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Nr. 25.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Bezirken der sozialistische Zettel beinahe die absolute Mehrheit. Sicher werden unserer Partei bei den Nachwahlen, deren 21 erforderlich sind, noch einige Sitze zufallen. Auch in andern Orten waren unsere Genossen siegreich. In Mül⸗ hausen war eine demokratisch⸗sozialistische Liste aufgestellt worden, die mit 2000 Stimmen Mehrheit über die klerikal⸗nationalliberale Ver⸗ einigung siegte. Leider entfiel hier von den 10 Mandaten nur eins auf unsere Partei. Auch in andern Orten, in Gebweiler, Bühl, Schiltigheim bei Straßburg wurden zum ersten Male Sozialdemokraten in den Gemeinderat gewählt.

Auch bei den Kammerwahlen in Luxem⸗ burg schnitt die Sozialdemokratie gut ab. Sie gewinnt zwei Sitze. Die Klerikalen hin⸗ gegen haben eine Niederlage zu verzeichnen.

Zum ersten Mal wurde ferner ein Sozial⸗ demokrat in das Rostocker Stadtparlament gewählt, und zwar Genosse Redakteur Grothe mit 43 Stimmen.

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In Koblenz fanden am Montag die Gewerbegerichtswahlen statt. Nach sehr heftigem Wahlkampfe siegte bei außergewöhnlich starker Wahlbeteiligung die von unsern Genossen aufgestellte Liste der Arbeiterbeisttzer mit 497 gegen 406 Stimmen der christlichen Arbeiter. Das letzte Mal waren dort die Kandidaten der freien Gewerkschaften mit nur 4 Stimmen Mehrheit gewählt worden; die Christlichen machten deshalb die größten Anstrengungen, ihrer Liste zum Siege zu verhelfen. Vergeblich. Diesmal errangen unsere Genossen vielmehr eine recht erhebliche Mehrheit. In dem schwarzen Koblenz will das schon etwas besagen.

Antisemitisches.

Während die Antisemiten, die sich um die Staatsbürgerzeitung gruppieren, den ver⸗ rückten Pückler wie ein Schaustück von Ort zu Ort schleppen und damit Geld zu machen suchen, will die Gruppe Liebermann von Son⸗ nenberg's nichts vom Dreschgrafen wissen. An⸗ schließend an den Bericht über die letzte Pückler⸗ Versammlung sagt das Organ Liebermanns:

Unsere deutschsozialen Parteigenossen in Berlin und im Reiche werden es begreifen, wenn wir uns verpflichtet fühlen, jetzt die öffentliche Bitte auszusprechen, daß man

im Interesse des Antisemitismus sowohl als

des schwerkranken Mannes jedes fernere

öffentliche Auftreten desselben bis zu seiner vollen Genesung unmöglich zu machen sucht.

Die Bitte wird nicht viel helfen. Bruhn

und seine Leute werden vielmehr fortfahren, in gewissenloser Weise aus der Krankheit des Bedauernswerten Geld herauszuschlagen.

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Die antisemitischen Wahlmanöver in Schaumburg⸗Lippe anläßlich der dor⸗ tigen Ersatzwahl zum Reichstag sind am Mitt⸗ woch in Stadthagen Gegenstand gerichtlicher Prüfung gewesen. Die Autisemiten hatten dort noch unmittelbar vor der Wahl ein Flugblatt verbreitet voller Verleumdungen gegen den frei⸗ sinnigen Kandidaten Demmig, weshalb dieser Privatklage gegen mehrere Personen, darunter auch gegen die Reichstagsabgeordneten Raab und Liebermann v. Sonnenberg, er⸗ hoben hatte. Gegen diese Beiden konnte jedoch, weil der Reichstag nicht geschlossen ist, noch

nicht verhandelt werden, wohl aber gegen Her⸗

ausgeber und Drucker des Flugblatts. Der von diesen versuchte Wahrheits beweis mißlang vollständig, obwohl sie 12 Zeugen aufgeboten hatten. Der Unterzeichner des Flugblatts, der Generalsekretär der deutsch⸗ sozialen Partei, Henningsen, wurde zu 200 Mk., der Buch⸗ druckereibesitzer Grimm aus Bückeburg, der das Flugblatt gedruckt hatte, zu 30 Mk. und Buchdruckeretbesitzer Welge zu 20 Mk. Geld⸗ strafe verurteilt.

Bethätigung christlicher Nächstenlie be.

