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Seite 4.
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Mitteldentsche Sonntvas⸗Zeitung.
„Ja, hier ist aber keine Gemeinderatssitzung, hier ist der deutsche Reichstag versammelt. Hier haben nur Abgeordnete Zutritt.“
„Jo, was glaabe Se dann? Aich sein aach Abgeordneter. Aich sein der Vertreter für Gäiße, Philipp Köhler, Borgemaster von Langs⸗ dorf; alleweil mache Se mol Platz; aich will mit den Junkern gegen die Kommissionsvorlag stimme, die Sätz sein m'r zu niedrig.“
Damit war der Vertreter des 1. hessischen Wahlkreises in der großen Trödelbude und stimmte und stimmte die ganze Nacht durch. Früh morgens gegen ½5 Uhr aber setzte er sich hin und schrieb dem Gießener Anzeiger einen Schreibebrief an seine Reichstagswähler, in dem er auseinandersetzt, daß mit dem 14. Dez. 1902 der Bauernkrieg des 20. Jahrhunderts begonnen habe, weil die angenommenen Zollsätze für die Landwirtschaft zu niedrig sind. Daß das seine Wähler einsehen werden, hofft be⸗ stimmt— der Borgemaster von Langsdorf.“
— Der schlichte Mann aus der Werkstatt als Vertreter der Arbeiter im Reichstage, der seit der Breslauer Kaiserrede im Vordergrunde des Interesses steht, ist auch das Ideal des„Gieß. Anzeigers“. Wenigstens schreibt er in diesem Sinne; es mag ja fraglich sein, ob die Redaktion wirklich von dem kaiserlichen Gedanken so begeistert ist— aber ein Amteblatt muß den von oben verkündeten Ansichten, nicht seinen eigenen, Aus⸗ druck geben. Trotzdem gestatten wir uns, kurz unsere Meinung zu den anzeigerlichen Aus⸗ führungen vom Montag über diesen Gegenstand zu sagen. Wenn das Amtsblatt z. B. erzählt: „Auch in der sozialdemokratischen Arbeitermasse hat sich schon häufig das Verlangen geltend gemacht, mehr als bisher von wirklichen Ar⸗ beitern vertreten zu sein“, so möchten wir wirk⸗ lich wissen, woher ihm die Wissenschaft kam. In der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion sind zwei Drittel der Abgeordneten Arbeiter, diese sind in unserer Partei bedeutend stärker als in den bürgerlichen Parteien im Reichstage vertreten. Jeder Arbeiter weiß auch, daß seine Interessen eben nur von der sozialdemokratischen Partei gewahrt werden und es ist heller Unsinn, wenn der Anzeiger schreibt:„Fest steht, daß die Arbeiter keine schlechtere Vertretung ihrer Interessen haben können, als sie dieselbe zur Zeit besitzen. Denn die Sozialdemokratie hat gegen all die Vorlagen agitiert und gestimmt, die jährlich Tausende und Tausende von Mark in der Form von Alters-, Invaliditäts⸗ und Unfallrenten ꝛc. in die Arbeiterkreise hinein⸗ bringen.“— denen man vorher das Zehn⸗ fache in anderer Form abgenommen, hätte der Artikelschreiber des Amtsblattes hinzufügen sollen, dann wäre er der Wahrheit etwas näher gekommen. Es erübrigt sich, den tausendmal aufgewärmten ordnungsparteilichen Kohl zu widerlegen. Aber die Kreisblätter sollten sich nicht so auffällig um die Vertretung der Ar⸗ beiter⸗Interessen bemühen, von ihnen sieht das zu verdächtig aus; sie sollten das vielmehr den Arbeitern selbst überlassen.
— Die Gießener Aktienbrauerei hat kürzlich bei dem großen Ordens- und Titelsegen den Titel„Hoflieferant“ erhalten. Wir geben nichts auf derartige Titel. Die Aktienbrauerei würde aber eine Auszeichnung verdienen, wenn sie dafür sorgen wollte, daß die Ar beitsverhältnisse in ihrem Betriebe besser sind, als anderswo. Darin steht sie aber bisher in vieler Beziehung hinter den übrigen Brauereien zurück.
— Hochwasser ist infolge des plötzlichen Tauwetters in mehreren Flußgebieten einge⸗ treten. Auch der Wieseckvach ist bedeutend an⸗ geschwollen und ihre Wassermassen stören die Kanalisationsarbeiten an der Bahnhofstraße recht empfindlich.
— Lehrjahre sind nach Sprüchwort ja leine Herrenjahre; deswegen braucht man aber doch die Vehrbuben nicht unmenschlich zu mal⸗ trätieren. Dienstag früh entstand vor dem Laden des Bäckermeisters Löber in der Wall⸗ thorstraße ein Menschenauflauf. Veranlassung war, daß dort ein Lehrling oder Hausbursche fürchterlich verprügelt und hinaus geworfen
wurde. Das soll dort öfters vorkommen.
