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Nr. 29.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
Seite 3.
— Zum Wildschaden⸗Ersatz. Wie der Kleinbauer den ihm vom Wild an seinen Feldfrüchten verursachten Schaden ersetzt be⸗ kommt, dafür wird uns aus Krofdorf ein Beispiel mitgeteilt. Dort war vorigen Herbst einem Landwirt durch das Wild ein ganz be⸗ deutender Schaden zugefügt worden, indem ihm einige mit Rüben und Erbsen besetzte Aecker total abgefressen wurden. Er erhob deshalb Anspruch auf Schadenersatz und der Kreisaus⸗ schuß billigte ihm auch 27 Mk. zu, mit der Bedingung, daß der hierfür eingesetzte Ver⸗ trauensmann die Vergütung des Schadens in dieser Höhe gutheiße. Der Bauer hatte 30 Mk. verlangt und dabei seine gehabte Arbeit äußerst billig berechnet. Der Vertrauensmann, der früher erklärt hatte, er kenne den verursachten Schaden nicht, hatte jetzt 18 Mk. Ersatz für angemessen erklärt. Also gut, der Bauer er⸗ hält 18 Mk. Na, wenigstens etwas, dachte er, wenn auch viel zu wenig! Aber halt, da kommt noch etwas nach! Es gab bei der Geschichte auch Kosten und diese ergeben folgende Rechnung:
An die Kreiskommunalkasse.. Mk. 3.25
An Rechtsanwalt Kaufmann„ 4.55 An denselben für Wahrnehmung des Termins vor dem Kreis⸗ eee Summa Mk. 22.62
Also Lauferei und Schererei und noch 4 Mk. 62 Pfg. dazu bezahlen, das ist der Ersatz für Wildschaden!— Bekanntlich giebt es für Hasenschaden überhaupt nichts, wie die zvaterländische“ Mehrheit des Reichstags, Vertretung der Junker, Nationalliberale und Zentrumsleute beschloß. Hier handelt es sich um Schaden, den Hirsche und Rehe ver⸗ ursacht haben.— Das ist eine hübsche Illu⸗ stration zu den Reden vom Schutze der Land⸗ wirtschaft, wie sie der Kleinbauer in Wahl⸗ und anderen Reden zu hören bekommt.
Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.
R. Gewerkschaftsfest. Die vereinigten Gewerk— schaften begehen, wie aus dem Inserat ersichtlich ist, diesen Sonntag, den 19. Juli, ihr diesjähriges So m⸗ merfest. Konnten während der Wahlbewegung, an der sich erfreulicherweise eine große Anzahl gewerkschaft⸗ lich organisierter Arbeiter beteiligt haben, diese an kein Vergnügen denken, so soll dieses Fest ein wahres Volks⸗ und Freudenfest sein. Das durch den verflossenen Wahl⸗ kampf angeregte größere Interesse der Arbeiter an poli⸗ tischen und gewerkschaftlichen Dingen wird dazu beitragen, daß das Fest noch stärker als in den verflossenen Jahren besucht wird. Außer der Festrede, die Genosse Dr. R. Michels hält, ist für Belustigung für Jung und Alt in jeder Hinsicht gesorgt.—
Die Mitglieder der einzelnen Gewerkschaften wollen sich mit ihren Angehörigen nachmittags 3 uhr hinter Weidenhausen(Wirtschaft Valentin Weiß) ein⸗ finden. Von dort gemeinsamer Abmarsch mit Musik nach dem Festplatz.
R. Die Parteiversammlung, die am Samstag bei Jesberg stattfand, war gut besucht und nahm zunächst einen Vortrag des Genossen Krumm ⸗Gießen über die letzte Reichstagswahl entgegen. Redner gedachte zunächst der Zolltarifkämpfe, erinnerte an die Haltung der Zöllnermehrheit, die dafür bei den Wahlen die Quittung erhalten habe. Auch in Marburg habe die Abstimmung gezeigt, daß die Mehrheit nichts von der konservativen⸗ und Lebensmittelverteuerungspolitik wissen wolle. Er billigte das Verhalten der Marburger Ge⸗ nossen, die bei der Stichwahl dem Vertreter des Junker⸗ tums die verdiente Niederlage bereitet hätten. Krumms Ausführungen wurden beifällig von der Versammlung aufgenommen.
