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Nr. 21.

Miteeldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

sozlaldemokratischen Bruder hoffentlich erkennt es auch die Sozialdemokraten als Menschen und Brüder an nicht mehr durch Schweinburg⸗Notizen verdäch⸗ tigen, nicht mehr das Hunnentum und den krieger⸗ vereinlichen Mordspatriotismus verherrlichen! Man sieht, wie die gute Sache des Sozialismus selbst dort an Boden gewinnt, wo der Landrat darüber zu wachen hat, daß nur unverfälschte preußisch⸗deutschegute Gesinnung verzapft wird.

Aus dem Nreise Marburg⸗-Rirchhain.

* Einen 5 Millionen Mark⸗Pump an⸗ zulegen beschlossen die Stadtväter am Freitag in geheimer Sitzung. Das Geld soll zu Schul⸗ neubauten, Kasernenerweiterungen, Neu⸗ pflasterungen usw. verwendet werben, außerdem will man damit die Convertierung von Millionen Mark Schulden durchführen. Warum hielt man denn die Sache so geheim?

St. In der letzten Stadtverordneten-Ver⸗ sammlung am Freitag voriger Woche wurde u. a. auch über die Festsetzung der Gebühren für die Be⸗ nutzung der städtischen Bade-⸗Anstalt für die Schuljugend verhandelt. Stadtverordneter Engel trat dafür ein, daß die Volksschüler in der Anstalt unter Beaufsichti⸗ gung frei baden könnten, während Stadtverordneter Seebinger für Ermäßigung des Preises auf 10 Pfg. für die Arbeiter eintrat. Stadtverordneter Heuser schloß sich den Ausführungen Engels an, indem er be⸗ merkte, daß den Arbeitern mehr dadurch genützt wäre, wenn man ihren Kindern ein freies Bad ermöglichte, als wenn mau ihnen auch noch die 10 Pfg. erließe, da unter den heutigen Verhältnissen jedem Arbeiter es eher möglich sei, für sich 10 Pfg. auszugeben, als seinen Kindern, je nach der Zahl derselben, 40 bis 50 Pfg. zum Baden zu geben.

An Festen hat es während der Pfingstfeiertage hier und in der Umgegend nicht gefehlt und natürlich auch nicht an den dazu gehörigen Prügeleien. Da wird zunächst renommiert, daß man als Soldat, sogar als Kavallerist oder gar bei der Garde gedient hat und dann geht es so nach und nach los, einer hat immer größere Heldenthasen vollbracht als der andere und schließlich artet die Sache, wie z. B. am 2. Feiertag in Ockershausen, in eine Keilerei aus. Das Messer spielte dort auch wieder eine Hauptrolle dabei, sodaß es blutig Köpfe und sonstige Verletzungen genug gab und noch ein gerichtliches Nachspiel folgen dürfte. Wann wird es bei diesen Leuten, die doch alle Arbeiter sind, endlich einmal Licht werden?!

Der Gesang vereinEintracht feiert am Sonntag, 21. Juni, im Schloßgarten dahier, sein dies⸗ jähriges Sommerfest, bestehend in Instrumental⸗ und Vokal⸗Konzert, Volksbelustigungen und Tanz. Die Vor⸗ bereitungen zu dem Feste sind in vollem Gange und dürfte es bei der großen Beliebtheit des Vereins an einem zahlreichen Besuche wohl nicht fehlen.

Kleine Mitteilungen.

* Aus der Lahn geländet wurde am Dienstag vor acht Tagen in der Nähe der Badenburg die Leiche eines 70 jährigen Mannes aus Wiß mar. Der Mann hatte am Morgen seine Wohnung verlassen, um seinen Sohn zu besuchen. Es ist ihm mög⸗ licherweise ein Unfall zugestoßen, da ein er⸗ sichtlicher Grund zum Selbstmord nicht vor⸗ liegt. In Wißmar erfreute sich der Ver⸗ unglückte allgemeiner Achtung, was die zahl⸗ reiche Beteiligung an seinem Begräbnisse bewies.

* Hochwasser. Infolge der regnerischen Witterung der letzten Tage sind die Nebenflüsse des Rheins, Mosel, Saar, und dieser selbst stark angeschwollen. An verschiedenen Stellen ist der Rhein aus den Ufern getreten.

