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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 26. 8
völlig ablehnend, sodaß anzunehmen ist, daß der Freiherr in der Ersten Kammer stark mobil machen wird gegen die Vorlage, gleichviel wie sie aus den Beschlüssen der Zweiten Kammer und der Regierung hervorgehen sollte.
Wir kommen somit auch heute zu keinem anderen Resultat, als wir schon früher mitge⸗ teilt: es bleibt Alles beim Alten!
Wie die Kammer⸗Verhandlungen zeigen, ist es den ländlichen und besonders den anti⸗ semitischen Abgeordneten keineswegs ernst mit der Wahlreform, im Gegenteil, sie suchen sie durch Manöver aller Art zum Scheitern zu bringen. Die„Volkswacht“ des Herrn Hirschel billigt dies Verhalten nicht. Sie meint, wenn die erste Kammer das Gesetz ab⸗ lehnte, würde sie vier Fünfteln der Herren Landtags⸗Abgeordneten einen schweren Stein vom Herzen nehmen.
„Denn es wird eben ein falsches Spiel
im Landtag getrieben, die meisten Landtags⸗
abgeordneten fürchten um ihr Mandat, weil
sie voraussehen, daß das direkte Wahlrecht sie in die wohlverdiente Dunkelheit schleudern würde. Sie haben aber nicht die Kurage, offen heraus zu sagen, daß sie den Wähler weiter unter Vormundschaft lassen wollen und so werden Schleichwege gesucht, damit man sich auf der einen Seite als Freund des Landvolks hinstellen, auf der andern Seite aber sein Mandat sichern kann.“
Das ist ganz richtig und es paßt vollkommen auf das schofle Verhalten der meisten antise⸗ mitischen Abgeordneten. In erster Dinie wird Herr Hirschel wohl dabei an den Bürgermeister Leun von Großen-Linden gedacht haben.
Politische Rundschau. Gießen, den 25. Juni.
Wieder eine neue Marinevorlage in Sicht!
Mit dem tollen Flottenrummel scheint man es gauz uud gar auf den wirtschaftlichen Ruin des deu hen Volkes abgesehen zu haben. Von gut unterlichteter Seite melden erusthafte Blätter, daß eine größere Marinevortage zu er⸗ warten sei. Es dürfte gleich ein ganzes Auslandsgeschwader von Linien⸗ schiffen gefordert werden. Staatssekretär Tirpitz hat schon die hervorragendsten Mit⸗ glieder der Budgetkommission zu einer Flotten⸗ schau mit umfangreichem Programm eingeladen. Dabei werden die Herren von der unbedingten Notwendigkeit der Flottenvermehrung„überzeugt werden“. Dabei läuft das gegenwärtige Flotten— gesetz noch bis zum Jahre 19171— Wenns so weiter geht, dürfte auf der Nord⸗ und Ostsee kaum noch Platz sein für die deutschen Panzer⸗ kähne.
Glänzender Sieg der Sozlaldemokratie!
„Die Sozialdemokratie wird in den Reichslanden niemals Boden finden“ — so hatte bei der Beratung der Diktatur⸗ vorlage der Staatssekretär v. Köller gegenüber den Angriffen Bebels auf die reaktionären Zu⸗ stände in Elsaß⸗Lothringen pathetisch ausge⸗ rufen. Unser Genosse erklärte ihm darauf, daß er die Sozialdemokratie im Elsaß noch lange nicht los sei. Die am Sonntag im Elsaß stattgefundenen Nachwahlen zum Gemeinde⸗ rat haben Bebel Recht gegeben, unsere Partei hat einen vollständigen Sieg zu ver⸗ zeichnen! In Straßburg waren noch 21 Mandate zu besetzen. Davon fielen der Sozial⸗ demokratie, die allein im Kampfe gegen die gesamten bürgerlichen Gegner stand, 12 Sitze zu; von den 36 Stimmen im Gemeinderat ver⸗ fügt unsere Partei über 13. Gegen die Wahlen von 1896 haben sich die sozialdemokratischen Stimmen beinahe verdoppelt!— Aehn⸗ lich war der Ausgang der Wahl in Mül⸗
ste in der Mehrheit in dieser Körperschaft!—
lose zählen. Die Wahlen bedeuten eine ver⸗ nichtende Niederlage der Klerikalen. Letztere sind z. B. aus dem Mülhäuser Gemeinderat ganz verschwunden; seit 30 Jahren waren
Auch in andern Orten brachten uns die Nach⸗ wahlen noch weitere Erfolge. In Schiltig⸗ heim bei Straßburg wurden noch zwei Ge⸗ nossen gewählt, ebenso in Gebweiler. In beiden Orten ziehen zum ersten Male Sozial⸗ demokraten in den Gemeinderat ein.
