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22,4 pCt. gesunken.

Nr. 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

Zahnverderbnis und Brodnahrung.

In der zahnärztlichen Sektion der letzten Naturforscher⸗Versammlung hielt Dr. med. F. Röse, Leiter der Zentralstelle für Zahn⸗

Ihgiene in Dresden, einen interessanten Vortrag über

die verschiedenen Ursachen der Zahnver⸗ berbnis, über den das Berliner Tageblatt wie folgt referierte:

Wie wir Alle wissen, sagte Dr. Röse, wird die Zahncaries) durch säurebildende Spaltpilze Diese schädlichen Lebewesen Mundhöhle, und doch Zähnen.

Spaltpilze teils begünstigen, teils ihm entgegen⸗ wirken können.

In erster Linie ist die zunehmende Lebens⸗ verfeinerung für die gleichfalls zunehmende Zahnverderbnis verantwortlich zu machen. Vor allen Dingen richtet der andauernde Genuß von nährsalzarmem, weichem, weißem Brode die Zähne zu Grunde. Ueberall dort, wo seit Alters her ein hartes Roggenbrod gegessen wird, sind die Zähne verhältnißmäßig gut erhalten. Ein geradezu schlagendes Beispiel für den Einfluß des Brodes auf die Zahnverderbnis liefert das badische Dorf Ihringen. Im Laufe von sieben Jahren sind dort drei Mal die Zähne sämtlicher Schulkinder untersucht worden. Im Jahre 1893 fand Röse in Ihringen 29,2 pCt.

Kinder mit völlig gesunden, tadellosen Gebissen. Nach drei Jahren, 1897, war nach den Unter⸗

uchungen von Bartels diese Zahl bereits auf Nach weiteren vier Jahren, 1901, fand Röse gar nur noch 9,4 pCt. Kinder mit tadellosen Zähnen.

Das Rätsel löste sich bald. Noch vor sieben Jahren aßen die Bauern in Ihringen durchweg ein hartes Roggenbrod, das sie aus eigenem, an Ort und Stelle vermahlenem Getreide selbst backten. Heute verkaufen sie ihren Roggen und

kaufen dafür beim Bäcker das gleiche schwammige,

weiche Brod, das im benachbarten Freiburg gegessen wird.

In zweiter Linie ist der Kalk⸗ und Nähr⸗ salzgehalt der Nahrung und des Trinkwassers für die starke Verbreitung der Zahnverderbnis in gewissen Gegenden verantwortlich zu machen. Auf kalkreichem Boden findet man in der Regel Menschen mit gut gebauten widerstandsfähigen, weißgelben oder elfenbeingelben Zähnen; in kalkarmen Orten dagegen sind die Zähne durch⸗ schnittlich grau oder weiß gefärbt und weniger widerstandsfähig.

Zahlenmäßig genau läßt sich der Einfluß des verschiedenen Bodens natürlich nur in solchen Gegenden feststellen, wo im übrigen enau die gleichen Lebensgewohnheiten und

assenverhältnisse vorliegen. Das ist zum Beispiel in der schwedigen Landschaft Dalarne der Fall. Die dortigen rein germanischen

Bauern essen durchweg jenes harte schwedische Knäckebrod, das nur zweimal im Jahre, je

auf sechs Monate im Voraus, gebacken wird. Außerdem haben ste überall die eigentümliche Gewohnheit, Fichtenholz zu kauen, eine Unsitte, die der Volksmund in den schwedischen Städten irrigerweise für den guten Zahnbau der Dalarner verantwortlich macht. Röses Erhebungen bei dem Dalarnerregimente in Rommehed zeigten nun das überraschende Ergebnis, das durchaus nicht alle Dalarner gleich gute Zähne haben. Rings um den Siljansee liegt mitten im Ur⸗ gebirge ein Streifen kalkhaltigen Silurbodens. Dort in Lecksand und Nättvik kommen die herrlichen gelben Zähne vor, die im kalkarmen Stockholm Bewunderung erregen. Die Zahl der tadellosen Gebisse bei den Soldaten aus diesen zwei Dörfern beträgt 3338 pct. Schon in der Gemeinde Mora, die nur zur Hälfte auf Kalkboden liegt, sinkt die Zahl der cariesfreien Gebisse auf 11¼ pCt., im kalk⸗ armen westlichen Dalarne(Transtrand und Malung) beträgt sie gar nur noch 2 pCt., und die Zähne sind dort vorwiegend grau oder weiß gefarbt.

Einen dritten Hauptgrund für die zunehmende Zahnverderbnis bildet die zunehmende Unfähig⸗ keit oder Unlust der Frau ihre Kinder zu stillen. Gestillte Kinder haben unter sonstigen gleichen Verhältnissen stets bessere Zähne, als künstlich genährte. Schlechte Zähne und damit ver⸗ bundene mangelhafte Verdauung können ander⸗ seits wiederum die gute Entwickelung der Brustdrüsen beeinträchtigen.