* Der Treber⸗Schmidt, der noch in Kassel in Untersuchung sitzt, macht dem gericht⸗ lich bestellten Bücherrevisor außerordentlich viel Arbeit. Es vergeht fast kein Tag, wo er ihm nicht 1220 Seiten lange, mit Zahlen über⸗ säte Schriftstücke zusendet, durch die er darzu⸗

legen versucht, daß seine(Schmidt's) in vielen

Beziehungen beanstandeten Buchungen doch korrekt seien. Unter diesen Umständen dürfte wohl kaum vor dem Herbst ein Abschluß der Untersuchung zu erwarten sein. g

Eisenbahnunglück. Am zweiten Feiertage abends fuhr im Bahnhof Neuß a. Rh. ein Personenzug einem Güterzug in die Flanke und entgleiste. Acht Wagen wurden zertrümmert; ein Reisender getötet, 4 Personen schwer, 44 leicht verwundet. 2 5

* Massenverhaftungen haben kürzlich in Dresden stattgefunden. Nicht weniger als 73 Per⸗

sonen, meisteus Frauen, sind wegen Verbrechen gegen das keimende Leben in Untersuchung gezogen. Eine große Anzahl dieser Personen ist zeitlebens gesundheitlich geschädigt. Drei Frauen sind in Folge der verb recherischen Handlungen gestorben.

n Dem Rezitator Walkotte wurde in Posen polizeilich verboten, eine Rezitation des Gerhardt Hauptmann'schen DramasDie Weber zu geben. Wahrscheinlich nimmt die Polizei an, daß den Groß⸗ grund⸗ und Fabrikbesitzern die erbärmliche Lage der Arbeiter ihrer Provinz schon genügend bekannt sei.

* Gräßliches Bergunglück. In Knoxville (Nord-Amerika) wurden durch schlagende Wetter in einem Kohlenbergwerk etwa 300 Bergleute getötet. In einer anderen Kohlengrube in Tennesee erfolgte eine Explosion, die 150 Menschen das Leben kostete.

Aufruf!

Arbeiter⸗Sänger! Wie auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiet die Arbeiter ihre eigenen Organisationen bilden, durch die sie sich die ihnen gebührende Macht erringen, so auch auf dem Gebiet des Gesanges. Der Arbeiter⸗Sängerbund für den Rhein⸗ und Maingau(gegründet am 1. April 1899) hat die früher zersplitterten und daher wirkungs⸗ losen Kräfte der Einzel⸗Vereine zu einer Or⸗ ganisation vereinigt und sich als solche der Liedergemeinschaft der Arbeiter⸗Sänger⸗Ver⸗ einigungen Deutschlands angeschlossen. Der⸗ selben gehören heute bereits 970 Vereine mit einer Mitgliederzahl von 40,000 Sängern an. Die Liedergemeinschaft, unterstützt von tüchtigen freiheitlich denkenden Dichtern und Kompo⸗ nisten, gab uns das Arbeiterlied, das unsere Hoffnungen, unsere Freuden und Leiden zum Ausdruck bringt. Daß diese Kompositionen nur zu oft im schroffsten Gegensatz zu denen der bürgerlichen Welt stehen, welch denkender Arbeiter weiß und liest das nicht? Und doch sind noch zahlreiche Sänger vorhanden, die sich von dem alten Schlendrian nicht losreißen und anstatt auch im Liede sich zu freiheitlichen Anschau⸗ ungen zu bekennen, deren Gegnern Gefolgschaft leisten, die es sich gefallen lassen, zu nationalen Festen, zu Fackelzügen, für Kirchenparaden und dergleichen Veranstaltungen mehr benutzt zu werden. Hier Wandel zu schaffen, ist unsere nächste Aufgabe. Wohl bestehen bereits in 48 Orten unseres Bezirks Arbeiter-Gesangvereine, welche sich uns angeschlossen haben, aber noch fehlen manche Städte und Orte, bei denen mit Bestimmtheit vorausgesetzt werden kann, daß sangeskundige Anhänger vorhanden und zu finden sind. Mögen diese sich in Arbeiter-Gesangver⸗ einen organisieren, welche bestrebt sind, das freie Lied im Dienste der Aufklärung zu pflegen und die Feste der vorwärts strebenden Arbeiterschaft zu verschönern. Blicken wir in fast sämtliche Gesangvereine(und unsere Gegend ist reich an Gesangvereinen!), so sehen wir, daß sie fast durchweg aus Arbeitern bestehen, denen es bei gutem Willen ein Leichtes sein müßte, dahin zu drängen, daß sich der Verein uns anschließt.

Dem Arbeiter⸗Sängerbund für den Rhein⸗ und Maingau gehören zur Zeit 61 Vereine an mit einer Gesamt⸗Mitgliederzahl von zirka 4000 Sängern. Der Eintritt kann jederzeit erfolgen. Das Eintrittsgeld beträgt 2 Mark, der Quartalsbeitrag 1.50 Mark, wofür den Vereinen die von der Liedergemeinschaft zur Ausgabe kommenden Lieder(im Jahre vier) in je einer Partitur und fünf Quartetten gratis abgegeben werden, während Mehrbe⸗ stellungen zum Selbstkostenpreis(pro Quartett 10 Pfg.) abgegeben werden. f

Also Arbeiter⸗Sänger! Agitiert dafür, daß sich die Vereine, in denen Ihr Euch noch befindet, uns anschließen! Oder tretet aus den Vereinen aus und schließt Euch den be⸗ stehenden Arbeiter⸗Gesangvereinen an!