Ein Inserat, das eine beispiellose Gefühls⸗ roheit 85 ltest man in Nr. 126 des zentrums⸗

anz bedeutend, in einigen erreichte

katho lischenStraubinger Tagblatt. Die be⸗

treffende Veröffentlichung lautet wörtlich: Bekanntmachung.

Am Sonntag, den 8. Juni er., Nachmittags

2 Uhr, werden in Mariaposching Kost⸗

kinder WM öffentlich an die Mindest⸗

bietenden bersteigert.

Gemeindeverwaltung Mariaposching.

Der Geist der wahren Nächstenliebe scheint

bei den frommen und jedenfalls auch sehr wohl⸗

habenden Bauern von Mariaposching keine

Heimstätte zu haben, sonst würden sie sich bis

in's Tiefste ihrer Seele hinein schämen, in

dieser, jedem menschlichen Gefühle hohnsprechen⸗

den Weise ihre armen Kinder unterzubringen.

Zentrums bgeordueter und Arbeiter⸗ organisation.

Kaplan Dasbach, Besitzer mehrerer Zent⸗ trumsblätter und Druckereibesitzer in Trier, hat seinen Rücktritt von der Tarifgemeinschaft an⸗ gekündigt. Und was ist der Grund für die antisoziale Handlungsweise des christlichen So zialpolittkers undarbeiterfreundlichen Zent⸗ rumsmannes? Bei der letzten Tarifberatung ist der Lokalzuschlag zum Gehilfenlohn für Trier auf 5 Proz. festgesetzt worden, während er vordem im rheinisch⸗westfälischen Tarif nur Proz. betrug. Also die Lohnaufbesserung von Proz. ist es, die den sich als Arbeiterfreund aufspie⸗ lenden und öffentlich für Organisation der Ar⸗ beiter eintretenden Zentrumsmann veranlaßt, die zwischen Arbeitgebern und Arbeitern ge⸗ troffenen Vereinbarungen zu brechen. Frommer Christ!

Im Zeichen des Verkehrs.

Wie der Berliner Zeitung von zuverlässiger Seite berichtet wird, dürfen die Züge der Ber⸗ liner Hochbahn nicht verkehren, wenn der Kaiser einen unter der Hochbahn hindurchfüh⸗ renden Viadukt passiert. Besonders häufig be⸗ nutzt der Kaiser wegen der auf dem Tempel⸗ hofer Felde stattfindender Truppenübungen die Bellealliance⸗Brücke. Die unmittelbar neben dieser gelegene HochbahnstationHallesches Thor hat deshalb einen besonderen Dienst eingerichtet, um die Züge zum Stehen zu bringen, sobald die Ankunft des Kaisers zu erwarten ist. Ein Schutzmann eilt jedes Mal mit der Meldung auf den Bahnhof, daß der Kaiser in Kürze den Hochbahnviadukt passieren werde, und hierauf bringt man dann die ankommenden Züge durch das übliche Notsignal, Schwenken einer roten Fahne, zum Stehen. Die Züge dürfen ihre Fahrt auch nicht eher fortsetzen, bis der Kaiser den Viadukt passtert hat. Natürlich entsteht dadurch für viele Passagiere ein höchst unliebsamer Aufenthalt. Im Zeichen des Verkehrs stehen wir aber doch!

Eine Rede Jauréès.

Vorigen Donnerstag hielt der Abg. Jauxés in der französischen Kammer bei Besprechung der Interpellation über die allgemeine Politik eine große Rede, die insofern von besonderer Bedeutung ist, als er sichgegen das französisch⸗ russische Bündnis und für Abrüstung und Auf⸗ geben des Revanche⸗Gedankens aussprach. Das geschah zum ersten Male in der französischen Kammer. Die Reaktionären und Antisemiten brüllten ihm denn auch wütende Beschimpfungen entgegen, wodurch sich ober Jaures, der viel⸗ leicht der beste Redner Frankreichs ist, nicht im Geringsten stören ließ. Er erklärte zunächst, die Soztalisten würden mit der ganzen übrigen Mehrheit an der Arbeit für die Republik und die Demokratie sich beteiligen. Das von der Regierung aufgestellte Programm befrie⸗ dige ihn im Allgemeinen. Es freue ihn, daß in der ministeriellen Erklärung angekündigt sei, daß die Einkommensteuer an Stelle verschiedener anderer Steuern treten solle. Er bedauere jedoch, daß die Regierung nicht für das Monopol des staatlichen höheren Unter⸗ richts sei. Die Sozialisten seien bis zur Schaf⸗ fung von Milizen mit der zwetjährigen Dienstzeit einverstanden. Redner ver⸗ langt ferner die Annahme der Brüsseler Zucker⸗ konvention und sagt, wenn die Reformen