— Die Weihnachtsnummer des „Wahre Jakob“, die soeben 12 Seiten stark zur Ausgabe gelangt, weist große Reich⸗ haltigkeit sowohl bezüglich des Textes wie der Illustrationen auf. Wir empfehlen den Genossen ihre Anschaffung; der Preis beträgt wie immer, 10 Pfg.
Aus dem Rreise gießen.
— Die Volksversammlungen, die am Samstag und Sonntag in Wieseck, Lich und Kleinlinden von unserer Seite anberaumt waren, nahmen überall den besten Verlauf. Der Besuch ließ in letzteren beiden Orten, aller⸗ dings zu wünschen übrig; der vorletzte Sonntag vor den Feiertagen ist auch zu Versammlungen nicht besonders günstig. Die Wiesecker Ver⸗ sammlung war Jag gut besucht und nahm die trefflichen Ausführungen des Genossen Schetdemann beifällig auf. Redner bemerkte eingangs, der Kaiser habe neulich gesagt, die sozkaldemokratischen Agitatoren knechteten die Arbeiter und beuteten ste aus. Nun, er werde heute Abend Wieseck wieder verlassen, ohne daß jemand ihm e nachsagen könne. Das tue überhaupt kein Sozialdemokrat. Vor Wieseckern brauche man darüber keinen Nachweis zu führen, die wüßten selbst, wie ungerechtfertigt jener Vorwurf ist.— Betrachten wir lieber einmal die Zustände im Reich! Sie sind traurig und werden schlimmer. Wir sind aber selbst mit schuld. Seit 3 Jahrzehnten haben wir das allgemeine Wahlrecht, trotzdem haben die Gegner im Reichstage die Mehrheit. Daran sind wir, die Arbeiter schuld. Zwar 10 Wlesecker haben immer ihre Schuldigkeit getan!
Diese Reichstagsmehrheit bewillsgt alles: Soldaten, Kanonen, Schiffe und jetzt munkelt man schon wieder von der Vermehrung der Kavallerie, obwohl, wie militärische Autori⸗ täten bestätigen, diese Waffe im Kriegsfalle nur geringen Wert hat. Diese Bewilligungen leistet aber die Mehrheit nicht umsonst. Sie will Gegenleistung für ihre Bereitwilligkeit; die Kosten muß natürlich das Volk tragen. Diese Gegenleistung ist der Zolltarif, der dem Volke alle Lebensmittel und ausländische Pro⸗ dukte verteuert. Ueber den Tarif gerieten sich die Volksausplünderer zunächst in die Haare. Agrarier verlangten hohe landwirtschaftliche, Industrielle hohe Industriezölle. In der Kom⸗ mission, der man sogar Diäten zahlte, ging der Kuhhandel los. Einmal über das andere erklärte die Regierung: der Tarif ist völlig unannehmbar! Selbstverständlich erklärten un⸗ sere Genossen, sie werden alles tun, um das Volk vor diesen Tarif zu bewahren. Es solle durch die Wahlen selbst darüber entscheiden! Da begann das Geschrei über Obstruktion. Und in diesen Tagen, wo man die sogenannte Obstruktion zum Vorwand für die unerhörtesten Rechtsbrüche, für die Vernichtung der Ge⸗ schäftsordnung nahm, zeigte sich das„lieberale“ Bürgertum, besonders der große Freisinnsmann Eugen Richter nebst Anhang in seiner ganzen Waschlappigkeit. Unsere Leute taten ihre Pflicht. Mußten sie nicht reden, wo die Junker⸗ und Pfaffensippe diese tief in das wirtschaftliche und Erwerbsleben des Volkes einschneidende Vorlage einfach ohne Debatte erledigen wollte? Sie ließen sich nicht durch das wüste Geschimpfe der agrarischen und„christlichen“ Presse von ihrer Pflicht abhalten. Namentlich an unsern Genossen Singer, pflegen die kapttalistischen Soldschreiber aller Sorten ihre Wut auszu⸗ lassen, ihn zu verdächtigen in jeder Weise. Darin leistete der„Bieß. Anzeiger“ ebenfalls sein Teil. Singer verdient unsere Hochachtung. Wir wissen, daß dieser Genosse ganz bedeutende Opfer für seine Ueberzeugung und für die Ar⸗ beiterklasse gebracht hat. Einen solchen Mann würden die bürgerlichen Parteien mit offenen Armen aufnehmen! Redner kommt dann auf die Rede Kröchers zu sprechen, die zeige, welche Anschauungen in den Junkerkreisen herrschen. Man will eben die ohnehin geringen Volksrechte noch mehr einschränken, man möchte das Reichs⸗ tags⸗Wahlrecht beseitigen! Ueber die Kaiser⸗ reden kann man nichts sagen. Wir müssen
uns angreisen, Werber, vaterlandslose Gesellen nennen lassen; wenn wir aber antworten, fliegen wir ins Loch! Nun, trotz des Zolltarifs sind doch noch immer die Gedanken zollfrei! Als Mörder könnte man vielleicht diejeuigen bezeich⸗ nen, welche durch den Zolltarif die Lebens⸗ haltung des Volkes herabdrücken, wodurch sich Krankheit und Verbrechen vermehren. Wo ist der Arbeiter, der„gesicherte und gute Existenz bis ins Alter“ hat? Sollen die 33 Pfennig Altersrente pro Tag etwa eine solche darstellen? Unsere Partei will in Wirklichkeit eine gute und gesicherte Existenz für Jeden schaffen und sie handelt bet diesem Bestreben patriotisch im bestem Sinne! Stärken wir darum die sozialdemokratische Partei! Der Zolltarif zwingt die Arbeiter mehr zu bezahlen; auch die Arbeiter, welche für politische und gewerk⸗ schaftliche Organisation keinen Pfennig zahlen wollten. So rächt sich die Gleichgiltigkeit der Arbeiter! Ziehen wir eine Lehre daraus, sorgen wir für festen Zusammenschluß, damit im Sommer zu den Wahlen die Reaktion niedergeworfen wird!