Kaiserreisen und Reden.
Die„gutgesinnten“ Klatschblätter hatten in den letzten Tagen ihre liebe Not. Sie mußten ihr geduldiges Lesepublikum über alle Einzel⸗ heiten höfischer Feste und Vergnügungsreisen unterrichten. Da gab's spaltenlange Tele⸗ gramme und Festberichte. Im Ausland muß man zu dem Glauben kommen, daß das deutsche Volk aus dem Festtaumel nicht mehr herauskommt. Manches geschah auch und wurde geredet, was ein sehr bedenkliches Schütteln des Kopfes hervorrufen muß. In Bonn, wo der Kaiser von Nürnberg aus hinkam, um an einem studentischen Feste teil⸗ zunehmen, wurde das Duell, das doch straf⸗ gesetzlich untersagt ist, als höchstes christliches Lebensideal gefeiert. Dort brachte der Kaiser einen Trinkspruch auf seine Frau aus, worin er u. a. sagte: Noch nie so lange die Geschichte der deutschen Universitäten ge⸗ schrieben ist, ist einer Universität eine solche Ehre zu Teil geworden, wie am heutigen Tage. Im Kreise der Schönen Bonns, umgeben von fürstlichen Damen ist Ihre Majestät,d ie Kaiserin erschienen, die erste Landesfürstin, um dem Kommers der Studenten beizuwohnen. Diese beispiellose Ehre wird der Stadt Bonn zu Teil. Wir reiben einen urkräftigen Salamander. Ihre Majestät die Kaiserin hurra, hurra, hurra!— Von Bonn kam Wilhelm II. nach Aachen, wo er wieder eine längere Rede hielt, in der die Aufforderung bemerkenswert ist, die Religion im Volke aufrecht zu erhalten. Dann gings nach Krefeld. In der dort gehaltenen Rede betonte Wilhelm II. die Notwendigkeit der Flottenvermehrung. Dort ereignete sich noch was Besonderes. Als er von dort abfuhr, fragte er die Ehrenjungfrauen, ob ste auch tüchtig mit jungen Leutnauts tanzten. Eine der Damen antwortete:„Ach Majestät, es sind ja gar keine Leutnants hier.“ Worauf der Kaiser:„Na, dann muß ich Ihnen einige herschicken,“ und schon am selben Abend lief bei dem Krefelder Oberbürgermeister die Nachricht ein, daß Krefeld ein Husaren⸗ Regiment erhalten solle.— Ein solches dork⸗ hin zu verlegen, kostet aber wenigstens 2/ Millionen. Und ob der Reichstag für die Ab⸗ hülfe des Tänzermangels in Krefeld diese Summe opfern wird, ist mindestens fraglich. Die Reise ging dann nach Wesel und von da zur feierlichen Beerdigung des Königs von Sachsen.
Die Zentrumsschäfchen rebellieren.
Mit der Zeit beginnen auch die treuesten Anhänger des Zentrums einzusehen, wenigsteus soweit sie zu den Arbeiter und Kleinbauern⸗ Kreisen zählen, daß das Zentrum mit seinem Eintreten für den Lebensmittelwucher nur die Geschäfte der Großgrundbesitzer besorgt. Be⸗ sonders im Rheinland, und namentlich im Düssel dorfer Landkreis finden jede Woche Ver⸗ sammlungen statt, die sich mit allem Nachdruck gegen die Zollvorlage aussprechen und in denen unter dem Beifall der bäuerlichen Zuhörer die schärfsten Angriffe gegen das Zentrum erhoben werden. So erklärte in Styrum bei Düsseldorf ein Anhänger des Zentrums, ein Arbeiter und Mitglied des christlichen Holzarbeiter⸗Verbandes:
„Für die hohen Zölle liege durchaus keine
Notwendigkeit vor. Wenn der Großgrund⸗
besitz nicht mehr existieren kann, so ist er eben
nicht mehr existenzberechtigt. Wir würden uns also am besten stehen, wenn wir dem
Großgrundbesitzer seine Güter ab⸗