von der Kammer beschlossen seien, würden die übrigen nachfolgen. Das internationale Proletariat sei eine so starke Garantie für den Frieden, wie keine andere. Er frage sich, ob es nicht Sache Frankreichs sei, den ruhmreichen ersten Schritt in der Frage allgemeiner Abrüstung zu thun. Die elsaß⸗ lothringische Frage könne darin kein Hindernis bilden.(Unterbrechungen auf der Rechten.) Die Haager Konferenz habe ihre Stimme für stufen⸗ weise Begrenzung der Rüstungen abgegeben. Das französisch⸗russische Bündnis, auf das die Patrioten früher bei ihren Bestrebungen rech⸗ neten, sei in Wirklichkeit das hauptsächlichste Instrument zur Aufrechthaltung des bestehenden Zustandes geworden. Präsident Bourgeois ersuchte hier den Redner, nicht die Vaterlands⸗ liebe seiner Kollegen zu verletzen. Er betrachte, fährt Jaures fort, die Abrüstung als das beste Mittel, um Reformen auf sozialem Gebiete sicher zu stellen.

Gegen die russischen Greuel.

Das Internationale Sozialistische Bureau zu Brüssel erließ einen Aufruf an die sozialistischen Parteien aller Länder. In demselben werden die jüngsten Brutalitäten des Zarismus in Wilna, Kiew, Poltawa, Odessa, besonders die Mißhandlung seitens des Gouver⸗ neurs von Wahl geschildert. Zum Schluß fordert das Internationale Bureau die Arbeiter⸗ parteien aller Länder auf, gegen diese neuen Brutalitäten der russischen Regierung zu pro⸗ testieren; in welcher Weise das zu geschehen hat, überläßt das Internationale Komitee den Parteigenossen der einzelnen Länder.

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Wie berichtet wird, wäre der Prozeß gegen Hirsch Leckert, der den Anschlag auf den Gouverneur von Wilna, Generalleutnant von Wahl, ausgeübt hat, am 28. Mai vor dem Militärbezirksgericht zur Verhandlung ge⸗ langt; der Angeklagte wurde zum Tode durch den Strang verurteilt. Ein Kassationsgesuch des Angeklagten ist am 3. Juni verworfen und das Urteil am 10. Juni vollstreckt worden. Der Hingerichtete ist in die Geschichte des ge⸗ knechteten russischen Volkes, die ebenso eine Geschichte furchtbarer Leiden wie eine Geschichte des totesmutigen Heroismus ist, für immerdar eingezeichnet.

Ueber das Attentat wurde ferner noch mit⸗ geteilt, daß beabsichtigt gewesen sei, Leckert solle nach dem Kopfe des Gouverneurs zielen, denn es war in Erfahrung gebracht worden, daß v. Wahl stets ein Panzerhemd trug. Ein zweiter sollte Schüsse in die Luft abgeben, da⸗ mit Leckert in dem Wirrwarr entfliehen könnte. Leckert schoß, da er nicht so, wie er gewünscht, getroffen hatte, zweimal den Revolver ab. Der zweite Attentäter zielte, als er sah, daß v. Wahl nicht ernstlich verletzt war, nach der Brust, die Kugel ist aber zurückgeprallt. Es wird kon⸗ statiert, daß Leckert während der letzten Zeit der Organisation nicht angehört hat, worauf es wohl zurückzuführen ist, daß der Anschlag nicht so ausgefallen ist, wie er unter anderen

Umständen hätte ausfallen müssen.

Präsident Krüger

hat nun ebenfalls der englischen Regierung die Annahme der Friedensbedingungen durch seine Person angezeigt.

von Nah und Fern.

hessisches.

Bauarbeiterschutzin Hessen. Bekannt⸗ lich haben eine Anzahl Vertrauensmänner der baugewerblichen Arbeiter Hessens im Januar d. J. an die zweite Kammer eine Petition gerichtet, in welcher sie dem Landtage ein Detail ausgearbeiteter Vorschläge zum Schutze der Bauarbeiter und des Publikums bei Bauausführungen unterbreiten mit der Bitte, dahin wirken zu wollen, daß diese Vorschläge einem Landesbaupolizeigesetz zu Grunde gelegt und zur Reform des Bauarbeiterschutzes ver⸗

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