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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 51.

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eite 6. 7 Gen 10 Unterhaltungs-Ceil. 7

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Au die Geduld.

O Geduld, der Schaf und Esel Vielgepries'ne Tugend du— Soll denn auch dich erlernen?— Fahr dem Grund der Hölle zu!

Wirst du, durch das Land als Bettler, Sufluchtsort begehrend ziehn—

Geh, nie wird in meinem Herzen

Dir ein Aufenthalt verliehn:

Und wenn du als ein Eroberer Sieggekrönt durchziehst die Welt, Soll mein Herz dem Felsen gleichen, Der sich dir entgegenstellt. Leergedroschnes Stroh, Geduld, du— Jene dich als Aehr'n voll Frucht Feil den dummen Venschen bieten, Die dein Korn herausgesucht! Leerer Topf du, dessen Sahne Weggenaschet hat die Natz',

Und nun, offnen Munds, die Köchin Steht verblüffet an dem Platz

Du.. wie soll ich dich benennen d Dich, Geduld, stoß ich zurück,

Denn, wo dein Bezirk beginnet,

Hat ein Ende jedes Glück! Glücklich könnte sein die Erde, Wärest du nur nicht darauf,

Und so lang du bleibst, nimmt alles Seinen alten, schlimmen Cauf.

Fort mit dir, du Fluch des Lebens, Fort zur tiefsten Höllennacht! Sinke in die Hölle, die dich Dieser schönen Welt gebracht! Alexander Petöfi

Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr.

(Fortsetzung.)

„Ja,“ fiel der unbeugsame Tobias ein,„in mir steckt aber mehr davon als in andern Menschen. Red mir's nicht aus und mach mich nicht besser, als ich bin! Es ist einmal so, und ich will nicht haben, daß man sagt, ich sei anders, als ich bin. s ist mir halt angeboren,“ 35 er mit einem Seufzer fort,„und von ugend auf hat man auch so gegen mich ge⸗ handelt, daß ich eben geworden bin, wie ich bin! Ganz wird das nie aus mir heraus kommen!“

Das Mädchen, dessen Ungeduld bei diesen Reden begreiflich gewachsen war, erkannte, daß sie einen andern Ton anschlagen mußte; sie erwiderte resolut:„Nun, so mag's drin bleiben, in dir! Wenn wir einmal Mann und Frau sind, dann stehen wir zusammen, und wenn's bei dir fehlt, dann bin ich da!“

„Ja,“ rief Tobias,„das ist auch mein Trost Du bist für mich geboren, und wenn ich dich hab', dann trau' ich mir selber etwas zu. Daß du mich nur magst, das ist das Wunder⸗ bare! Aber du bist halt ein gutes, liebes Mädchen— und hast das beste Herz in der — Welt!“ Während dieser Erwiderung atte er den Arm um sie geschlungen und streichelte mit der andern Hand das Haar und die Wange der Geliebten so zärtlich als nur möglich.

„Gott sei Dank,“ sagte sich diese erfreut, „er wird wieder vernünftig!“ Und liebevoll entgegnete sie:„Warum soll das ein Wunder 107 daß ich dich mag? Du bist der beste

ensch, der mir in meinem Leben vorgekommen ist, und hast mich so lieb und hältst so viel auf mich— wo könnt' ich denn einen bessern Mann finden als dich? Und was du auch an dir haben magst, sieh, wenn ich jetzt die Wahl hätt' unter allen Burschen, die ich kenn', hier und anderwärts— ich würde nie und zufkeiner Zeit einen andern wählen als dich!“ W

12.

Das war zu viel für den Schneider. einem Wonneblitz durchzuckt stand er auf, zog die Bäbe mit empor, und die Liebenden, für einander Geborenen, fielen sich in überquellender Zärtlichkeit in die Arme und küßten sich nach dem Bedürfnis ihres Herzens. Der Kopf des Tobias fing an zu wirbeln; im Rausche der Glückseligkeit ward jeder Blutstropfen in ihm ein Mann; er fühlte sich von einer Kraft und einem Mute durchgossen, daß es ihm eine Kleinigkeit gedünkt hätte, nun seinerseits die Geliebte zu tragen, wohin sie wollte. Mit einer gewaltigen Stärke preßte er sie an sich, als wollte er sie nie wieder loslassen; die Bäbe hauchte bittend:„Tobias!“, und suchte seine Glut zu mäßigen—

In demselben Moment pochte es an die Tür.