Lebhafter Beifall folgte den trefflichen Aus⸗ führungen, denen die Genossen Krumm und Vetters noch einiges hinzufügten. Dann gelangte folgende Resolution zur einstimmig en Annahme:
„Die heutige gutbesuchte Volksversam mlung erklärt den Zolltarif für eine unerhörte Schädigung und Aus⸗ beutung des arbeitenden Volkes und protestirt dageg en mit aller Entschiedenheit. Sie spricht der sozialdemo⸗ kratischen Reichstagsfraktion für ihr Vorgehen ihren Dank und Anerkennung aus. Sie erklärt weiter, dem Rate des Kalsers, der Sozialdemokratie den Rücken zu kehren, nicht zu folgen, sondern bei den Reichstags⸗ wahlen für den Sieg der soztaldemokratischen Partei wirken zu wollen.“
Schließlich forderte der Vorsitzende Genosse Dech noch zum Anschluß an den soz.⸗dem. Wahlverein auf, wonach die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen wurde.— Die Versammlung in Lich am Sonntag nahm Scheidemanns Rede ebenfalls mit großem Beifall auf. Lebhafte Zustimmung fand auch Genosse Vetters in der Versammlung in Kleinlinden. In diesem Orte wird übrigens bald nach Neujahr eine weitere Ver⸗ sammlung stattfinden.
Aus dem Rreise sriedberg⸗Püdingen.
— Der Wahlprotest gegen die Wahl Damms, der aus Friedberg im Landtage ein⸗ gelaufen ist, wird damit begründet, daß während der Stimmenzählung das Wahllokal ver⸗ schlossen gewesen sei, während das Gesetz Oeffentlichkeit der Wahlhandlung vorschreibe. Es wird daher die Ungültigkeitserklärung der Wahl Dauwms beantragt. Wir glauben kaum, daß die Anhänger des durchgefallenen Ober⸗ justizrats Jöckel mit ihrem Proteste durch⸗ dringen werden.
Aus dem Nreise Wetzlar.
t. Vierter Klasse. Wer genztigt ist, auf der Eisenbahn vierter Güte zu reisen, darf nicht sehr empfindlich sein. Er muß sich in den meisten Fällen drängen und stoßen lassen, denn in die Wagen der vierten Klasse zwängt man die Menschen ein, als wenn sich's um Verladung von Schafen handelte. Und wie siehts oft in punkto Reinlichkeit aus! Ein besonders eleganter Wagen zur Personen- Beförderung ist der auf der Strecke Wetzlar⸗Lollar verkehrende Nr. 6060. Lange Risse in Türen und Wänden lassen den eisigen Wind ungehindert durch, das hat allerdings insofern sein Gutes, als dadurch der Kohlendunst des Ofen hinaus⸗ gejagt wird— die Wärme natürlich auch mit. Trotzdem die dritte und vierte Wagenklasse der Eisenbahnver⸗ waltung riesige Ueberschüsse liefert, sind die Passagie re dieser Klasse in ihren Ansprüchen ganz unglaublich bescheiden. Das können sie aber doch mindestens ver⸗ langen, daß zur Personen⸗Beförderung Wagen benutzt werden, durch deren Wände man nicht mit Steinen werfen kann, und die Neisenden dem Tode des Erfrierens ausgesetzt sind. Uebrigens hat doch die Verwaltung ein Einsehen gehabt und die Risse mit Spalierlatten vernageln lassen. Die Arbeiter wollen sich dafür durch Absendung einer Dankadresse erkentlich zeigen.
h. Die Buderus'schen Eisenwerke haben be⸗ schlossen, in diesem Jahre, ebenso wie voriges Jahr, 5 Prozent Dividende zu verteilen. Trotz der Krlse und trotzdem der Betrieb dur! lage einer Röhrengießerei
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