Zölle zu erhöhen.() Generalsekretär Dr. Pieper sagt, die Zollerhöhung diene der aus⸗ gleichenden Gerechtigkeit, Referent aber müsse ste als eine Politik der ausweichenden Gerechtigkeit bezeichnen. Er achte und liebe das Zentrum als Mitglied, aber man denkt oft, wenn man seine Abgeordneten gewählt hat, habe man sich die Hände gebunden. Wenn man die Sachlage näher untersucht, kann ein geistlicher Präses nicht die Verant⸗ wortung auf sich nehmen, die Lage des armen Mannes durch Nahrungsmittel⸗Verteuerung noch zu verschlechtern. Gegner haben den Kakholiken Dummheit vorgeworfen; wir wür⸗ den diesen Vorwuef verdienen, wenn wir diese Zollvorlage gutheißen.“
Und ein anderer Redner führte aus:
„Wir müssen leider konstatieren, unsere
Abgeordneten wollen unsere Interessen verraten. Was hat Herr Kirsch bei Strucksberg versprochen:„Ich werde stets in jeder Weise für das arbeitende Volk ein⸗ treten“— und was hat er gethan?! Das werden wir uns merken, wenn es sich im nächsten Jahre darum handelt, eine neue Kandidatur aufzustellen.“ Dann wurde unter demounstrativem Beifall eine Protest⸗Resolution gegen den Zollwucher und ein Mißtrauensvotum gegen den Abg. Kirsch angenommen. Dem Zentrum dürste seine Junkerpolitit noch manche Stimme kosten.
Rückzug des Bündlers.
Zu der bevorstehenden Ersatzwahl im Lieberschen Wahlkreise hatten die Leute vom Bunde der Landwirte den Hauptmann von Graberg, der übrigens ebenfalls dem Zentrum angehören soll, als Kandidaten auf⸗ gestellt. Der Herr Hauptmann hat aber jetzt verzichtet. Er erklärt, daß er sich davon über⸗ zeugt habe, daß der aufgestellte Zentrums⸗ Kandidat Dr. Dahlem die Forderungen der Bauernvereine in Betreff der landwirtschaftlichen Zölle im Reichstage zu vertreten bereit sein werde. Daß dem Bündler nur diese seine „Ueberzeugung“ zu dem kläglichen Rückzuge bewogen hat, glaubt natürlich kein Mensch. Sicher haben es die Zentrumsleute nicht an der nötigen„Bearbeitung“ fehlen lassen.— Uebrigens besteht ja in Bezug auf die Wucher⸗ zoll⸗Forderungen zwischem dem Zentrum und dem Bund der Landwirte wirklich kein großer Unterschied.
Religion und Geschäft. Einem autisemitischen Blatte wurde kürzlich aus Köln geschrieben: In dem Vorort, in dem ich wohne, war die Prozession am diesjährigen Fronleich⸗ namsfeste besonders glänzend ausgefallen. Das Warenhaus eines lieben jüdischen Mit⸗ bürgers hatte dabei ausgezeichnete Geschäfte gemacht und namentlich die künstlichen Lilien, welche die kleinen Mädchen in der Hand tragen, schon frühzeitig ausverkauft. Der Besitzer gab den Gefühlen seiner Dankbarkeit dadurch Ausdruck, daß er höchst eigenhändig auf der Straße einen Altar drapierte, über dem er das Abendsmahlsbild Leonardo da Vincis angebracht hatte. Streng katholische Familien pflegen sonst solche Altäre an diesem hohen Feste vor ihren Häusern zu errichten. Damit aber noch nicht genug. Der dankbare Israelit, der natürlich an jüdischen Feiertagen seinen Laden schließt, erwartete mit seinem zum Teil jüdischen Personal am Eingang eines Ladens den Vorüberzug der Prozession. ls der Priester mit der Hostie nahte, sank die ganze Gesellschaft in die Knie. Mehr kann man nicht verlangen! Gewiß nicht. Man glaube aber nur ja nicht, daß derartige Heuchelei etwa blos von Juden eübt wird. hristen die Religion dazu, ihre Geschäfts⸗ Interessen damit zu fördern.
Vom duellwütigen Dreschgrafen. Graf Pückler⸗Klein Tschirne hat am Mon-
hausen. Dort hatten unsere Genossen mit den. ebvaten eine gemeinsa me Liste aufge⸗ stell. e auf der ganzen Linie siegreich durch⸗ drang. Der Mülhäuser Gemeinderat wird 12
Sozialdemokraten, 15 Demokraten und 9 Partei-
kauften und dieselben zerschlügen und kleine Bauern hinsetzten: dann
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Mehr noch als diese benutzen die
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