Anfragen und Beitrittserklärungen sind zu richten an den Vorsitzenden des Bundes Georg Fladung, Hausen bei Frankfurt a. M.

Arbeiterbewegung.

Maurerausstand. In Coblenz sind seit Dienstag die Maurer ausständig. Es heißt, daß bei den Truppenteilen Umfrage

nach Maurern gehalten worden sei. Sollen die Soldaten zu Streikbrechern kommandiert werden?

Die Bergarbeiter hielten in Essen ihren Verbandstag ab, an den sich der inter⸗ nationale Bergarbeiter⸗Kongreß in Düsseldorf anschloß. Auf diesem waren 40 Engländer, 50 Dentsche, 7 Oesterreicher, 2 Franzosen und 5 Belgier anwesend.

Partei-UMachrichten. Zur Landtagswahl.

Auf Einladung des Zentral-Wahlkomitees für die Landtagswahl tagte am Sonn⸗ tag vor 8 Tagen in Offenbach eine Konferenz der Vertrauensleute des 16. Land⸗ tags⸗Wahlbezirkes(Offenbach-Land), welche von sämtlichen Vertrauensleuten des Bezirks besucht war. Landtagsabg. Rau⸗Mülheim ließ der Konferenz mitteilen, daß er nicht mehr die Absicht habe, zu kandidieren, da er seine ganze Kraft einsetzen wolle für die Agi⸗ tation im Reichstags⸗Wahlkreise Erbach⸗Bens⸗ heim. Als Kandidat für diesen Kreis wurde Ulrich aufgestellt. Für den bis jetzt von Ulrich vertretenen Kreis wurde Genosse Or b in Vorschlag gebracht. Allgemein hielt man es für notwendig, sich schon jetzt nach partei⸗ genössischen Wahlmännern umzuschauen.

Der sozialdemokratische Verein Nürnberg hat in seiner Generalversammlung vom 14. Mai wieder zwei seiner Mitglieder und zwar Roßkopf und Ströbert ausgeschlossen. Roßkopf, der mehrfach Ehrenämter in der Partei bekleidete, hatte eingestandener⸗ maßen im Anfang 1900 einen gegen den damaligen leitenden Redakteur derTagespost, Südekum, gerich⸗ teten Artikel an den freisinnigenFränk. Kurier ge⸗ schickt. Ströbert war ihm dabei behilflich. Diesem machte R. später ein Geldangebot, um ihn zum Schweigen zu veranlassen, sowie seine früheren Aussagen gegen R. in einem Briefe an den Vorstand des sozialdemokrati⸗ schen Vereins als unwahr zu bezeichnen und sich selber der Lüge zu bezichtigen. Die ganze Angelegenheit war vorher von einer Kommission eingehend untersucht worden. Roßkopf's Verteidigung war äußerst kläglich. Die Ge⸗ neralversammlung stimmte mit großer Mehrheit für den Ausschluß der Beiden.

Versammlungs kalender.

Samstag, den 24. Mai.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag. Tapezierer. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag des Koll. Schäfer-Frankfurt.

Sonntag, den 25. Mai.

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Nachm. 3 Uhr Versammlung bei Wirt Karl Steinmüller.

Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig.

Lollar. Wahlverein. Vormittags 101½½ Uhr Versammlung bei Wirt Schupp. 5 Dienstag, den 27. Mai.

Lollar. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗

sammlung bei Weinrich. Freitag, den 30. Mai.

Gießen. Fabrik- und Hilfsarbeiter. 8 Uhr Versammlung bei Orbig.

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Letzte Nachrichten.

Auf Martinique befindet sich die ganze

Bevölkerung in wilder Panik, belagert die Häfen

und verlangt Gelegenheit zur Abreise. Pro⸗

fessor Jagger, berühmter Geologe, erklärte den Mont Pellee für gefährlicher als je.

Humoristisch⸗poetischer Wegweiser durch die Musenstadt Gießen betitelt sich das aus der Feder des in Gießen durch seine in Gießener Mund⸗ art verfaßten Gedichten und Humoresken bekannten Herrn Carl Geißler. 68 Seiten stark, broschiert, Preis Mk. 1.. Das handliche Büchlein wird nicht allein jedem Gießener ein willkommenes Nachschlage⸗ und Unterhaltungsbüchlein, sondern auch allen in der näheren und weiteren Umgebung von Gießen wohnenden Ober⸗ hessen ein beliebter Reisebegleiter sein, zumal der ganze Inhalt durch vortrefflichen Humor gewürzt, das Lesen der interessanten Beschreibungen höchst erheiternd wirkt. Aber auch die geschichtlichen und historischen Daten der Stadt Gießen finden sich genau in deu Buche verzeichnet, es wird somit jedem Fremden bei einem Besuche Gießens gute Dienste leisten. Das Buch ist in allen Buchhand⸗ lungen zu haben.

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