Predigt an die Genossen!

Ihr lieben Genossen! Der Friede mit Euch!

Doch will man den Streit just, uns ist es gleich. Ich muß es Euch heute doch einmal sagen,

Was mir am Herzen liegt und im Magen:

Ich bin überzeugt, Ihr erwägt es mit Nichten,

Wie Ihr erfüllen sollt Eure Pflichten!

Mit dem bloßen sich einGenosse nennen Oder ab und zu in Versammlungen rennen, Eine rote Cravatte unter dem Kragen,

Einen breiten Hut auf dem Kopfe tragen, Oder beitreten irgend einem Verein,

Werdet Ihr das geknechtete Volk nicht befrei'n!

Vor Allem sollt Ihr pünktlich erscheinen

In Euren Gewerkschafts⸗ und Fachvereinen. Doch nicht genug, daß Ihr hinkommt allein:

Zieht auch die Indifferenten hinein!

Denn nur, wenn Alle zusammenhalten,

Werdet Ihr Euer Los auch besser gestalten:

Wenn Ihr Alle einig seid übers Ziel,

Habt Ihr mit denHerren ein leichtes Spiel!

Doch die Gewerkschaften thun's nicht allein; Tretet in politische Vereine ein.

Den Machthabern muß es zu Ohren dringen: Das Volk ist gewillt, sein Recht zu erringen, Lang genug hat man es genarrt und betrogen, Es ist nichtunreif. Das ist erlogen!

Doch auch hier sollt Ihr nicht allein erscheinen. Bringt jeder Genosse nur jährlich Einen

Herbei aus der indifferenten Schar,

Verdoppelt sich unsere Zahl im Jahr!

Denn nur wenn wir in Riesenmassen

Hinaus es schreien auf alle Straßen,

Dann werden wir ihre Ruhe stören,

Dann müssen und werden sie endlich hören!

Nicht Jeder kann schaffen in großer Weise,

Doch Jeder kann wirken in seinem Kreise. Beim Riesengebäude, das wir errichten,

Muß sich der Stein zum Steine schichten.

Und Allgewaltiges wird gethan,

Wenn Jeder leistet, was er eben kann:

Doch Ihr, Genossen, ich muß es sagen,

Könntet weit mehr Steine zum Baue tragen!

Doch genug von dem; ist's auch noch so sündlich,

Ihr bereut, ich weiß es, und bessert Euch gründlich! Nun aber muß ich zu Eurem Frommen

Auf einen Punkt, einen wunden, kommen.

Die Presse wird heutzutag, wie bekannt,

Die sechste Großmacht mit Recht genannt.

Ihr seht es auch deutlich allerwegen,

Welchen Wert selbst die Machthaber auf sie legen.

Wie aber sieht es bei Euch da aus?

Ich muß es Euch sagen: Es ist ein Graus!

Anstatt mit aller Kraft jene Waffen,

Die für Euch kämpfen, Euch selbst zu schaffen,

Legt Ihr die Hände bequem in den Schooß,

Sehet ruhig zu und wartet bloß.

Ich weiß ja, Alle von Euch trifft dieser Vorwurf nicht, Doch ein großer Teil versäumet hier seine Pflicht.

Daß Ihr dieMitteldeutsche lest in Eurem Vereine, Ja, Genossen, das thut es noch nicht alleine!

Gar Mancher von Euch ist in der Lage,

Sie selbst sich zu kaufen, das ist keine Frage,

Doch er will die paar Pfennig nicht einmal wagen. Das ist eine Schande, ich muß es Euch sagen!

Und kann es nicht Einer, in Gottes Namen,

So haltet Mehrere eben zusammen.

Ein Jeder trage nach Kräften bet,

Auf daß unser würdig die Auflage sei.

Laßt die Bourgeois selbst ihre Lügen studieren,

Lest Eure Blätter und nicht die ihren!

Und wer in dem Punkte sich fühlt getroffen,

Der möge sich bessern, ich will es hoffen.

Doch, meine lieben Genossen, zum Schluß

Eine Frage ich noch stellen muß: 5

Wie sieht es denn, ehrlich gestanden, zu Haus, Im Schooße Eurer Familie aus? Könnt Ihr mir offen ins Auge schauen,

) Caries- Knochenfraß.

Wenn ich Euch frage: Wie steht's mit den Frauen?

Auch lege ich es arfs Herz Euch nicht minder: Erzieht zu Genossen Eure Kinder!

Nicht wir allein pll'n der Sache dienen,

Des Volkes Zukunft, sie liegt in ihnen.

