Nr. 47.

Witteldentsche Sonntaas⸗Zeltung.

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aller Sorten zurHebung des Mittelstandes angepriesenen Mittelchen als total verfehlt und i hat auch hier in recht be⸗ alten.

Antisemitische Kampfesweise.

Voriges Jahr im Dezember war dem Abg. Bebel wenige Tage, nachdem er seine Etats⸗ rede gehalten, eine Postkarte aus Leipzig zuge⸗ gangen, die ganz gemeine Schmähungen enthielt. Unterzeichnet war ste mitO. Müller, Ober⸗ lehrer. DieLeipz. Volksztg. veröffentlichte darauf eine genaue Abbildung der Karte und schon nach ganz kurzer Zeit stellte sich heraus, daß der Ratssekretär Golla in Leipzig der Schreiber dieser, sowie auch einer anderen, an die Leipz. Volksztg. gerichteten Karte war und selbstverständlich warf unser Leipziger Partei- organ diesen Menschen öffentlich seine Schand that vor. Er wollte es aber nicht gewesen sein und strengte gegen den Redakteur Seeger einen Beleidigungsprozeß an, der vorige Woche mit der Freisprechung Seegers endete. Der Gerichts- hof hatte auf Grund des schriftsachverständigen Gutachtens die Ueberzeugung gewonnen, daß Golla Schreiber beider Postkarten sei. Golla wurde zusämtlichen Kosten des Verfahrens sowie wegen Ungebühr vor Gericht zu 20 Mk. Strafe verurteilt. Seiner Stellung dürfte der saubere Herr ebenfalls verlustig gehen, doch wird's ihm wohl nicht so schwer fallen eine neue zu finden, als antisemitischer Sozi⸗ alistenfresser findet er sicher eher Unter⸗ schlupf, wie etwa ein gemaßregelter sozialdemo⸗ kratischer Arbeiter.

Kauonenkönig Krupp.

Dem reichsten Manne Deutschlands, dessen Einkommen durch die Vermehrung der Panzer⸗ kähne auf über 25 Millionen Mark jährlich gestiegen ist, sagt man böse Dinge nach. Auf der Insel Capri im Golfe von Neapel hat er sich eine mit verschwenderischer Pracht ausge⸗ stattete Villa errichtet. Dort hielt er sich einen großen Teil des Jahres auf, hat sich aber die Zeit mit ziemlich anstößigen Vergnügen vertrieben, die in Deutschland nach§ 175 des St.⸗G.⸗B. bestraft werde(Widernatürliche Unzucht.) Es kam soweit, daß bei einem Photographen der Insel gewisse nach der Natur aufgenommene Bilder zu sehen waren. Schließ⸗ lich wurde der Skandal doch zu groß und der Minister des Innern sandte einen Inspektor der öffentlichen Sicherheit nach Capri, der eine Untersuchung anzustellen halte. Das geschah ohne Wissen der Lokalbehörden. Auf die Er⸗ gebnisse dieser Untersuchung hin wurde Krupp ersucht, die Insel für immer zu verlassen. Der Vorwärts brachte diese Skandalgeschichte zur Kenntnis weiterer Kreise, nachdem sich die ausländische Presse schon längst damit befaßt hatte. Man sollte nun erwarten, daß sich die Staatsanwaltschaft mal etwas eingehender mit Herrn Krupp befaßte. Davon hat man aber noch nichts gehört. Doch mußte unser Zentral⸗ organ eine Haussuchung über sich ergehen lassen, bei welcher man nach dem Manusfkript des Artikels suchte, natürlich ohne es zu finden. Krupp hat dem Vorwärts mit einem Straf⸗ verfahren gedroht. In der Verhandlung wird unser Parteiorgan schon mit seinem Material aufwarten.

Wieder ein Attentätchen!

Auf den König Leopold von Belgien, rich tiger, auf einen Wagen, worin er den König ver⸗ mutete, hat am Sonntag ein angeblicher Anarchist einen Revolverschuß abgegeben. Verletzt wurde Niemand. Dem Leopold kommt das Attentat sehr gelegen. Denn sein getreues Volk war so schlecht auf ihn zu sprechen, daß es ihm vor⸗ aussichtlich bei nächst bester Gelegenheit zum Teufel gejagt hätte. Durch den Streich eines Dummkopfes hat er wieder an Popularität ewonnen; es sprechen verschiedene lic her Blätter sich offen dahin aus, es könne sich hier sehr wohl um bestellte Arbeit handeln. DerAttentäter ist wieder ein Italiener, Namens Rubino, giebt an, Anarchist zu sein,

in seiner Wohnung wären auch anarchistische Zeitungen gefunden worden. In seiner Heimat hat er während seiner Militärzeit fünf Jahre Gefängnis verbüßt, weil er einen Artikel gegen seinen Kommandeur in einem sozialisti⸗ schen Blatte veröffentlicht hatte. Später erhielt er nochmals 4 Jahre Zuchthaus wegen Fälschungen. In London, wohin er sich dann wandte, haben ihn die Anarchisten aus ihren Reihen ausgeschlossen, weil sie ihn für einen Spitzel hielten. Das sagt genug.