Alsdann trat man in die Beratung des zweiten Punktes: Organisationsfrage ein. Hier entspann sich eine sehr lebhafte und sachliche Debatte. Ein An⸗ trag des Wahlkomitees: Die Parteikarten von jetzt ab vierteljährlich zum Preise von 30 Pfg. herauszugeben, fand einstimmige Annahme. Verschiedene Redner betonten im Weiteren die Notwendigkeit einer politischen Organisation und traten für Gründung eines Wahl⸗ vereins ein. Diesem schlossen sich die Mehrzahl der Genossen an und schließlich wurde die Gründung eines Wahlvereins mit allen gegen 2 Stimmen beschlossen. 26 Mann zeichneten sich in die aufgelegten Listen ein und eine Kommiffion wurde mit den nötigen Vorarbeiten betraut. Sache unserer Genossen wird es nun sein, tüchtig für das Gedeihen des Vereins zu arbeiten, da⸗ mit er sich zu einem starken Rückhalt für unsere weitere Agitation entwickelt.
Die soztaldemotratischen Stimmen in Hessen
betragen nach neueren Feststellungen 69120. Das ist eine Zunahme von 20158 Stimmen seit dem 16. Juni 1898 oder, anders ausge⸗ drückt, eine Steigerung um 41,1 Prozent! Unsere Partei blieb demnach trotz der bedeuten⸗ den Steigerung der nationalliberalen Stimmen die stärkste in Hessen. Ein schöner Erfolg!
Ein berüchtigter Sozialisten⸗Verfolger
aus der Zeit des Sozialisten⸗Gesetzes, der frühere Frankfurter Polizeipräsident v. Hergen⸗ hahn ist vorige Woche gestorben. Während seiner Amtszeit sah er, wie viele Polizeimenschen der damaligen Zeit, seine Hauptaufgabe in der Unterdrückung der Arbeiter⸗Bewegung und der Verfolgung aller„verdächtigen“ Parteigenossen. Allerdings hatte er wenig Glück; die Frank⸗ furter Genossen wußten sich seiner Spitzelei schon zu erwehren. Nur einmal waren eine Anzahl Genossen hereingefallen und zwar nicht ganz ohne eigene Schuld, da sie die gebotene Vorsicht außer Acht ließen. Ihnen wurde dann der Prozeß wegen Geheimbündelei gemacht, und sie erhielten mehrere Monate Gefängnis und wurden dann am Weihnachtsabende 1886 auf Grund des inzwischen verhängten Be⸗ lagerungszustandes ausgewiesen. Diese gemeine Handlungsweise des Polizeihäuptlings rief allgemeine Entrüstung hervor und im Wahlkampfe von 1890, wo er mehrfach in Wahlversammlungen auftrat, ist ihm diese niedrige Tat öfters vorgeworfen worden. Nun, Hergenhahn ist tot, die Sozialdemokratie aber eilt von Sieg zu Sieg!
Merkwürdige Arbeits vermittlung.
Das„Amtliche Kreisblatt für den Unter- lahnkreis“ bringt folgende Anzeige:
„Die Aktien⸗Gesellschaft für Glasindustrie vorm. Friedr. Siemens, Wirges, sucht noch eine Anzahl junge Burschen und Mädchen im Alter von 14—18 Jahren, auch werden einige kräftige Arbeiter augenommen. Näheres durch die Kreis⸗Gendarmerie.“ Das ist eine höchst eigentümliche Art der Arbeits vermittelung. Seit wann gehört denn eine solche zu den Aufgaben der Gendarmerie? Die Siemens'sche Fabrik kann allerdings nur Leute gebrauchen, die polizeilich abgestempelt sind.
Die antisemitische Offenbacher„Volks wacht“ meint dazu, die Siemens'sche Gesellschaft sei dieselbe,„welche auch in Büdingen eine Fabrik habe und dort den ganzen Kreis mit Sozialdemokraten bevölkert.“ Das ist ein Un⸗ sinn, die Büdinger Fabrik gehört der Siemens— Gesellschaft nicht. Letztere sorgt aber durch scheußliche Behandlung und Unterdrückung der Arbeiter in ihren Betrieben für Vermehrung der Sozialdemokraten.
„Poetische“ Mittelstandsrettung.
Sehr sangesfroh waren die ehrbaren Bäcker— meister auf dem Verbandstage des Zweigver— bandes Osterland, der kürzlich in Gera abge⸗ halten wurde. Im Festliede heißt es u. a.:
Das Bäckerhandwerk läuft Gefahr, Daß es verschlingt gar lieb , Das stets gefräß'ge Tigerpaar „Konsum und Großbetrieb“!: Da heißt es: Gute Abwehr schaffen, Wohlan, 7 10 85 zu den Waffen! Hipp hipp hurra!
