ¼ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer.
Sonntag, den 2. Oktober.
Gießen. Handelshilfs arbeiter. Nachmittags % Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag eines Frankfurter Kollegen.
Kirchhain. Wander⸗Müller⸗Versamm⸗ lung. Nachmittags 3 Uhr im Restaurant„Zur alten Post“(Inhaber: Althaus). Tagesordnung: Die wirtschaftliche Lage der Mühlen⸗Arbeiter und die deutschen Gewerkschaften. Ref.: A. Wedemann.
Dienstag, den 4. Oktober.
Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr
Sitzung bei Orbig.
Briefkasten. Lollar. Erscheint in der nächsten Nummer.— In der vorigen Nummer mußten Umstände halber eine Anzahl Zuschriften zurückgestellt werden.
Schirme Spazierstöcke kauft man gut und billig in der
Cusseler Schirmfabril Giessen, Seltersweg 9. Marburg Fulda Ca ssel
Schirme werden repariert und neubezogen.
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