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Nr. 29.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Von Nah und Lern. Wieder Einer.
Vor der Strafkammer in Hanau stand am Montag der Knaplan Wilhelm Knipp, zuletzt in Dresden wohnhaft, unter der Anklage, sich in den Jahren 1901 und 1902 während seiner Wirksamkeit als Kaplan an der Knaben⸗ erziehungsanstalt Sannerz im Kreise Schlüchtern zahlreicher Sittlichkeitsverbrechen an Schülern der Anstalt schuldig gemacht zu haben. Im März ds. Js. wurde Knipp wegen gleicher Vergehen in Dresden zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust ver- urteilt. Der ärztliche Sachverständige gab sein Gutachten dahin ab, daß es notwendig erscheine, den Angeklagten auf die Dauer von sechs Wochen der Irrenanstalt zu Marburg zur„Beobachtung seines Geisteszustandes“(I!) zu über weisen. Das Gericht beschloß demgemäß.
Milde Strafe für Soldatenschinderei.
Ganze 14 Tage Mittelarrest erhielt am Samstag der Unteroffizier Hein vom Inf.⸗ Rgt. Nr. 68 in Koblenz dafür, daß er einen ban. auf die brutalste Weise mißhandelt alte. Faustschlägen und
Er hatte diesen im Monat März mit Fußtritten traktiert, so daß der Mißhandelte, wie er vor dem Kriegsgericht erklärte, jetzt noch Schmerzen hat. Das Gericht nahm hier einen„minderschweren Fall“ an. Schwere Fälle sind demnach jedenfalls nur, wenn einer mausetot geschlagen wird. Solche Urteile sind wirklich nicht geeignet, Mißhand⸗ lungen Untergebener zu verhüten.
Zu Zuchthaus verurteilt.
Wegen Mißhandlung von Untergebenen und Verleitung zum Meineid in zwei Fällen er⸗ kannte in Kassel das Kriegsgericht der 22. Diviston gegen den Sergeanten Geller vom Detachement reitender Jäger zu Langensalza auf eine Zuchthausstrafe von einem Jahr zwei Monaten, eine Strafe, welche gesetzmäßig Degradation und Ausschließung aus dem Heere im Gefolge hat. Geller hatte, nachdem er die reitenden Jäger Eschermann und Möller körper⸗ lich schwer mißhandelt, dieselben zu bewegen gesucht, in der kriegsgerichtlichen Vernehmung sein Verschulden geringfügiger, als es tatsäch⸗ lich war, hinzustellen und speziell gegen Escher⸗ mann geäußert, es komme auch nicht darauf an, wenn er die so gemachte falche Aussage eidlich erhärte. Es könne ihm ja niemand ins Gewissen schauen.
Vom vornehmsten Mock.
Ein umfangreicher Wucherprozeß wurde vor der Düsseldorfer Strafkammer verhandelt. Auf der Anklagebank saß der 37 jährige Kaufmann Wels lau. Er hatte die„Notlage“ dortiger Offiziere und solcher benachbarter Garnisonen, die durch Spiel und leichtsinnigen Lebenswandel in Geldverlegenheit geraten waren, in wucherischer Weise aus⸗ gebeutet, indem er ihnen auf Wechsel Gelder lieh und dafür gewöhnlich 30 bis 40 pCt. Zinsen nahm. In einem Falle wurde festge⸗ stellt, daß er von einem Offizier 80 pCt. Zinsen und außerdem noch entsprechende Ver⸗ gütung verlangt hatte. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis, 40,000 Mark Geldstrafe und 5 Jahre Ehrverlust. In dem Prozeß wurde festgestellt, daß u. A. Offiziere bis zu 30,000 und 40,000 Mk. geborgt hatten, um dafür in der unerhörtesten Weise von dem Wucherer in der Zurückzahlung geschröpft zu werden. Auch der aus der Skandalaffäre in der Charlottenstraße bekannt gewordene, wegen Meineid zu Zuchthaus verurteilte Ulanen⸗ Jeutnant a. D. Freiherr v. Löw gehört zu den Pumpiers des Wucherers. v. Löw wurde aus dem Zuchthause in Siegen vorgeführt, kam aber nicht in Sträflingskleidung, sondern trug noble Toilette. Das fiel allgemein auf. Arme Teufel, die zu Zuchthaus verurteilt worden sind, werden nicht so fein behandelt.