Das Liebespaar fuhr zusammen stand und

horchte atemlos.

„Bäbe!“ rief es draußen.

Das Mädchen, unwissend, was sie antworten sollte, schwieg.

„Bäbe!“ wiederholte es stärker.

Es war die Pfarrerin.— Hatte sie etwas gehört?— bedurfte sie ihrer sonst?

Was es sein mochte: die Bäbe hatte ihre ganze Geistesgegenwart wieder. Nach einem schläfriggedehnten„Ah!“, als ob sie etwa er⸗ wachte, fragte sie:„Wer— ruft?“

„Ich, die Pfarrerin—“ erwiderte es draußen. „Kennst du meine Stimme nicht mehr, oder bist du noch im Schlafe?“

Der Ton dieser Worte hatte etwas Eigen⸗ tümliches, was der zur Bildsäule gewordene Tobias nicht herausfühlte, wohl aber das Mädchen. Es lag etwas Spottendes darin, was der Frau sonst nicht eigen war, und die Bäbe fühlte sich bei dem Gedanken durchschauert, daß sie wissen oder ahnen könnte, wer bei ihr war.

Trotzdem spielte sie ihre Rolle beherzt fort. „Ah so,“ rief sie, indem sie die Decke von dem Bette zurückschlug, vor dem sie stand,„Sie sind's! Befehlen Sie was? Soll ich aufstehen?“

„Allerdings,“ war die Antwort,„ich muß dich schon bitten! Der Herr hat einen Anfall von Husten und kann nicht mehr einschlafen. Geh hinunter und mach ihm den Tee!“

„Im Augenblick, Frau Pfarrin.“

„In zehn Minuten komm' ich und hol' ihn! Sorg da' alles in Ordnung ist bis dahin!“

„i wird alles recht werden!“

„Soll mich freuen,“ versetzte die Pfarrerin sub ging festen Schrittes zurück in die Schlaf⸗ tube.

Die Bäbe stand mit wogendem Busen und glühenden Wangen da. Die Stimme der Frau hatte denselben Klang behalten— sie konnte fast nicht mehr zweifeln, daß die Schlaue ge⸗ sehen oder gehört hatte, was geschehen war. Möglich, daß sie sich doch irrte und daß nur das böse Gewissen sie den Spott heraushören ließ!— Möglich, aber nicht wahrscheinlich!— Nach einem Moment der Ueberlegung faßte sie einen Entschluß nach dem Gebot ihres Arg⸗ wohns— und sie tat wohl daran.—

Die Pfarrerin wußte allerdings, wer im Hause war. Die gereizten Worte der Bäbe, mit denen sie im Haustennen dem Burschen seine Zaghaftigkeit verwiesen hatte, waren in ihr Ohr gedrungen und hatten sie aus leichtem Schlummer erweckt. Sie besaß ein feines Ohr, die kluge Pfarrerin, und indem sie es an⸗ strengte, vernahm sie ein Gewisper, daß sie die Sachlage augenblicklich erraten ließ. Sie stand auf, ging im Nachtkleid sachte zur Tür und hörte, wie's die Stiege herauf kam und in den Gang einbog. Sie legte das Aug' ans Schlüsselloch, wartend der Dinge, die da kommen sollten, ungestört sogar durch den Husten des Gemahls. Und es setzte sich wieder in Be⸗ wegung, und ste sah die seltsamste aller Kaval⸗ kaden an sich voxüberziehen!—

Im ersten Moment konnte sie sich nicht enthalten, das eigentümlich Lächerliche derselben und eine gewisse Freude über die Entdeckung zu empfinden. Aber diese Regung wich alsbald der Entrüstung über die Dreistigkeit des Mäd⸗ chens und über den ihrem Hause angetanen Schimpf.— Was sollte sie beginnen? Wenn ste die Tür öffnete und das Paar überraschte, versuchte der Bursche zu entspringen, es gab