Wie wir über Attentate denken, weiß Jeder⸗ mann. Wir verurteilen sie unter allen Umständen, ob sie sich gegen den besten Mann oder gegen den König Leopold von Belgien richten. Auf dem Wege der Attentate hat nie eine gute Sache gesiegt, eine schlechte ist durch sie nur gefestigt worden. Unsere Sache wird durch derartige verrückte Streiche nur geschädigt. Umso blödsinniger sind die Vorwürfe, welche aus Anlaß des Attentates die belgischen Pfaffen⸗ blätter gegen die Sozialdemokratie erheben, als sei sie die Urheberin des Anschlages. Jene Blätter arbeiten aber nur nach berühmtem Muster; bei jedem solchen Vorkommnis erhebt die deutsche reaktionäre Presse dasselbe Geschrei und fordert Maßregeln gegen dieAufwiegler. Als in der Deputiertenkammer der Vorschlag des Präsidenten, dem König die Teilnahme des Parlaments auszusprechen, beraten wurde, er⸗ klärte Genosse Vandervelde im Namen der Sozialdemokraten dazu, sie könnten sich wegen ihrer republikanischen Ueberzeugung diesem Vor⸗ schlage nicht anschließen.

Doch wir bedauern die That ausdrücklich und freuen uns, daß sie mißglückt ist, da wir höchste Achtung vor jedem menschlichen Leben haben. Gleichzeitig aber müssen wir unser tiefstes Bedauern darüber ausdrücken, daß man unschuldige Arbeiter eingesperrt und sogar einen englischen Abgeordneten, welcher der sozialistischen Partei angehört hat, hier verhaftet hat.

Die Polizei, die in Belgien auch nicht schlauer ist als anderwärts, hatte nämlich den auf der Durchreise nach Deutschland befindlichen engli schen Abgeordneten, Genossen Keir Hardi, trotz seines Protestes verhaftet. Er wurde zwar bald wieder entlassen, erhob aber bei der englischen Gesandschaft Beschwerde.

Nach Mitteilungen, wälche ein englisches offizielles Blatt, dieSt. James Gazette offenbar nach Polizei⸗Berichten, über die Ver gangenheit des Attentäters Rubino macht und die von der Frkftr. Ztg. wiedergegeben werden, steht fest, daß der Attentäter ein Polizei⸗ spion war, der von der italienischen Regierung unterhalten, aber entlassen wurde, als er von den Londoner Anarchisten als Spitzel erkannt worden war. Er soll sich damals geäußert haben, daß er nach Italien reisen werde, um den König zu töten. Die Londoner Polizei

glaubt, daß er die That in Brüssel aus Ver⸗

zweiflung beging, weil er kein Geld mehr hatte. Die alte Geschichte! Die Regierungen züchten selbst die Verbrecher, deren Hallunkenstreiche sie dann dem arbeitenden Volke zur Last legen und als Vorwand zu Unterdrückungsmaßregeln benutzen.

Eine sozialdemokratische Landtags⸗ mehrheit

sollten die Wahlen in Schwarzburg⸗Rudol⸗ stadt ergeben haben, wie von vielen Blättern berichtet wurde. Das ist leider nicht der Fall; die letzte Nachwahl, die wegen Doppel wahl eines unserer Genossen erfolgen mußte, fiel zu Gunsten des Gegners aus, der nach großer Anstrengung mit 12 Stimmen Mehrheit Sieger blieb, obwohl die sozialdemokratischen Stimmen gegen die vorige Wahl noch eine respektable Zunahme aufweisen. So war der radikale Umsturz im Rudolstädter Ländchen nochmals glücklich abgewendet. f

Doch brachten uns die letzten Tage eine Reihe recht erfreulicher Wahlerfolge. So in Leipzig bet den Stadtverordnetenwahlen, wo unsere Genossen in allen Bezirken über die vereinigten Bürgerlichen und die Hausbesitzer⸗ partei siegten und vier Mandate eroberten. Ebenso siegte in Crimmitschau(Sachsen) und in Rixdorf bei Berlin die sozialdemo⸗ kratische Liste.

E Purteis Lueger.