Negerverfolgung in Amerika. Infolge der Ermordung eines Polizisten
(Indiania) zu schweren Auss chreitungen der Neger und Weißen gegeneinander. Nach der Festnahme des Negers, der den Poltzisten ermordet hatte, Beliuants, sich die weiße Bevölkerung vor dem Gefängnis, um den Neger herauszuholen und zu lynchen, wurde aber durch die Polizei in Schach gehalten, bis es gelungen war, den Neger heimlich aus dem Gefängnis wegzuschaffen. Als die Menge dies erfuhr, brach sie in wilde Verwünschungen aus und forderte den Tod aller Neger in der Stadt. Die Schwarzen sammelten sich darauf und zogen bewaffnet in ganzen Abteilungen durch die Straßen, schossen auf die Weißen und plünderten Läden und Häuser. Bei den Zusammenstößen sind mehrere Personen getötet worden.
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Baßz und Liebe.
Nicht der Ciebe sollst du dich versagen Aber auch dem Hasse nicht!
Soll der Liebe Licht dir tagen,
Mußt du auch zu hassen wagen,
Das ist Ehre, das ist Pflicht.
Willst du Göttlichem und Reinem Ganz und innigst angehören,
Mußt du Viederm und Gemeinem Naß aus voller Seele schwören!
Nicht zum Frieden, glaub mir, ist geschaffen Diese vielgespaltne Welt!
Ihrem Druck dich zu entraffen
Führe tapfer deine Waffen;
Willst du Mensch sein, sei auch Held!
Nur aus Schlachten, nur aus Kämpfen Leuchten deines Glückes Sterne;
Nicht die Liebe sollst du dämpfen,
Aber auch zu hassen lerne.
Seine Blitze hat der Maienregen Und die Rose ihren Dorn; Spende denn auf allen Wegen, Spende du mir deinen Segen, Frommes Hassen, heil' ger Zorn. Schmach und Hohn der glatten Miene. Die beim Unrecht bleibt gelassen, Daß ich recht der Liebe diene, Will ich zürnen, will ich hassen! Robert Prutz.
Auch ein Bild aus dem Aechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. 9(Schluß.)
Um diese Zeit war kein kleineres passenderes Lokal in der Stadt zu erhalten und ich ließ mich zur Uebernahme eines größeren Ladens bewegen. Ich glaubte den Versicherungen, daß meine Hypothek so gut wie bares Geld sei. Allein ich wurde zu spät gewahr, daß diese Hypothek mit dem Vermerk„geisteskrank“ sich nicht leicht in bar umsetzen ließ. Was war zu tun. Wieder vermieten konnte ich das Lokal nicht so schnell. Auf den Rat meines Vorgängers kaufte ich einige Waren bei dessen Lieferanten auf Kredit ein. Der Laden war aber noch fast leer und der Inhaber meines früheren Geschäftes(Br.) sorgte dafür, daß meine Vergangenheit in geeigneter Weise den Liefe⸗ ranten hinterbracht wurde, wodurch dieselben mir nichts lieferten, später nicht einmal gegen bares Geld. Nun hatte ich die wenigen Waren. Miete, Gehalt für die Angestellten und der Lebensunterhalt gingen täglich weiter. Mit vieler Mühe kaufte ich weiter auf Kredit ein, erhielt aber nachher Sachen als gekauft bezeichnet, die nicht in Ordnung waren, und dabei so teuer berechnet, daß ich sie unter Einkaufspreis los⸗ schlagen mußte. Erst einige Wochen später fand sich noch ein älterer Herr, der die Hypothek annahm, da er von dem anstößigen Vermerk zufällig keine Notiz genommen hatte. konnte sie daher mit Nachlaß verkaufen, denn selbige einem Fabrikanten zu geben, schien mir