Erzögen auch Andere sie geru zu Knechten,

Seid ihnen ein Beisptel, seht selbst nach dem Rechten,

Proletarier alle, steht einig zufammen, Die Zukunft ist unser! In Ewigkeit, Amen!

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Humoristisches.

Serenissimus ging spazieren. Als leutseliger Fürst pflegte er die Spaziergänger anzureden. Und so that er es auch an diesem Tage, als ihm ein altes kleines Männchen begegnete.Was sind Sie? fragte der gurherzige Fürst.J bin a Künstler, antwortete das Männlein.So? So; hoffentlich kein moderner? Was machen Sie für Sachen?Regenschirm mach i, antwortete das Männlein.Regenschirme? Aber das ist doch keine Kunst.Machen S' amal dan, wenn's koa Kunst is, antwortete das Männlein. Serenissimus war betroffen und versank in tiefes Nach⸗ denken, als er sich entfernte.Sollte wirklich Kunst dasjenige sein, was wir nicht können? fragte er sich⸗ Abends ließ er noch den Minister kommen und legte diesem die Sache vor.Durchlaucht, sagte dieserSie müssen unterscheiden zwischen Kunstfertigkeit und Kunst. Bei der ersteren, der Kunstfertigkeit, kann nur derjenige mitreden, welcher was gelernt hat; bei der Kunst ist das nicht notwendig. Sie ist Gemeingut.

(Simplicissimus.)

Geschichtskalender.

1901: Bülow's Erklärung für

Lissaga⸗

26. Januar. Brotzoll im Landtag. 27. 1901: Verdi, Komponist gestorben. ray, Geschichtsschreiber der Kommune gestorben.

28. 1888: Lockspitzeltreibereien der Berliner Po⸗ lizei im Reichstage enthüllt,

29. 1896: Arbeitslosen⸗Massenversammlungen in Berlin.

30. 1646: Karl I. von England geköpft. land Republik.

31. 1893: Zukunftsstaatsdebatte im Reichstage.

1. Februar. 1558: Universität Jena gegründet.

2

Aus dem Gießener Standesamtsregister.

Aufgebotene. 16. Januar: Heinrich Roth, Kaufmann dahier mit Ottilie Starck in Frankfurt a. M. 17. Adam Wettach, Kaufmann dahier mit Marie Melchior in Frankfurt a. M. 21. Karl Dambmann, Feldwebel dahter mit Emma Wagner in Bottenhorn.

Geborene. 11. Januar: Dem Konzertunter⸗ nehmer Adolph Mackense e. S. 13. Dem Kaufmann Ferdinand Krämer e. S. Dem Fuhrknocht Karl Schmidt e. S. Dem Schreiner Joseph Langer e. S, 15. Dem Fabrikarbeiter Innocenz Krack e. S. Dem Taglöhner Eberhard Schmidt e. T. 16. Dem Sergeant Heinrich Wurm e. T. Dem Schneider Kaspar Volland e. T. 19. Dem Tapezier Christian Arnold e. S. Dem Bremser Peter Fackiner e, S. 21. Dem Taglöhner Johannes Schäfer e. T.

Gestorbene. 17. Januar: Heinrich Brück, 9 Monate alt. 20. Christian Pitzer, 36 Jahre alt, Kut⸗ scher. Georg Stebhany, 53 Jahre alt, Betriebswerk⸗ meister. Marie Kliffmüller, geb. Stohr, 72 Jahre alt, Ehefrau. Heinrich Hof, 20 Jahre alt, Fabrikarbeiter. Georg Balser, 41 Jahre alt, Agent. 22. Er nestine Schlitt, 1 Jahr alt.

Eng⸗

Marktberichte.

Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 23. Januar: Butter per Pfd. Mk. 1,00 0,00, Hühnereier 1 St. 89 Pfg., Enteneier 1 St. 00 Pfg., Gänseeter per St. 0000 Pfg., Käse 1 St. 57 Pfg., Käsematte 2 St. 57 Pfg., Erbsen per Liter 20 Pfg., Linsen per Liter 30 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 3,500,00 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,005,00, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,80 bis 1,00, Hühner per St. Mk. 1,001,40, Hahnen per St. Mk. 1,20 1,90, Enten per St. Mk. 2,20 bis 2,50, Gänse per Pfd. 60 75 Pfg.

Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66 76 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 6064 Pfg., Schweinefleisch 70 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 6066 Pfg., Hammelfleisch 5070 Pfg.

Auf dem Fruchtmarkt in Limburg am 22. Jan. kostete durchschnittlich pr. Malter: Roter Weizen 14.15 bis 00.00 Mk., Weißer Weizen 00.00 00.00 Mk., Korn 10.25 Mk., Gerste 9.15 Mk., Hafer 7.65 Mk.