Wic haben neulich schon erwähnt, in welch' skandalöser Art die Antisemiten in Wien unter Führung ihres Häuptlings Lueger Wahlterro⸗ rismus bei den Landtagswahlen geübt haben. In der Freitagssitzung des Reichsrats kam die Interpellation Pernerstorfers wegen des Ein⸗ bruchs der Polizei ins Arbeiterheim zur Ver⸗ handlung, wobei unser Genosse mit Lueger gründlich abrechnete. Er sagte von Lueger und seinem Anhang:

Wir haben das Gefühl, daß die Arbeiterschaft vogelfrei ist gegenüber dieser Partei, die die korrupteste auf der Welt ist, die sich aber als kaisertreue und katholische Partei aus giebt. Redner erzählt die von den Christlich⸗sozialen erfundene Geschichte, daß in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch ein Wachmann in Favoriten von Sozialdemokraten erstochen worden sei. Diese Geschichte reduziere sich darauf, daß zwischen Leuten, die 22 Krügel Bier getrunken, eine Wirtshaus⸗Rauferei entstand. Unter diesen Leuten befand sich auch ein Wachmann in Zivil. Derselbe erhielt von einem Streik⸗ brecher, einem Gegner der sozialdemokratischen Partei, einen Messerstich. Auf Grund der Lügen der christlich⸗ sezialen Blätter hat uns Lueger in der Mittwochssitzung fortwährendMeuchelmörder genannt. Er hat sich benommen wie ein Irrsinniger oder ein Gassen⸗ junge. So benimmt sich nicht der Bürgermeister des letzten Dorfes. Der Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, hat sich einer Ehrlosigkeit schuldig gemacht, wenn er auf Grund von Lügen verleumdet. Mit diesem Manne, der bar ist jeden Gefühles der Ehre, verkehren die höchsten Würdenträger des Staates! Er gilt als Verkünder der Kaisertreue und des Patriotismus, derselbe Mann, der sich öffentlich sagen lassen muß, daß er ein Verleum⸗ der ist. Redner erinnert an die Ausfälle der antisemi⸗ tischen Zeitungen gegen die Frauen, die sich an der Wahl in Favoriten beteiligt. Wer sich Frauen gegen⸗ über so benimmt, ist der ärgste Schandbube in Oesterreich. 5

Die deutschen Antisemiten betrachten die Luegerianer als ihre Vorbilder.

Fortschritte des Sozialismus in Amerika.

Vor kurzem haben die Kongreßwahlen in Amerika stattgefunden. Dort streiten sich nur die beiden bürgerlichen Parteien derDemo⸗ kraten undRepublikaner um die Herrschaft. Die Sozialisten, die es bei den bisherigen Wahlen auf keine nennenswerte Stimmenzahl brachten, erhielten etwa 500000 Stimmen gegen 36000 im Jahre 1896. Zur Präsidenten⸗ wahl über zwei Jahre werden die sozialdemo⸗ kratischen Arbeiter ein entscheidendes Wort mitreden.

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

Die Mannheimer Gewerbe-Gerichts⸗ wahlen sind am Montag vorgenommen worden und zwar kam hier das Proportinalwahlsystem in Anwendung. Der Termin war schon einmal auf einen früheren Tag festgesetzt, wurde aber wieder verlegt, weil die Hirsch⸗Dunkerschen ihre Kandidatenliste einzureichen vergessen hatten, wie das in diesem Falle Vorschrift war. In der Arbeitgeberklasse erhielt die Liste des Gewerbe-Vereins 449, die des Gewerkschafts⸗ kartells 103 Stimmen. Auf der Seite der Arbeiter entfielen 3012 Stimmen auf die Liste des Kartells, 884 auf diejenige der nicht⸗ sozialdemokratischen Arbeiter. Letztere erhie ten

also ein Fünftel der Arbeitnehmerbeisitzer, während unsern Genossen ein Sechstel der

Arbeitgeber zufällt. N f

T Die Gewerbegerichtswahl in Berlin hat am Samstag für die Arbeitgeber und Sonntag für die Arbeiter stattgefunden. Von den 70 Beisitzern, die von jeder Seite zu wählen sind, brachten unsere Genossen 4 Kau⸗ didaten bei den Arbeitgebern durch. Die von der Gewerkschaftskommission aufgestellte Arbeitnehmerliste ging glatt durch. Es wurden die Kandidaten mit 6700 Stimmen gewählt! Diese Wahlbeteiligung ist eine gute zu nennen. In den letzten Jahren sind in mehreren Berufen Innungsschiedsgerichte errichtet worden, wodurch natürlich Tausenden Arbeitern das Wahlrecht genommen wird. Trotzdem wurden beinahe doppelt soviel Stimmen als vor zwei Jahren abgegeben.

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