Geschäft einigermaßen nachzukommen kaufte ich die notwendigsten Waren ein. Dies ging nach und nach über meine Verhältnisse. Im Dezember hatte ich indessen sehr schöne Ein⸗ nahmen und durfte hoffen, bei annähernd gleichem Fortgang meinen Verpflichtungen prompt nachzukommen, besonders da nach Weihnachten neue, vorher viel begehrte Artikel eintrafen. Leider hatte sich die Kundschaft bis dahin verlaufen, der Verkehr hob sich zwar, aber es ging sehr laugsam. Leider hatte ich nicht genügend Winterware verkauft, da der Winter bis zu Anfang Februar warm war. Inzwischen trafen die Frühlingssachen ein, denn mit den Waren, welche ich führte, ließ sich das Geschäft nicht derart gestalten, daß ich die Un⸗ kosten verdiente. Leider war der Frühling fortwährend kalt! Ein paar, schöne Tage vor Ostern brachten mir tüchtige Einnahmen; allein dies genügte nicht. Ich fing an mit den Zahlungen nachzutraben, die Mahnungen nach abgelaufenem Ziel wurden sehr aufdringlicher Art. Vor allem war es eine Berliner Firma, die mir arg zusetzte. Schließlich suchte ich Rat bei einem Anwalt und einem Kaufmann. Bedauerlicherweise wurde mir nicht richtig geraten und es ging auch nicht an, noch weitere Kreise in's Vertrauen zu ziehen. Schon seit längerer Zeit, selbst als ich noch ziemlich flott zahlte, war von mir feindlich gesinnter Kon⸗ kurrenz ausgesprengt worden, daß ich mich in Zahlungsschwierigkeiten befände.— Auf den mir erteilten Rat sah ich mich genbtigt, den Gläubigern 50 Prozent Abfindung anzubieten. Jedoch auf Antrag einer Elberfelder Firma, der ich nur 180 Mk. seit 2 Monaten schuldete, wurde das Konkursverfahren eröffnet. Ich hielt dies erst nicht für möglich und berief mich vor Gericht darauf, daß der vorzeitige Konkurs⸗ antrag, ebenso wie eine Klage vor dem Fällig⸗ keitstermin vom Schuldner zurückgewiesen werden könne, worauf man mir eine Frist von drei Tagen zuließ. Kaum war ich jedoch zu Hause, als der Konkursverwalter die Schließung des Geschäfts vornahm. Mein Mieter, welcher mir zirka 180 Mk. schuldete, wollte gerne die Zahlung an mich machen, damit der Konkurs bermieden würde, allein es half nichts. Mein Vermögen war verloren. Nachher kamen 40 Prozent zur Verteilung. Ich bemühte mich nun wieder um eine Stelle und erhielt am 2. August 1899 wieder meinen Platz bei dem Fabrikanten.— Mitte August 1899 hatte der Stadtrat eine Beratung über mich. Beim Stellesuchen hatte ich auch am Rathause nachgefragt und nun berieten sich die Stadtbehörden, was man mit mir beginnen solle. Sie riefen den Verwandten, bei welchem ich wohnte und frugen, ob man mich wohl nicht wieder am besten in's Irrenhaus brächte, da ich gewiß durch den Konkurs vollständig auf⸗ geregt sei.— Dieser, der kein Interesse daran hatte wie s. Zt. meine Schwester, teilte ihnen offen mit, daß an mir absolut keine Aufgeregt⸗ heit wahrzunehmen sei, und ich bereits schon einige Zeit als Expedient in der Fabrik be⸗ schäftigt wäre.— Daraufhin hat man mich in Ruhe gelassen.— a Vom Sommer 1900 bis 1901 versuchte ich einige Mal bei Rechtsanwälten wegen meiner Internierung eine Entschädigungsklage anzu⸗ strengen. Man erwiderte jedoch, man wolle niht mit den Behörden auf gespannten Fuß kon men und seibst bei völligem Ueberzeugtsein der Behörden zu meinen Gunsten, wäre dennoch ein Recht niet zu erlangen.— Von Sommer 1891 bis Herbst 1892 nahm ich eine Stelle im Elsaß an, wodurch ich die beschlossene Ver⸗ öffentlichung meiner Geschichte unterließ. Des⸗ wegen übergebe ich jetzt erst meine Leidens⸗ geschichte der Oeffentlichkeit. Vielleicht trägt sie dazu ein Weniges bet, die öffentliche Auf⸗ merksamkeit auch auf ein Gebiet hinzulenken, auf dem zweifellos schwere Mißstände bestehen. Diese kommen weniger an die Oeffentlichkeit, weil eben verhältnismäßig wenig Menschen d runter zu leiden haben. Nur der empfindet sie, der durch„liebevolle“ Verwandte oder widrige Umstände in solche Verhältnisse versetzt wurde. Und daß dies gar nicht so selten ge⸗
durch einen Neger kam es in Evansville
nicht ratsam. Um nun den Nachfragen im
schieht, das beweisen zahlreiche Beispiele.
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