Von Lärm, und der Herr, den sie sich mindestens

halb wach denken mußte, vernahm den Skandal! Er, der solchen Unfug gar nicht für möglich hielt, geriet außer sich, kam in Amtseifer— und der Skandal wurde öffentlich. Konnte sie sich aber ruhig verhalten und dem Leichtsinn der Frechheit das Feld überlassen? Unmöglich, — das Husten des Gatten, das sich endlich: wenn auch minder stark, erneuerte, gab ihr eine Idee. Sie trat an sein Bett und sagte! „Du hast's heut wieder stark, lieber Mann; ich will dir deinen Tee machen lassen!“— Der Pfarrer, durch die Anrede völlig munter geworden, glaubte, es wäre nicht mehr nötig, weil es sich schon gemindert habe. Die Frau drang aber so zärtlich in ihn, sie hielt ihm die Notwendigkeit, einem möglichen heftigern Aus⸗

bruch durch das erprobte Mittel zuvorzu⸗

kommen, so lebhaft vor, daß er sich fügte. Sachte verließ die Kluge das Schlafzimmer, über ihr Verfahren mit sich einig. Sie wollte durch den Ton ihrer Stimme dem Mädchen zu verstehen geben, daß sie alles mit angesehen, und ihr eine Frist bestimmen, damit sie in derselben den Liebhaber aus dem Hause schaffte. Wurde sie nicht verstanden und blieb der Bursche, so wollte sie ein anderes Mittel aus⸗ denken, das Aergernis nicht weiter gehen zu lassen.— Wir haben gesehen, daß sie ver⸗ standen wurde.—

Nach gefaßtem Entschluß wandte sich die Bäbe zu dem Burschen.— Dieser hatte in der kurzen Zeit die seltsamste Reihe von Ge⸗ fühlen durchlaufen. Als er in dem Zuruf die Stimme der Pfarrerin erkannte, wirkte die⸗ selbe, namentlich in der verstärkten Wieder⸗

holung, wie ein Posaunenstoß des jüngsten Gerichts. Die Blutstropfen in seinen Adern,

die noch eben krafterfüllt und angriffsmutig wie Löwen sich erhoben hatten, rannten und taumelten durcheinander wie eine vom Wolfe angefallene Schafherde; mit Mühe hielt er sich aufrecht. Die Geistesgegenwart des Mädchens, das täuschende Spiel des Aufwachens und Aufstehens erfüllte ihn mit Staunen über solch unbegreifliche Geschicklichkeit; er traute seinen

Augen und Ohren kaum; aber seine Seele 8

wurde erhellt durch einen Schimmer von Hoff⸗

nung, aus der schrecklichen Falle zu kommen,

in der er sich gefangen hatte, und seine Ge⸗ fühle nahmen in diesem Scheine eine ruhigere Bewegung an. Es war möglich, daß er nicht als frecher Entweiher des Pfarrhauses entlarvt und gebrandmarkt wurde! Es war möglich, daß er mit der Angst davon kam, daß ihm die ärgste Strafe erlassen wurde! Hatte er ungesehen die Kammer erreicht, so konnte er auch ungesehen den Hof und die Gasse er⸗ reichen!— Der Abgang der Pfarrerin stärkte diese Hoffnung bedeutend. Um so inniger trachtete seine Seele nun, aus dem Hause zu kommen.

Er war eben im Begriff, der Bäbe einen Vorschlag zu machen, als diese zu ihm sprach: „Tobias, wir können nicht länger beisammen bleiben, du mußt fort!— Sag' nichts dagegen,“ setzte sie hinzu, als dieser sich anschickte, seine vollkommende Beistimmung auszudrücken,„es geht nicht anders, du mußt aus dem Hause!“

„Ich(hab' ja gar nichts dagegen,“ erwiderte der Schneider lebhaft;„ich seh's ein, es geht nicht anders!“

„Das ist mir lieb“, versetzte das Mädchen.

— Nach einer kleinen Pause fuhr sie mit weicher, trauriger Stimme fort, indem sie die Hand liebevoll auf seine Schulter legte:„O Tobias, es ist recht schade, daß wir nicht bei⸗ sammen bleiben können! Wir haben bis jetzt wenig Glück miteinander gehabt; aber ich hoff, es wird sich eine andere Gelegenheit finden.“

„Sie wird sich finden,“ entgegnete Tobias. „Aber jetzt—“ a 5

„Du hast recht,“ versetzte die Bäbe, zog leise den Riegel zurück, öffnete die Tür und sagte mit einem Lächeln, das aber nicht umhin konnte, eine gewisse Schelmerei auszudrücken: „So, jetzt nimm deinen andern Platz wiede ein, weil's doch nicht anders hat sein wollen!“

Tobias faßte mit einer Art von Gewandt⸗ heit Posto, das Mädchen trat hinaus und

ging vorwärts im Gang, leise,? aufs leiseste

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