Das Lustige an der Geschichte ist aber, daß dieselben Bäckermeister, die hier so sangesfreudig den Konsumgenossenschaften Abbruch zu tun bemüht sind, sich selb st zu der Bäcker⸗Einkaufs⸗ vereinigung„Germania“ in Gera vereinigt haben. In dieser Genossenschaft vereinigen ste in der glücklichsten Weise das„stets gefräß'ge Tiegerpar, Konsum und Großbetrieb“. Es bleibt somit sehr fraglich, ob die Ritter vom Backtrog den Mittelstand„hoch singen“ werden.
Kleine Mitteilungen.
Bei Großen⸗Linden wurde am Mittwoch die Leiche eines Mannes in den zwanziger Jahren gefun⸗ den. Wie der G. Anzeiger mitteilt, soll es sich um
den Kommis Robert Leining aus Erfurt, der jeden falls Selbstmord begangen hat, handeln.
e Frommer Wüstling. Von der Frankfurter Strafkammer wurde der Küster von der katholischen Kirche in Oberrad, Kirschhof, zu einem Jahre Ge⸗ fängnis verurteilt, weil er sich in der Kirche an einem jungen Mädchen sittlich vergangen hatte.
u Vom Sonntagsjäger erschossen. Bet Helferskirchen in der Nähe von Limburg erschoß ein Jäger eine Frau die im Walde Holz suchte. Er hatte die Frau für einen Rehbock angesehen. Dem Manne gehört doch wirklich das Jagen verboten!
** Unwetter und Hochwasser. Schwere Wolkenbrüche sind anfangs der Woche in Ober⸗ schlesien und Teilen von Sachsen niedergegangen. Viele Häuser sind eingestürzt und auch eine große Anzahl Menschen umgekommen.— Auch das Rheinland wurde am Sonntag von schweren Unwettern heimgesucht. Ebenso traten in Ungarn und Galizien infolge von Regengüssen große Ueberschwemmungen ein, die furcht⸗ bare Verwüstungen anrichteten.
Anarchistisches. Die Nr. 27 des Anarchisten⸗ blattes„Neues Leben“ ist wegen eines darin enthaltenden Artikels„Worte zur Abhandlung“ auf richterlichen Beschluß beschlagnahmt worden. Der Redakteur des Blattes wurde verhaftet.
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Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.
Der Maurerstreik in Mainz ist laut telegraphischer Meldung nach etwa drei⸗ monatlicher Dauer beendet. Die Maurer nahmen bedingungslos die Arbeit wieder auf. —, Wegen der bei dem Streik vorgekommenen polizeilichen Uebergriffe hat Abg. Dr. David eine Anfrage an die Regierung gerichtet.
l Bauarbeiteraussperrung in Köln dauert noch immer fort. Einigungs⸗ verhandlungen, die am Montag eingeleitet wurden, verliefen resultatlos. Die Buchdrucker beschlossen, die Ausgesperrten nach Kräften zu unterstützen.
Der Schreinerstreik in Kassel hält nun schon seit 14 Wochen an. Die Schreiner⸗ gesellen kämpfen um die neunstündige Arbeits⸗ zeit und 18 Mk. Mindestlohn. Die Tischler⸗ meister haben kein Mittel unversucht gelassen, um die Niederlage der Gesellen herbeizuführen, aber vergeblich. Bis heute ist es den Meistern nicht gelungen, Arbeitswillige in nennenswerter Anzahl heranzuziehen. Jetzt wollen die übrigen Unternehmer des Baugewerbes den Tischler⸗ meistern beispringen und nächste Woche sämt⸗ liche Bauarbeiter aus sperren!— Zuzug der Bauarheiterbrauchen muß daher von Kassel unbedingt ferngehalten werden.
+ In Magdeburg traten 4000 Metall⸗ arbeiter in eine Lohnbewegung ein. Man fordert Beseitigung der Ueberstunden und Einführung der neunstündigen Arbeitszeit. Die Angehörigen der Hirsch-Dunkerschen Gewerk— vereine, etwa 1000 an der Zahl haben sich der Bewegung nicht angeschlossen. et ä KKK
Versammlungskalender.
Samstag, den 18. Juli. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 20. Juli.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten.
A. W., Cölbe. War zur Aufnahme nicht geeignet, wenn es aach gut gemeint ist. Hoffentlich wird das marburger Gewerkschaftsfest trotzdem gut besucht.
H. H., Stbg. Bedauern, müssen auch in diesem Falle die Aufnahme ablehnen. Wir raten Ihnen, dichten Sie lieber nicht, suchen Sie Ihre Zeit nützlicher zu verwerten. Suchen Sie vielmehr Ihre allgemeinen Kenntnisse zu bereichern. Sonstige Berichte über Zu⸗ stände, Vorkommnisse ꝛc. jederzeit willkommen!
Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins—
Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat
ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg- Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg.
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